Theater 2019 #3: Die Nacht kurz vor den Wäldern (Theater Basel; Autor: Bernard-Marie Koltés; Inszenierung: Robin Ormond)

Atemlos durch die Nacht…

„Kamerad – komm!“ – Mit diesen Worten lockt der namenlose Protagonist des Monologs „Die Nacht kurz vor den Wäldern“ jede/n einzelne/n aus dem Publikum persönlich aus der Monkey Bar hinaus in das abendliche Basel.

Als wir in die Monkey Bar kommen, sitzt Michael Wächter schon „in character“ an der Theke.

Über Kopfhörer spricht Michael Wächter nur zu mir, so fühlt es sich an. Außengeräusche nimmt man fast nur über das Mikrofon des Schauspielers wahr – man erlebt die Stadt sozusagen durch den Filter des Protagonisten.

Der erzählt von seiner Suche nach einem Zimmer für die Nacht (vom Regen völlig durchnässt) – einen Teil der Nacht, wie er nicht müde wird zu erwähnen – und davon, wie er eine Frau kennenlernte, der er hinterher laufen musste, mit der er eine Nacht auf einer Brücke verbrachte. Doch obwohl er ihren Namen (ihr wirklicher Name war es wohl nicht) hingeschrieben hat – auf jede der 31 Brücken -, tauchte sie nie wieder auf. Dazwischen geht es um Politik, um Verrohung, um eine Hure, die nachts auf dem Friedhof Erde gefressen hat, darum, dass er immer „der Fremde“ bleibt und offenbar auch um seine Mutter („Mama!“).

Foto von Kim Culetto für Theater Basel

Wir fahren mit ihm Straßenbahn. Ich setze mich ihm gegenüber. Er redet weiter, sieht mir dabei direkt und intensiv in die Augen, bevor er anschließend natürlich auch andere Zuschauer*innen anspricht. Doch dieser Moment gehört ganz mir, seine Augen durchdringen mich, ich genieße seine Stimme in meinen Ohren und seinen Blick in meinen Augen.

„Kamerad – komm!“ – Wir steigen aus, und kurz darauf läuft er uns auf einmal davon – Richtung Rhein – die Kopfhörer sind plötzlich stumm. Wir eilen hinterher, er ist weder zu hören noch zu sehen. Doch dann finden wir ihn wieder, stehend auf einem Geländer mit Blick auf den Rhein und das Ufer gegenüber in der Abenddämmerung. Es ist eine der schönsten „Theaterkulissen“, die man sich so vorstellen kann. Ich würde so gerne ein Foto machen, aber es scheint mir unpassend.

(Statt dessen haben wir die Szene am nächsten Tag nachgestellt:)

Später springt er sogar über so ein Geländer:

Foto von Kim Culetto für Theater Basel

Um dann mit dem Rücken zu uns von dieser Nacht auf der Brücke zu erzählen – das sah in etwa so aus:

So geht es weiter durch die immer dunkler werdende Stadt, in kleine Parks, durch die im Monolog so genannte „Hurengasse“ (dort standen tatsächlich Prostituierte auf der Straße), schnell auf ein kleines Bier in eine Kneipe, in ein kleines Lebensmittelgeschäft (zur Verwunderung echter Kunden), bis dann der Monolog in einem Park endet („Regen. Regen. Regen.“) – er rennt davon, diesmal endgültig.

Foto von Kim Culetto für Theater Basel

Das Stück ist aus, wir (Adoring Audience und ich) fühlen uns verlassen, eines Schlussapplauses beraubt. Wo ist er? Wo ist diese weiche und zugleich bestimmende Stimme in meinem Kopf? Obwohl er nicht die sympathischste Figur ist, irgendwie hat er mich berührt. Zwar kann ich seine Einstellung „Nach dem F**ken schnell wieder weg!“ nicht teilen, dann aber liegt auch viel Wahrheit in seinen Ausführungen zum Thema, wie man sich durch körperliche Nähe erst richtig kennenlernt. Und als er im Lebensmittelladen davon erzählt, wie er verprügelt wurde, von Männern, die ihn als „schwul“ bezeichneten, wie er da mit den Tränen kämpft, während er an der Kasse zum Bezahlen ansteht, da fühle ich mit ihm.

Michael Wächter zeigt in diesem Monolog, wie vielseitig er ist, denn sein Charakter durchläuft viele verschiedene Gemütsverfassungen, er ist melancholisch, mürrisch, wütend, traurig, voller Energie und auch irgendwie nicht fähig, etwas auf die Reihe zu kriegen. Er monologisiert mal nahezu atemlos über Politik, Arbeit und Gesellschaft, lässt dann aber auch wieder lange Momente der Stille zu, die manchmal schwer auszuhalten sind.

Ich finde, dieser Monolog aus dem Paris der späten 70er Jahre sollte nur so vorgetragen werden. Getoppt werden könnte das nur noch durch eine Privatvorführung „One on One“ im selben Stil. Aber auch so habe ich diese 80 Minuten in vollen Zügen genossen.

Und mir ist so, als ob Michael Wächter immer noch leise „Kamerad – komm!“ in mein Ohr flüstert…

Foto von Kim Culetto für Theater Basel
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