Hacksaw Ridge (Mel Gibson, Australia/USA 2016)

Quelle: universumfilm.de

Vorbemerkung: Diese Kritik enthält leichtere Spoiler, vor allem für Leute, die von der wahren Geschichte noch nichts gehört haben.

Obwohl ich ja ein großer Verfechter des Kinos bin, war es auf der einen Seite bei diesem Film vielleicht ein Vorteil, dass ich ihn nur auf dem Fernseher gesehen habe. Denn die Bilder aus der Schlacht von Okinawa (auf der sog. Hacksaw Ridge) sind äußerst explizit. Andrew Pulver vom Guardian formuliert das so:

It’s not possible to say if Hacksaw Ridge contains the most violent or gruesome combat scenes ever filmed, but let’s just say it resembles Paul Verhoeven’s Starship Troopers without any of the satire or audience-winking.

Ja, da war ich froh, dass ich das nicht auf der großen Leinwand sehen musste.

Andererseits hätte der Film auf der Leinwand für mich sicherlich eine größere emotionale Wucht entwickelt. Hacksaw Ridge hat ja Oscars für besten Schnitt und bestes Sound Mixing bekommen – da hätte man im Kino mit hervorragender Soundanlage bestimmt noch mehr eintauchen können. So war ich deutlich mehr distanziert, als ich es vermutlich im Kino gewesen wäre und der Film hat mich weit weniger emotional mitgenommen als es der Trailer erwarten ließ.

Trotzdem: Ja, Mel Gibson meldet sich mit diesem Film zurück in die Riege der ernstzunehmenden Regisseure, denn wenn er etwas kann, dann ist es das: Filme über Helden zu drehen. Dafür wurde er für Braveheart mit dem Oscar belohnt und er schafft es auch in Hacksaw Ridge, ein menschliches Bild eines Heldens zu zeichnen.

Es geht in dem Film ja um Desmond Doss, den ersten Soldaten, der aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe ablehnte (conscientious objector), und trotzdem die „Medal of Honor‟ (for actions above and beyond the call of duty) erhielt. Denn Doss verweigert nach dem Angriff auf Pearl Harbor Militärdienst nicht, obwohl er aus Glaubensgründen nicht aktiv kämpfen wollte – er wollte als Sanitäter seinem Land dienen.

Der Film beginnt mit Szenen aus dem Krieg: Brennende Menschen fliegen durch die Luft – das ist grausam und seltsamerweise auch irgendwie ästhetisch. Sicher ein Punkt, den man kritisieren kann, Alonso Duralde von The Wrap gibt seinem Review z. B. den Untertitel „Mel Gibson Says War Is Hell — Except When It’s Awesome‟. Da hat er nicht ganz unrecht.

Doch dann geht es erstmal zurück in der Vergangenheit und es werden Szenen aus Desmonds (Andrew Garfield) Kindheit gezeigt.

Quelle: universumfilm.de Rachel Griffiths und Darcy Bryce als junger Desmond

Wir sehen den durch den Ersten Weltkrieg gebrochenen Vater (Hugo Weaving), der dem Alkohol verfallen ist und im Rausch seine beiden Söhne und auch seine Frau (Rachel Griffiths) schlägt. Eine Schlüsselszene, die Desmonds pazifistische Einstellung stark beeinflusst hat, betrifft ihn und seinen Bruder – denn seine Verweigerung des Dienstes an der Waffe hat nicht NUR etwas mit seinem Glauben (er gehört den Seventh Day Adventists an) zu tun, sondern auch mit zwei Schlüssererlebnissen, dem erwähnten aus der Kindheit mit seinem Bruder und einem aus seiner Jugend mit seinem Vater. Außerdem sehen wir, wie Desmond seinen Entschluss fasst, Sanitäter zu werden, und wie er sich in die Krankenschwester Dorothy verliebt.

Quelle: universumfilm.de

Das ist alles ganz nett – und Andrew Garfield passt in diese Rolle ganz hervorragend -, aber so richtig interessant wird es erst, als Desmond zur Army kommt.

Quelle: universumfilm.de

Hier wird es etwas klischeehaft: Seine zukünftigen Kameraden sind ein Sammelsurium aus stereotypischen Männern. Immerhin hat Vince Vaughn als Ausbilder Sgt. Howell etwas Eigenes. Er ist zwar hart, aber die Spitznamen, die er den Rekruten gibt, sind weniger herabsetzend als witzig. Captain Glover (Sam Worthington) will den Waffenverweigerer möglichst schnell loswerden, und so wird Private Doss erst von den Ausbildern schikaniert, später aber auch von seinen Kameraden, als Sgt. Howell die ganze Einheit für Desmonds „Vergehen‟ leiden lässt. Doch selbst die Aussicht, vor ein Militärgericht gestellt zu werden und ins Gefängnis zu wandern, lässt Desmond weder an seinem Glauben zweifeln, noch an seinem Bedürfnis, seinem Land als Sanitäter dienen zu wollen. Letztlich „gewinnt‟ er und darf nun also mit in den Krieg ziehen.

Quelle: universumfilm.de; 2. v.l. Vince Vaughn

An der Hacksaw Ridge angekommen, geht es gleich ans Eingemachte. Die folgenden Szenen des Krieges sind sicherlich meisterhaft komponiert. Dem Zuschauer fliegen die Leichenteile nur so um die Ohren – und trotzdem weiß man irgendwie noch, wer sich gerade wo befindet. Der Fokus ist jedoch ganz klar auf den Amerikanern. Die Japaner bleiben gesichtslos – und in einer Szene sogar ehrlos, was in Japan wahrscheinlich nicht gut angekommen ist. Es gibt lediglich eine Szene, in der bewusst wird, dass im Krieg letztlich alle gleich sind, aber auch die geht von der amerikanischen Seite aus (von Desmond). Trotzdem ist das eine meiner Lieblingsszenen.

Als sich die Amerikaner von der Ridge zurückziehen, bleibt Desmond zurück – und beginnt nun alleine, Mann für Mann, Verwundete aus dem Schlachtfeld zu bergen und in Sicherheit zu bringen. Das ist beeindruckend und zeigt, dass ein (Kriegs-)Held kein Gewehr braucht. Wie Desmond hier unter Lebensgefahr an die Grenzen des menschlich Möglichen geht, das rechtfertigt die Auszeichnung, die er bekommen hat – und diesen Film. Andrew Garfield ist großartig in der Darstellung dieser Entschlossenheit („Please, let me find one more!‟) – meine Vorfreude darauf, ihn schon in wenigen Tagen live auf der Bühne und hoffentlich auch an der Stage Door zu sehen, ist durch diesen Film noch einmal enorm angestiegen.

Quelle: universumfilm.de

Handwerklich und schauspielerisch ist an dem Film nichts auszusetzen. Allein die „Choreografie‟ der Schlachtszenen ist ein enormer Kraftakt, der Gibson absolut gelungen ist. Das ist mir bei solchen Szenen immer wieder ein Rätsel, wie man die rein logistisch hinbekommt. Und trotzdem ist der Film für mich kein Meisterwerk auf der selben Stufe wie Private James Ryan oder die zwei Filme von Clint Eastwood (Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima). Obwohl die Geschichte ja einen äußerst menschlichen Helden hat, fehlt mir etwas das Zwischenmenschliche. Abgesehen von Desmond und seinem Vater (Hugo Weaving ist einfach grandios!), bleiben alle weiteren Charaktere etwas blass.

Quelle: universumfilm.de

Egal, wie viele Verwundete Desmond rettete, das Einzelschicksal dieser Verwundeten ging mir wenig nahe. Das ist schade, denn so konnten die Interview-Einspielungen beim Abspann auch nicht so richtig ihre Wirkung entfalten. Was mir allerdings hier und heute als Botschaft schon gut gefällt, ist, dass hier quasi ein religiöser „Fanatiker“ eben nicht einer ist, der aus religiösen Gründen Menschen anderen Glaubens ablehnt oder diese gar tötet, sondern es aus dem Glauben heraus ablehnt, eine Waffe in die Hand zu nehmen, denn: Du sollst nicht töten!  Nicht so schlecht, sich das immer wieder mal vor Augen zu halten, welche positiven Botschaften Religionen haben können.

7,5 von 10 Punkten.

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2 Antworten zu Hacksaw Ridge (Mel Gibson, Australia/USA 2016)

  1. wordBUZZz schreibt:

    Ich weiß ja immer noch nich was ich von Mel Gibson halten soll auf der einen Seite ein Genie auf der anderen Seite… Ja, die eine oder andere Tasse hat nen Sprung. Aber Mel Gibson und Andrew Garfield *_* musste ich mir antun. Und es hat sich gelohnt, ich fand die Oscar sind verdient wobei ich auch froh bin, dass es nur der Laptop Bildschirm war… Bin ich froh, dass es keine Geruchsfilme gibt….

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