Angels in America, Part I + II (Tony Kushner, Regie: Marianne Elliott): National Theatre, 10.6.17 – Review #2 (Inszenierung)

Nachdem ich stunden-, wenn nicht tagelang mit dem Versuch verbracht habe, euch die Charaktere aus Tony Kushners Meisterwerk vorzustellen und meine Eindrücke dazu, wie sie von den Schauspielern im National Theatre dargestellt wurden, bin ich noch eine Kritik schuldig, die sich mit der Inszenierung durch Marianne Elliott beschäftigt.

Marianne Elliott ist manchen, die NT Live verfolgen, vielleicht durch ihre Inszenierung von War Horse bekannt. In diesem Stück, das – ebenso wie der gleichnamige Film – auf dem Roman von Michael Morpurgo basiert, wurden die Pferde durch „Puppenspieler‟ dargestellt. Egal wie man zu dem Stück und dem Stoff steht (ich persönlich fand weder den Film, noch das Stück inhaltlich besonders herausragend), diese Puppenspieler-Technik jedoch war groundbreaking! Das titelgebende Pferd wurde so real für die Zuschauer, dass man richtig mitfühlen konnte, obwohl sich die Puppenspieler nicht versteckten, sondern klar als solche zu erkennen waren. So etwas hatte ich vorher noch nicht erlebt!

Nun konnte Elliott für Angels in America auf diese Erfahrungen zurückgreifen, um den Flügeln des Engels Leben einzuhauchen. Das ist fantastisch gelungen! Sechs „Angel Shadows‟ bewegen die zwei großen Flügel-Teile, bzw. bilden die Verbindung zwischen den Flügeln und dem Körper des Engels (Puppetry Director and Movement: Finn Caldwell). Das National Theatre weiß schon, warum es weder bei den offiziellen Fotos noch in Trailern Bilder von diesem Engel zeigt – bei Vanity Fair gibt es immerhin ein Bild der Besetzung, auf dem die Flügel auch zu sehen sind:

Quelle: Vanity Fair; v.l.n.r.: Tony Kushner, Denise Gough Susan Brown, Amanda Lawrence, Nathan Lane, Andrew Garfield, James McArdle, Russell Tovey (unten), Nathan Stewart-Jarrett, Marianne Elliott

(zusätzlich verlinkt, für den Fall, dass das Foto gesperrt wird)

Das Bühnenbild (Ian MacNeil) und die Bühnentechnik sind auch überaus faszinierend. Was mir sehr gut gefallen hat, ist die Tatsache, dass die beiden Stücke nicht wie aus einem Guss sind, sondern unterschiedliche Bühnentechnik verwendet wird: Für Millennium Approaches werden drei Drehbühnen eingesetzt, die die jeweiligen Handlungsorte darstellten, während bei Perestroika die Zimmer z. B. durch entsprechende Beleuchtung und durch auf Rollen auf die Bühne gebrachte Props und Möbelstücke kreiert werden. Dazu kommt noch eine schmale Hebebühne, die direkt zwischen Zuschauern und Bühne nach oben gefahren wurde.

Photo by Helen Maybanks for NT

Das gibt beiden Stücken doch jeweils ihren eigenen Charakter, auch wenn die Beleuchtung (Paule Constable) ansonsten schon ähnlich wirkt. Neben den Basics haben wir dann auch noch verschiedene Effekte: Es schneit und regnet, es wird geflogen (es gibt einen „Aerial Director‟) und Prior fährt mit einer Leiter hinauf in den Himmel. Fantastisch!

Photo by Helen Maybanks for NT

Dazu wird gekämpft (Fight Director: Kate Waters) – Louis gegen Joe:

Photo by Helen Maybanks for NT

Und getanzt (Choreographer and Movement: Robby Graham) – Louis und Prior:

Photo by Helen Maybanks for NT

Die Musik von Adrian Sutton und das Sounddesign von Ian Dickinson unterstützen die visuellen Elemente perfekt.

Ich kann einfach nichts an diesen zwei Stücken finden, das man hätte besser machen können. Marianne Elliott hat ein Revival von Angels in America erschaffen, das das Publikum im Innersten getroffen hat, was die Standing Ovations – das Publikum stand sofort und ohne jegliches Zögern auf – bewiesen haben. Es ist ein Werk, das noch sehr lange nachwirkt – und auch bei einer Zweitsichtung trotz seiner enormen Länge nicht langweilt. Ich habe mir Perestroika noch ein zweites Mal via NT Live angesehen und war erneut begeistert und bewegt. Leider hat die NT Live-Übertragung von Angels in America anscheinend hier in Deutschland wenig Publikum gefunden – sehr schade und völlig unverdient!

Bei diesem Video könnt ihr noch einen Blick hinter die Kulissen eines Two-Play Days, so wie ich ihn erlebt habe, werfen:

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9 Antworten zu Angels in America, Part I + II (Tony Kushner, Regie: Marianne Elliott): National Theatre, 10.6.17 – Review #2 (Inszenierung)

  1. Wortman schreibt:

    Wenn ich diese minimalistischen Bühnenbilder sehe, weiß ich, warum ich moderne Inszenierungen meide.

    • singendelehrerin schreibt:

      Du, angesichts der vielen unterschiedlichen Handlungsorte kannst du einfach nicht mit einem statischen Bühnenbild arbeiten. Ich habe trotzdem schon weitaus minimalistischere Bühnenbilder gesehen – dagegen ist das hier sehr großzügig ausgestattet! 😉

      Ich stehe schon auch auf tolle, naturalistische Bühnenaufbauten, aber hier war es einfach auch faszinierend, wie das reibungslos geklappt hat, die einzelnen Handlungsorte so schnell (und ohne Vorhang dazwischen, was die Stücke nochmal eine halbe Stunde länger gemacht hätte) auf- und abzu“bauen“.

      • Wortman schreibt:

        Das stimmt schon aber es gibt ja auch Drehbühnen 😉 Wir haben auch eine.

        Modernes Theater ist nichts für mich. Wenn mal die Chance auf eine Oper besteht, schauen wir auch, ob es eine klassische Inszenierung ist. Sonst gehen wir erst gar nicht.

        • singendelehrerin schreibt:

          Die hatten ja sogar drei Drehbühnen für Teil 1. 😉

          Moderne Inszenierungen sind aber halt nicht jedermanns Sache. Da kann man auch schlecht missionieren, schätze ich. Wobei es da schon auch tolle Sachen zu entdecken gibt. Allerdings sind moderne Inszenierungen in Deutschland ja oft „modern auf Teufel komm raus“ – das find ich auch doof.

  2. Anica schreibt:

    Hach, so ein tolles Stück. Toll auch, deine Begeisterung dafür in den beiden Artikeln nochmal zu lesen. Kann ich auch nur zustimmen. Und ja, die Bühnentechnik und Licht und all das, wirklich genial gemacht.

  3. KirstenSE schreibt:

    Bei den wenigen negativen Kritiken bezüglich Angels wurde die Inszenierung als zu altmodisch und konservativ kritisiert. Dem kann ich mich aber definitiv nicht anschließen. Das Set von Teil 1 fand ich vor Ort etwas vollgestopft, da hätte ich mir die größere Drehbühne im Oliviertheatre gewünscht, aber das etwas freiere Set von Teil 2 fand ich einfach wunderbar.

    • singendelehrerin schreibt:

      Hm, komische Kritik… Kann ich nicht nachvollziehen. Außerdem muss ja nicht jede Inszenierung so „modern“ sein, wie die von Ivo van Hove, dessen abstrakter Stil mir auf Dauer so langsam auch etwas repetitiv erscheint… Bei „A View from the Bridge“ fand ich das erfrischend, aber von „Obsession“ z. B. war ich nicht so begeistert.

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