Theater in London 2018 #4: Kurzreviews (Ende Juli / Anfang August)

Es ist ja beschämend, dass ich es kaum mehr schaffe, jedem Theaterbesuch einen eigenen Artikel zu widmen (das bekomme ich ja nicht mal mehr für alle Filme hin! 😦 ), aber da ich diesmal mein Netbook dabei habe, werde ich euch wenigstens einen Kurzüberblick geben (hier nur Reviews, keine Stage-Door-Erlebnisse).

Killer Joe (31.7.18) – Trafalgar Studios (Buch: Tracy Letts, Regie: Simon Evans)

Vielleicht war ich einfach durch die Verfilmung des Stücks von William Friedkin mit Matthew McConaughey (2011) zu sehr „vorbelastet‟, sodass mich die Inszenierung nicht mehr so schockieren konnte, wie das wohl bei Theaterbesuchern, die das Stück noch nicht kennen, der Fall ist.

Es geht hier um eine „trailer trash‟ (ähnlich „white trash‟, aber mit dem Zusatz, dass sie in einem Trailerpark leben) Familie in Texas, die beschließt, die Mutter, die drogenabhängig ist und längst mit einem anderen Mann zusammenlebt, umbrongen zu lassen, um an ihre Lebensversicherung ranzukommen. Das soll „Killer Joe‟ Cooper (Orlando Bloom) übernehmen, ein Cop, der im Nebenberuf Auftragskiller ist. Nur blöd, dass der natürlich nicht damit zufrieden ist, das Geld erst NACH dem Mord zu bekommen…

Ich begrüße es ja, dass Orlando Bloom mit dieser Rolle weit vom Helden-Typecasting wegkommt, und er macht seine Sache schon auch sehr gut. Aber, ehrlich gesagt, gegen Matthew McConaughey kommt er einfach nicht an. Das konnte ich irgendwie nicht ausblenden, wie mich damals McConaugheys Performance umgehauen hat und ich ihn plötzlich als „ernsthaften Schauspieler‟ wahrgenommen habe.

Trotzdem eine durchaus stimmige Inszenierung mit sehr guten schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten (Sophie Cookson als Dottie, Adam Gillen als Chris, Neve McIntosh als Sharla und Steffan Rhodri als Ansel) und einem sehr gelungenen Bühnenbild. Mal sehen, ob mir das Stück beim zweiten Mal heute Abend besser oder weniger gut gefällt.

 

The King and I (1.8.18, 14:00) – The London Palladium (Musik/Buch/Lyrics: Rodgers & Hammerstein, Regie: Bartlett Sher)

Ich gestehe: Ich liebe die Story um den König von Siam und die Lehrerin Anna Leonowens seit der ersten Verfilmung des Stoffs mit Yul Brynner. Die zweite Verfilmung mit Jodie Foster und Chow-Yun Fat fand ich auch reizend. (Steckt doch eine hoffnungslose Romantikerin in mir?) Als ich also hörte, dass das Musical, das zuvor sehr erfolgreich am Broadway gelaufen war, nach London kommen sollte, und zwar mit niemand geringerem als Ken Watanabe in der Titelrolle, war mir klar, dass ich das sehen musste. Ich verehre Ken Watanabe seit seinem ersten Auftreten in einem Hollywood-Film (The Last Samurai) sehr – und wie oft hat man die Chance, einen japanischen Schauspieler live zu sehen?

Die Songs und Musik fand ich nicht so mitreißend, dass mir etwas davon hängen geblieben wäre oder es mich danach gelüstet, mir eine CD zuzulegen, aber die Produktion an sich war schon sehr beeindruckend: Ausschließlich asiatische Schauspieler*innen für die entsprechenden Rollen, bis hin zu den Kindern (die ausgesprochen ADORABLE waren <3), wunderschöne Kostüme, Bühnenbauten und Choreografie. Neben Ken Watanabe haben mich am meisten Kelli O’Hara als Anna und Na-Young Jeon als Tuptim begeistert.

King Lear (1.8.18, 19:00) – Duke of York’s Theatre (Buch: William Shakespeare, Regie: Jonathan Munby)

Seitdem ich die King Lear-Inszenierung aus dem Donmar Warehouse mit Sir Derek Jacobi (via NT LIVE) in der titelgebenden Rolle gesehen hatte, schreckte ich davor zurück, mir eine andere Inszenierung anzusehen, da ich mir nicht vorstellen konnte, wie man an diese Produktion herankommen könnte. Aber dann übernahm Sir Ian McKellen die Hauptrolle für das Chichester Festival und ich wusste, sollte das Stück nach London transferiert werden, MUSS ich es sehen.

Und es hat sich gelohnt! Tolle, moderne Inszenierung mit einem Steg durch das Publikum, fantastischen Performances von allen Schauspieler*innen, allen voraus natürlich Ian McKellen als King Lear, aber auch seine Töchter Regan (Kirsty Bushell), Goneril (Claire Price) und Cordelia (Anita-Joy Uwajeh) waren großartig! Meine Lieblingsnebenrollen waren die Brüder Edmund (James Corrigan) & Edgar (Luke Thompson, den ich schon als Laertes in Hamlet fantastisch fand!) samt ihrem Vater Gloucester, der bei dieser Vorstellung hervorragend von der Zweitbesetzung John Vernon dargestellt wurde.

Ich freue mich auf die Zweitsichtung Ende Oktober! Das Stück soll auch über NT LIVE übertragen werden – ich kann es nur empfehlen!

The One (2.8.18, 15:00) – Soho Theatre (Buch: Vicky Jones, Regie: Steve Marmion)

Dieses kleine Theater hätte ich wohl nicht entdeckt, hätte ich nicht erfahren, dass dort Tuppence Middleton (Sense8) spielen würde. Ich mag ja kleinere, intimere Theater durchaus sehr gerne, weil man da gleich viel näher am Geschehen ist. Außerdem hält sich der Andrang an der Stage Door (die es in diesem Fall so gar nicht gibt) in Grenzen, aber dazu in einem extra Artikel.

In diesem Drei-Personen-Stück geht es um das Paar Jo (Tuppence Middleton) und Harry (John Hopkins):

Harry and Jo are up all night drawing battle lines of a relationship based on desire, dependency and dirty games.

A viciously funny play by Vicky Jones, The One invites you into the world of a couple trapped in a destructive cycle of love and lust.

Es ist wichtig, das Wort „viciously‟ hier nicht zu überlesen, denn da bleibt einem schon mal das Lachen im Halse stecken bei dem, wie diese beiden miteinander und einer Freundin von Harry (Julia Sandiford) umgehen. Uff. Und trotzdem konnte ich die Augen von Tuppence nicht abwenden, denn sie spielt wirklich ganz hervorragend (und sieht außerdem einfach unglaublich gut aus!). Obwohl das zum Teil ganz schön harte Kost ist, freue ich mich schon sehr auf morgen, denn da sehe ich es zum zweiten Mal, und danach gibt es auch einen (wohl englischsprachigen) Beitrag zu meinen Begegnungen mit Tuppence. ❤

The Lieutenant of Inishmore (2.8.18, 19:30) – The Noël Coward Theatre (Buch: Martin McDonagh, Regie: Michael Grandage)

Bleiben wir bei „viciously funny‟! Martin McDonagh (In Bruges, Seven Psychopaths, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) hat schon einem extrem schwarzen Humor!!! Und Michael Grandage hat sich getraut, diesen auch entsprechend explizit auf die Bühne zu bringen: Da hängt minutenlang ein Schauspieler kopfüber (an den Füßen aufgehängt) für die Folter durch den „leicht‟ durchgedrehten Lieutenant Padraic (Aidan Turner) seiner eigenen IRA-Splittergruppe, und es werden z. B. Leichenteile auf der Bühne zersägt…

Was für ein Heidenspaß! Zu schade, dass ich mir da nur ein Ticket geholt hatte, das Stück würde ich mir sofort ein zweites Mal ansehen, und zwar nicht NUR, weil Aidan Turner so gut dabei aussieht, wenn er auf den Tod seiner Katze völlig überreagiert! 😀 Hat mich ein bisschen an seine Rolle als Vampir in Being Human erinnert… ❤

Othello (3.8.18) – Shakespeare’s Globe Theatre (Buch: William Shakespeare, Regie: Clare van Kampen)

Das erste Mal ein Stück als „Fußvolk‟ im Globe Theatre erlebt – und das hat genau so eine Wirkung gehabt, wie es sich Shakespeare wohl gewünscht hätte. Das Publikum (insbesondere die Gruppe von Jugendlichen in meiner Nähe) lachte, schrie vor Entsetzen auf, weinte und jubelte. Der Applaus am Ende war wie nach einem Rockkonzert – ähnlich begeisternd also wie das immersive Erlebnis von Julius Caesar im Bridge Theatre (ich berichtete), aber auf eine andere Art und Weise, weil die Inszenierung Iago (Mark Rylance) etwas lustiger angelegt hat. Dadurch geriet das Publikum schnell in die richtige Stimmung. Jedes Mal, wenn irgendjemand „honest Iago‟ sagte, gab es Gelächter. Und so sehr ich es in anderen Theatern vielleicht als störend empfinden würde, wenn jemand das Geschehen oder einzelne Zeilen, die gesagt werden, kommentiert, hier hat mich das richtig glücklich gemacht, dass die jungen Leute so involviert im Stück waren, dass sie nicht anders konnten, als ihrem Entsetzen o. ä. Luft zu machen.

Ganz anders als etwa die Version, die ich mit Rory Kinnear als Iago via NT LIVE gesehen habe, viel mitreißender, z. B. durch Gesang, Tanz und extrem realistisch wirkende Kampfszenen. Ich bin absolut begeistert!

Hamilton (6.8.18) – Victoria Palace Theatre (Buch/Musik/Lyrics: Lin-Manuel Miranda, Regie: Thomas Kail)

Mein zweites Mal, diesmal vom Parkett aus (schlechtere Sicht als von oben) und mit Monaten des Anhörens und Mitsingens der CDs hinter mir. Da ich definitiv mal noch eine Lobeshymne nur für dieses Musical verfassen werde, hier nur in aller Kürze: Seltsames Gefühl, wenn dir irgendwie heiß ist und dann ein Track kommt, bei dem die gesamte Besetzung zusammen singt und du eine Gänsehaut bekommst, als hätte es Minusgrade. Wow! Selbst nach so häufigem Hören der Tracks zu Hause haut das Live-Gefühl doch ganz anders rein! Trotzdem musste ich mich erst etwas an die anderen Stimmen und Interpretationsweisen gewöhnen. Dann aber war ich wieder völlig „in the moment‟ und habe zum Schluss Tränen vergossen.

Als Musical schwer zu toppen!

 

Diese neuen Stücke sehe ich in den nächsten Tagen:

Musicals:

  • Kinky Boots
  • Strictly Ballroom

Theaterstücke:

  • Translations (2x)
  • Allelujah!
  • A Monster Calls
  • Exit the King
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17 Gedanken zu “Theater in London 2018 #4: Kurzreviews (Ende Juli / Anfang August)

  1. Frage: ich fliege jetzt sehr kurzfristig beruflich nach London, was mir unerwarteterweise die Möglichkeit bietet, den alten Katzenfreund doch noch zu sehen. Ich war erst einmal im Noel Coward, bringen’s die ganz teuren Tickets wirklich, oder reichen vom Production Design auch die in der dahinter? Ich bin ja schasaugert…

    1. Oh! Wann kommst du? Also, ich war relativ weit vorne, das war schon schön, aber das Production Design siehst du sicher auch von weiter hinten. Wobei… die Leichenteile… 😉

      1. Ich hab kein Problem mit Leichenteilen, ich bin aus Wien 😉
        In ca 2 Wochen. Wenn mein Flug dann mal gebucht wird… Ich weiß nicht, ob ich an einem Abend mit den Kollegen noch ein Abschieds-Get Together hab, aber das Stück wollte ich seit Jahren sehen, also muss es jetzt sein 😉

          1. Ahhhh 😉 Irgendwie verpassen wir uns momentan immer, das ging schon besser 😉
            Bin schon gespannt, was du zu Strictly sagst. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme, ich fürchte mich dass das Musical dem nicht gerecht werden kann…

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