Nachgedacht: 9/11 – 20 Jahre später

Eigentlich habe ich schon vor sechs Jahren – nachdem ich das 9/11 Memorial besucht hatte – in einem Fotobeitrag einige meiner Gedanken zu 9/11, und wie mich dieser Tag und seine Folgen immer noch zutiefst berührte, aufgeschrieben und mit euch geteilt. Ich werde in dem heutigen Beitrag deswegen z. Tl. auch aus diesem Beitrag zitieren. Dennoch ist es mir gerade nach den aktuellen Ereignissen in Afghanistan ein Bedürfnis, erneut ein paar Zeilen zum Thema zu schreiben. Das haben zwar auch gefühlt alle Zeitungsredaktionen der Welt getan, aber – wie bei mir üblich – wird mein Beitrag sehr wahrscheinlich emotionaler ausfallen. Wohin mich diese Zeilen führen werden, weiß ich noch nicht genau, ich bin also genauso gespannt wie ihr. Da ich gestern aus Jux und Tollerei den kleinen Dia-Scanner, den ich mal vor Jahren (mind. 10 – war für Windows XP und Windows 7) bei Aldi (oder so) erstanden hatte, an meinen Laptop angeschlossen habe, habe ich auch ein paar Dias von meiner ersten NYC-Reise 1992 eingescannt. Die Qualität ist eher schlecht als recht, aber trotzdem möchte ich sie mit euch teilen.

Vielleicht ein paar Worte zu meinen damaligen Eindrücken, auch denjenigen von 1994, als ich noch einmal kurz dort war (als Sprungbrett zu meinem Sommerjob im Mt. Rainier NP). New York war zu Beginn der 90er Jahre ein durchaus gefährliches Pflaster, die Kriminalität war in den 80er Jahren enorm gestiegen (die Droge Crack gilt als eine der Ursachen), und so haben mein Freund und ich Manhattan nur bei Tag erlebt – wenn es dunkel wurde, gingen wir zurück ins Hotel. Wir beide (20 und 22) kamen außerdem vom Land, da fühlten wir uns schon etwas overwhelmed von der city that never sleeps. Wir haben auch keine öffentlichen Verkehrsmittel genutzt, die Subway schien uns zu gefährlich, bei den Bussen musste man passend zahlen. So sind wir den ganzen Tag rumgelaufen. Was für eine anstrengende Stadt. Aber als wir dann erst vor den Twin Towers und dann auf ihnen standen, spürten wir auch die Faszination, die von Manhattan ausgeht.

Ähnlichen Eindruck hinterließ auch die Fahrt mit einer Ferry auf dem Hudson River – mit etwas Abstand von den Wolkenkratzern wirkten sie attraktiver, wie eine fantastische Kulisse.

Als ich 1994 über NYC fliegen musste, weil dort noch eine Veranstaltung des Council on International Educational Exchange zur Vorbereitung auf das Arbeiten in den USA stattfand, hat mich die Stadt noch mehr eingeschüchtert, denn ich war das erste Mal ganz alleine unterwegs. Schön war es allerdings, dass auch meine Schwester und ihr frisch angetrauter Mann auf dem Weg in ihre Flitterwochen in Venezuela, einen Stopp in NYC gemacht hatten – und so war ich auch mit ihnen nochmals auf dem World Trade Center. Es blieb das letzte Mal…

Nun der Blick zurück darauf, wie ich den 11. September 2001 erlebt habe. Ich zitiere aus dem oben erwähnten Beitrag:

Obwohl ich keine Angehörigen, Freunde oder Bekannte am 11. September 2001 verloren habe, ging mir dieser Anschlag damals unglaublich unter die Haut. Es ist eines dieser Welt-Ereignisse, bei denen (fast) jeder, der das bewusst miterlebt hat, weiß, wo er war, als er davon erfahren hat. Ich kam nach dem ersten Schultag nach Hause und schaltete erstmal – zum Abschalten – den Fernseher an. Damals habe ich tatsächlich noch „random TV“ geschaut, in dem Fall irgendeine Nachmittags-Talk-Show. Plötzlich wurde das Programm unterbrochen – das erste Flugzeug war in den North Tower geflogen, man zeigte Bilder des brennenden Turms. Wenn ich mich nicht ganz täusche, habe ich dann den Aufprall des zweiten Flugzeuges in den South Tower schon live im Fernsehen gesehen. Ich war entsetzt, konnte mich nicht mehr vom Fernseher weg bewegen. Irgendwann kam mein damaliger Mann nach Hause, auch er war mit mir zusammen schon auf dem World Trade Center gestanden… Als dann der erste Turm – und später noch der zweite – in sich zusammenfiel, habe ich zehntausende Tote erwartet. Dann auch noch der Anschlag auf das Pentagon und der Absturz von United Airlines Flight 93… Der Schock saß tief. Und dann war da die Angst: Wie würde Bush darauf reagieren? Welche Folgen würde dieser Anschlag auf die ganze Welt haben? Und so saß ich die nächsten Tage in jeder freien Minute vor dem Fernseher und verfolgte die Rettungs- und Aufräumarbeiten, die Reaktionen aus aller Welt. Ich fühlte mich numb, mir kamen auch immer wieder Tränen.

Allein dies zu lesen, lässt mir die Tränen wieder in die Augen steigen und mein Herz schmerzen. Kein Ereignis aus der Weltgeschichte, das ich erlebt habe, hat mich wohl nachhaltiger getroffen und so lange beschäftigt.

Als ich dann 2015 am Memorial stand und durch das dazugehörige Museum ging, habe ich eine wahre Achterbahn der Gefühle erlebt. In die Trauer um die dort gestorbenen Menschen mischte sich eine körperlich spürbare Wut auf diejenigen Touristen, die meinten, überall lachende Selfies machen zu müssen (eher draußen am Memorial, nicht im Museum), und dann im Museum noch eine tiefe Dankbarkeit für die Arbeit der Feuerwehrleute (u.a.) an diesem Tag – und an den folgenden, an denen nach Verletzten und Toten in den Trümmern gesucht wurde.

Das Gefühl, das ich am 11. September 2001 hatte, nämlich, dass nichts mehr so sein würde wie vorher, ist ja durchaus eingetroffen. Zwar fand ich damals den Krieg gegen den Terrorismus, der auf afghanischem Boden im Anschluss geführt wurde, tatsächlich irgendwie noch gerechtfertigt, den Krieg der „Koalition der Willigen“ gegen den Irak lehnte ich rigoros ab. All dies führte ja dann auch nicht zu weniger islamistischem Terrorismus, sondern er kam immer näher an mein eigenes Leben in Europa heran. (Auch wenn die weitaus meisten und schlimmsten Anschläge ja tatsächlich in der islamischen Welt passierten, wie später dann auch durch den sog. Islamischen Staat.) Ja, das machte schon auch Angst und verursachte zudem Gefühle von Wut gegenüber den Terroristen und Ohnmacht, aber gleichzeitig verabscheute ich die nun vermehrt grassierende, verallgemeinernde Dämonisierung von Muslimen, den Einsatz von Folter, wie in Guantanamo und anderswo, die abscheulichen Bilder aus jenem Gefängnis in Irak, in dem amerikanische Soldaten die Gefangenen auf übelste Weise erniedrigten und quälten… Wie sollte man sich angesichts dieser Bilder auf der „guten Seite“ des Westens verortet fühlen?

Dennoch: Meine (westlichen?) Werte lassen mich nun sehr in Sorge sein um die Menschen in Afghanistan; um die Frauen, die Mädchen, die in den letzten 20 Jahren tatsächlich nach und nach mehr Rechte, wie z. B. Bildung, erhalten haben. Was hat der lange Einsatz von westlichen Truppen in Afghanistan gebracht, wenn nun doch die Taliban das Land beherrschen? Wenn zahlreiche Menschen bei Anschlägen einer anderen islamistischen Gruppe nun dort am Flughafen ihr Leben lassen mussten? Das Leben ändert sich in Afghanistan von einem Tag auf den anderen: Neun von zehn Afghanen haben nicht genug zu essen, westliche Kleidung ist aus dem Straßenbild verschwunden,

Demonstrationen gegen die Taliban-Regierung und die neuen Regeln für den Alltag, sind verboten. Auch Berichte über Proteste, die es trotz Verbot immer wieder gibt, werden bestraft. Zahlreiche Journalisten wurden bereits geschlagen und gefoltert. Alle Appelle der Vereinten Nationen, auf Gewalt gegen die Bevölkerung zu verzichten, blieben bislang ungehört.

(Quelle: Tagesschau)

Gleichzeitig widert es mich geradezu an, wie nun manche Parteien skandieren, es dürfe keine Wiederholung von 2015 geben. Mal ganz davon abgesehen, wie die Regierung noch in diesem Jahr auf Abschiebungen nach Afghanistan gepocht hatte und wie groß ihr Versagen beim Ausfliegen von Ortskräften war. Es kann sich einfach niemand von uns aus den westlichen Nachkriegsgenerationen vorstellen, wie das ist, mit täglicher Bedrohung zu leben. Wie das sein muss, den Entschluss zu fassen: „Ich muss mein Heimatland verlassen“. Das ist keine Reality-Show wie Goodbye Deutschland (zugegebenermaßen nie angeschaut), selbst wenn Leib und Leben nicht durch die Taliban direkt bedroht wäre – „Neun von zehn Afghanen haben nicht genug zu essen“! Die Flucht vor Verhungern gilt offenbar für viele, die jetzt befürchten, Deutschland könne wieder von einer Flüchtlingswelle heimgesucht werden, nicht zu einem gerechtfertigten Grund…

Irgendwie habe ich gerade das Gefühl, dass sich die Welt in den letzten 20 Jahren kein bisschen in einem positiven Sinn weiterentwickelt hat. Selbst die Erleichterung, dass Trump politisch nicht mehr am Hebel sitzt, wird zur Ernüchterung, wenn Präsident Biden nach dem Anschlag in Kabul sagt: „We will hunt you down and make you pay.“ (Quelle z. B. CNN) Die selbe amerikanische rachsüchtige Rhetorik wie immer.

20 Jahre nach 9/11 – haben wir wirklich nichts gelernt?


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