Victoria (Sebastian Schipper, D 2015)

Quelle: Wildbunch Germany

Diese Kritik enthält Spoiler.

Endlich habe ich mir diesen außergewöhnlichen deutschen Film angesehen, der an meinem Geburtstag vor zwei Jahren in die Kino gekommen war, und da – wie üblich bei mir – von mir ignoriert worden war, schließlich liegt mein Fokus doch primär auf englischsprachigen Filmen. Nun, im Grunde genommen ist Victoria ja ein englischsprachiger Film, denn die Hauptfigur, Victoria (Laia Costa) ist Spanierin, weswegen der Großteil der Dialoge auf Englisch stattfindet.

Da ich ja vergleichsweise spät dran bin mit der Sichtung des Filmes, ist natürlich schon bekannt, was das Besondere an diesem Film ist: Das englischsprachige Filmposter verrät es: One city, one night, one take. Der Film wurde in einem Take in exakt den 2 Std. und 18 Min. (lt. IMDb) gedreht, die die Handlung dauert. Die Schauspielerei – größtenteils improvisiert – ist dabei für mich nicht das Beeindruckende: Jeder Theaterschauspieler kann auch über zwei Stunden auf der Bühne stehen, ohne dass jemand „Cut‟ schreit. Ich finde es vielmehr unvorstellbar, wie man das logistisch packt! Denn der Film wurde ja nicht irgendwo auf einem Set gedreht, auf dem man alle Ampeln auf Grün stellen kann und auch ansonsten alles unter Kontrolle hat. Der Film wurde in Berlin gedreht, vielleicht nicht ganz „the city that never sleeps‟, aber trotzdem eine Stadt, die selbst zwischen 4 und 7 Uhr am Morgen nicht völlig ausgestorben ist. Dass es nur drei Durchläufe dafür brauchte, um die endgültige Version zu erschaffen, finde ich ähnlich unglaublich. Wenn man bedenkt, wie oft manche Einzeltakes bei „normal gefilmten‟ Streifen wiederholt werden!

Doch ist das alles nur ein Gimmick, ein verzweifelter Versuch, sich vom Mainstream abzuheben, ein „style over substance‟-Ding? Was erreicht Sebastian Schipper damit? Er erreicht, dass man sich immer mehr hineingezogen fühlt und spätestens ab dem Zeitpunkt, als Victoria einwilligt, mit zu dem Treffen mit dem Gangster zu fahren, dieses Gefühl hat, dass man selbst mit im Auto sitzt. Am stärksten habe ich das gemerkt, als Victoria im (gestohlenen) Auto vor der Bank wartet und der Motor des Autos ausgeht und sie verzweifelt (und erfolglos) versucht, das Auto wieder zu starten. Da ist mir schon auch ein „F*ck‟ entfahren und ich habe fieberhaft mitüberlegt, was zu tun ist, wenn das Auto gar nicht mehr anspringt.

Quelle: Wildbunch Germany

Ab hier große Spoiler!

Hier kommt dann aber doch auch die Schauspielkunst, insbesondere von Laia Costa, ins Spiel. Wenn ich auch am Anfang überhaupt nicht verstehen konnte, warum sie mit den vier für mich zwielichtigen Jungs Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) mitgeht, ist ihre Entscheidung, den Jungs dann bei ihrem Banküberfall zu helfen, irgendwie nachvollziehbar, da ihr klar gemacht wird, dass sie das nur tun, damit Boxer seine Gefängnis-Schulden zurückzahlen kann. Irgendwie hat Victoria zu diesem Zeitpunkt die Jungs schon ins Herz geschlossen, und zwar nicht nur Sonne, mit dem sie am meisten Zeit verbringt. Wie ich in einem Interview mit Schipper gelesen habe, wurde diese Begründung erst beim letzten Take eingeführt – eine kluge Entscheidung, denn ansonsten hätte ich Victoria vermutlich gar nicht verstanden. Die Entwicklung, die Victoria in diesen Stunden durchmacht, stellt Laia Costa fantastisch dar – am spannendsten fand ich, wie sie auf die Mutter des Babys einredet, um ihr klar zu machen, dass sie das Baby brauchen, um aus dem Gebäude rauszukommen, dass sie dem Baby aber nichts antun würden. Da ist sie so voll auf Survival-Modus, das fand ich toll. Und dann ihre tiefe Trauer und Verzweiflung, als Sonne gestorben ist, da heult sie im wahrsten Sinne des Wortes „Rotz und Wasser‟. Ich denke, das fällt vermutlich nach so einer Tour de Force, die ja bestimmt auch körperlich anstrengend war (sie müssen ja vor der Polizei davonrennen), leichter, als wenn man das ad hoc als Einzeltake hinkriegen soll. Trotzdem eine tolle Leistung!

Quelle: Wildbunch Germany

Ein besonderer Film, der zurecht hochgelobt wurde – ich bin froh, dass ich ihn endlich gesehen habe! 8 von 10 Punkten.

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4 Antworten zu Victoria (Sebastian Schipper, D 2015)

  1. bullion schreibt:

    Schön, dass du den Film endlich gesehen hast. Ich fand ihn auch gut, konnte mich aber mit einigen der Gangster-Elemente nicht so recht anfreunden. Für mich hat der Film am besten funktioniert, bevor die dramatischen Szenen begonnen haben. Dennoch insgesamt ein wirklich packendes Erlebnis.

  2. Nummer Neun schreibt:

    Ja der war echt gut und hat durch die One-Take Geschichte ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Ich finde ja, dass deutsche Kino bietet verlässlich mindestens einen Film pro Jahr, den man sich guten Gewissens anschauen kann.

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