Die Nacht kurz vor den Wäldern (Residenztheater, 30.05.2022) – eine emotionale Theaterkritik

Bevor ich am Montag Abend in die Innenstadt fuhr, um ein Stück Theater wiederzuerleben, das ich schon einmal in Basel gesehen hatte, saß ich mit ein paar Kolleg*innen im Biergarten und eine Kollegin fragte mich erstaunt: „Du schaust dir ein Theaterstück mehrfach an?“ Ähm – ja, natürlich!

Und so fieberte ich gespannt auf den Abend hin, an dem ich dem Monolog Die Nacht kurz vor den Wäldern (Bernard-Marie Koltés; Uraufführung 1977), interpretiert von Michael Wächter unter der Regie von Robin Ormond, nun erneut lauschen würde, aber in einem ganz anderen Setting – nämlich in den Straßen von München.

Und dann war sie da wieder, die Stimme des Protagonisten, die mich mit „Kamerad, komm“ (über Kopfhörer) aus dem Foyer des Marstalltheaters lockte. Wie sehr ich diese Stimme seit 2019 vermisst hatte, wie sehr sie mich wieder gefangen nahm. Und als dann Michael Wächter (in seiner Rolle) mir auch noch intensiv in die Augen sah, raubte es mir fast den Atem – und mein Herz war entflammt. Ich habe ja schon „immersives“ Theater erlebt, war sozusagen hautnah dabei, als Julius Caesar erschossen wurde, und kauerte mich danach auf den Boden, habe mit Titania und Oberon ausgelassen getanzt, aber Die Nacht vor den Wäldern ist noch intimer. Nie fühlte ich mich näher an einer Theaterfigur – egal wie nah ich schon am Bühnenrand saß oder stand. Durch die Kopfhörer ist es so, als spräche die Figur nur zu mir. Die anderen 19 im „Publikum“ blende ich weitgehend aus – er ist ganz bei mir, nur für mich, ich tue alles, um in seiner Nähe zu bleiben, neben seiner Stimme auch seinen Blick zu erhaschen. Ob es anderen ähnlich geht? Oder bin nur ich (und mindestens noch die Glückliche, ohne die ich auf den Schauspieler Michael Wächter nie aufmerksam geworden wäre, ohne die ich dieses Stück nie gesehen hätte ❤ ) wie in einem Liebestaumel?

Doch der Monolog wirkt nicht nur wegen der Kopfhörer so stark, sondern besonders auch durch die Aufführung im öffentlichen Raum. Wir begleiten den Protagonisten nicht nur gedanklich, sondern wirklich körperlich: Wir fahren mit ihm Straßenbahn, bahnen uns einen Weg durch den Hauptbahnhof, gehen mit ihm ein Bier kaufen, steigen schnell noch mit in die S-Bahn, stehen sozusagen Schmiere, als er ein Bier klaut, folgen ihm in eine Kirche und beobachten ihn von der Brücke, als er bis zu den Oberschenkeln in die Isar läuft. Danach ist er weg – was bleibt ist ein Rauschen auf dem Kopfhörer.

Vielleicht auch weil ich mich durch die Kopfhörer wie in einer eigenen Welt fühle, nehme ich die Außenwelt nur über den Filter des Protagonisten wahr, höre, was er hört, sehe, was er sieht. Dabei ist es auch spannend zu sehen, wie unbeteiligte Passanten auf ihn reagieren – und wie er auf sie reagiert. Faszinierend, zu beobachten, wie sehr Michael Wächter „in character“ bleibt, wenn z. B. plötzlich ein Polizist neben ihm auftaucht. Angesprochen wurde er nicht, aber er hat doch einige kritische Blicke geerntet. Und ein Pärchen an der Isar wollte anscheinend schon die Polizei rufen, als er in die Isar ging (habe ich selbst nicht mitbekommen, wurde mir hinterher erzählt). Der anwesende Techniker des Theaters musste dann wohl eingreifen und ihnen erklären, dass es alles nur ein Spiel ist. Das zeigt auch, wie authentisch dieser Monolog in Szene gesetzt wurde.

München hat im Vergleich zu Basel ein paar Nachteile – so mussten wir mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein, um an Orte zu kommen, die annähernd zum Monolog passen. Dies gelang auch nicht immer, denn durch ein Rotlichtviertel – wie in Basel – konnten wir in dieser relativ kurzen Zeit von 80-90 Minuten nicht laufen. Und auch der Teil des Monologs, in dem der Protagonist über die Frau spricht, die er am Fluss getroffen hatte, wurde hier nicht am Fluss gesprochen. Gleichzeitig ist es in München sicher noch schwieriger, die Route genau zu timen, wer weiß schon, ob die S-Bahnen pünktlich fahren und wie lange man an der Kasse im Supermarkt anstehen muss? Mein Respekt, dass augenscheinlich alles nach Plan gelaufen ist.

Um besser beurteilen zu können, ob das mit der Route auch immer klappt, werde ich noch zweimal mit Michael Wächter um die Häuser ziehen. Die letzten fünf Termine in dieser Saison sind auf jeden Fall schon ausverkauft – ich hoffe, dass es im Herbst eine weitere Auflage gibt, schließlich wird das Format ja gut aufgenommen. 🙂


3 Gedanken zu “Die Nacht kurz vor den Wäldern (Residenztheater, 30.05.2022) – eine emotionale Theaterkritik

  1. Hier schreibt „die Glückliche“ mit dem exzellenten Geschmack für Theaterschauspieler mit tollen Sprechstimmen. 😉 Ich kann den „Liebestaumel“ und das „entflammende Herz“ komplett nachvollziehen, auch wenn ich das selbst nicht unbedingt in solch liebestrunkene Worte gekleidet hätte. 🙂

    Ich wollte einfach nur kurz kundtun, dass ich im Gegensatz zu deiner Kollegin Menschen nicht verstehen kann, die ein tolles Stück NICHT noch ein zweites, drittes oder neuntes Mal anschauen. Was sind das denn für Leute? Gehen die dann einfach heim und das war’s dann? Das MUSS man sich doch nochmal anschauen! Dann fallen einem ganz andere Sachen auf. Gerade DIE NACHT KURZ VOR DEN WÄLDERN ist ja jeden Abend anders und muss mindestens zweimal angesehen werden.

    Daher freue ich mich schon darauf, dass wir das im Juli machen werden. :-))

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