Theater 2019 #3: Juli/August (London)

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Ich habe gerade festgestellt, dass ich von meinem letzten Theater-Trip nur eine Hälfte der Stücke besprochen habe. Enttäuschend. 😦 Trotzdem muss ich jetzt zuerst die Stücke „abarbeiten‟, die ich gerade während oder nach der Shakespeare Excursion gesehen habe, und die ganz und gar nichts mit Shakespeare zu tun hatten.

The Comedy About a Bank Robbery (Buch und Regie: Mischief Theatre, Criterion Theatre, 28.7.)

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Die Stücke des Mischief Theatre sind einfach purer Spaß. Kein Tiefgang, keine versteckte Gesellschaftskritik, einfach nur Slapstick (besserer englischer Begriff dafür ist „physical comedy‟) und Wortwitz. Die Comedys der Mischief Theatre Company laufen immer auch sonntags, wenn (fast) alle anderen Theater und Musical-Theater geschlossen haben. Perfekt für meinen freien Sonntag Abend! Außerdem habe ich mich bei der Gelegenheit mit Dani (@Luinalda) das erste Mal getroffen – endlich waren wir mal zur selben Zeit in London. 🙂

Ein Grund, warum wir genau dieses Stück – und nicht etwa The Play That Goes Wrong (auch vom Mischief Theatre) – ansehen wollten, war die Tatsache, dass dort nun Seán Carey eine Hauptrolle übernommen hatte, den sowohl Dani als auch ich schon zweimal in The Play That Goes Wrong gesehen hatten. Über Twitter hatte ich uns auch schon angekündigt…

@Seanannigans91, remember @Luinalda & I are coming for you tonight to see if @BankRobberyPlay will finally be successful now that you’re part of the crew!

Doch zu den Stage-Door-Begegnungen gibt es demnächst noch einen eigenen Beitrag.

Und worum geht es in diesem Stück? Gangster brechen mit Hilfe der Gefängniswärter aus, um einen Diamanten aus dem Tresorraum einer Bank zu klauen. Dabei geht so ziemlich alles schief… Dazwischen wird gesungen, es gibt viele, VIELE Verwechslungen, und Liebesgeschichten sind auch noch dabei. Herrliches Rumgeblödel mit perfektem Timing und enormer Körperbeherrschung!

Captain Corelli’s Mandolin (Buch: Rona Munro; nach dem Roman von Louis de Bernières, Regie: Melly Still, Harold Pinter Theatre, Matinee am 1.8.)

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Ich wusste wirklich nicht genau, warum ich mich dafür entschied, mir am überraschend gewährten freien Donnerstag Nachmittag ausgerechnet dieses Stück anzusehen. Ich kannte weder den Roman noch den Film, hatte nur so irgendwie vage im Kopf, dass ich mir das Stück vorgemerkt hatte. Erst als ich im Theater saß und das Programm aufschlug, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Fred Fergus (aus Julius Caesar) hatte vor ein paar Monaten getwittert, dass er da mitspielen würde! Ich hab mich so gefreut, zu sehen, dass er nun schon eine größere Rolle hatte und diese auch wieder sehr gut gespielt hat.

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Captain Corelli’s Mandolin spielt auf der griechischen Insel Kefalonia zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Im Verlauf des Krieges wird die Insel von italienischen Truppen besetzt, einer davon ist Captain Corelli (Alex Mugnaioni), der sich bei einer griechischen Familie einquartiert. Langsam entwickelt sich eine zarte Liebe zwischen ihm und der Tochter Pelagia (Madison Clare)… Viel mehr zeigte der Film offenbar nicht (Joseph Long, der Pelagias Vater Dr. Iannis spielt, riet mir an der Stage Door deutlich davon ab, den Film anzusehen), doch es gibt im Stück (und wohl auch in der Romanvorlage) fünf verschiedene Liebesgeschichten, u. a. auch zwei Liebesgeschichten zwischen Soldaten (einmal erwidert, einmal einseitig). Fred Fergus spielt Francesco, der Carlo (Ryan Donaldson) liebt (und umgekehrt), der aber tragischerweise im Krieg getötet wird. 😥 Ich war tatsächlich mehrere Male den Tränen nahe, da irgendwie alle Liebesgeschichten tragisch verlaufen. Aber dazwischen gab es eben auch sehr schöne menschliche Momente – und tierische! Zwei Tiere spielten nämlich eine wichtige Rolle und wurden von Schauspielerinnen grandios dargestellt: eine Ziege (Luisa Guerreiro, vom Cirque du Soleil) und eine Katze/Psipsina (Elizabeth Mary Williams). Insbesondere die Ziege war unglaublich realistisch dargestellt, ohne Ziegenkostüm oder ähnliches. Aber Bewegungen und Meckern waren so „ziegenmäßig‟, dass man das voll akzeptiert hat. Hut ab vor dieser Leistung! (Dagegen wirkt der CATS-Trailer gleich doppelt creepy…)

Insgesamt eine, wie ich denke, gelungene Übertragung eines Romans auf die Bühne, nur mochte ich das Verhalten Corellis nicht, der an einem Punkt einfach (wie so oft auch in Filmen) falsche Schlüsse zieht, ohne nachzufragen, was dazu führt, dass die beiden Liebenden erst im hohen Alter wieder zueinander finden. Das lege ich aber dem Autor zur Last – und meiner tiefgründigen Abneigung gegenüber solchem Verhalten. SPRECHT miteinander!

 

Bitter Wheat (Buch und Regie: David Mamet, Garrick Theatre, 2.8.)

 

Als ich hörte, dass John Malkovich ins Londoner West End kommen würde, hat es mich nicht die Bohne interessiert, in was für einem Stück – ich wollte diesen Hollywood-Star einfach live auf der Bühne sehen. Also habe ich mir ein Ticket gekauft. Dann mehrten sich die kritischen Stimmen immer mehr – und zwar bzgl. des Stückes, das sich um einen Typen dreht, der doch stark an Harvey Weinstein erinnert (und nicht nur, weil sich der Name Barney Fein schon fast mit Weinsteins Namen reimt). Nachdem ich dann A Midsummer Night’s Dream im Bridge Theatre gesehen hatte, dachte ich tatsächlich darüber nach, ob ich John Malkovich sausen lassen soll und dafür nochmal ins Bridge gehen soll…

Hätte ich das mal gemacht. Ich fand das Stück richtig schwer zu ertragen. Als viele Zuschauer immer noch gelacht haben, habe ich mich in meinem Sitz gewunden und mich ganz unwohl gefühlt. Spätestens als die Absichten des Filmproduzenten Fein bzgl. der jungen asiatisch-britischen Schauspielerin Yung Kim Li (Ioanna Kimbook, überzeugend in ihrer ersten Rolle) klar wurden und er sein Netz immer mehr um sie herum spannte, um sie dazu zubewegen, sexuelle Handlungen an/mit ihm auszuführen, hat sich meine Abscheu immer stärker zu bemerken gemacht. Es kam ja zum Glück zu keinen solchen Handlungen, aber allein die Art und Weise, wie Malkovich als Fein gesprochen hat, seine Körpersprache, seine Mimik… Einfach nur abstoßend – und dabei ist er auch dazwischen noch so weinerlich („Die Frauen wollen alle keinen Sex mit mir haben, weil ich dick bin. Dabei kann ich gar nichts dafür, weil das krankheitsbedingt ist. Was bleibt mir also anderes übrig…?‟).

Wenn es dann wenigstens ein gutes Ende gegeben hätte, aber das war sehr abrupt, nach einem lächerlich kurzen zweiten Akt. Zwar hat Yung Kim Li Anzeige erstattet und Fein sieht sein Imperium schwinden, aber so ein richtiges Gefühl von „gerechte Strafe‟ wollte sich nicht recht einstellen. Neben diesen Hauptfaktoren fand ich es auch doof, dass manche Charaktere nur eine einzige Szene hatten. Gut fand ich allerdings Ioanna Kimbook und auch Doon Mackichan als Feins Beraterin/Personal Assistant (?) Sondra. Aber das hat alles nicht gereicht. Und Malkovich fehlte für mich auch das Fünkchen Faszination, das er sonst eigentlich immer auf mich ausübte, und das, obwohl ich in der 4. Reihe saß… Für mich kein gutes Stück zur Aufarbeitung von #MeToo.

 

The Dark Sublime (Buch: Michael Dennis, Regie: Andrew Keates, Trafalgar Studio 2, Matinee 3.8.)

 

Als ich hörte, dass Marina Sirtis (Counselor Deanna Troi aus Star Trek: The Next Generation) in London Theater spielen würde, war ich sofort interessiert. Bisher hatte ich aus dem TNG-Cast ja nur Patrick Stewart (No Man’s Land mit Ian McKellen) und Colm Meaney (Cat on a Hot Tin Roof) live auf der Theaterbühne erlebt, und so freute ich mich, eventuell auch Marina Sirtis zu sehen. Als dann noch Mark Gatiss (leider nur als Stimme) angesagt wurde, war meine Entscheidung gefallen. Im Vorfeld habe ich dann über die Twitter-Accounts der Produktion und des Regisseurs schon einiges über das Stück erfahren, in dem es u. a. darum geht, ob ein „Star‟ und ein Fan miteinander befreundet sein können. Ist doch klar, dass mich DAS interessiert, oder?!?? 😉 Ich habe dann außerdem die Produktion noch über ihre IndieGoGo-Kampagne unterstützt, wofür mein Name auch im Programmheft genannt wird.

Was mich auch von Anfang an begeistert hat, war die Tatsache, dass das Stück in dem kleinen Studio 2 der Trafalgar Studios gezeigt werden sollte, ein wirklich intimes Theater (mit günstigen Preisen), in dem ich mir dann auch einen mittigen Platz in der ersten Reihe sicherte. Ich saß im Grunde genommen direkt mit auf der Bühne, einem liebevoll eingerichteten Wohnzimmer, die Schauspieler*innen wahrhaftig zum Greifen nahe.

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Der Titel des Stücks bezieht sich auf eine fiktive britische Sci-Fi-Serie um 1980 herum, durch die Marianne (Sirtis) berühmt geworden ist. Mariannes langjährige beste Freundin Kate (Jacqueline King, Doctor Who) will Marianne ihre neue Freundin Suzanne (Sophie Ward) vorstellen, wodurch im Laufe des Stücks auch klar wird, dass Marianne über die Jahrzehnte hinweg mehr für Kate empfunden hat als nur Freundschaft. Vielleicht lässt sie sich auch deswegen auf das Interview mit dem jungen, enthusiastischen Fan Oli (Kwaku Mills in seinem West End Debut) ein und verbringt immer mehr Zeit mit ihm. Zwischen diesen Szenen in Mariannes Zuhause oder auf einer Dark Sublime Convention, die Oli organisiert, gibt es auch immer wieder Szenen aus der Serie „eingespielt‟ (= live auf der Bühne): die meiste Zeit zeigen diese Szenen nur den männlichen Protagonisten der Serie (Vykar; gespielt von Simon Thorp), doch am Ende gibt es auch eine Szene mit allen Schauspielern – das war schon richtig lustig!

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Mir hat diese Produktion schon sehr gut gefallen, aber ich war letztlich eigentlich mehr begeistert von Jacqueline King und Kwaku Mills, als von Marina Sirtis. Auch habe ich wohl einige Anspielungen auf britische Serien, wie Blake’s 7 (1978-81) oder Doctor Who, nicht mitbekommen, weil ich die Serien einfach nicht kenne. So hatte ich zwar einen vergnüglichen Nachmittag, aber so richtig geflasht war ich nicht von dem Erlebnis, Sirtis direkt vor mir spielen zu sehen.

 

Present Laughter (Buch: Noël Coward, Regie: Matthew Warchus, The Old Vic, 3.8.)

 

 

Save the best for last. Indeed. Es ist tatsächlich schwer, Worte dafür zu finden, wie absolut großartig Andrew Scott in der Hauptrolle dieses Stücks war! Es war so, als hätte Noël Coward die Rolle und das Stück ihm auf den Leib geschrieben! Wobei Matthew Warchus (andere Theaterproduktionen im Old Vic, die ich gesehen habe: The Master Builder + Art; Film: Pride ❤ ) auch noch Anpassungen am Stück vorgenommen hat. Aus Joanne Lyppiatt wurde Joe Lyppiatt (Enzo Cilenti ❤ ), verheiratet mit Helen Lyppiatt (Suzie Toase) statt Henry, der jeweils mit den Männern Garry Essendine (Scott) und dem verheirateten Morris Dixon (Abdul Salis) Affären hat. So sind im Grunde genommen alle männlichen Charaktere bisexuell, was mir sehr gut gefallen hat. Die Chemie zwischen Scott und Cilenti war fantastisch! Hot! Garry Essendine ist ein erfolgreicher Bühnenschauspieler, so richtig weiß man nie, wann er spielt und wann seine Gefühle echt sind. Er lebt getrennt von seiner Frau Liz (die großartige Indira Varma), hat offenbar des öfteren bedeutungslosen Sex, wobei sich die Frauen (und Männer, wie wir später mitkriegen) auch ziemlich an ihn ranwerfen und sich mit solchen offensichtlichen Ausreden wie „Ich habe meinen Wohnungsschlüssel vergessen, nun weiß ich nicht, wo ich übernachten soll!‟ in seine Wohnung und sein Bett einschleichen…

 

Trotz der enorm lustigen Situationen, die sich auf Grund dieser Konstellationen ergeben, gibt es doch auch immer wieder Momente, in denen der „echte Garry‟ aufscheint, und der ist dann doch gar nicht so oberflächlich und von sich selbst überzeugt, wie es aussieht. Vor allem in der Schlussszene mit seiner Noch-Ehefrau Liz wird es dann richtig emotional und mir standen die Tränen in den Augen – u. a. auch weil ich mich so glücklich schätzte, diese Performance aus nächster Nähe (Reihe 2! ❤ ) erleben zu dürfen. Meine Reaktion danach im Tweet:

#AndrewScott is a god. It’s as if Noël Coward had written this play #PresentLaughter for him. The emotional ending made me cry, partly because I felt so blessed I was able to experience Andrew’s genuine genius. Thank you @oldvictheatre

Ja, Andrew Scott ist ein Gott. Nach diesem Abend kommt erstmal niemand dem nahe, keine Benedict, kein Tom Hiddleston, nur bei James McAvoy habe ich mich ähnlich gefühlt. ❤ ❤ ❤

Schaut euch unbedingt das Stück via NT LIVE an: am 28. November!!!

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Ein Gedanke zu “Theater 2019 #3: Juli/August (London)

  1. Wow, ich bin schon ein bißchen neidisch. Ein Glück, dass ich PRESENT LAUGHTER wenigstens noch über NT Live gucken kann. Ich kann Ende November kaum erwarten. Und FLEABAG wird sicher auch toll.

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