Silence (Martin Scorsese, USA/Taiwan/Mexico 2016)

Quelle: Concorde Home Entertainment

Zuerst muss ich meine Unzufriedenheit mit dem Filmplakat / dem DVD-Cover der britischen Version, die ich mir gekauft hatte, zum Ausdruck bringen:

Quelle: Amazon UK

Hier wird so getan, als würde Liam Neeson die Hauptrolle spielen, dabei kommt er nur im Prolog und in der letzten halben (?) Stunde vor. Bei einem Film mit der Laufzeit von 2 Stunden und 41 Minuten ist das nun wirklich kein Grund, ihn als einzig erkennnbare Figur auf das Plakat zu bringen. Die Hauptrolle spielt nämlich eindeutig Andrew Garfield. Da ist die deutsche Version (s.o.) tatsächlich mal besser…

Ich habe ja häufiger mit Scorsese-Filmen das Problem, dass sie mich emotional nicht ganz erreichen – Ausnahmen bestätigen die Regel: The Departed und Shutter Island. Mit Silence erging es mir ähnlich. Obwohl viele Menschen hier unglaublich leiden müssen, blieb ich hier doch sehr distanziert. Dennoch arbeitete der Film in mir, denn die Glaubensfragen, die hier ausgeworfen werden, sind doch sehr spannend und beschäftigen mich auch weiterhin. Die Kernfrage ist hier: Apostasie (dem Glauben öffentlich abschwören) und leben – oder als Märtyrer für den Glauben sterben?

Doch zunächst ein paar wenige Worte zum Inhalt: Father Ferreira (Liam Neeson), einer der wichtigsten jesuitischen portugiesischen Missionare im Japan der 17. Jahrhunderts, gilt als verloren: Angeblich hat er seinem Glauben abgeschworen und lebt nun als Japaner mit Frau und Kind.

Quelle: Concorde Home Entertainment

Das wollen seine ehemaligen Schüler Rodrigues (Andrew Garfield) und Garupe (Adam Driver) nicht glauben und bitten ihren „Vorgesetzten‟ Father Valignano (Ciarán Hinds) darum, sich nach ihm auf die Suche machen zu dürfen. Was sie in Japan vorfinden ist für die beiden Jesuiten erschütternd: Japanische Christen können ihre Religion nur versteckt ausüben. Gleichzeitig fühlen sich Rodrigues und Garupe auch gebraucht – sie werden von den christlichen „Gemeinden‟ verehrt.

Quelle: Concorde Home Entertainment

Doch als der Inquisitor nach ihnen sucht und sich einige der Japaner für sie opfern, entscheiden sie sich, getrennte Wege zu gehen, auch um die „Kirishitan‟ zu schützen. Von da an dreht sich die Geschichte nur noch um Rodrigues und seine Zweifel, sein Ringen mit der „Stille‟ – denn so viel er auch zu Gott betet, er bekommt keine Antwort.

Quelle: Concorde Home Entertainment, rechts Shin’ya Tsukamoto als Mokichi

Ich habe Kritiken gelesen, in denen Andrew Garfield als Fehlbesetzung angesehen wird. Er sei zu jungenhaft und seine Haare zu gut gestylt. Zugegeben, er sieht tatsächlich mit den langen Haaren sehr gut aus, aber an seiner Schauspielerei habe ich nichts, aber auch gar nichts auszusetzen. Zumal ich in einem Artikel des TIME Magazines auch gelesen habe, wie sehr er sich auf die Rolle vorbereitet hat und wie sehr er sich in die Rolle hineinversetzt hat:

I was prepping for a year. I underwent this spiritually transformative process that St. Ignatius created—a retreat where you meditate and imaginatively walk with Jesus through his life, from birth to resurrection. My experience was very personal. Hopefully we’re dying on the cross every day and being resurrected in a truer way every day. That’s the idea, for me—the old self being shed in order for the truer self to emerge. I did a silent meditation retreat with Adam [Driver] in Wales. We were there for a week and we didn’t know each other. We’d had a beer in the West Village. Then next when we met each other I was sipping tepid soup in the middle of Wales in a retreat house in total silence.

Durch seine letzten beiden Performances – in Hacksaw Ridge und hier in Silence – bin ich auf jeden Fall sehr gespannt auf ihn auf der Bühne: Das kann nur großartig werden! Er kann so gut auf der einen Seite (Achtung, die englischen Begriffe drücken für mich mal wieder genauer aus, was ich meine) determination und defiance ausdrücken, aber hat gleichzeitig so eine weiche, zerbrechliche Seite.

Quelle: Concorde Home Entertainment

Die übrigen Darsteller fand ich auch sehr gut, von Adam Driver über Liam Neeson (endlich mal wieder in einer Nicht-Action-Rolle) bis hin zu den japanischen Schauspielern, dabei vor allem Yôsuke Kubozuka als Kichijiro, der immer und immer wieder dem christlichen Glauben entsagt, aber immer wieder zu Rodrigues zurückkehrt, um Absolution dafür zu erhalten, Tadanobu Asano (aus der Thor-Reihe; habe ihn allerdings nicht erkannt!) als Übersetzer und Issei Ogata als „Inquisitor‟ Inoue. Letzterer wurde von allen Kritikern, in deren Reviews ich reingelesen habe, mit Christoph Waltz in Inglourious Basterds verglichen. Im Nachhinein, ja, da kann man durchaus Parallelen entdecken… (Finde es übrigens schwach, dass es bei Concorde Home Entertainment, die in Deutschland den Film auf DVD/BluRay vertreibt, keine Bilder von den japanischen Darstellern gibt – bis auf das eine oben.) Was mir weniger gut gefallen hat, ist die Tatsache, dass die portugiesischen Jesuiten Englisch mit mehr oder weniger portugiesischem Akzent sprachen, obwohl hier ganz klar Englisch als Platzhalter für Portugiesisch stand. Die haben in echt ja nicht Englisch untereinander und mit den Japanern geredet, sondern Portugiesisch.

Der Film wurde ja bei den Oscars für die beste Kamera nominiert, und das hat sich Rodrigo Pieto wohl verdient. Er hat das meiste auf Film gedreht, und das meiste wurde auch on location in Taiwan gedreht, wo imer wieder das Wetter vorherige Pläne über den Haufen warf. Was Pieto hier macht, ist nicht besonders „flashy‟, aber effektiv. Und Scorsese setzt in diesem Film auch weniger auf schnelle Schnitte, sondern gibt den Bildern viel Zeit und Raum. Mir hat das sehr gut gefallen, wobei auch hier sicher die große Leinwand im Kino noch effektvoller gewesen wäre.

Wie wird nun die Frage (siehe oben) beantwortet? Rodrigues muss sich z. B. auch sagen lassen, dass es Stolz ist, das ihn von seinem Glauben nicht abschwören lässt… Das ist ein sehr interessanter Gedanke, finde ich, denn meistens werden ja Märtyrer (und ich spreche jetzt nicht von selbsternannten radikal-islamistischen Selbstmördern), die ihrem Glauben nicht absagen, sondern dafür bereit sind zu sterben, als durchweg positiv gesehen (von Gläubigen). Ich trage auch einen Namen einer Märtyrerin. Aber warum nicht nach außen hin dem Glauben absagen und im Inneren jedoch am Glauben festhalten? Ist das opportunistisch, ein Verrat an Gott? Und das Spiel geht in Silence noch weiter: Wie sieht es aus, wenn du dadurch, dass du Apostasie leistest, andere vor dem Tod retten kannst? Was wiegt schwerer: Die Errettung der Anderen oder der „Verrat‟ an Gott? Trotz des historischen Kontextes und sicher auch des ambivalenten Verhältnisses, das wir heute zum Thema Missionieren haben, sind das Fragen, die für mich aber heute noch Relevanz besitzen. Und so regt dieser Film zum Nachdenken an – nicht nur über Glaubensfragen.

7,5 von 10 Punkten.

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8 Antworten zu Silence (Martin Scorsese, USA/Taiwan/Mexico 2016)

  1. Filmschrott schreibt:

    Hach ja, die guten alten Plakate mit den Stars. Da gabs ja auch das absolut Highlight aus Italien(?) zu „12 Years A Slave“ mit Brad Pitt ganz groß drauf, der im Film ungefähr 5 Minuten vorkommt.

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