Theater 2019 #1: COMPANY & A VERY VERY VERY DARK MATTER (2.1.2019)

Ich halte ja nicht viel von guten Vorsätzen zu Neujahr und ständiger Selbstoptimierung, aber ich habe mir trotzdem vorgenommen, meine Theatererlebnisse wieder etwas vollständiger aufzuschreiben, damit ich sie nicht so schnell vergesse.

Hier also Kurzkritiken zu den ersten zwei Stücken, mit denen ich das Theaterjahr 2019 eingeläutet habe.

COMPANY (Gielgud Theatre; Lyrics & Music: Stephen Sondheim, Buch: George Furth, Regie: Marianne Elliott)

Eine gute Entscheidung, spontan noch in der Tube auf dem Weg von Heathrow Airport in die Innenstadt ein Ticket für diese „Musical Comedy‟ zu erstehen! Das Musical hatte im Original (1970) einen männlichen Protagonisten (Bobby), der an seinem 35. Geburtstag sein bisheriges (Liebes-)Leben überdenkt und sich fragt, warum er noch nicht verheiratet ist, all seine Freunde aber schon. Marianne Elliott hat aus Bobby „Bobbie‟ (Rosalie Craig) gemacht und auch ein paar andere Rollen getauscht und z. B. ein schwules Paar eingebaut, sodass das Musical sehr zeitgenössisch daherkommt. Das ist meines Erachtens sehr gut gelungen, denn es kam mir völlig glaubwürdig rüber, ohne das Original zu kennen.

Überhaupt ist die Inszenierung einfach wunderbar! Von der Besetzung über die musikalische Interpretation und die Choreografie (oft auf kleinstem Raum) bis hin zum Bühnenbild und Beleuchtung hat alles gepasst. Marianne Elliott ist eine Regisseurin, deren Tun ich mit Sicherheit auch weiterhin verfolgen wird, hat sie mich doch auch schon vorher mit Angels in America (live) und The Curious Incident of the Dog in the Night-time (NT Live) begeistert. Sie hat einfach fantastische Ideen zur visuellen Umsetzung von Theaterstoffen.

Noch ein kurzes Wort zur Besetzung. Rosalie Craig und ihre wundervoll weiche Stimme ist mir das erste Mal in The Threepenny Opera (National Theatre) aufgefallen, sie war der Grund, warum mich Company interessierte. Sie war wieder absolut umwerfend. ❤

Patti LuPone ist eine gefeierte amerikanische Broadway-Darstellerin und hat auch in vielen Filmen und Serien (u.a. Penny Dreadful) mitgespielt. Insbesondere ihre Solo-Nummer im 2. Akt hat im Publikum Begeisterungsstürme ausgelöst. Zurecht. Wow!

Der vielleicht auffälligste männliche Schauspieler war Jonathan Bailey, den man von Doctor Who und Broadchurch kennen könnte. Er spielt Jaimie, der im Original eine Amy war, der vor der Hochzeit mit Paul kalte Füße bekommt. Herrlich überdreht – und dazu auch noch sehr gut ausehend.

Tolles Musical, das ich gerne noch ein weiteres Mal ansehen würde!

A VERY VERY VERY DARK MATTER (Weltpremiere im Bridge Theatre; Buch: Martin McDonagh, Regie: Matthew Dunster)


Martin McDonagh ist ja vielen Film-Fans wohl bekannt, allerspätestens seit Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (sein bislang, wie ich finde, bester Film), vielen Cineasten aber sicher schon seit In Bruges (Brügge sehen und sterben). Laut Programmheft liegt ihm Film auch näher als Theater, und doch hat er ein ganz neues Theaterstück geschrieben, das wirklich sehr, sehr, sehr schwarzen Humor bietet.

Wie schon beim Lieutenant of Inishmore, basiert auch A Very Very Very Dark Matter auf wahren Ereignissen, aber doch eher lose… Historischer Hintergrund: Der Völkermord an womöglich 10 Millionen Kongolesen in der Zeit der Kolonialherrschaft Belgiens unter Leopold II. über den Kongo. Dazu mischt McDonagh den dänischen Märchendichter Hans Christian Andersen, der in seinem Dachboden eine Pygmäin (aus dem Kongo; Andersen nennt sie „Marjory‟) in einer Box aus Holz und Glas gefangen hält. Diese ist diejenige, die Andersen die Märchen schreibt, die er nur leicht umändert (so wurde z. B. aus „The Little Black Mermaid‟ einfach „The Little Mermaid‟. Ach ja, Andersen hat Marjory übrigens einen Fuß abgehackt, um dafür Zigeunern eine Ziehharmonika abzulaufen, und verkleinert die Box, in der Marjory eingesperrt ist, jedesmal um ein paar Zentimeter, wenn er sie im Gegenzug mal raus aus dem Käfig lässt. Da H. C. Andersen aber VOR der Zeit des Völkermords gelebt hat, wird das Ganze noch mit Zeitreisen verknüpft. Klingt komisch? War es auch!

Das Stück besticht durch wirklich sehr, sehr, SEHR schwarzen Humor, den Jim Broadbent als diabolischer Andersen auf den Punkt rüberbringt. ich habe es genossen, ihm aus nächster Nähe (Reihe A, Mitte) beim Spielen zuzusehen. Und dann ist da Johnetta Eula-Mae Ackles, klein gewachsen, im richtigen Leben mit einer Beinprothese. Der erste Moment, wenn man sie in ihrem Gefängnis sieht, lässt dir den Atem stocken. Das ist ein Bild, das ich sicher nicht so schnell vergessen werden. Doch man verfällt nicht in Mitleid, denn Marjory ist so voller Witz, Sarkasmus und Entschlossenheit (sie will vermeiden, dass die Zukunft, der Völkermord, geschieht), dass ich ganz unter ihrem Bann stand. Und ja, es macht einen Unterschied, wenn so eine Rolle tatsächlich mit einer Schauspielerin besetzt ist, die klein ist und weiß, wie es ist bzw. war, wenn dir ein Bein amputiert wird. Ich kann euch nur empfehlen, das untenstehende Interview anzusehen.

Das Stück hat sehr durchwachsene Kritiken erhalten – ich hatte höllischen Spaß dabei und fand es so erfreulich, dass der junge Mann hinter mir, noch lauter gelacht hat als ich. Das muss ja auch erstmal geschafft werden. Politisch inkorrekt, bekamen alle möglichen Nationen und Personen ihr Fett ab. Denn nicht nur H. C. Andersen hat seine Märchen nicht selbst geschrieben, auch Charles Dickens hatte mehr als nur eine Muse – Marjorys Schwester hat für Dickens geschrieben… Leider ist von ihr nur ein „skeleton in the cupboard‟ übrig geblieben. Ein bös-vergnüglicher Abend!

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7 Gedanken zu “Theater 2019 #1: COMPANY & A VERY VERY VERY DARK MATTER (2.1.2019)

  1. Sie ist wieder da! Und mit vielen tollen Erfahrungen. Schön! Dann wünsche ich dir an dieser Stelle schon einmal einen guten Start ins neue Jahr (auch wenn das Schuljahr schon läuft). 🙂

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