The Ferryman (Buch: Jez Butterworth, Regie: Sam Mendes, Gielgud Theatre, 23.8.2017)

The Ferryman spielt in Nordirland während der Hungerstreiks der inhaftierten IRA-Mitglieder 1981. Bobby Sands ist bereits gestorben.

In dem Stück spielt dies durchaus eine Rolle, auch wenn es auf den ersten Blick einfach ein Familiendrama ist. Ein Drama, das mindestens 15 Familien zur Zeit der Troubles ereilte: Männer verschwanden (zunächst) spurlos, manche wurden später tot aufgefunden, das Schicksal von anderen ist bis heute ungeklärt. Man nannte die damals verschwundenen Männer The Disappeared. Butterworth basiert sein Stück auf der wahren Geschichte der Familie von einer der Hauptdarstellerinnen, Laura Donnelly. Sie sagt im Interview mit dem Evening Standard:

My uncle, Eugene Simons, was one of the Disappeared. He was my mother’s brother and disappeared the year this play is set, 1981.

He was found by accident in 1984 in a bog by a man walking a dog. My mum and many other members of my family are just grateful that it didn’t go on as long as some did — most other families had 10, 20, 30 years. It’s a very, very cruel thing.

Die Familie im Stück ist dennoch fiktiv. In Quinn Carneys (Paddy Considine) Bauernhaus leben viele Menschen: Er und seine Frau Mary (Genevieve O’Reilly) samt ihrer sieben Kinder, dazu zwei Tanten und ein Onkel – und Caitlin Carney (Laura Donnelly), die Frau von Quinns seit 10 Jahren verschwundenem Bruder Seamus, und ihr Sohn Oisin (Rob Malone). Wir lernen als erstes Quinn und Caitlin kennen – ohne Vorwissen sieht es für den Zuschauer so aus, als seien die beiden ein Paar. Doch ihre gegenseitige Liebe – für den Außenstehenden, inklusive Quinns Frau Mary, eigentlich sofort sichtbar – werden sie sich erst spät im Stück eingestehen.

Laura Donnelly + Paddy Considine; Photo by Johan Persson

Der Tag der Ernte steht bevor – ein Tag, an dem gearbeitet und danach traditionell mit einer geschlachteten Gans gefeiert wird. Doch die Zuschauer wissen, dass der Tag wohl nicht so harmonisch enden wird, wie er begonnen hat. Denn in der ersten Szene haben wir erfahren, dass der Bruder von Quinn tot aufgefunden worden ist. Der IRA-Anführer Muldoon (Stuart Graham) beauftragt Father Horrigan (Gerard Horan) damit, Quinn darüber zu informieren. Man merkt schon, dass da offenbar Spannungen in der Luft liegen und dass es um mehr geht, als nur darum, eine traurige Nachricht zu überbringen.

Doch dann lernt man erstmal die Familie kennen, bis hin zum jüngsten Sproß der Familie, den 9 Monate alten Bobby – und da war es höchst interessant, die Reaktionen des Publikums mitzuerleben, als Shena (Carla Langley), die älteste Tochter Quinns, mit dem Baby die Treppe herunterkam: es war ein echtes Baby! Raunen und „Awww“s gingen durch den Saal, genauso wie später, als noch ein lebendiges Kaninchen und eine echte Gans ins Spiel kamen. Laut Programmheft sind die Tiere bühnenerprobt und Baby Bobby wird von 16 verschiedenen Babys „gespielt“.

Photo by Johan Persson

Mary, die Mutter, ist die meiste Zeit in ihrem Schlafzimmer und nimmt kaum am Familienleben teil, angeblich leidet sie an einem Virus, doch es sieht von Anfang an eher nach einer tiefen Depression aus. Die stärkere Verbindung scheint zwischen Quinn und Caitlin zu bestehen, die den Haushalt auch weitgehend alleine schmeißt. Neben den Kindern, die versorgt werden wollen (auch wenn die ältesten drei in Haushalt und auf dem Bauernhof kräftig mitanpacken), ist da auch noch Aunt Maggie (Bríd Brennan), die an Demenz leidet und nur von Zeit zu Zeit aus ihrem Dämmerzustand aufwacht – um dann den vier Töchtern der Familie Geschichten aus der Vergangenheit zu erzählen. Onkel Pat (Des McAleer) und Tante Pat (Dearbhla Molloy) liefern sich herrlich bissige Dialoge, wobei Tante Pat deutlich zynischer und politischer ist.

Es gibt auch einen Engländer, „slow‟ Tom Kettle (John Hodgkinson), der als Kind auf dem Land der Carneys gefunden wurde und seitdem irgendwie zur Familie (und zum Hof) dazugehört, auch wenn es insbesondere Aunt Pat immer wieder negativ aufstößt, dass er Engländer ist und für sie somit fehl am Platze ist. Doch für den Bauernhof ist er unersetzlich.

John Hodgkinson als Tom Kettle – mit Gans; Photo by Johan Persson

Ebenso kann am Erntetag auf die entferntere Verwandtschaft, die rothaarigen Corcoran-Brüder, gezählt werden. Hier kommt nun auch Tom Glynn-Carney (Dunkirk) ins Spiel, als Shane Corcoran, der sich erst vor kurzem in den Dienst von Muldoon hat einspannen lassen, zum Schmiere stehen, als Muldoon und seine Mannen einem der ihren eine Abreibung verpassten. Er taucht zwar relativ spät im Stück auf, ist aber für den Ausgang des Stückes sehr wichtig, da er den verärgerten und verzweifelten Oisin zu einer Tat anstiftet, die sehr tragisch endet.

Tom Glynn-Carney; Photo by Johan Persson

Sam Mendes‘ Inszenierung dieses brandneuen Stücks von Jez Butterworth sprüht nur so vor Energie und – zunächst – Lebensfreude, wozu zum großen Teil auch die Kinder und die „Alten‟ beitragen.

Im Vordergrund v.l.n.r.: Fra Fee als Michael Carney, Niall Wright als JJ Carney, Paddy Considine als Quinn Carney und Genevieve O Reilly als Mary Carney; Photo by Johan Persson

Doch unter der Oberfläche geht es u. a. um die Themen Verlust, Loyalität und Verrat, uneingestandene Liebe – und Politik. Und so ist da auch eine gewisse Schwere unter der scheinbaren Leichtigkeit des alltäglichen Lebens auf der Carney-Farm, schon bevor die Familie die Nachricht des Todes von Seamus (, der schon 10 Jahre tot war,) erhält. Als dann auch noch der IRA-Anführer Muldoon bei den Carneys auftaucht und Quinn darum „bittet‟, dass dieser für alle Zeiten seinen Mund hält und weder Polizei noch Journalisten gegenüber erwähnt, dass sein Bruder „vermutlich‟ von Muldoon ermordet wurde, kochen die Emotionen hoch zu einem äußerst tragischen Finale.

Paddy Considine + Genevieve O Reilly; Photo by Johan Persson

Die Inszenierung fühlte sich sehr authentisch an, wofür zum einen das detailverliebte, wunderschön realistische Bühnenbild (Designer: Rob Howell), der Wohnküche des Bauernhauses, samt Treppe in den 1. Stock und Türen in zwei weitere Zimmer (off stage) und nach draußen, verantwortlich ist. Zum anderen waren die Perfomances einfach sehr überzeugend, und zwar bis hin zu den jüngsten Schauspielerinnen. Ich hatte wirklich das Gefühl, einer Großfamilie zuzusehen. Am meisten stechen wohl Paddy Considine und Laura Donnelly heraus, aber The Ferryman ist eindeutig ein Ensemble-Stück, in dem (fast) jede/r mal seinen/ihren großen Moment hat. Ganz hervorragend fand ich auch den 22-jährigen Tom Glynn-Carney, der ja schon in Dunkirk zeigen konnte, das er schauspielern kann. Hier war er auch sehr präsent, sobald er auf der Bühne war – selbst wenn gerade viele auf der Bühne waren und der Fokus auf anderen lag. Talentierter junger Mann, von dem wir, glaube ich, noch einiges sehen werden. Sehr viele der Darsteller haben außerdem tatsächlich (nord-)irische Wurzeln (und so spielten auch vier schon in der nordirischen Serie The Fall mit: Donnelly, O’Reilly, Graham, Conor MacNeill), und für die Nicht-Iren gab es einen Dialect Coach in der Vorbereitung (Majella Hurley, hat auch schon für Game of Thrones gearbeitet, u. a.), sodass auch in dieser Hinsicht das Stück authentisch wirkt.

The Ferryman läuft noch bis zum 6. Januar 2018 und ist definitiv ein Anwärter für Best New Play bei den Olivier Awards!

 

 

 

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9 Antworten zu The Ferryman (Buch: Jez Butterworth, Regie: Sam Mendes, Gielgud Theatre, 23.8.2017)

  1. mwj schreibt:

    Der Titelsong zum Stück stammt von Chris de Burgh, oder? 😉

  2. KirstenSE schreibt:

    Sehr schöne Review! Ich freue mich bereits jetzt auf meinen zweiten Besuch im September! (ich hatte eine der ersten Previews im Royal Court gesehen). Paddy Considine hat heute mitgeteilt, dass er nur noch bis zum 07. Oktober mitspielen wird. Bin gespannt, wer seine Rolle übernehmen wird, aber bin froh, dass ich noch die Chance habe Paddy nochmals zu sehen – wirklich erstaunlich, dass dies seine erste Bühnenrolle überhaupt ist.
    Freut mich sehr, dass Dir das Stück auch so gut gefallen hat. Tom Glynn-Carney ist auch sofort auf meine „must watch“ Liste mit seiner charismatischen Darstellung gerutscht.

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