Nachgedacht: Foto der Woche #2

Bild von Aequitas et Veritas (c) Ethan Hoover

So, ich habe mich jetzt entschieden, die Blog-Aktion von Aequitas et Veritas für mich weniger in der Fotografie-Ecke zu verorten, sondern daraus eher eine Reihe zu machen, in denen ich „über Gott und die Welt“ rede, angeregt durch ein Foto. Früher habe ich so häufig meine Geburtstagswünsche/-gedichte verfasst – und eigentlich war es lange Zeit ein Wunsch, einmal auch so ein „Spruch-Bändchen“ herauszugeben – mit meinen Fotos und meinen Gedanken dazu. Bisher habe ich nicht vor, hier Lyrik zu verfassen, aber wer weiß, wozu mich meine eigenen Fotos noch so inspirieren werden…

Das Foto, das ich für heute ausgewählt habe, stammt vom letzten Sonntag, und da es ja durchaus Sichtweisen gibt, nach denen der Sonntag der erste Tag der Woche ist, erlaube ich mir mal, das Foto herzunehmen.

Wenn ich meine Runde durch den Pasinger Stadtpark drehe, komme ich am Schluss immer an einer Wiese mit leichtem Hügel zur Straße hin vorbei, wo im Winter – so tatsächlich einmal Schnee liegt – gerne gerodelt wird. Am Fuße des Hügels steht eine Gemeine Esche, die seit 2004 in der Liste der Naturdenkmäler Münchens steht. Es ist ein toller Baum, dem ich aber irgendwie noch nie richtig nahe gekommen war. Ich habe sein majestätisches Aussehen immer von fern bewundert. Doch letzten Sonntag sah ich, wie ein Paar vom Fußweg aus sehr intensiv zum Baum schaute, und nun sah ich es auch:

Der Schrei von Edvard Munch! Jemand hatte offenbar mit dem Ruß der verbrannten Stelle unten das Gesicht auf die Stelle gemalt, an der die Rinde abgegangen war (Vergleichbilder, wie dieses, laut Wikipedia vom Mai dieses Jahres, zeigen, dass diese Stelle vorher auch schon da war, nur ohne Gesicht).

Nun ist dieser Baum ja, wie gesagt, ein Naturdenkmal, und normalerweise wäre ich entrüstet über so eine Verschandelung, aber ich möchte dem Maler eigentlich Twitter-like zurufen: I feel you!

Man kommt ja 2020 aus dem Schreien gar nicht mehr heraus. Gerade aktuell schockieren mich die Bilder von orangefarbenen Himmeln über Städten wie San Francisco – Bilder wie aus Blade Runner 2049, faszinierend und entsetzlich. Die Waldbrände in Kalifornien, Oregon und Washington machen mich auch deswegen so betroffen, weil ich dort schon unterwegs war und auch Menschen kenne, die z. B. in Oregon wohnen. Zum Glück leben sie von den Bränden relativ weit entfernt, eher in Richtung Küste, aber auch dort galt bis vor wenigen Tagen die Luftqualität „highly hazardous“, dann wurde sie auf „unhealthy“ hochgestuft. Wobei das inzwischen auch schon wieder anders sein könnte, nachdem Portland jetzt auch schon mehr betroffen ist (sie wohnen noch eine ganze Ecke westlich von Portland). Jahr für Jahr werden die Waldbrände verheerender in dieser Region. Aber hey, Klimawandel ist ja nur ein „Hoax“…

Apropos Hoax: Heute (Samstag) war ja die Demo „Querdenken 089“ hier in München unterwegs. Da möchte ich auch nur schreien. Ey, Leute, euer Guru Attila Hildmann setzt dann doch auch eine Maske auf, wenn er zum Arzt muss (das entsprechende Foto ging durch Twitter), und bezeichnet euch, seine Anhänger, als Idioten, wenn ihr das nicht versteht, dass er in dem Fall keine andere Wahl hat. Ich meine, ich werde mal sehen, wie es wird, wenn ich wirklich sechs Stunden mit Maske unterrichten muss (Montag z. B.). Klar, das ist schon anstrengender. Aber, ehrlich gesagt, ich habe ja in den ersten Tagen wahrscheinlich mehr Lehrervortrag gemacht als sonst – auch vier Unterrichtsstunden hintereinander – und fand das nicht sooo schrecklich. Schwieriger wird es, eine gute Lösung für das Miteinander in vollen Klassen ohne MNS-Pflicht zu finden. In meiner Klasse z. B. fragte gleich am ersten Schultag eine Schülerin, wie das denn sicher sein soll, wenn nach zwei Wochen dann die Maskenpflicht fällt und sie so eng aufeinander hocken. Tja, die Frage stelle ich mir auch. Ein Teil der Klasse würde vermutlich (gerne) den MNS weiterhin tragen, doch kam dann gleich die Gegenfrage, ob man dann gezwungenermaßen mitmachen muss, auch wenn man die Maske nicht tragen will, wenn die Klasse z. B. 60:40 abstimmt. Zwingen kann ich sie natürlich nicht, wenn die Pflicht fällt, aber da die Maske ja immer die ANDEREN schützt, ist es auch irgendwie totaler Quatsch zu sagen, wer die Maske tragen will, trägt sie, wer nicht, nicht. Das wird mir noch schlaflose Nächte bereiten… Auf Twitter gibt es den Hashtag #BildungAberSicher. Nun ja.

Was die Politik anbelangt, möchte man auch an allen Ecken und Enden schreien: bis zu 150 unbegleitete Minderjährige will man also in Deutschland laut Horst Seehofer aufnehmen – von den über 12.000 Menschen aus dem nun heruntergebrannten Flüchtlingslager Moria. Wow. Das ist ja schon eine ganze Menge… Naja, die anderen Geflüchteten haben ja alle gemeinsam den Brand gelegt, die kann man natürlich nicht ins Land holen. Wofür steht eigentlich nochmal das „C“ in CDU/CSU?

Und einer schafft es ja, dass ich täglich so schreien möchte wie die Figur auf dem Baum. Ich weiß ehrlich nicht, was ich tun würde, sollte Trump im November wiedergewählt werden. Momentan sieht es ja danach aus, dass er an potentiellen Wählerstimmen verliert – wobei ich es tatsächlich etwas schwach finde, dass sich etliche Veteranen erst jetzt gegen Trump positionieren, wegen dessen abfälligen Aussagen über Kriegsveterane -, aber diesmal glaube ich erst, dass er abgewählt ist, wenn alle Stimmen ausgezählt sind. Ob Biden die verhärteten Fronten im Land versöhnen kann, weiß ich allerdings auch nicht so recht. Sicher weiß ich nur, das Trump das Gegenteil tut. Wenn bzgl. Polizeibrutalität und systematischem Rassismus nicht bald etwas passiert, sehe ich nicht viel Hoffnung auf Versöhnung…

Der Schrei ist einfach das Meme für das Jahr 2020 (seit März). Ob 2021 besser wird?


19 Gedanken zu “Nachgedacht: Foto der Woche #2

  1. Ich schließe mich allen Deinen Ausführungen an, weil ich genau so denke. Am meisten bin ich aber entsetzt über das Verhalten der EU auf den Brand in Moria … ich könnte heulen, wenn ich an diese Menschen denke.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
    Babsi

      1. Das Versagen in diesem Thema fing ja schon 2015 an. Hätten wir (die EU) mehr von den Flüchtlingen aufgenommen, hätte das Lager Moria nie so groß werden können. Ich hatte damals mein Haus geöffnet und 5 Flüchtlingen aus Syrien ein Zuhause gegeben – das Beste, was ich jemals in meinem Leben getan habe.

        Wenn ich Arsch in der Hose hätte, würde ich mich einem Hilfsconvoi anschließen und hinfahren um zu helfen …..

  2. Du hast leider so vollkommen recht. Über die gleichen Themen habe ich mir, wie vermutlich viele, in den letzten Tagen auch Gedanken gemacht und es ist einfach ein Graus 😦

  3. Ich hatte den Schrei erstmal nur auf den angekokelten Baum bezogen, aber Dein Text gefällt mir sehr gut und ja, da ist dieses Jahr so einiges zum schreien…
    (ich hinke mit meinen Beiträgen hinterher, daher schaue ich erst jetzt vorbei 😉 )
    Schönes Wochenende!
    Liebe Grüße
    Nicole

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