Filmfest München 2017: Paris Pied Nus (Dt. Paris Barfuß; Abel & Gordon, Frankreich/Belgien 2016) – Kurzkritik

Inhaltsbeschreibung (lt. Programm Filmfest):

Fiona reist von Kanada nach Paris, um ihrer Tante Martha zu Hilfe zu eilen, von der sie einen verwirrten Brief bekommen hat. Doch als Fiona in Paris ankommt, ist Tante Martha verschwunden und das tollpatschige Landei muss in der fremden Großstadt nach der alten Dame suchen. Statt ihrer Tante findet Fiona aber erst mal einen neuen Verehrer, den Obdachlose Dom, der nicht mehr von ihrer Seite weicht. Eine gelungene Ode an den Humor von Keaton, Tati und Kaurismäki.

Meine vorherrschende Blickrichtung, was Filme und Fernsehen anbelangt, ist ja immer gen englischsprachiger Kulturraum. Dabei entgehen mir oft solche seltene Perlen wie das belgisch-kanadische Duo Dominique Abel und Fiona Gordon, die mit Paris Pied Nus schon ihren vierten abendfüllenden Spielfilm veröffentlichen. Das Ehepaar Dom und Fiona hat sich vor dem Film kurz vorgestellt und war danach noch für ein Q&A da (, das ich allerdings vor seinem Ende verlassen musste, weil ich mich mit Adoring Audience verabredet hatte). So durfte ich erfahren, dass sich die beiden vor Jahrzehnten an einer Hochschule für Pantomime kennengelernt hatten und seitdem zusammen Theater spielen, und seit ca. 10 Jahren auch Spielfilme drehen. Wenn sie einen Film schreiben, schreiben sie erstmal das auf, was sie an Inhalt, Dialogen, Emotionen haben wollen, und spielen dann die Szenen in allen Rollen im heimeigenen Studio durch, bis sie dann auch die Ideen für die witzigen Slapstick-artigen Szenen bekommen. Dabei greifen sie immer wieder auf selbst erlebte Situationen zurück. So fiel anscheinend Fiona tatsächlich einmal in London in den Fluss (die Fiona im Film fällt rücklings in die Seine). Im Film gibt es auch eine wunderbare Tanzszene – Dom meinte dazu, dass sie stundenlang vor laufender Kamera  getanzt hätten, um dann vielleicht 2 Sekunden verwendungsfähiges Material zu finden. Ich wette, das war etwas übertrieben… 😉

Es fällt mir etwas schwer, Worte zu finden, die diesem wie aus der Zeit gefallenen Comedy-Film gerecht werden. Ich dachte eigentlich, solche Filme werden nicht mehr gemacht! Nehmen wir die Anfangsszenen: Da sieht man den kanadischen Heimatort von Fiona, komplett verschneit in ständigem Schneesturm, und ganz offensichtlich ein Modell. Und als es dann in eins der Häuser hineingeht und die Postbotin die Tür aufmacht, stürmt es eben in den Raum hinein, was zu diesem Bild führt:

Das ist herrlich übertrieben und generiert eine ganz andere Komik als so manche Komödien, die sich Fäkalhumor und ähnlichem bedienen, um das Publikum zu Lachen zu bewegen.

Der Film lebt natürlich dementsprechend auch von seinen beiden Hauptdarstellern, die eine wundervolle, ausdrucksstarke Körpersprache und Mimik an den Tag legen, die Dialoge fast überflüssig machen. Dom und Fiona wären wohl auch zu Stummfilmzeiten erfolgreich gewesen. Trotzdem sind auch die Dialoge fantatstisch (z. Tl. auf Englisch, z. Tl. auf Französisch). Sehr witzig z. B., als Dom eine Trauerrede (auf eine ihm unbekannte Frau) hält und nach den üblichen Lobhudeleien dazu übergeht, ihre ganzen schlechten Eigenschaften aufzuzählen. Darauf folgt nicht etwa Unmut der Anwesenden, sondern eher Zustimmung. Dazu kommen viele Reminiszenzen an andere Werke, wie z. B. bei diesem Szenenbild – wer denkt da nicht an die berühmten Fotos von den Arbeitern in New York?

Neben Dom und Fiona spielt auch noch Emmanuelle Riva (Amour) in ihrer letzten Filmrolle vor ihrem Tod mit. Dazu haben die beiden Künstler erzählt, dass sie ihre Rolle (Tante Martha) noch erweitert haben, als sie gesehen haben, wie sich die alte Dame eingebracht hat. Und sie spielt Martha wirklich ganz und gar reizend, hat außerdem noch eine „Tanzszene‟ auf einer Parkbank mit Pierre Richard (ja, DER Pierre Richard, der auch schon über 80 ist!), die mir unvergessen bleiben wird.

Momentan hat der Film offenbar noch keinen Verleih in Deutschland. Ich hoffe inständig, dass die Vertreter der Filmbranche auf dem Filmfest München sich diesen Film auch angesehen haben und auch die überaus positive Aufnahme des Films durch das Publikum, sodass Paris Barfuß auch irgendwann im deutschen Kino zu sehen ist! Wenn nicht, merkt euch den Film für eure DVD-Liste vor!

Ein Film, der sich wohltuend abhebt von allem, was sonst so im Kino an Komödien geboten wird. Es ist so offenbar, dass Dominique Abel und Fiona Gordon ihre Kunst gelernt und perfektioniert haben – die Vergleiche mit Charlie Chaplin und Buster Keaton müssen sie wirklich nicht scheuen.

Unbedingt sehenswert: 8 von 10 Punkten!

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16 Antworten zu Filmfest München 2017: Paris Pied Nus (Dt. Paris Barfuß; Abel & Gordon, Frankreich/Belgien 2016) – Kurzkritik

  1. away on a trip schreibt:

    In meine Liste eingefügt, ich hoffe der Film kommt zu uns. Deine Filmkritik klingt auf jeden Fall sehr gut, danke
    LG Andrea

  2. pimalrquadrat schreibt:

    Cocorico! 😀
    Ich finde es auch erfrischend, den Fokus auf Filme zu setzen, die nicht von den üblichen Verdächtigen stammen. Da ist zwar auch oft genug was dabei, was absolut nicht die Bohne für mich gemacht ist, aber hier und da gibt es richtige Perlen, und die gehen dann leider in der Maße unter, weil sie leider nicht die verdiente Aufmerksamkeit erhalten. Insofern, Danke fürs Teilen, und mal sehen, wie der Film mir gefällt. 🙂

    • singendelehrerin schreibt:

      Coco – was?

      „die gehen dann leider in der Maße unter“ – Na, bist du bei der „rette das Es-Zett“-Initiative dabei? 😀 😉

      Gern geschehen – schön, wenn sich jemand dafür interessiert! Du brauchst da natürlich dann keine Untertitel… Obwohl ich sagen muss, den bisschen französischen Text hätte ich vermutlich auch noch verstanden. 😉

  3. ainu89 schreibt:

    Also den Film muss ich mir merken….sollte sich doch noch ein Verleiher finden riskier ich da auf jeden Fall einen Blick

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