Neulich beim BINGEWATCHING #8: Britische Serien bei Amazon Prime & Netflix

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie man eine Film- oder Serienkritik verfasst… Deswegen versuche ich mich – quasi als Wiedereingliederungsmaßnahme – an Kurzkritiken für britische Serien, die ich in den letzten Wochen und Monaten nur so verschlungen habe und euch dringend ans Herz legen möchte.

Sex Education, Season 1 (Netflix-Original)

Quelle: IMDb; Copyright: Netflix

Wer Gillian Anderson hauptsächlich als Ermittlerin in The X-Files und The Fall kennt, wird sich besonders freuen, sie mal in einer etwas weniger dramatischen Rolle zu sehen. Sie spielt die Mutter des Protagonisten Otis (Asa Butterfield), eine Sex-Therapeutin, die mit ihrer Offenheit, was Sex anbelangt, vielleicht gerade dazu beigetragen hat, dass ihr ca. 16-jähriger Sohn noch völlig unerfahren ist – er kann sich nicht mal dazu überwinden, bei sich selbst Hand anzulegen. Doch eins hat er von seiner Mutter geerbt: Er kann gut zuhören. Und so wird er bald – zunächst eher zufällig und widerwillig – zum Sextherapeuten seiner Mitschüler*innen.

Auf den ersten Blick eine Komödie, die aber auch ernste Töne anschlägt, wenn es z. B. um Mobbing geht, mit denen Sex Education dann vollends mein Herz erobert hat. Erfrischend offenherzig mit großem Herz für Außenseiter und queere Menschen. Unbedingt ansehen!

 

Derry Girls, Season 1 (Channel 4 / Netflix)

Auf diese Serie bin ich durch Nicola Coughlan (in der Mitte im Bild) gestoßen, die mir letztes Jahr auf der Bühne des Donmar Warehouse das erste Mal aufgefallen ist und der ich seitdem auf Twitter folge. Sie spielt eine der „Derry Girls“, die Anfang der 1990er Jahre in Derry, Nordirland zur Schule gehen. Der Nordirlandkonflikt bildet sozusagen den Hintergrund der Serie, die Handlung zeigt aber eher den „normalen“ Alltag der Schülerinnen, die auf eine Mädchenschule gehen. Nun, einen Jungen gibt es dort nun auch, weil man sich erhofft, dass er dort weniger gemobbt wird als auf seiner früheren Schule. Er ist nämlich in England aufgewachsen. Keine Hochglanz-High-School-Schmonzette, eher etwas derb, und die „Girls“ sind z. Tl. wirklich wenig „girlie-like“… Eine etwas andere Annäherung an die Troubles in Nordirland. Die 2. Staffel ist im britischen Fernsehen schon gelaufen, auf Netflix gibt es bisher nur die erste.

 

After Life (Netflix-Original)

Ich hatte ja mit Ricky Gervais bisher relativ wenig Berührungspunkte, weil ich The Office (UK) nie geschaut habe (Shame on me!) und auch sonstige komödiantische Ausflüge seinerseits bisher weitgehend ignoriert habe. Als nun aber seine Serie After Life auf Netflix überall lobend erwähnt wurde, schaute ich rein – und war spätestens ab der 2. Folge hooked. Wie gehen wir mit dem Tod einer geliebten Person um? Tony (Gervais) lässt seine Trauer über den Verlust seiner verstorbenen Frau durch eher, nun ja, ruppiges Verhalten gegenüber seiner Mitmenschen raus. Eigentlich scheint ihn nur die Notwendigkeit, für seinen Hund sorgen zu müssen, davon abzuhaten, sich das Leben zu nehmen. Doch dann trifft er auf Menschen, die ihm ein wenig Lebensmut zurückgeben, u.a. Anne (Penelope Wilton), die einfach mit ihrem Humor und ihrer Weisheit immer genau das sagt, was Tony hören sollte. Ich liebe diese Figur! Lustig, traurig, mal sarkastisch, mal lebensbejahend, voller Herz, ohne das kleinste bisschen Kitsch. Absolut sehenswert!

 

Fleabag, Season 2 (BBC / Amazon Prime)

Zu Staffel 1 hatte ich bereits geschrieben:

Es ist wirklich erfrischend, wie Waller-Bridge hier die Grenzen zwischen Humor und Tragik mühelos übertritt und verwischt. […] Besonderheit dabei: Die Protagonistin kommentiert zwischendrin immer wieder zum Publikum hin, auch mitten im Sexakt, z. B. Nicht nur verbal, sondern auch durch Mimik verbündet sie sich immer wieder mit dem Publikum[…]

Als ich vor einigen Wochen dann las, dass Andrew Scott in der 2. Staffel mitspielte, konnte ich es kaum erwarten, dass sie in Deutschland auf Amazon Prime herauskam. Ich wurde nicht enttäuscht. Andrew Scott ist sozusagen die „cherry on top“ – er brilliert als fluchender, spätberufener katholischer Pfarrer, der so sexy ist (der offiziellen Bezeichnung für seine Rolle -„The priest“ – wird eigentlich immer das Adjektiv „hot“ beigestellt…), dass Fleabg ihm natürlich verfallen muss. Dem Publikum ergeht es kaum anders… 😳 Das ist natürlich schwierig, Zölibat und so…

Das Durchbrechen der vierten Wand wird auch fortgeführt und bekommt noch einen höchst interessanten Twist, bevor dann auch mit der Hilfe dieses Stilmittels am Ende ganz unmissverständlich klar gemacht wird: Das war’s dann, Leute, mehr gibt’s nicht! Schade, aber: Perfekt! Ansehen, aber ein bisschen plötzlich!

 

Crashing (Channel 4 / Netflix)

Quelle: IMDb; Copyright: Big Talk Productions

Nach Fleabag wollte ich einfach mehr – wie gut, dass mir bei Netflix diese (leider nur kurzlebige) Serie (2016) angezeigt wurde! Denn nicht nur hat Phoebe Waller-Bridge schon hier ein äußerst gutes Händchen bewiesen, was die Zeichnung von glaubwürdigen, aber auch irgendwie etwas durchgeknallten Charakteren anbelangt, sondern es spielen auch zwei männliche Schauspieler mit, die ich sogar schon live in London gesehen habe: Damien Molony (kennengelernt durch die letzten zwei Staffeln von Being Human UK, mit Patrick Stewart und Ian McKellen auf der Bühne gesehen) und Jonathan Bailey (im Musical Company auf der Bühne gesehen). Der Titel der Serie bezieht sich zum einen darauf, dass die von Waller-Bridge gespielte Lulu, einfach so in eine Party ihres Ex-Freundes (Molony) reinplatzt und in der Folge dann zunächst einmal in der ungewöhnlichen WG (in einem alten, leerstehenden Krankenhaus) übernachtet, später sogar miteinzieht. „Crash“ also im Sinne von „to crash a party“ (uneingeladen auf einer Party auftauchen) und von übernachten. Gleichzeitig geht aber auch einiges zu Bruch in diesen sechs Folgen – und ich meine hier nichts Materielles, sondern Beziehungen. Das geht rasend schnell, vielleicht etwas zu schnell, um die Zuschauer mitzunehmen (ich weiß nicht, warum es keine 2. Staffel gab)? Aber mir haben die Folgen viel Spaß gemacht – und so für den Serien-Quickie zwischendurch (6 Folgen à 30 min) absolut zu empfehlen!

 

Killing Eve, Season 1 (STARZ Channel bei Amazon)

Quelle: IMDb; Copyright: BBC America

Aller guten Dinge sind drei. Ms. Waller-Bridge ist die Schöpferin auch dieser Serie, die diesmal allerdings auf einer Buchreihe (Codename Villanelle von Luke Jennings) beruht. Die Serie hat schon einige Awards abgeräumt, darunter hat Sandra Oh, die die Ermittlerin/Geheimdienstagentin Eve Polastri spielt, den Emmy und SAGA erhalten, die Serie selbst hat zuletzt den BAFTA Award gewonnen, außerdem konnten zwei weitere Schauspielerinnen BAFTAs mit nach Hause nehmen: Jodie Comer für ihre Darstellung der psychopathischen Auftragskillerin „Villanelle“ und Fiona Shaw für die MI6-Chefin von Eve. Somit ist auch schon ein Grund klar, warum diese Serie so gut ist: Es gibt gleich drei sehr starke (damit meine ich: komplexe) Frauenrollen, die Männer stehen hier eher mal auf der Verliererseite. Natürlich nicht nur – es gibt auch sehr interessante männliche Figuren, allen voran Konstantin, Villanelles „Handler“, gespielt vom Dänen Kim Bodnia (aus Die Brücke) – aber die Dynamik zwischen den Frauen ist viel spannender. Denn obwohl sich Eve und Villanelle als Gegnerinnen gegenüberstehen, verbindet sie doch auch ein Band der gegenseitigen Faszination. Ein sehr empfehlenswerter Krimi, bisher gibt es über den zahlungspflichtigen STARZ-Channel erst eine Staffel zu sehen, im britischen Fernsehen läuft/lief gerade die zweite Staffel. Damit hat sich Phoebe Waller-Bridge ganz nach oben katapultiert: Sie ist eine der Drehbuchautor*innen des neuen Bond-Films Bond 25! Das lässt auf bessere Frauenfiguren hoffen.

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8 Gedanken zu “Neulich beim BINGEWATCHING #8: Britische Serien bei Amazon Prime & Netflix

  1. Ach ja, die Briten 🙂 After Life steht bei mir auch noch auf der Liste (genauso übrigens wie Skins, wo ich mir schon seit ewigen Zeiten vorgenommen hatte, mehr davon zu schauen)

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