Nachgedacht: Angels in America, Part I + II (Tony Kushner, Regie: Marianne Elliott): National Theatre, 10.6.17

Bevor ich in mein Review zu dieser Produktion verfasse, möchte ich hier ein paar allgemeine Gedanken mit euch teilen.

Denise Gough hat in einem Video des NT erklärt, warum sie bei dem Stück mitmachen wollte: „I wanna be on the right side of history.‟ Das trifft es eigentlich ganz gut, wie ich mich während der Vorstellungen und danach gefühlt habe: Ich hatte und habe das Gefühl, Zeuge eines gesellschaftlich enorm wichtigen Ereignisses gewesen zu sein. Sozusagen meine erste aktive Teilnahme an einer Gay Pride Parade – als Heterosexuelle.

Ich bin erst relativ spät mit Homosexuellen in persönlichen Kontakt gekommen, da war ich schon über 30 (auf der Ring*Con kennengelernt). Vorher kannte ich Schwule nur aus Filmen, z. B. aus Maurice oder My Beautiful Laundrette (Mein wunderbarer Waschsalon). Ich fand diese Filme spannend und wunderbar romantisch. Trotz katholischer Erziehung hatte ich nie das Gefühl, dass Homosexualität eine Sünde ist. Ich betone das, um auch mal eine Lanze für die Katholiken an der Basis zu brechen. Meine Eltern waren (und sind) katholisch, aber immer weltoffen. Warum ich das überhaupt erwähne? Eine Figur in dem Stück ist Mormone, weswegen er sich jahrelang nicht zugesteht, homosexuell zu sein und das auch ausleben zu dürfen. Die Religion spielt also auch eine Rolle in Angels in America (neben dem Mormonentum noch das Judentum).

Langer Rede kurzer Sinn: Obwohl ich selbst hetero bin, war ich immer gegen Diskrimierung gegen Homosexuelle, so wie ich als Weiße gegen Diskrimierung von Schwarzen war. Und weil Angels in America: A Gay Fantasia on National Themes ein so wichtiger Beitrag zum Thema ist, was man auch am Publikum sah (ich habe noch nie so viele offen schwule Paare „auf einem Haufen‟ gesehen; ich gebe zu, ich war noch nie bei einem Christopher Street Day 😳 ), hatte ich das Gefühl: Ja, hier bin ich richtig. Ich will daran teilhaben.

An dieser Stelle muss ich betonen, dass meine Entscheidung, dieses Stück zu sehen, diesmal nicht hauptsächlich aufgrund der Besetzung gefallen ist, auch wenn es relativ früh bekannt war, dass Andrew Garfield und Russell Tovey mitspielen würden. Nein, der Wunsch, dieses Stück einmal sehen zu können, fiel, als vor drei Jahren Andrew Scott und Dominic Cooper bei National Theatre: 50 Years on Stage die erste Szene mit Prior und Louis spielten. Da fühlte ich irgendwie, dass dieses Stück etwas Besonderes sein muss, wenn mich nur 5 Minuten daraus zu Tränen rühren konnten.

Ich habe gerade überhaupt keine Ahnung, ob meine Worte ansatzweise das ausdrücken, was ich sagen will. Wenn ich das oben Geschriebene lese, habe ich das Gefühl, das klingt gerade besonders diskrimierend, weil ich betone, dass ich nicht gegen Schwule bin, wenn das doch eigentlich Normalität sein sollte. Ja, sollte es. Und für mich ist es das auch – und zwar auch ohne große Gesten. Nein, ich bin noch nie als Zuschauerin beim CSD gewesen, ich war auch noch nie überhaupt auf einer Demo, egal wogegen oder wofür. Vielleicht schäme ich mich ein wenig deswegen… Vielleicht ist es auch heuchlerisch, zu sagen, man ist gegen Diskriminierung und sich nicht aktiv gegen Diskriminierung zu engagieren.

Obwohl, ganz so ist es ja nicht: Als Lehrerin versuche ich natürlich, für meine Schülerinnen und Schüler ein Beispiel für Toleranz, Akzeptanz, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und Emanzipation zu geben und gleichzeitig gegen Hass, Vorurteile, Sexismus und Rassismus einzustehen. Ich vergebe Referats- und Seminararbeitsthemen zu Sexismus in Hollywood und Transgender issues in Filmen und Serien, ich diskutiere mit einer Schülerin, die sauer darüber ist, dass in dem Harry Potter-Theaterstück Hermione von einer Schwarzen gespielt wird, wenn doch Hermione „schon immer‟ weiß war (Hier J.K. Rowlings‘ Meinung zum Thema). Manchmal verzweifle ich ein wenig, wenn dann doch wieder konservative Sichtweisen, gerade z. B. zur Rolle der Frau, bei den Schülerinnen und Schülern offenbar werden. Da fordere ich sie schon mal heraus, wenn sie bei der Frage, wie Mütter unterstützt werden sollten, nicht auf das naheliegendste kommen: die Väter. An unserer Schule gibt es Gott sei dank so gut wie kein Mobbing gegen Schüler/innen, die aus dem Schema „normal‟ fallen, wir hatten/haben auch immer wieder offen(sichtlich) homosexuelle Schüler/innen, die – soviel ich weiß – in keiner Weise diskrimiert oder an den Pranger gestellt wurden/werden. Also: ja, ich leiste schon auch einen aktiven Beitrag für eine weltoffene Gesellschaft. Nicht auf der Straße, aber in der Schule – am Ende sogar der wichtigere Ort?

Zurück noch einmal zu Angels in America: Es geht ja in dem Stück nicht nur um Homosexualität und AIDS, sondern auch um die Frage, was ist Liebe? Kann ich jemanden lieben und ihn dennoch in seiner Krankheit allein lassen? Ist das unverzeihlich, verachtenswert? Viele würden die letzte Frage sofort mit Ja beantworten. Ich bin mir da nicht so sicher. Um das klar zu stellen: Ich finde es auch nicht besonders „toll‟, wenn jemand sich abwendet, wenn der Partner eine tödliche Krankheit hat. Aber – und das zeigt diese Inszenierung auch sehr deutlich – in der Regel macht es sich derjenige, der seinen Partner in der Not im Stich lässt, auch nicht einfach. Manchmal ist es ja auch so, dass man ansonsten selbst daran zerbrechen würde. Ich habe das in dieser Art (bei Krankheit) noch nicht erlebt, wohl aber als meine Ehe zerbrach. Da waren immer alle so verwundert, dass ich auf meinen Ex-Mann, der sich von mir getrennt hatte, nicht wütend war, dass ich ihm nicht die Pest an den Hals gewünscht habe. Klar war ich enttäuscht und furchtbar traurig, aber ich wusste, dass es ihm damit auch nicht gut ging, denn er hatte sich ja getrennt, weil er unglücklich war, unzufrieden mit seinem Leben. Das ändert sich ja nicht sofort mit der Trennung. Nein, das ist keine rosarote Brille, ich weiß, wie sehr er daran zu knabbern hatte. Und – wie Louis in dem Stück – er hat sich nicht getrennt, um mir weh zu tun. Von daher – und das wurde mir erst beim Schreiben dieser Zeilen bewusst – hat mich das Stück auch auf einer persönlichen Ebene berührt. Und meine Sympathien lagen nicht nur bei Prior Walter, sondern auch bei Louis.

So, irgendwie musste ich all das erstmal loswerden, bevor ich mich an die eigentliche Kritik mache. Angels in America ist das bisher für mich am schwierigsten zu besprechende Theaterstück, das ich je gesehen habe, weil es auf so vielen Ebenen so wichtig ist und die Inszenierung auch so gut ist und mit so vielen Facetten, die besprochen werden wollen.

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Nachgedacht, Theater abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Nachgedacht: Angels in America, Part I + II (Tony Kushner, Regie: Marianne Elliott): National Theatre, 10.6.17

  1. pimalrquadrat schreibt:

    Ein gelungener Beitrag, finde ich. 🙂

  2. bullion schreibt:

    Manchmal muss man seine Gedanken einfach zu Papier bringen. Das ist dir gelungen. Vieles davon kann ich nachvollziehen… ☺

  3. friedlvongrimm schreibt:

    Weißt du, ehrliche Gedanken und Gefühle sagen viel mehr über das Stück aus, als eine perfekte Schilderung der Handlung. Mehr davon! ❤

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s