The OA – Part I (Brit Marling & Zal Batmanglij; Netflix)

Quelle: imdb.com Copyright: Netflix

Nachdem ich meinen Rewatch der ersten Staffel The OA beendet habe, muss ich sie doch nun endlich auch besprechen. (Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt einer Serienstaffel einen einzelnen Artikel gewidmet habe… ) Spoiler lassen sich nicht hundertprozentig vermeiden, sind aber gekennzeichnet (zum Lesen bitte markieren).

The OA ist eine dieser Netflix-Serien, die zwar Netflix Originale sind, aber von Netflix kaum beworben wurde, und dann nach zwei Staffeln abgesetzt wurden, weil es zu wenig Zuschauer gab. Zugegebenermaßen, als Part II herauskam, gab es tatsächlich ein bisschen Werbung dafür und die Serie tauchte auch auf der Hauptseite auf, aber vorher musste man eher aktiv danach suchen. Ich habe dann auch tatsächlich erst mit Part I angefangen, als Part II veröffentlicht war. Wahrscheinlich zu spät also… (wie auch schon bei Sense8) :-/

The OA beginnt ein bisschen wie eine „normale‟ Mystery-Show: Eine junge Frau stürzt sich von einer Brücke in den darunterliegenden Fluss, überlebt, und es stellt sich heraus, dass sie Prairie Johnson ist, die vor sieben Jahren spurlos verschwunden war. Ihre Adoptiveltern Abel (Scott Wilson in einer seiner letzten Rollen) & Nancy (Alice Krige) Johnson kommen nicht recht an sie heran, auch wenn sie sich redlich bemühen. Wo war sie die ganze Zeit – und warum kann sie sehen, obwohl sie seit ihrer Kindheit blind war? Oder ist es ein Krimi? Schließlich war Prairie tatsächlich sieben Jahre lang eingesperrt…

Und doch zeigt sich relativ bald schon, dass diese Serie besonders ist. Prairie (Brit Marling), die sich inzwischen OA nennt, schart eine Gruppe von fünf Personen (vier Schüler, eine Lehrerin) um sich, deren Zusammensetzung allein mich schon glücklich macht, weil sie so unterschiedlich und alle nicht ohne Fehler und Probleme sind. Steve Winchell (Patrick Gibson) ist ein Bully und verkauft an seine Mitschüler*innen Drogen, im Grunde genommen sucht er aber nur nach Akzeptanz und Liebe. Sein Vater will ihn allerdings in eine Militärschule schicken, damit er endlich Disziplin lernt. Buck Vu ist ein transgender Amerikaner asiatischer Abstammung (gespielt vom transgender Mann Ian Alexander), dessen Familie ihn noch meist mit seinem weiblichen Namen Michelle anspricht. Alfonso „French‟ Sosa ist Latino und in der Schule (und im Lacrosse) so gut, dass er ein Stipendium bekommt, allerdings ist seine Mutter Alkoholikerin, was ihn häufig verantwortlich für seine Geschwister macht. Jesse Mills (Brendan Meyer) ist Halb-Waise (Mutter tot, Vater hat die Familie verlassen), er und seine Schwester leben alleine und nehmen Drogen. Elizabeth „Betty‟ Broderick-Allen, später gennant BBA (Phyllis Smith), ist eine Lehrerin, die zunächst Steve von der Schule werfen will, später aber durch OA erkennt, dass Steve Zuwendung statt Ausschluss braucht. Ihr Zwillingsbruder ist vor kurzem verstorben, was sie sehr mitnimmt.

In Part II erfahren wir über manche Charaktere noch mehr, das will ich aber nicht vorwegnehmen.

Diesen fünf Personen erzählt OA nachts, was ihr widerfahren ist und warum sie genau fünf Personen braucht. Und so lernt auch der Zuschauer die Menschen kennen, mit denen OA die letzten Jahre (zwangsweise) verbracht hat. Da ist der Kidnapper Dr. Hunter „Hap‟ Aloysius Percy (Jason Isaacs), der OA und drei, später vier, weitere „Subjekte‟ in seinem Keller gefangen hält und Experimente an ihnen durchführt. Die weiteren Gefangenen sind Homer (Emory Cohen), Will (Scott Brown), Rachel (Sharon Van Etten) und – später – Renata (Paz Vega). Was sie gemein haben: Sie hatten alle [SPOILER:] NDEs (near-death experiences), also Nahtoderfahrungen. Hap will beweisen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und setzt deswegen seine „Subjekte‟ immer wieder Experimenten aus.[/SPOILER]

Das alles klingt noch relativ nach 08/15-Storytelling, aber hinzu kommen nun Aspekte, die unsere Vorstellung übertreffen und Zuschauer auch sehr spalten. Ich möchte hier nicht zu viel verraten, aber es geht u. a. um die sogenannten „five movements‟, die OA in ihrer Zeit der Gefangenschaft gelernt hat (es wird hier nicht verraten, wie) und nun der oben genannten Fünfergruppe beibringen will, weil ihr diese dabei helfen sollen, Homer und die anderen wiederzufinden. Manche Zuschauer haben sich beim Anblick dieser Art „Ausdruckstanz‟ fremdgeschämt, waren peinlich berührt, mich haben sie im Innersten des Herzen berührt, weil diese Bewegungen mit so viel Gefühl und Überzeugung ausgeführt werden – und so eine enorme Wirkung in der Serie entfalten – , dass sich die emotionale Wucht der Bewegungen direkt auf mich übertragen hat. (Ich habe auch schon angefangen, die Bewegungen zu lernen.) [SPOILER:] Bewegungen 1 + 2 lassen Menschen vom Tode auferstehen oder gesund werden, alle fünf Bewegungen öffnen eine Tür zu einer „anderen Dimension‟, einer anderen Realität. [/SPOILER]

Warum hat mich diese Serie so in ihren Bann gezogen? Ein paar der Dinge habe ich schon angesprochen. Ich versuche unter Schlagworten ein bisschen zu erklären, was mich so fasziniert.

Diversity / Representation matters

Seit Sense8 liegt es mir am Herzen, dass transgender Charaktere authentisch von transgender Schauspieler*innen dargestellt werden. Hier haben wir einen jugendlichen trans Charakter, der von einem jungen trans Schauspieler dargestellt wird, der sich als maskulin identifiziert. Trotzdem steht sein Transsein nicht im Mittelpunkt der Geschichte, es ist einfach Teil seiner Identität. Dazu kommt noch die asiatisch-amerikanische Herkunft. Da hier weniger Liebesbeziehungen im Fokus stehen als bei Sense8, wird Transgender und Homosexualität weniger thematisiert, aber vorhanden ist eben beides.

Außerdem wichtig hier: Die Hauptfigur ist weiblich und wird von der Frau dargestellt, die auch Co-Schöpferin der Serie ist. Ja, ich stehe auf gut geschriebene Frauenfiguren, und OA ist definitiv eine von der Sorte, von der wir mehr bräuchten.

Unity (Gemeinsamkeit, Einheit) & Trust (Vertrauen)

Nur zusammen kann etwas bewegt werden, egal wie stark OA als Frauenfigur ist, sie braucht fünf Menschen, die ihr helfen. Diese müssen ihr vertrauen (Zeichen dafür: Sie müssen die Haustüre offen lassen), und umgekehrt. Durch die gemeinsamen Bewegungen wird tatsächlich etwas BEWEGT. Dies wird in drei Schlüsselszenen der ersten Staffel so eindrücklich gezeigt, dass es auch bei den Zuschauer*innen etwas bewegt – zumindest ging es mir so, und vielen anderen Fans. Insbesondere die Schlusssequenz von Part I hat solch eine emotionale Wucht, dass mir auch beim zweiten Mal die Tränen runtergelaufen sind.

Spiritualität / Engagement

Interessanterweise ist es nicht unbedingt der „spirituelle‟ Charakter der Serie, zumindest nicht rational betrachtet, der mich so voller Leidenschaft für die Serie brennen lässt. Dazu bin ich dann doch auch wieder zu sehr Realist. Und doch rührt mich etwas an dieser Geschichte, in der es um Engel und verschiedene Dimensionen geht, auf eine unbeschreibliche Weise an, die dann doch über rational festzustellende Aspekte der Serie hinausgehen. Und ich glaube, das macht dann auch den Unterschied zwischen denen aus, die mit der Serie nicht warm werden, und denen, die für sie brennen. Wie in der Serie als äußeres Zeichen die Haustüren offen stehen müssen, damit OA sich ihnen öffnen kann, so muss man auch als Zuschauer*in offen sein für The OA. Das heißt aber nicht, dass die Fans der Serie alle, wie Anhänger einer Sekte, an die Macht der fünf Bewegungen glauben – und zwar auch im realen Leben. Es ist eher die Idee, die dahinter steht: Gemeinsam können wir etwas bewegen, wenn wir aktiv werden, Zweifel überwinden und füreinander einstehen. Deswegen haben auch hunderte Fans Videos von sich selbst beim Ausführen der fünf Bewegungen gemacht und auf Social Media geteilt, um für eine Fortführung der Serie aktiv zu kämpfen.

Ich schaue viele Serien. Ich liebe viele Serien. Und dann gibt es Serien, die meinen Horizont erweitern und die mein Herz so weit öffnen, dass dagegen andere (gute!) Serien einfach nur unwichtig und banal erscheinen. Gegen The OA ist mir beispielsweise das weitere Schicksal von Lucifer oder Stranger Things völlig egal. Mein Leben wurde und wird auch ganz sicher nicht reicher durch The Walking Dead oder Supernatural, durch The OA dagegen schon.

Einzigartig. Originell. Lebensbejahend. Bewegend. Bewusstseinserweiternd. Bereichernd.

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Ein Gedanke zu “The OA – Part I (Brit Marling & Zal Batmanglij; Netflix)

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