The OA – Part II (Brit Marling & Zal Batmanglij; Netflix)

Source: IMDb; Copyright: Netflix

Ich habe nun, nachdem ich auch noch die 2. Staffel von The OA ein zweites Mal angesehen habe, Netflix gekündigt. Ich wollte ein Zeichen setzen, das Netflix zumindest ein klein wenig weh tut. Ob es die Entscheidungsträger bei Netflix umstimmt? Wahrscheinlich nicht. Zu lange währt die Stille von Netflix. Bei Sense8 kam damals die Verkündigung, dass es noch ein Abschluss-Special geben soll, nach einem Monat – dieser ist bereits verstrichen, die Schauspieler*innen aus ihren Verträgen entlassen… Und doch kann ich mich noch nicht geschlagen geben – nach diesem Cliffhanger, der der Serie noch einmal eine ganz andere Dimension (im wahrsten Sinne des Wortes) öffnet, ist es unmöglich, nicht zu fordern, dass es so nicht enden darf.

Für die ganz neugierigen unter euch, werde ich ganz am Schluss meiner Rezension diesen Cliffhanger zumindest andeuten – gekennzeichnet als Spoiler. Diese Kritik enthält Spoiler zu Season 1 (Part I).

Part II beginnt zunächst einmal irritierend mit einem völlig neuen Protagonisten. Karim (Kingsley Ben-Adir) ist Privatdetektiv in San Francisco, der eines Abends von der alten Dame Mrs. Vu (Hélène Patarot) aufgesucht wird, die ihre Enkelin Michelle von ihm suchen lassen will. Zögerlich nimmt sich Karim der Sache an – ein Foto, das ihm gezeigt wird, lässt die Zuschauer erkennen: Wow, wir befinden uns also in einer anderen Dimension, denn das ist doch Buck, nur in diesem Fall als Mädchen mit langen Haaren!

Die „Crestwood Five“ (Steve, BBA, French, Buck und Jesse) haben es also geschafft, die sterbende OA in eine andere Dimension zu schicken. OA wacht im Körper von Nina Azarova auf – ihr Alter Ego aus dieser Dimension ist sehr elegant und offenbar extrem wohlhabend. Das irritiert Prairie/OA (Brit Marling) zunächst, und sie stellt dann mit der Zeit fest, dass sie, bzw. Nina, ein ganz anderes Leben geführt hat. Da sie behauptet, OA zu sein und nicht Nina, wird sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, wo sie Homer, Scott, Rachel, Renata und Hap wiedersieht. Allerdings ist Homer hier Dr. Roberts und erinnert sich offenbar nicht an OA, Hap und die anderen jedoch schon. OA setzt alles daran, dass Homer sich wieder an sie erinnert, außerdem stellt sie schnell fest, dass Hap auch im Körper von Dr. Percy die fünf für seine Zwecke nutzen will… Oh, und es gibt so, so vieles, das im Laufe der Staffel ans Tageslicht kommt…

Wie passt das mit der Geschichte um Karim und seiner Suche nach Michelle zusammen? Nun, Michelle hat offenbar ein höchst kniffliges Online-Rätsel-Spiel gespielt, das sie in ein Haus in San Francisco geführt hat – von dort aus ist sie verschwunden. Karim findet heraus, dass dieses Spiel anscheinend von Pierre Ruskin (Vincent Kartheiser) dazu verwendet wird, junge Leute für seine Firma zu rekrutieren. Ruskin ist Ninas Freund – und so kreuzen sich bald die Wege von Karim und OA. Sie werden sich gegenseitig helfen.

In der anderen Dimension sind die Crestwood Five zunächst desillusioniert und traurig. Ist OA tatsächlich tot? War doch alles nur erfunden? BBA, die aus dem Schuldienst entlassen wurde, will Crestwood verlassen, Bucks Familie ebenso. Insbesondere Steve hält aber an seinem Glauben an OA fest, und bald geschieht etwas, das die fünf plus Steves Freundin Angie (Chloë Levine) zusammen aufbrechen lässt, um – so die Hoffnung – Kontakt zu OA in der anderen Dimension aufzunehmen. Doch Hoffnung und Verzweiflung liegen bei manchen Mitgliedern der Gruppe (zu) nahe beieinander.

Viel mehr möchte ich zum Plot gar nicht erzählen, denn es gibt einfach so viele WTF?-Momente, die dadurch an Wucht verlieren würden. Und doch sind es ja gerade diese Momente, die diese Serie so herausstechen lassen! Es gibt schockierende und traurige Momente, die dir das Herz rausreißen, es gibt Momente, die alles bisher Gesehene in den Schatten stellen, es gibt berührende Momente, die dem Zuschauer zeigen, wie schön eine Welt sein könnte, in der Menschen ihren Instinkten vertrauen und den Sprung ins Ungewisse wagen können, weil sie nicht alleine sind.

Was mir auch im zweiten Teil so gut gefallen hat, ist die Tatsache, dass auf Schwarz-Weiß-Malerei weitgehend verzichtet wird. Alle haben Schwächen – und selbst den Bösewicht Hap kann man nicht einfach nur hassen. Er ist auch nur ein Suchender, wenngleich er wirklich die grundfalschen Methoden anwendet. Ja, es ist schon schwer, ihm zu vergeben, schließlich ist er für das Leid und den Tod etlicher Menschen verantwortlich. Aus seiner Sicht jedoch sind das Opfer für das große Ganze, die nun mal nicht zu vermeiden sind, wenn man einem so großen Geheimnis auf der Spur ist.

Die in meiner Rezension zu Part 1 genannten Aspekte Diversity / Representation matters / Unity & Trust / Spiritualität bestimmen auch Part 2; ein Charakter outet sich als homosexuell, es gibt eine Nebenfigur/Schauspielerin, die körperbehindert ist und im Rollstuhl sitzt (Liz Carr). Aber wie ich durch ein langes Telefongespräch mit einer ebenfalls körperbehinderten jungen Frau erfahren habe, sind es nicht unbedingt die offensichtlichen Entscheidungen beim Casting (z. B. von Liz Carr), sondern durch die Serie fühlen sich viele so, dass sie das erste Mal „gesehen“ werden. Visibility. Jede*r wird so angenommen, wie sie sind. Du bist nicht allein. Es fällt mir tatsächlich etwas schwer, so richtig in Worte zu fassen, was diese Serie mit ihren Fans „macht“.

Ich nenne nun hier ein paar Dinge (aus Staffel 1 und 2), die beispielhaft zeigen, was ich an der Serie mag. Ab hier SPOILER (weiße Stellen zum Lesen markieren, wenn gewünscht)!

Steve ist ein Bully. OA macht BBA klar, dass er braucht Zuwendung statt abgeschoben zu werden. In Staffel 1 sticht Steve OA aus Frust und Verzweiflung mit einem Bleistift in die Hand – OA stößt ihn nicht weg, sondern nimmt ihn fest in ihre Arme und lässt ihn nicht los, bis er sich beruhigt hat. Als Steve in die Militärschule weggebracht werden soll, fährt BBA hinterher und findet einen Weg, wie sie Steve aus deren Klauen befreien kann (indem sie ihnen den Scheck mit dem Erbe ihres Bruders überlässt).

Alfonso „French“ hat eines Abends, als die sechs unterwegs sind (2. Staffel), einen One-Night-Stand (vermutlich über Grindr, der Dating-App für schwule und bisexuelle Männer). In den meisten Serien und Filmen läuft sowas nicht gut, einer nutzt den anderen aus, etc. Hier ist der Mann, an den French gerät, einfach nur super nett und hört ihm zu, ermuntert ihn dazu, ihm zu erzählen, was ihn bedrückt. Es ist ein kleiner Moment am Rande, der mir so gut gefallen hat, weil er die typischen Klischees über unverbindlichen Sex mit Fremden nicht bedient hat. (Das heißt übrigens nicht notwendigerweise, dass ich jemand bin, die auf unverbindlichen Sex mit Fremden steht! 😉 ) Und als French Steve „beichtet“, dass er mit einem Mann zusammen war, ist Steves Reaktion auch extrem cool…

Die zweite Staffel ist noch etwas abgefahrener, da kann ein riesiger Oktopus mit OA (bzw. Nina) kommunizieren, es gibt ein „magisches Haus“, zarte Triebe wachsen aus den Ohren derjenigen, die durch Haps Experimente sterben – man muss schon sprichwörtlich die Tür offen stehen lassen (siehe Staffel 1), um sich auf all dies einzulassen.

Und dann kommt das unglaubliche Ende der Staffel – und wir befinden uns quasi in unserer Dimension, in der OA Brit Marling ist und Hap Jason Isaacs, doch Steve hat auch den Sprung geschafft (oder?) – es endet mit seinen Worten: „Hey, Hap!“. Mind blown! „OMG, wie geht das weiter?!??“ [/SPOILER]

Und, zack, Netflix cancelt die Serie. 😦 Haut dafür wieder eine ganze Reihe an neuen Serien raus (manche mit bodenlos schlechten Kritiken) und kauft für viel Geld Seinfeld ein. Don’t get me wrong: Seinfeld ist fantastisch, aber man kann diese Serie locker auf DVD ansehen (im Gegenteil zu Netflix‘ Originalen)… Ich muss wissen, wie Brit Marling und Zal Batmanglij diese Dimension weitergedacht haben. Wir brauchen The OA – Part III, IV & V, so wie ursprünglich von Marling & Batmanglij geplant!


7 Gedanken zu “The OA – Part II (Brit Marling & Zal Batmanglij; Netflix)

  1. Oh ja, ich war auch entsetzt, als es auf einmal hieß, die Serie wird abgesetzt. Zumal Netflix sich vorher mit dieser Indie-Perle schmückte. Wie ich das gelesen habe, waren Brit und Zal auch enttäuscht (und Jason Isaacs erst), dass sie nicht weitermachen können.
    Vielleicht finden sie einen anderen Partner, da drücke ich die Daumen, denn ich will auch wissen wie es weitergeht.

  2. Man sollte sich gerade bei Netflix nicht zu sehr an eine Serie binden. Deren Geschäftsmodell sieht es weniger vor, jahrelange Serien am Leben zu erhalten, sondern möglichst immer neue zu produzieren, um neue Abonnenten zu generieren. Mit mehr als 3-4 Staffeln ist da in Zukunft bei kaum irgendwas zu rechnen.

    1. Ja, das weiß ich jetzt auch… Dabei war Netflix mal die Plattform, die gecancelte Serien rettete…

      Ich hätte ja auch kein Problem damit, wenn es von Anfang an so geplant wäre und die Schöpfer der Serie ihre Staffeln so planen könnten, dass nach 2 oder 3 Staffeln Schluss ist. Bin ja selbst kein Freund von Serien, die länger als 5-7 Staffeln laufen. Aber dann nach Cliffhanger canceln, ist halt einfach fies.

      1. Wobei man fairerweise sagen muss, dass das auch keine Netflix-exklusive Vorgehensweise ist. Serien wurden schon immer vorzeitig abgesetzt. Ich bin ja selbst kein großer Befürworter der Streamingdienste, aber nachvollziehbar ist es halt schon, dass die den Stecker ziehen, wenn die Klicks nicht stimmen.

        1. Das ist schon richtig, aber wie sollen die Klicks stimmen, wenn für manche Serien einfach keine Werbung gemacht wird? Man vergleiche nur mal, wie viele Tweets Netflix für Stranger Things oder 13RW absetzt… Wie gesagt, von mir aus sagen sie klar, „Leute, wir können euch höchstens 2 Staffeln garantieren, also seid darauf vorbereitet“. Dann endet so eine Serie vielleicht nicht mit einem Cliffhanger…

          Und wie wenig Zeit wird – trotz wenig Werbung – so einer Staffel gegeben, um Zuschauer zu finden? Was nicht in der ersten Woche weggebingt wird, ist nicht erfolgreich. Wie soll das gehen, wenn fast wöchentlich eine neue Serie rauskommt?

          1. Quantität über Qualität ist da eben das Prinzip. Ich sage ja, ich bin da auch kein Fan von, aber eigentlich muss man schon froh sein, dass Netflix überhaupt gute Serien im Programm hat. Guck dir mal deren Filmauswurf an. Da geht fast nichts über unteren Durschnitt hinaus. Hauptsache, die Plattform wird immer voller. Und das wird in Zukunft noch schlimmer werden, wenn demnächst der ganze Fremdcontent abgezogen wird. Ich erwarte da nicht mehr viel, werde die letzten Staffel GLOW noch mitnehmen und hoffe, dass MINDHUNTER nicht einfach gecancelt wird, aber das wars dann auch. Wenn da noch was interessantes startet, werde ich erstmal warten, wie lange es sich hält, denn das große Abwürgen geht gerade erst los, wenn du mich fragst.

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