Theater 2019 #2: Kurzreviews 2.3.-7.3.2019 (Teil 1: It’s all about women!)

Eigentlich müsste ich schon bei Nummer 3 oder 4 sein, aber ich habe es ja leider nicht geschafft, alle im Januar gesehenen Stücke zu besprechen, nun also schon die März-Stücke…

„Wider Erwarten‟ habe ich es während dieser vollen Woche (zehn Veranstaltungen an sechs Tagen 😳 ) nicht geschafft, schon einmal Zwischenberichte zu schreiben. So beschränkte ich mich auf Tweets. Nun sollte ich mich wieder auf die Schule konzentrieren, aber es juckt mir doch in den Fingern, zumindest in Kurzreviews das Gesehene noch einmal Revue passieren zu lassen.

Dabei werde ich diesmal nicht komplett chronologisch vorgehen, sondern zunächst die Stücke vorstellen, die von weiblichen Hauptrollen dominiert waren, passend zum Frauentag am 8.3., wenn mir das beim Buchen der Tickets auch nicht bewusst war. Trotzdem kann ich sagen, dass der Fokus auf Stücken mit Frauen in Hauptrollen bei mir nicht gänzlich zufällig entstanden ist. Spätestens seit Wonder Woman und Black Panther ist in mir der Entschluss gewachsen, auch im Theater Produktionen zu unterstützen, die entweder aus der Feder von Frauen stammen, bei denen eine Frau Regie führt, oder in denen Frauen eine besonders wichtige Rolle spielen. Zusätzlich möchte ich außerdem vermehrt Stücke von „people of colour‟ (das umfasst Schwarze, Inder, Pakistani, Asiaten, Araber…) ansehen, sowohl um meine Solidarität zu zeigen, als auch um mehr über deren Erfahrungen zu, ja, erfahren. Diversity matters. Representation matters. The future is female.

All About Eve (Regie: Ivo van Hove, Noël Coward Theatre, 2.3.2019 14:30)

Photo by Jan Versweyveld

Dieses Stück basiert auf dem gleichnamigen Film von 1950 mit Bette Davis und zeigt, wie die glühende Verehrerin Eve Harrington (Lily James) des Theaterstars Margo Channing (Gillian Anderson) erst Margos Assistentin wird, dann ihre Zweitbesetzung (Understudy) und wie sie schließlich gänzlich ihren Platz als Hauptdarstellerin übernimmt. Ivo van Hoves Regiearbeit kann mich mal begeistern (A View from the Bridge, Lazarus, Network), mal lässt sie mich relativ kalt (Antigone, Obsessions, Hedda Gabler). All About Eve liegt irgendwo dazwischen.

Es gibt einige sehr nette Gimmicks, wie z. B. die Kamera im Spiegel, in dem sich Margo (Anderson) ansieht – sie sitzt mit dem Rücken zum Publikum, man sieht aber ihr Gesicht auf der Leinwand (und einmal sieht man sie gar im Zeitraffer altern). Auch wurden einige Ideen, die wohl noch von der Inszenierung von Network stammen, hier erneut, wenn auch etwas abgewandelt, eingesetzt, z. B. das Filmen und Übertragen von Szenen, die sich außerhalb des sichtbaren Teils der Bühne befinden. Das fand ich ganz clever gemacht. Schauspielerisch haben mir sowohl Gillian Anderson, als auch Lily James besser gefallen, als in den Stücken, in denen ich sie zuvor gesehen hatte (Anderson nur via NT Live). Leider saß ich allerdings sehr weit weg, sodass ich nicht so viel von der Mimik mitbekommen habe. Trotzdem gefiel mir, dass Anderson oft recht sarkastisch war, und Lily James hat diese Mischung aus naiv wirkender Verehrung und kalkuliertem Streben nach einem Platz im Rampenlicht sehr gut dargestellt. Fantastische Nebendarstellerin übrigens Monica Dolan. Das Stück wird am 11. April über NT Live übertragen. Durchaus sehenswert!

When We Have Sufficiently Tortured Each Other (Regie: Katie Mitchell, Dorfman Theatre at NT, 2.3.2019 20:00)

Dieses Stück von Martin Crimp ist ganz, ganz schwer zu beschreiben. Es zeigt „12 Variations on Samuel Richardson’s Pamela‟. Der Inhalt von Pamela (veröffentlicht 1740) wird so im Programmheft beschrieben:

A 15-year-old servant (Pamela) is approached by the master of the house (Mr B), who solicits her for sex. She resists and he abducts her. Encouraged by his housekeeper (Mrs Jewkes), he tries and fails to rape her. More twists and turns ensue, they realise they’re in love, they marry.

Doch die Geschichte ist offenbar schon bei Richardson keine einfache „beauty and the beast‟-Story. Pamela ist zwar jung, aber dem „Master‟ intellektuell ebenbürtig, sie ist der Situation nicht hilflos ausgeliefert, sondern bestimmt z. Tl. auch die Richtung des Geschehens.

Und so wird das im Stück auch dargestellt dadurch, dass sowohl die Frau (Cate Blanchett) als auch der Mann (Stephen Dillane) unter ihrer Oberbekleidung Strapse und Korsett tragen, ja, sogar zum Teil die Rollen tauschen. Die Inszenierung hat mich zugleich irritiert und interessiert. Obwohl der Mann die Frau gefangenzuhalten scheint, steht doch die Frau irgendwie im Zentrum, weswegen ich die Produktion bei den „Frauenstücken‟ eingeordnet habe (außerdem ist ja die Regisseurin eine Frau und ich habe das Stück wegen Cate Blanchett angesehen). Blanchett war unfassbar gut – sie und Dillane bewiesen viel Mut, sich in dieser Weise zu präsentieren.

Das Bühnenbild, das sehr realistisch den Innenraum einer Doppelgarage zeigte (inklusive Audi), hat mir  sehr gut gefallen. Trotzdem ein eher sperriges Stück, das ich mir ungern mehrmals angeschaut hätte.

Richard II (Regie: Adjoa Andoh & Lynette Linton, Sam Wanamaker Playhouse, 3.3.2019 13:00)

Photo by Ingrid Pollard

Dieser Inszenierung von Shakespeares Historiendrama Richard II möchte ich auch noch einen eigenen Artikel widmen, der dann vermutlich auf Englisch verfasst wird. Trotzdem hier ein paar Worte.

Dies ist die erste professionelle Shakespeare-Inszenierung auf britischem Boden, die nur von women of colour auf die Beine gestellt wird – auf der Bühne und dahinter. Warum, erklärt Adjoa Andoh im Programmheft:

I really want to switch things up, so that audiences don’t feel intimidated, but instead feel that this is a universal story that will have some application to inspire and encourage, or make people reflect on their own lives. We’ll be doing this play as we Brexit (and we will be on stage on March 29) and we’re doing it with women of colour, because Richard II is the great play about England, and I wanted it to be the people at the bottom of the empire telling the story. People of colour, and women, are always at the bottom of the heap, so women of colour get to tell that story.

Vielleicht fragt ihr euch, ob dann die Figuren im Stück alle zu Frauen umgeschrieben wurden. Nein, Richard II, Bolingbroke & Co bleiben sprachlich Männer, werden aber von Frauen in wunderschönen Gewändern dargestellt. Das ist ein wahrer Augenschmaus, denn jede Frau hat ein Kostüm an, das repräsentativ für die Wurzeln ihrer Herkunft steht. So viele, so schöne, so unterschiedliche Frauen – und das Ganze im Kerzenlicht (dieses kleine Theater wird nur durch Kerzenlicht beleuchtet)! Bezaubernd! Und irgendwann vergaß ich, dass da Richard II von einer Frau dargestellt wird, ich war einfach nur begeistert von der Schauspielerei von Adjoa und ihren Mitstreiterinnen, und von der Inszenierung mit Live-Musik und mitreißenden Gesängen. Einzigartig!

Home, I’m Darling (Regie: Tamara Harvey, Duke of York’s Theatre, 5.3.2019 14:30)

Das Stück von Laura Wade haben Adoring Audience und ich zuletzt gebucht. Mir war aufgefallen, dass ich ja die Hauptdarstellerin Katherine Parkinson inzwischen kannte (The IT Crowd, Humans), und da die Produktion, die zuerst im National Theatre gelaufen war, so erfolgreich war, dass sie ins West End weiterzog, dachte ich mir, wir sollten die letzte Möglichkeit nützen.

Photo by Manuel Harlan

Eine sehr weise Entscheidung! Allein die Bühne ist ein Genuss – man sieht sozusagen ein überdimensionales Puppenhaus, vorne offen, zwei Stockwerke: Unten Küche und Wohnzimmer, oben Schlafzimmer und Bad. Jedes Zimmer ist in einem anderen Farbton gestaltet und alles sieht so perfekt nach den 50er-Jahren aus, inklusive der Bewohner, dem Ehepaar Judy (Katherine Parkinson) und Johnny (Richard Harrington). Es ist nicht überraschend, dass es Nominierungen für die Olivier Awards in den Kategorien Best Set Design und Best Costume Design gab.

Ebenso wenig überraschend ist die Nominierung von Parkinson als beste Hauptdarstellerin – die Rolle ist ihr einfach auf den Leib geschrieben, und zwar tatsächlich wortwörtlich (Laura Wade hat das Stück bzw. die Rolle für Parkinson geschrieben). Ihr aus der zweiten Reihe zuzusehen, war ein solch großes Vergnügen!

Es geht in dem Stück um Lebensentscheidungen: Wenn sich ein Ehepaar (ohne Kinder) auf Vorschlag der Frau dafür entscheidet, wie in den 50er-Jahren zu leben, er als Brötchenverdiener, sie als perfekte Hausfrau, die dem Ehemann Frühstück und die Brotzeit zum Mitnehmen in die Arbeit macht, ihm sogar die Hausschuhe bringt – was macht das mit dem Mann, der Frau, dem Umfeld? Und was, wenn das Geld knapp wird? Wenn man einmal eine Entscheidung getroffen hat, muss man sie dann durchziehen, komme was wolle?

Die Antworten darauf sind vergnüglich, aber auch nicht ohne Tiefgang und Ernsthaftigkeit. Und es war ganz erfrischend, mal eine andere Herangehensweise zum Thema Feminismus zu sehen.

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