Neulich beim SNEAken: Call Me By Your Name (Luca Guadagnino, Italien/F/Brasilien/USA 2017)

Quelle: IMDb/Amazon; Copyright: Sony Pictures Releasing

In your place, if there is pain, nurse it, and if there is a flame, don’t snuff it out, don’t be brutal with it.

Das ist ein Zitat aus einer der besten „Ansprachen‟ eines Vaters an seinen Sohn, die ich je erlebt habe. Zitiert habe ich es nach dem Buch Call My By Your Name von André Aciman, aber der gleichnamige Film gibt diese Unterhaltung ziemlich eins zu eins wieder – und das ist gut so, denn es ist entspricht schon ziemlich meiner Philosophie, Schmerz zuzulassen und nicht so lange zu unterdrücken, bis man gar nichts mehr fühlt.

Doch ich ziehe gerade den Film von hinten auf…

Fangen wir doch am Beginn an: Es ist Sommer „somewhere in Northern Italy‟ 1983, und der neue „house guest‟ der Perlmans – eine jüdisch-amerikanisch-französisch-italienische Familie, die ihre Sommer (und Weihnachten) in ihrem Domizil in Italien verbringen – kommt an: der 24-jährige Oliver (Armie Hammer), der sechs Wochen lang dort an seinem Buch arbeiten will/darf und dabei außerdem Vater Perlman (Michael Stuhlbarg), ein Archäologieprofessor, assistiert.

Oliver sieht blendend aus und hat ein einnehmendes, aber manchmal auch arrogant wirkendes Wesen, gerade sein nonchalantes „Later!‟ (statt „See you later‟ oder „Goodbye‟) findet der Sohn des Professors, Elio (Timothée Chalamet), zunächst eher nervig und herablassend. Doch mit der Zeit entwickeln sich immer mehr Gefühle bei Elio – doch werden die auch von Oliver erwidert? Mal scheint es so, mal zeigt Oliver Elio die kalte Schulter… Je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen, desto mehr fühlt sich Elio zu Oliver hingezogen. Und auch Olivers Zuneigung wird schließlich offenbar.

Ich möchte jetzt gar nicht die ganze Geschichte erzählen, wusste ich doch selbst vorher nicht viel über diese wunderschöne, langsam und sinnlich erzählte Liebesgeschichte, die Oscar-Nominierungen in vier Kategorien bekommen hat: Bester Hauptdarsteller (Timothée Chalamet), Bestes adaptiertes Drehbuch (James Ivory; den BAFTA hat er dafür schon gewonnen), Bester Original Song („Mystery of Love‟ von Sufjan Stevens) und Bester Film.

Ich gliedere aus gegebenem Anlass (die Oscarverleihung ist schon nächstes Wochenende) den Rest meiner Kritik nach diesen Kategorien.

Best Performance by an Actor in a Leading Role:

Timothée Chalamet ist eine Offenbarung! Ich konnte meine Augen auch dann schwer von ihm lösen, wenn Armie Hammer mit in der Szene war – und das ist schon allein eine großartige Leistung, denn Armie sieht einfach hammermäßig (pun intended) aus, mit seinen blonden Haaren und diesen unglaublichen Blicken… Aber Timothée steht ihm wirklich in Nichts nach, und nachdem ich heute in einem Rutsch auch die Romanvorlage gelesen habe, finde ich seine Leistung noch besser, da er wirklich durch seine Mimik und Körpersprache all die widersprüchlichen Gefühle und Gedanken ausgedrückt hat, die im Buch durch den Ich-Erzähler ausführlich beschrieben werden. (Der Regisseur bzw. James Ivory als Drehbuchverfasser hat auf Voice-over komplett verzichtet, was eine gute Entscheidung war.) Und die Palette dieser Gefühle ist äußerst reichhaltig! Timothée wird wohl gegen so Größen wie Gary Oldman oder Daniel Day-Lewis keine Chance haben, aber ich würde ihm den Oscar absolut gönnen. Dazu kommt, dass er mit Armie eine wirklich prickelnde Chemie hat, weswegen ich an dieser Stelle auch Armie bzgl. seiner Darstellung von Oliver loben möchte, denn er schaut beileibe nicht einfach nur gut aus. Er spielt diesen scheinbar so überaus selbstbewussten jungen Mann auch sehr nuanciert, mal sexy, mal besorgt, mal liebreizend und warm, mal abweisend, mal ironisch, mal ehrlich und offen… Wer seinem Charme in diesem Film widerstehen könnte, möge sich melden. (Auch wenn ich seinen 80er-Jahre-Style beim Tanzen eher weniger sexy fand… 😉 )

Best Adapted Screenplay:

Wie gut, dass ich bei meinem letzten Londontrip aus einer Laune heraus den Roman Call Me By Your Name von André Aciman im Gay’s the Word-Bookshop gekauft hatte. So konnte ich, nachdem ich gestern so beseelt nach der Sneak Preview heimgekommen war, heute einfach noch mehr über Elio und Oliver erfahren – und habe mal eben an einem Tag das ganze Buch (knapp 250 S.) ausgelesen, auch wenn das gegen Abend wieder schwierig wurde wegen meiner Augen. Außerdem kann ich nun auch besser beurteilen, ob James Ivory (Maurice, A Room with a View) den Roman gut adaptiert hat. Ich finde, das ist ihm tatsächlich sehr gut gelungen, auch wenn das Ende des Films sich doch sehr von dem des Buches, in dem noch in die „Zukunft‟ geschaut wird, unterscheidet. Wie ich gerade gelesen habe, denkt Guadagnino darüber nach, mindestens eine Fortsetzung zu drehen (2020, wenn Timothée Chalamet 25 ist), allerdings hat James Ivory offenbar kein Interesse an so einem Sequel, dafür haben wohl Chalamet und Hammer ihr Interesse bekundet. Auch wurde z. B. eine Nebenfigur komplett weggelassen, die zwar Oliver noch liebenswerter erscheinen lässt, aber es ist eine nachvollziehbare Entscheidung. An der Chronologie wurde auch das ein oder andere geändert, aber da der Film in sich stimmig wirkte, stellt dies auch kein Problem dar. Ivory übernimmt dafür die wichtigsten Dialoge ziemlich wörtlich (wie z. B. das Gespräch zwischen Timothée und seinem Vater), wodurch ich behaupten möchte, dass die Adaptierung voll gelungen ist. Von daher wäre ich über einen Oscar für James Ivory sehr glücklich!

Best Achievement in Music Written for Motion Pictures (Original Song):

Sufjan Stevens ist einfach ein Meister im Schreiben von melancholischen Songs. Im Film kommen zwei Lieder von ihm vor, aber „Mystery of Love‟ ist nominiert.

Er ist momentan ohnehin mein „Go-to-guy‟, was Musik anbelangt, wenn ich meinen Gedanken nachhängen und meinen Gefühlen nachspüren will. Jedesmal, wenn dann auch noch irgendein Lied von ihm in einem Film oder einer Serie auftaucht, bin ich einfach nur glücklich, egal wie traurig das Lied auch sein mag, dass Filmemacher Sufjan Stevens so gerne mögen wie ich. Genial auch, „Visions of Gideon‟ für die Schlusszene/den Abspann zu verwenden. ❤

Best Motion Picture of the Year:

Wenn Three Billboards outside Ebbing, Missouri nicht bester Film wird, dann bitte dieser Film. Ich habe mich in diese Liebesgeschichte Hals über Kopf verliebt, in die beiden Männer, in die Sinnlichkeit, die keine expliziten Szenen braucht (hat das Buch auch nicht wirklich), in die verständnisvollen, aufgeschlossenen Eltern von Elio, insbesondere den Vater. Und ich glaube, es gibt kaum ein größeres Kompliment für die Verfilmung eines Buches, wenn man sofort nach Ende des Films damit beginnen möchte, das Buch zu lesen. Doch ist der Film mainstreamtauglich? Die Abstimmung nach Ende der Sneak Preview war äußerst gemischt, das ist etwas schwer einzuschätzen. Ich wünsche dem Film auf jeden Fall ein großes Publikum, auch hier in Deutschland, wo er nächste Woche anläuft.

10 von 10 Punkten! Prädikat „instant Lieblingsfilm‟!

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16 Antworten zu Neulich beim SNEAken: Call Me By Your Name (Luca Guadagnino, Italien/F/Brasilien/USA 2017)

  1. hurzfilm schreibt:

    Der Film ist zweifellos gut. Allerdings stößt mir der Hype um den Film auch unangenehm auf. Nicht, weil das Lob isoliert betrachtet, nicht gerechtfertigt wäre. Sondern, weil der exakt gleiche Film ein komplett anderes Echo – einschließlich formidablem Shitstorm und Boykottaufrufen – generieren würde, wenn Elio ein 17-jähriges Mädchen wäre. Tatsächlich wurde dieser Heuchel-Faktor auch von einigen Kritikern angesprochen, aber nur von wenigen.

    • singendelehrerin schreibt:

      Schmarrn, Baby in „Dirty Dancing“ war auch erst 17 und Johnny definitiv über 20. No outrage. Kultfilm.

      • hurzfilm schreibt:

        „Schmarrn“?

        Dirty Dancing erschien 1987, vor über 30 Jahren. Das öffentliche Bewusstsein war damals ein komplett anderes. Bis Mitte der 1980er hat sogar noch ein David Hamilton Filme gedreht, ohne dass diese zu einem Aufschrei führte.

        • singendelehrerin schreibt:

          Und deswegen ist „Dirty Dancing“ heute auf der Blacklist, oder was?

          Dass die Amerikaner mit ihrer Prüderie damit ein Problem haben könnten, klar. Aber bei uns sind doch bereits 16-Jährige sexuell mündig, sofern kein Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt wird.

          Außerdem spielt der Film in den 80er-Jahren.

          • hurzfilm schreibt:

            „Und deswegen ist „Dirty Dancing“ heute auf der Blacklist, oder was?“

            Nachträglich sind Bans und Shitstorms allgemein selten. Stichwort „Aufmerksamkeitsökonomie“.

            Aber ich kapiere es langsam: Wenn du dich in einen Film vernarrt hast, ist jede differenzierte Betrachtungsweise tabu.

          • singendelehrerin schreibt:

            So ein Blödsinn. Ich sehe es einfach anders, meine Nichte hatte in diesem Alter auch einen Freund, der 7 Jahre älter ist. Das ging sogar schon eher los, da freilich noch eher versteckt. Kein Aufschrei in der Familie. Reicht das als Erklärung?

          • hurzfilm schreibt:

            Okay, jetzt verstehe ich, warum du gleich so heftig reagierst hast. Du meinst, ich hätte mich mittelbar auf deine Kritk zum Film bezogen? Tut mir leid, wenn das so rüberkam. Du musst dich schon deswegen nicht angesprochen fühlen, weil du ja gerade zu den Menschen gehörst, die den Film auch mit einer 17-jährigen ProtagonistIN nicht für anstößig befunden hätten.

            Mir ging es um die _allgemeine_ mediale Resonanz, die einen deutlichen Doppelstandard offenbart. Und nicht nur das: Wäre der Film mit einer „Elia“ ein heißer Oscaranwärter? Ich zweifle.

          • singendelehrerin schreibt:

            Meines Erachtens spielt hier natürlich mit rein, dass es sich hier um gleichgeschlechtliche Liebe dreht, denn ohne diesen Faktor wären die Protagonisten ja nicht so verwirrt und hin- und hergerissen, vor allem, was Elio anbelangt. Sich in den 80er-Jahren einzugestehen, dass man sich zum selben Geschlecht hingezogen fühlt, ist natürlich eine ganz andere Geschichte, als wenn das hier eine Hetero-Liebesgeschichte wäre. Vergleichbar wäre das nur, wenn es Elia und Olivia wären.

  2. Katie schreibt:

    Auf den Film bin ich sehr gespannt. Ich hab den Trailer gesehen und war sofort fasziniert von Timothée Chalamet, bin wirklich gespannt auf ihn. Dass Armie Hammer dabei ist, ist jetzt auch nicht wirklich ein Nachteil 😉
    Das Buch kenne ich nicht. Eine Freundin von mir hat es (bevor wir von dem Film wussten) gelesen und mochte den Schreibstil überhaupt nicht. Umso überraschter waren wir, dass der Trailer so ansprechend aussieht 😀

  3. René schreibt:

    Ich bin auch schon gespannt auf den Film. Schon deshalb, weil es kein typischer Mainstreamfilm ist.

  4. Anica schreibt:

    Ich liebe, liebe, liebe diesen Film… Timothée Chalamet hat die Oscar-Nominierung auf jeden Fall verdient, aber auch alles andere an diesem Film finde ich toll, die Atmosphäre, Kamera & Schnitt, Soundtrack, die Art, wie hier mit der Homosexualität umgegangen wird (keine negativen Konsequenzen für irgendwen usw.), die Charaktere, die Geschichte an sich, die Schauspieler… ich denke, ich habe einen neuen Lieblingsfilm gefunden.

    Das Buch habe ich noch nicht gelesen, werde ich aber auch noch machen.

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