Neulich beim SNEAKen: Wind River (Taylor Sheridan, UK/CAN/USA 2017)

Quelle: fandango.com Copyright The Weinstein Company

Mein Wunsch wurde erhört! Seitdem ich auf Twitter Jeremy Renner folge und ich mitbekommen hatte, dass er u.a. auf dem Karlovy Vary International Film Festival (in Karlsbad, Tschechien) seinen neuen Film Wind River vorgestellt hat, war ich gespannt auf diese Regiearbeit von Taylor Sheridan. Leider musste ich feststellen, dass es laut IMDb für Deutschland keinen Kinostart-Termin gab, und so hoffte ich, dass uns der Film für die Sneak Preview bereitgestellt würde – schließlich gelangte so manch Indiefilm auf diese Weise doch noch ins deutsche Kino. Edit: Laut Wikipedia soll der Film im nächsten Jahr ins deutsche Kino kommen (8. Februar).

Was mich anzog an diesem Film, waren zwei Dinge:

Erstens: Jeremy Renner in der Hauptrolle mit Cowboyhut sah auf Fotos so gut aus wie noch nie.

Quelle: teaser-trailer.com

Ich bin zwar nicht so ein großer Fan von Renner wie meine Freundin D., aber seit The Hurt Locker schätze ich seine Schauspielkunst als extrem hoch ein und bedaure stets, dass sein Name immer noch vielen kein Begriff ist (obwohl er als Hawkeye in den Marvel-Filmen dem Blockbuster-Publikum eigentlich bekannt sein sollte).

Zweitens las ich, dass Taylor Sheridan das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat. Sold! Sheridans vorherige Drehbücher zu Sicario und Hell or High Water gehören für mich zu den Highlights aus den letzten Jahren, da konnte Wind River kein Reinfall werden.

Nun ist Wind River ein Film „based on actual events‟, was den Film auf den ersten Blick weniger original macht, aber es geht hier um keinen konkreten Fall, sondern um mehrere Tatsachen darüber, wie das Schicksal von indianischen Frauen (man verzeihe mir den politisch unkorrekten Begriff, die deutschen Entsprechungen des amerikanischen Begriffs Native American taugen einfach nicht als Adjektiv) vielfach ignoriert wird. Am Ende des Films lesen wir:

While missing person statistics are compiled for every other demographic, none exist for Native American women.

Laut Sheridan ist außerdem Folgendes wahr:

Sexual assault of a Native woman by a non-Native couldn’t be prosecuted because it was a state crime on federal land. At the same time, if you were a Native accused of assaulting a non-Native, you could be prosecuted twice, once by the federal government and once by the tribal police. It was a double standard of medieval proportions.

Ich hatte das nicht gewusst, und so ist der Film schon aufgrund der wahren Hintergründe wichtig.

Konkret geht es hier um die Aufklärung eines Verbrechens an einer jungen Frau aus der Wind River Indian Reservation in Wyoming: Cory Lambert (Renner), Mitarbeiter des United States Fish and Wildlife Service, findet bei der Suche nach Berglöwen, die Jagd auf das Vieh der Einwohner machen, die 18-jährige Natalie (Kelsey Asbille) tot im Schnee. Barfuß, und mehrere Kilometer von den nächsten Siedlungen und Häusern entfernt. Das FBI schickt die junge Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) aus Florida, um festzustellen, ob es sich um Mord handelt. Nur bei Mord würde das FBI weiter ermitteln, ansonsten würde die Tribal Police, also die Polizei der Indian Reservation auf sich gestellt sein. Jane will helfen, den Tod aufzuklären, da ihr aber kaum Hilfe zur Verfügung steht, bittet sie Lambert um Hilfe, schließlich ist er ein erfahrener Fährtenleser. Die Spur führt schließlich zu einer Ölbohrfima…

Lambert ist emotional besonders involviert, denn Natalie war eine Freundin seiner Tochter, die vor einigen Jahren auf ähnliche Weise ums Leben gekommen war – und deren Tod nie wirklich aufgeklärt worden war. Durch diesen Verlust ist die Ehe zu seiner indianischen Frau zerbrochen.

Sheridan zeigt die Abgeschiedenheit des Lebens in einem Reservat und Probleme, die damit einhergehen. Was mich jedoch am meisten bewegt hat, waren die zwischenmenschlichen Momente, vor allem diejenigen, die Cory Lambert mit Martin (Gil Birmingham, Hell or High Water), dem Vater von Natalie, hat. Zwei Väter, die ihre Töchter verloren haben. Cory unterstützt Martin, mal mit Worten, mal einfach stumm mit seiner Anwesenheit.

Sheridan fängt die unbarmherzige und trostlose, doch auch irgendwie schöne Winterlandschaft von Wind River (gedreht wurde in Utah) sehr gut fotografisch ein. Die Fahrten auf den Schneemobilen sind äußerst rasant, die Schneeflocken plastisch trotz 2D. Dazu kommt die Filmmusik von Nick Cave und Warren Ellis – sehr melancholisch, wie man es von Nick Cave erwartet. Sie trägt dazu bei, dass die Stimmung, die in diesem Gebiet herrscht, greifbar wird. Und diese ist in erster Linie eins: kalt. Es gibt nur wenige Momente, in denen eine gewisse Wärme spürbar wird, z. B. zwischen Cory und seinem Sohn Casey (Teo Briones).

Diese unterkühlte Stimmung, unterbrochen von explosionsartiger Gewalt und ein paar wenigen herzerwärmenden und herzzerreißenden Szenen, wird überzeugend dargestellt von vielen bekannten Gesichtern: Auf der „weißen Seite‟ sind da neben Renner und Olsen z. B. Jon Bernthal (The Walking Dead, Baby Driver) und Ian Bohen (Teen Wolf, ihn habe ich schon auf der Lunar Eclipse getroffen) zu sehen, bei den Native Americans kommen bei Graham Greene und Tantoo Cardinal sofort Erinnerungen an Dances With Wolves auf. Jeremy Renner liefert eine seiner besten Performances ab – und sieht dabei so verdammt gut aus, dass man sich wünscht, dass er den Cowboyhut nie wieder ablegt. Elizabeth Olsen kann viele verschiedene Seiten ihrer Figur zeigen: Sie ist mitfühlend und taff zugleich, wirkt in einem Moment eingeschüchtert, im nächsten aber nimmt sie die Zügel in die Hand.

Was vielleicht für manche nicht ganz so gut funktioniert, ist der finale Showdown und wie – über eine Rückblende – enthüllt wird, was tatsächlich passiert ist. Ich fand diese Rückblende sehr schwer zu ertragen, nicht nur wegen der gezeigten Gewalt, sondern auch wegen der Hassgefühle, die das, was da passiert, in mir hervorgerufen hat. Das muss man/frau ertragen können…

Definitiv ein sehenswerter, wenn auch recht schwermütiger Film, wenn auch vielleicht nicht ganz so gut, wie die Verfilmungen von Sheridans letzten zwei Drehbüchern. Sehr schade, dass der Film bei uns erst nächstes Jahr im Kino anlaufen soll, wobei dann immerhin die Jahreszeit besser passt. Vormerken! 7-8 von 10 Punkten.

 

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