Neulich beim SNEAKen: Loving (Jeff Nichols, UK/USA 2016)

Quelle: Universal Pictures Germany

Etwas irritiert war ich schon, als der Titel „Loving‟ auf der Leinwand erschien, denn ich dachte, ich hätte diesen oscarnominierten Film schon längst im Kino verpasst. Tatsächlich aber läuft der Film, der vor einem Jahr in Cannes lief, in Deutschland erst am 15. Juni an.

Irgendein Filmkritiker hat geschrieben, dass Jeff Nichols (Mud) hier einen Mainstream-Film gedreht hat, (wohl im Vergleich zu Take Shelter oder Midnight Special, den ich noch nicht gesehen habe) ich bin mir nicht so sicher. Denn Nichols erzählt die wahre Geschichte des Kampfes des Paares Mildred „Bean‟ (Ruth Negga) und Richard Loving (Joel Edgerton) um die Anerkennung ihrer „gemischtrassischen‟ Ehe (1958 geschlossen) in Virginia ohne großes Pathos. Anerkennung heißt hier übrigens, dass sie nicht strafrechtlich verfolgt werden. Abgesehen vom verbal gift-spritzenden Sheriff (Marton Csokas) und der Einbehaltung der schwangeren Mildred im Gefängnis über das Wochenende, kommt es zu keinem offen rassistischen Zusammenprall, Nichols lässt keine Mitglieder des Ku Klux Klan auftreten, um die Lage der Lovings zu verdeutlichen.

Quelle: Universal Pictures Germany; Marton Csokas links im Bild

Auch die Beziehung zwischen Mildred und Richard kommt ohne große emotionale Liebeserklärungen und Dramatik aus. Man merkt einfach, dass sie zusammen gehören.

Quelle: Universal Pictures Germany

Ich glaube, dass diese Art der unspektakulären Verfilmung eines Meilensteins für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, nämlich die landesweite Abschaffung des Verbots der Heirat zwischen Schwarzen und Weißen 1967 (Loving v. Virginia), für ein Mainstream-Publikum zu langsam, langwierig, vielleicht gar langweilig ist. So ein Thema muss doch emotional aufgeladen sein! Und letztlich ist es das ja auch, gerade der Schluss hat mich schon sehr bewegt, aber ich befürchte, dass dem Gros des deutschen Publikum der Film zu gedämpft (subdued), zu subtil und bescheiden (unassuming) sein wird.

Mir dagegen hat diese Herangehensweise sehr gut gefallen. Auch wenn Ruth Negga sicher zurecht das meiste Lob für ihre Darstellung bekommen hat (Oscar-Nominierung inkl.), hat mich persönlich Joel Edgertons (Warrior) zurückhaltende Darstellung des wortkargen Richard Loving am meisten beeindruckt. Manch Kritiker fand diese Darstellung ZU zurückgenommen, hätte sich mehr Interaktion zwischen dem Ehepaar gewünscht, ich fand gerade diesen Aspekt an diesem Paar besonders glaubwürdig: Richard geht es nicht um das große Ganze, er liebt eben seine Frau und es ist für ihn keine Frage, dass er sich um sie und ihre Familie kümmert. Richard ist ein einfacher Mann, der seine Brötchen als Bauarbeiter verdient und der seinen Feierabend damit verbringt, mit seinen (schwarzen) Freunden an Autos rumzuschrauben, um diese dann in sog. Drag-Races zu schicken. Er sagt zwar nicht viel, ist aber sehr aufmerksam, nimmt jede Stimmung von Mildred wahr und kümmert sich wundervoll um seine Kinder.

Quelle: Universal Pictures Germany

Quelle: Universal Pictures Germany

Als Mildred versteht, dass ihr ganz persönliches Schicksal mit Hilfe der Anwälte des ACLU (American Civil Liberties Union) auch Auswirkungen auf so viele Menschen haben kann, ist sie die treibende Kraft in der Ehe, was Gespräche mit der Presse anbelangt, zum Beispiel. Deswegen steht Ruth Neggas Performance hier auch mehr im Fokus.

Quelle: Universal Pictures Germany

Neben der schauspielerischen Leistungen und der unspektakulären Erzählweise hat mich auch die Kamera begeistert. Sehr schöne Bilder aus dem Alltag werden hier eingefangen, etwa vom Mauern setzen beim Häuserbau.

Quelle: Universal Pictures Germany

Für mich entfaltet der Film sein Potenzial erst so richtig nach Ende des Abspanns, wenn man sich so richtig bewusst wird, dass man gerade Zeuge einer Geschichte geworden ist, die sowohl ein Einzelschicksal zeigt, aber die auch enorm wichtig für die Rechte der Schwarzen in den USA war, und die aber gleichzeitig auch heute noch wichtig ist. Ich musste dann wieder daran denken, wie unverständlich es für mich ist, dass homosexuelle Paare in Deutschland immer noch nicht heiraten dürfen (nur „verpartnern‟). Klar – wenn sie im Ausland heiraten, werden sie deswegen bei uns nicht verfolgt und ins Gefängnis gesteckt, aber bei aller Progressivität und sexuellen Freizügigkeit in Deutschland, scheint mir dieses „Detail‟ doch zunehmend ein Dorn im Auge.

Hier noch ein Bild der echten Familie Loving (die Tochter Peggy hat offenbar als Beraterin beim Film mitgewirkt):

Quelle: NBC News

Sehenswert: 8 von 10 Punkten.

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