Nachgedacht meets Neulich beim BINGEWATCHING #4: This Is Us (Season 1) – eine emotionale Aufarbeitung

Photo by NBCUniversal – © 2016 NBCUniversal Media, LLC.

OK, zugegebenermaßen habe ich nicht die ganze Staffel gebinged. Aber ich denke, wenn man am Samstag Mittag direkt nach dem Aufstehen – noch während des Frühstücks – anfängt und erst nach vier Folgen (= am Ende der Staffel) wieder aufhört, kann man doch von Bingewatching sprechen.

Vorwarnung: Dieser Text ist eine Mischung aus Review und einer Ansammlung an Gedanken und Gefühlen, die diese Serie bei mir ausgelöst hat. Wer einfach nur eine Rezension lesen möchte und an meiner persönlichen Gefühlslage weniger interessiert ist, sollte sich auf die kursiv gedruckten Stellen konzentrieren…

Was soll ich sagen? Diese Familienserie trifft mich im Innern meines Herzens, vielleicht auch gerade in meiner aktuellen Lebenssituation besonders tief. Sie macht mich glücklich und stimmt mich melancholisch-traurig zugleich. Sie lässt mich an die gute Beziehung zu meinen eigenen Geschwistern und Eltern in tiefer Dankbarkeit denken und löst in mir einen tiefen Schmerz aus, dass ich es selbst nicht „geschafft‟ habe, eine eigene Familie zu gründen. Ein Schmerz, den ich glaubte, überwunden zu haben. Ich meinte, ich hätte meinen Frieden damit gemacht, dass ich keine Kinder habe und so ein „Jet-Set-Leben‟ (leicht übertrieben 😉 ) zwischen München und London führen kann. Offenbar kommt die alte Sehnsucht, das alte Bedauern dadurch, dass ich jetzt außerdem nicht mal mehr einen Partner habe, wieder mehr heraus.

Dabei vertrete ich ja immer die Meinung: Ich mache mein Lebensglück nicht von jemand anderem abhängig. Ich muss und kann selbst dafür sorgen, dass ich ein erfülltes Leben habe. Ein Partner ist quasi nur das i-Tüpfelchen. Ich lege diese Last keinem potentiellen Partner auf, mich glücklich zu machen. Ach, und wenn ich keine Kinder habe, kann ich auch ohne schlechtes Gewissen mein Geld zu Lebzeiten ausgeben, für mich. Freunde habe ich – durch die Bloggerei auch in ganz Deutschland verteilt – , eine Familie, die zwar 200+ km entfernt lebt, aber die immer für mich da ist. Ich habe kein Haus abzubezahlen, keine Schulden, keine Geldsorgen, einen unbefristeten Job in guter Position, der mir überwiegend Freude bereitet, eine Wohnung in München, deren Miete ich mir leisten kann. Dazu echte Leidenschaften, die mein Leben verschönern: für Filme und Serien, für englisches Theater, für Schauspieler und Schauspielerinnen, für die ich fast jederzeit nach London reise, für Singen und Musik (z. Zt. zu wenig), für die Fotografie, für unberührte Natur (z. B. in US-amerikanischen Nationalparks) und urbane Schönheit…

Aber nun fragt ihr euch sicher, was hat dies alles mit This Is Us zu tun? Nun, da muss ich doch ein bisschen über die Personen und die Handlung erzählen:

Kevin (Justin Hartley), Kate (Chrissy Metz) und Randall (Sterling K. Brown) sind Geschwister und alle am selben Tag geboren – Kevin und Kate sind Zwillinge und Randall ihr (schwarzer) Adoptivbruder. Ihr Eltern sind Jack (Milo Ventimiglia), der auch am selben Tag Geburtstag hat, und Rebecca (Mandy Moore). Ihre Geschichte wird nun in verschiedenen Handlungssträngen bzw. Zeitebenen erzählt: Da sind zum einen die erwachsenen Geschwister (36 Jahre alt), die mit verschiedenen Problemen zu kämpfen haben, und zum anderen wird die Geschichte der Liebe und Ehe zwischen ihren Eltern Jack und Rebecca erzählt. Zwischen diesen verschiedenen Ebenen wird immer wieder hin- und hergesprungen, und was Rebecca und Jack anbelangt, wird deren Geschichte auch nicht linear erzählt. Mir gefällt diese Erzählweise sehr, weil so immer ein paar Fragen offen bleiben (Was passierte davor/danach?).

Ich möchte euch aber schwerpunktmäßig die erwachsenen Geschwister vorstellen.

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Kevin ist sehr gut aussehend und Schauspieler. Jahrelang hat er in einer Sitcom den „Manny‟ („Man‟ + „Nanny‟) gespielt, als ernsthaften Schauspieler hat ihn aber so in Hollywood niemand angesehen. Aus verschiedenen Gründen schmeißt er schließlich diesen Job und zieht nach New York, um dort Theater zu spielen. Kann er es aber schaffen, ist er gut genug, um Theater zu spielen? Auch wenn Kevin oftmals nach außen hin selbstbewusst und charmant auftritt, quälen ihn jedoch auch enorme Selbstzweifel. In der Liebe scheint er auch nicht so recht zu wissen, was er wirklich will.

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Kate ist extrem fettleibig und will dem endlich ein Ende setzen. Da sie nach dem Weggang von Kevin nach New York quasi arbeitslos ist (sie war Kevins Assistentin), stürzt sie sich in eine Selbsthilfegruppe, wo sie Toby (Chris Sullivan) kennenlernt. Sie will aber eigentlich niemanden daten, der auch extrem übergewichtig ist, damit sie nicht zusammen in alte Muster verfallen. In ihr taucht auch immer wieder die Frage auf: Wer bin ich? Werde ich eine Andere, wenn ich abnehme?

Photo by NBC/Ron Batzdorff/NBC – © 2016 NBCUniversal Media, LLC

Randall ist erfolgreicher Geschäftsmann, verheiratet mit Beth (Susan Kelechi Watson), mit der er zwei reizende kleine Töchter hat. Er findet seinen biologischen Vater William (Ron Cephas Jones), ein ehemaliger Junkie und Musiker. Randall holt William zu sich und seiner Familie, die ihn recht schnell ins Herz schließt – doch lange haben sie ihn nicht: William hat Krebs im Endstadium… Randall wächst es über den Kopf, sich sowohl um seinen todkranken biologischen Vater zu kümmern, als auch vollen Einsatz in seiner Firma, die er groß gemacht hat, zu zeigen.

Alle drei Schauspieler stellen ihre Rollen so natürlich und authentisch dar, dass mir ihre Höhen und Tiefen absolut nahe gehen. Was hier sicher hilfreich ist, ist die Tatsache, dass ich keine der Schauspieler vorher wirklich bewusst in anderen Rollen wahrgenommen hatte. Was die Figuren außerdem so real wirken lässt, sind deren Schwächen.

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Kevin ist ja eigentlich ein richtiger Schönling, aber irgendwie so abhängig von seiner Schwester Kate, dass er erst, als er nach New York zieht, ein wenig selbstbewusster wird. Er springt schon mal relativ schnell von einem Bett ins nächste, ist aber nicht herzlos, es ist ihm nur noch nicht richtig klar, was bzw. wen er wirklich will.

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Kates Schwäche ist offensichtlich: ihre Fettleibigkeit – und ihre Unzfriedenheit damit. Dabei hat sie eine wunderschöne Stimme (von ihrer Mutter vererbt), doch nicht genügend Selbstbewusstsein, um daraus etwas zu machen, sprich, vor Publikum aufzutreten. Der Umgang mit dem Thema Fettleibigkeit gefällt mir sehr gut. Oft wird Übergewichtigen ja vorgeworfen, einfach disziplinlos zu sein – und ja, das ist auch bei Kate stellenweise ein Problem. Aber es wird auch gezeigt, was für ein schier unmöglich scheinendes Unterfangen es ist, bei SO viel Übergewicht sichtbare Ergebnisse beim Versuch abzunehmen zu bekommen. Wie frustrierend, wie demotivierend… Und trotzdem wird nicht gesagt: „Fette Weiber müssen erst abnehmen, wenn sie einen Mann finden wollen.‟ Toby, der selber ordentlich Speck auf den Rippen hat, liebt Kate so wie sie ist, würde kein Gramm missen wollen, und unterstützt sie doch letztlich, wenn es IHR Wunsch ist, abzunehmen. Also, meistens zumindest, auch Toby ist kein Heiliger, sondern hat seine Schwächen…

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Randalls Leben scheint perfekt – als einziger der drei hat er eine Familie gegründet, die wirklich adorable ist. Er ist auch beruflich am erfolgreichsten. Und doch hat ihn sein Leben lang die Frage umgetrieben, wer sein Vater sein könnte (wenn ich mich recht erinnere, wurde ihm zumindest gesagt, dass seine Mutter verstorben war). Dass er nun die Chance hat, seine Wurzeln tatsächlich kennenzulernen, wirft ihn emotional auch ganz schön durcheinander. Da er schon seit seiner Kindheit bei Stress unter Panikattacken gelitten hat, läuft er in Gefahr, durch die oben erwähnte Doppelbelastung zusammenzubrechen…

Photo by NBC/Ron Batzdorff/NBC – © 2016 NBCUniversal Media, LLC

Die Liebesgeschichte der Eltern von Kevin, Kate und Randall scheint teilweise zu gut, um wahr zu sein – Jack scheint der perfekte Ehemann und Vater. Das ist auch sein Ziel, denn sein eigener Vater war das genaue Gegenteil. Man spürt eine tiefe Liebe zwischen Jack und Rebecca, doch auch hier läuft nicht immer alles glatt, Alkohol ist im Spiel und Eifersucht… Aber die meisten Szenen zwischen ihm, Rebecca und den Kindern (werden in verschiedenen Altersstufen gezeigt) sind so herzerwärmend, dass sie in mir eben wieder diese ungestillte und unstillbare Sehnsucht danach, das auch selbst erfahren zu können, ausgelöst haben. Diese Liebe zwischen Eltern und Kindern aus der Elternsicht zu erleben, das war mir nicht vergönnt, was mich dann gedanklich weitergeführt hat zu der Frage, warum das so in meinem Leben gelaufen ist. Auch die Frage an mich, ob ich vielleicht erst noch den „Mann meines Lebens‟ (zumindest des restlichen…) finden muss, ob ich ihn finden werde, oder ob das ohnehin nur romantischer Schwachsinn ist.

Der Blick in die Zukunft, das ist dann der andere Stich, den mir diese Serie verpasst hat. William, der biologische Vater, hatte ein ziemlich beschissenes Leben voller Drogen und falscher Entscheidungen. Aber am Ende seines Lebens hat er Anschluss zur Familie seines Sohnes und findet so einen glücklichen Abschluss seines Lebens. Wer wird mich am Ende meines Lebens begleiten? Auf jeden Fall keine (eigenen) Kinder und Enkel… Hoffentlich meine Neffen und meine Nichte. Hoffentlich ein Partner.

Doch auch ganz abgesehen von meiner persönlichen Gemütsverfassung bietet die Serie so viele Momente, die einfach nahe gehen, dass sie für mich eine der besten Familienserien der letzten Jahre ist. Außerdem finde ich es eben so toll, dass hier eine wahrlich dicke Frau einer der Hauptcharaktere ist, ohne als Witzfigur zu dienen. Dass Chrissy Metz für ihre Darstellung mehrere Nominierungen bekommen hat (Golden Globe, Emmy), erfüllt mich mit Freude. Überhaupt sind die schauspielerischen Leistungen auf einem überaus hohen Niveau. Sterling K. Brown hat ja dieses Jahr auch – höchst verdient! – einen Golden Globe für seine nuancenreiche Darstellung gewonnen. Aber am schönsten ist für mich der Preis, den das ganze Ensemble bei den SAG Awards bekommen hat: Outstanding Performance by an Ensemble in a Drama Series. Indeed!

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Ich möchte euch This Is Us dringend ans Herz legen – die erste Staffel ist bei Amazon Prime inklusive, die zweite ist bisher noch kostenpflichtig.

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11 Gedanken zu “Nachgedacht meets Neulich beim BINGEWATCHING #4: This Is Us (Season 1) – eine emotionale Aufarbeitung

  1. Ich würde gerne etwas Kluges oder zumindest Tröstendes schreiben, aber so richtig fällt mir nichts ein. Ich hoffe, du machst deinen Frieden mit der Situation. Du bist eine so aktive und begeisterungsfähige Person, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass du später mal alleine bist.♡

  2. Ich finde es schön, wie du dich auf die schönen und positiven Dinge in deinem Leben konzentrierst – und dennoch die schweren Gedanken nicht wegschiebst. Das ist bestimmt nicht immer leicht, gerade weil die Trennung (gerade im Vergleich zu der langen Beziehung davor) noch relativ frisch ist. Umso schöner, wenn es eine Serie schafft, dich bei der Auseinandersetzung zu unterstützen bzw. dich zu neuen Gedanken anzuregen.

  3. Eine tolle Kritik, die Serie würde ich gerne sehen.
    Ich glaube nach der Trennung von einem Partner muss frau sich immer neu aufstellen und in Frage stellen. Nachdem vor fast 2 Jahren meine Ehe kaputt gegangen ist habe ich mich und mein bisheriges Leben gründlich durchleuchtet und mir war schon lange vorher klar, dass da eigentlich nichts mehr zu retten war. Jetzt habe ich die Gelegenheit dazu mich neu zu definieren und zu fragen was ich eigentlich noch von meinem Leben will, was gut und falsch läuft und bin doch erstaunt wie zufrieden ich bin. Ich habe mich noch nie und werde es auch hoffenltich nie über meinen Partner definiert. Und auch wenn ich zur Zeit manchmal gerne jemand an meiner Seite hätte,bin ich doch sehr froh zu merken, dass es auch ohne einen funktioniert.
    Ich denke bei Dir ist es genauso. Ein Partner sollte eine Bereicherung aber nicht lebensnotwendig sein 🙂

    1. Danke fürs Teilen deiner Gedanken und Erfahrungen. Bei mir ist jetzt schon die zweite Langzeitbeziehung gescheitert (war davor auch schon mal verheiratet), und ich will mich definitiv jetzt nicht überstürzt in die nächste begeben.

      1. Das hört sich gut an! Das Problem ist es wird immer schwieriger jemanden zu finden der uns so akzeptiert wie wir sind,
        Frauen die genau wissen was sie wollen…..

  4. Ich bin gerade noch mittendrin in „This is Us“ und mir gefällt die Serie bislang auch sehr gut. Danke, dass du deine sehr persönlichen Gedanken und Gefühle mit uns dazu teilst. Mir geht es eher so, wenn ich eben in die Zukunft blicke, und bei dem Thema dann gewisse Ängste entwickel: werde ich das auch mal so erleben? Will ich das überhaupt? Würden Kinder mich einschränken oder würde ich Kinderlosigkeit bereuen? Auf jeden Fall ein emotionales Thema, das „This is Us“ (bisher) sehr sensibel anpackt. Ich finde es zudem auch super gemacht, wie die Handlungsstränge von Eltern und Kindern parallel erzählt werden, am Ende der ersten Folge war ich sehr überrascht 😉

    1. Dankeschön für deine Gedanken dazu! Ich hatte übrigens auch nie diese Klarheit, die manche haben: „Ich will unbedingt ein Kind.“ Ich war immer irgendwie hin- und hergerissen, von daher verstehe ich auch deine Ängste.

  5. Ich kann das gut nachempfinden, dass die Serie auf der einen Seite unglaublich warmherzig einen an den guten Menschen glauben lässt und die Magie menschlicher Beziehungen, aber auch einen mit seinem eigenen Leben konfrontiert. Ich befinde mich das erste Mal im Leben auch in einer komischen Retrospektive, die mich in Bezug meiner Vorstellungen, Pläne und Wünsche von vor 10 Jahren mit der Realität des nahenden 25. Geburtstags ganz schön grübeln lässt. Aber auf der anderen Seite bin ich äußerst verblüfft, wie sehr sich meine Wünsche nun für die Zukunft geändert haben. Und ich denke, sobald man Ängste etc. ausspricht, verlieren sie an Schwere. Klar, kann man es als vertane Chance sehen, keine Familie gegründet zu haben, aber mein Gott, dann ziehe ich halt mit meinen zwei Katern zu dir und dann ist das auch ne Familie. Man muss einfach immer selbst die Spielregeln machen.
    Und jetzt mach dir einen tollen Abend! Dies ist ein Befehl.

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