Joker (Todd Phillips, USA 2019) – Kurzkritik

Kurzkritik bedeutet bei mir, dass es keine Zusammenfassung des Inhalts gibt.

Quelle: IMDb; © Warner Bros

First things first: Joaquin Phoenix muss mit dieser Performance wohl mit einem Oscar ausgezeichnet werden – die sollte man tatsächlich gesehen haben! Das ist zwar nicht überraschend (sowohl die Trailer, als auch sein bisheriges Œuvre (ja, so schreibt man das laut Duden) versprachen da wirklich nicht zu viel), aber ich wollte es trotzdem erwähnen.

Die Meinung der Kritiker*innen (Metascore 59 von 100; Rotten Tomatoes 68%) und die der Kinogänger*innen (IMDb 8,9 von 10; Rotten Tomatoes 90%) gehen ja etwas auseinander, und ich bin selbst etwas zwiegespalten…

Als Origin-Geschichte funktioniert der Film sehr gut – ich denke, es ist kein Spoiler zu sagen, dass man hier Zeuge einer Wandlung vom Opfer zum Täter wird. Die Kamera nimmt sich dabei Zeit für Arthur Fleck und zeigt seinen ausgemergelten Körper und sein ungewolltes Lachen ausführlich, und Phoenix stellt diese Wandlung von Arthur zu Joker absolut nachvollziehbar dar. Am Ende des Filmes, als die (Ver)wandlung komplett ist, kann man den einsamen und zutiefst unglücklichen Arthur kaum mehr in der Figur des obercoolen, zynischen Jokers wiederfinden. Die ganze Körperhaltung ändert sich, es bräuchte vermutlich nicht einmal die entsprechende Kleidung und Schminke, um diesen Effekt zu erhalten. Die Stärke der Origin-Story liegt darin, dass man mit Arthur sympathisiert. Ihm wird Abscheuliches angetan, von verachtungswürdigen Menschen – da kann man sich schon mal denken: Geschieht euch recht!

Aber das ist auch der Punkt, an dem ich Schwierigkeiten mit der „Botschaft“ des Films habe. Der Bösewicht als Held, als derjenige, der stellvertretend für die „have-nots“ steht in Gotham. Die Reichen sind die Bösen, also ist die Welle an Zerstörungswut, die der Joker lostritt, gerechtfertigt? Das Szenario scheint in unsere Welt zu passen, auch wenn Todd Phillips die Geschichte 1981 spielen lässt. Kapitalismus, Schere zwischen Arm und Reich, Mobbing… Klar, Gotham war immer eine „dunkle Stadt“, Batman auch kein strahlender Held, aber mir geht das tatsächlich ein bisschen zu weit, da der Joker eher als eine Art Befreier dargestellt wird. Nun, auch dazu gibt es ja leider genügend aktuelle Beispiele… Doch ist der Film wirklich eine „cautionary tale“ (Geschichte mit einer Moral)?

Und psychologisch betrachtet? Wie oben erwähnt, die Reaktionen, die Motive Arthurs sind bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehbar. Gut, ab und zu schlägt er auch über die Stränge, aber, hey: seine Kindheit, seine Außenseiterrolle, mental illness… was der alles mitmachen musste! Da würde doch jeder irgendwann… Für meinen Geschmack generiert der Film etwas zu viel Mitgefühl für den Anti-Helden. Klar, er schockiert auch mit plötzlichen und explosiven Gewaltausbrüchen, aber eigentlich hat man immer so ein bisschen das Gefühl von „Arthur/Joker und wir gegen den Rest der kapitalistischen, ausbeuterischen und gemeinen Welt“. Das ist mir etwas zu einfach. Es gibt durchaus Stimmen, die sagen, der Film spiele genau den Menschen in die Hände, die sich als „die Verlierer“ sehen, zum Beispiel, weil sie von Frauen nur Ablehnung erfahren u. ä. Ich weiß nicht, ob das zu weit geht, aber ich kann einfach nicht verhehlen, dass mich der Film irgendwie sehr unangenehm berührt hat.

Trotzdem: Der Film fasziniert durch das förmlich hypnotisierende Spiel von Joaquin Phoenix, den perfekt passenden Soundtrack und die großartige Kameraführung. Sicher sehenswert, aber für mich kein Film, den ich mir mehrere Male ansehen möchte.

7 von 10 Punkten.


7 Gedanken zu “Joker (Todd Phillips, USA 2019) – Kurzkritik

  1. Beim Oscar bin ich bei dir, bin aber gespannt, ob er wirklich berücksichtigt wird. Erinnern wir uns doch alle an Gyllenhaal in NIGHTCRAWLER, der nicht nominiert wurde, weil die Rolle zu „düster“ war. Was haben wir alle gelacht über die naiven Oscar-Fritzen … so wie jedes Jahr. Verdammt. Ich wette, die übergehen Phoenix. Hoffentlich geben sie ihn dann Leo. Der hätte ihn für OUATIH ebenfalls verdient, auch wenn der Film eher langweilige Grütze ist.

    1. Hmmm, naja, schauen wir mal… Immerhin hat schon mal ein Joker einen Oscar gewonnen. Aber du hast schon Recht: Sicher sein kann man nie.

      Ah, interessant, dass du OUATIH auch nicht so feierst wie viele andere!

      1. Der Joker hat ihn aber auch posthum gekriegt und war nicht so düster wie dieser. Aber seitdem sind ja auch ein paar Jahre vergangen. Vielleicht ist man da jetzt lockerer.

      2. Und OUATIH ist so ziemlich das orientierungsloseste Machwerk, das ich jemals gesehen habe. Wie eine Aneinanderreihung von Sketchen bei SNL, die nix miteinander zu tun haben, aber irgendwie durch die Gaststars zusammenhängen. Die lustigen bleiben hängen, der Rest wird vergessen. Und am Ende bleibt nicht viel übrig, außer Stückwerk.

        1. Das ist eine spannende Analyse! Jetzt würde ich ihn mir fast nochmal ansehen wollen, um das zu überprüfen. Ich konnte ja meinen Finger nicht genau drauf legen, warum er mir als Gesamtwerk nicht so richtig gefallen hat.

          1. Achte gerne mal darauf, wenn du ihn nochmal siehst. Keine Szene hat wirklich eine Bewandnis. Alles passiert rein zufällig, obwohl man die losen Enden locker hätte zusammenführen können. Tut Tarantino aber nicht. Wenn du jede vorherige Szene streichst, kannst du das Ende trotzdem genau so bringen, ohne irgendwelche Fragen aufzuwerfen.

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