Nachgedacht: Wie Terrorismus sich in mein Leben schleicht…

Als letztes Jahr im Juli hier in München ein Amoklauf stattfand, war ich noch mutig und trotzig – auch als es noch nicht klar war, ob es sich um Terrorismus handelte. Nein, ich lasse mich durch Gewalt und Terror nicht in meinem Leben beeinschränken. Die Anschläge auf Rock- und Popkonzerte (Paris, Manchester) haben mich eher wütend (und traurig natürlich) gemacht, als mir persönlich Angst eingejagt.

Seitdem jedoch Autos und LKWs von Terroristen als Waffen eingesetzt werden (Nizza, Berlin, 2 mal London, zuletzt letzte Nacht), schleicht sich eine unterschwellige Angst bei mir ein. Werde ich mich nächstes Wochenende unbeschwert durch London bewegen können? Oder werde ich mich beim Geräusch von quietschenden Reifen panisch umdrehen? Noch dazu werde ich Freitag Abend und Samstag alleine unterwegs sein… Wer würde mich auffangen, sollte ich Zeuge einer solchen Gewalttat werden?

Und nachdem ich gestern Nacht den Twitter-Account der Metropolitan Police @metpoliceuk verfolgt habe, reift in mir der Entschluss, mir doch endlich auch Internetzugang für mein iPhone zu besorgen. Bisher bin ich ja mit dem iPhone nur dann auch online zu erreichen, wenn ich mich irgendwo in ein W-LAN einloggen kann. Bewusst, nicht aus finanziellen Gründen. Ich checke eh schon viel zu häufig meine Mails, meinen Blog, meinen Twitter-Account. Ich wollte das eigentlich nicht auch noch auf dem Weg zum Kino, im Kinosaal oder im Theater tun. Wehret der Sucht! Doch was nützt es mir im Ernstfall, wenn ich zwar dem Twitter-Account der Polizei folge, aber deren Warnungen oder Anweisungen (heute Nacht: Run, Hide, Tell) nicht bekomme?

Dummerweise werden die Roaming Gebühren innerhalb der EU erst zum 15.6. abgeschafft, also nach meinem nächsten London-Aufenthalt… (ja, da bin ich geizig)

Ich bin wütend, dass ich mich nun doch von Sicherheitsgedanken (fremd-)bestimmen lasse. Schließlich bin ich ja in einer handylosen Zeit aufgewachsen – und die habe ich auch überlebt! Und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass der Hinweis darauf nicht mehr so ganz zieht… und zwar, nicht nur bei anderen, sondern auch bei mir selbst.

 

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12 Antworten zu Nachgedacht: Wie Terrorismus sich in mein Leben schleicht…

  1. suzy schreibt:

    Ich glaube die vermeintlich friedlichen Zeiten sind vorbei und wir werden mit der Gefahr leben müssen. Was wir gerne vergessen, dass auch vorher schon Terror vorhanden war. Ich kann mich an Zeiten erinnern wo wir in Paris waren und jede Tasche durchsucht wurde weil zuvor Bomben in Kaufhäusern hochgeganen sind, in den 80er Jahren. Und auch London war jahrelang von Anschlägen bedroht. Das ist alles nicht neu, hat nur eine neue, so menschenverachtende Dimension. Die Gefahr morgen auf der Autobahn zu sterben ist wahrscheinlich wesentlich höher, aber nicht so präsent.
    Nein, ich lasse mich auch nicht einschränken, denn genau das ist es was diese Irren wollen, dass wir Angst vor ihnen haben!

    • singendelehrerin schreibt:

      Ich kann mich auch noch erinnern, wie noch in den 80ern die Plakate in Geschäften etc. hingen, auf denen die gesuchten RAF-Attentäter abgebildet waren.

      Du hast also schon recht, Terrorismus ist nichts Neues, und in der Theorie weiß ich auch, dass der Straßenverkehr gefährlicher ist. Aber so langsam schleicht sich halt auch ein mulmiges Gefühl mit ein, wenn ich eine Stadt fahre, die schon mehrfach Ort von terroristischen Anschlägen war. Vor kurzem.

      Trotzdem sag ich ja meine Reise nicht ab. Aber heute morgen fühlt sich das einfach so an, als würde meine Vorfreude auf London, das ich in den letzten 2-3 Jahren so lieb gewonnen habe, einen kleinen Knacks bekommen.

    • hurzfilm schreibt:

      Bitte nicht wieder der Vergleich von Verkehrsunfällen und Terroranschlägen! Dass Journalisten diesen Vergleich ebenfalls häufig bemühen, macht es nicht besser.

      Verkehrsunfälle sind voneinander unabhängige Ereignisse, wobei jedes nur Auswirkungen in einem gewissen Rahmen haben kann. Wenn in einem Land im Jahr 5.000 Leute im Straßenverkehr umkommen, sind es im nächsten Jahr nicht plötzlich 500 oder 50.000. Die Zahlen verändern sich prinzipbedingt nur graduell.

      Bei Terrorismus ist das anders. Erstens kann ein einzelner Anschlag unglaubliche Aumaße haben (9/11), zweitens gibt es die die Gefahr einer selbst verstärkenden Rückkopplung, weil jeder erfolreiche Anschlag weitere religiös verblendete Loser zur Nachahmung motiviert. Letzteres gilt inbsondere bei Anschlägen, die kein Know-How voraussetzen, wie beispielsweise mit Autos.

      Aus diesem Grund sagen die Vergangenheitsdaten im Fall von Terrorismus im Gegensatz zur Verkehrsunfallstatistik praktisch nichts über zukünftige Risiken aus. Die Zahlen können sich in kurzer Zeit springhaft verändern. Die vermeintlich „irrationalen“ Ängste vieler Menschen sind wohlbegründet, denn diese Unkalkulierbarkeit ist selbst Teil des Risikos.

  2. blaupause7 schreibt:

    Dass es eine Weile ruhig war, merke ich jetzt, wenn ich darüber nachdenke, dass in den 70er und 80er Jahren Terror sehr wohl ein häufiges Thema in den Nachrichten war und dass überall in Postämtern und Sparkassen diese Fahndungsplakate hingen, auf denen RAF-Terroristen abgebildet waren. Bei uns RAF, in England IRA, in Italien die Roten Brigaden, in Spanien die ETA… und immer waren es Anschläge auf öffentliches Leben.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ja, hab ich mich auch gerade daran erinnert (siehe Antwort auf suzys Kommentar). Das war irgendwie Alltag. Wobei die RAF ja etwas „gezielter“ die Politik und das Establishment im Fokus hatten, während die islamistischen Terroristen ja entweder total wahllos Menschen abschlachten, oder gezielt junge Menschen, die das Leben feiern. Das finde ich dann doch NOCH verachtenswerter – und auch erschreckender!

  3. bullion schreibt:

    Pass bloß auf dich auf. Mobiles Internet ist bestimmt schon einmal hilfreich, um informiert zu sein. Letztendlich gehört wohl auch das Glück dazu, verschont zu bleiben. Traurig, sehr traurig. Da bleibt bei mir nur Fassungslosigkeit.

    • singendelehrerin schreibt:

      Danke, werde ich! Das ist auch irgendwie das Ding, das mich momentan erschüttert: Es ist einfach Glück oder Pech, ob es dich erwischt. Ich weiß, das mag im Straßenverkehr auch zutreffen, aber ich war z. B. als Fahrerin noch in keinen einzigen Unfall verwickelt – und schreibe mir das z. Tl. schon auch meiner vorausblickenden Fahrweise zu. Das mag auch eine Selbsttäuschung sein…

  4. steffelowski schreibt:

    Hm, inzwischen ist bei mir (leider) schon so etwas wie ein Abstumpfungsprozee in Gang gekommen. Was, schon wieder ein Anschlag? Nein, furchtbar, aber das Leben geht weiter. Ich stelle bei mir mit Schrecken fest, dass ich von all diesen furchtbaren Vorgängen immer unberührter bleibe. Das mach mir Angst. Ist es dass, was die Terroristen, Fanatiker und sonstwie Verblendeten wollen? Den Wahnsinn zum Alltag machen?.
    Was nützt mir eine Flotte Internetverbindung, wenn ich mich an einem Ort aufhalte, der zum Anschlagsziel auserkoren wurde? Dann ist es eh zu spät. Nein, ich denke wir alle sollten versuchen, so normal und angstfrei zu Lebrn, wie es nur möglich ist. Nur damit zeigen wir alle, dass unser Werte und unsere Sicht auf die Dinge letztlich die vernünftigere (um das Wort „bessere“ zu vermeiden) ist.

    • singendelehrerin schreibt:

      Danke für deine Gedanken! Ich kann das total unterschreiben, dass wir möglichst normal und angstfrei leben sollten – und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das auch nächstes WE wieder tun werde.

      Bei mir ist es halt so, dass mich immer Attentate an Orten, die ich kenne, besonders treffen (beginnend mit NYC 9/11,), oder wenn ich Menschen kenne, die dort leben. Und da kommt der Terrorismus halt in den letzten Jahren immer näher ran…

      Ich stumpfe weder ab noch falle ich in Schockstarre. Aber es arbeitet einfach in mir…

  5. Frau_Shmooples schreibt:

    Das ist ein echt schwieriges Thema…
    In meinem Leben war Terror bisher noch nicht so präsent wie bei einigen anderen Kommentierenden hier (ich bin ja auch erst ’88 geschlüpft…). Mir kommt das alles auch irgendwie surreal vor. Und manchmal frage ich mich, ob es tatsächlich mehr geworden ist oder ob nicht einfach nur mehr über solche Dinge berichtet wird, weil allgemein mehr Fremdenhass entsteht. Aber das lässt sich wohl schwer beurteilen.
    Eigentlich bin ich aus der Kirche ausgetreten, weil die Zugehörigkeit zu einer Religion mir persönlich keine wirkliche Bereicherung in meinem Leben war. Inzwischen ertappe ich mich immer häufiger dabei, wie ich Religionen an sich als total lästig empfinde. Aber gäbe es sie nicht, wäre es irgendetwas anderes, weswegen Menschen fanatisch werden könnten und Terror verbreiten würden.
    Ich war Anfang Mai auf einem Konzert und habe mich zwischendurch dabei ertappt, wie ich dachte, dass das hier gerade eine prima Möglichkeit wäre, sehr viele Menschen an einem Ort zu erwischen. Dann wurde mir etwas mulmig bei dem Gedanken daran, dass ich bei der Sicherheitskontrolle einfach durchgelassen wurde. Ich weiß ja nicht, nach welchen Kriterien die die Leute durchsuchen müssen, aber hätte ich etwas machen wollen, hätte ich das notwendige Zeug dafür problemlos unter meiner Jacke mit in die Halle bekommen :/ Aber dann begann das Konzert und ich habe mich letztendlich dazu entschieden, es einfach zu genießen anstatt mich von Angst hemmen zu lassen.
    Gerade gestern – an dem Wochenende, an dem es gleich mehrere Meldungen gab (London, Rock am Ring) – war ich auf einem Musical. Mein Vater machte sich Sorgen, ich solle doch bitte die Notausgänge im Auge behalten. Und da habe ich glaube ich zum ersten Mal so richtig über die Sache nachgedacht. Wenn ich mich dazu entscheide, Angst vor Terror zu haben, muss ich letztendlich meinen Job aufgeben und umziehen. Ich wohne in Hamburg, muss täglich durch den Hauptbahnhof und arbeite in der Nähe des Rathauses. Da tummeln sich täglich sehr sehr viele Menschen. Wir grübeln noch, ob wir zu G20 das Büro schließen.
    Aber soll ich jetzt fortan in Angst leben, dass die Möglichkeit besteht, es könnte mal etwas passieren? Natürlich macht man sich mal Gedanken dazu. Aber irgendwann sterben wir ohnehin, wir wissen nur nicht wie. Also können wir die Zeit bis dahin doch auch einfach weiter genießen wie bisher 🙂

    • singendelehrerin schreibt:

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar! Du hast Recht, wenn man jetzt in ständiger Angst leben würde, müsste man sein bisheriges Leben eigentlich aufgeben. Worauf es alles schon Anschläge gab (seit 9/11): Flugzeuge, U-Bahnen und Busse, Gebäude, Musikveranstaltungen, Sportveranstaltungen, Vergnügungen aller Art – und dann eben auch einfach mitten auf der Straße. Ich fürchte, mit dieser Gefahr müssen wir wohl leben. Vielleicht muss man sich ein Beispiel an den Menschen in Israel (und Palästina) nehmen, die trotz einer fast täglichen Gefahr von Angriffen und Attentaten ihrem Alltagsleben nachgehen, Ich hoffe (und glaube) allerdings nicht, dass sich die Lage in Europa so entwickelt, wie dort.

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