Edward Albee’s The Goat or Who is Sylvia? (Regie: Ian Rickson, Theatre Royal Haymarket, 22.04.2017, 15:00)

Damian Lewis ist mir das erste Mal in der leider – zu Unrecht! – kurzlebigen Serie Life nachhaltig aufgefallen, während wohl die meisten – außerhalb Großbritanniens – erst durch seine Rolle des Nicholas Brody in Homeland auf ihn aufmerksam wurden, wofür er zurecht 2013 einen Emmy gewonnen hat. Lange Zeit wusste ich gar nicht, dass Lewis Brite war, so überzeugend war er als Amerikaner in diesen beiden Rollen. Doch inzwischen habe ich ihn auch in einer urbritischen Rolle, als King Henry VIII, in Wolf Hall (eine weitere Serie, zu der ich leider (bisher) kein Review geschrieben habe) gesehen. Schon vor zwei Jahren spielte Lewis in London Theater (American Buffalo von David Mamet), doch damals habe ich das nicht untergebracht bzw. konnte mir noch nicht vorstellen, mehr als zweimal im Jahr nach London zu fliegen… 😉 So war ich begeistert, als ich von seinem bevorstehenden Auftritt in The Goat hörte. Worum es in dem Stück ging, war mir erstmal egal, dass Sophie Okenodo mitspielte nur ein zusätzliches Zuckerl. Kurz vor dem Theater-Trip sah ich dann Okenodo in der zweiten Staffel von The Hollow Crown – nun war ich auch auf sie supergespannt!

Als das Datum des Theaterbesuchs näherrückte, las ich mir dann doch mal eine Kurzbeschreibung des Theaterstücks von Edward Albee durch: Oha! Es geht um einen Mann, der sich in eine Ziege verliebt hat! 😮

Martin Gray is an architect living in a world of concrete and synthetic structures and about to embark on a new commission concreting over the wheat fields of Kansas. The Grays have decided they need a country retreat, and it’s on a visit to find their perfect farmhouse that Martin falls in love with Sylvia.

(Auszug aus dem Programmheft)

Klingt nach absurder Komödie? Nein, Albee gab seinem Stück den Untertitel „Notes toward a definition of tragedy“, und er wollte der griechischen Tragödie (tragoidia heißt übrigens, lt. Programmheft, wörtlich ins Englische übersetzt „goat-song“) eine moderne Form geben. Sicher, es gab auch Stellen, an denen das Publikum gelacht hat, aber das war eher ein Lachen, das überspielte, wie zutiefst unangenehm und unvorstellbar diese Situation ist.

(Diese Kritik enthält Spoiler!)

Das Schöne am Theater ist ja, dass hier niemand auf die Idee kommt, das, was Martin (Lewis) zunächst seinem – wie dieser betont – besten Freund Ross (Jason Hughes) anvertraut, als Flashback auch visuell zu präsentieren. Wie Martin vom ersten Zusammentreffen mit der Ziege erzählt („She looked at me with those eyes of hers!“), das allein ließ schon das Publikum sich kollektiv vor Unbehagen auf ihren Sitzen rumrutschen oder peinlich berührt auflachen. Selbst jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, wird mir bei der Erinnerung etwas mulmig zumute; denn diese „Affäre“ blieb keineswegs platonisch…

Jason Hughes als Ross; Photo by Johan Persson

Als Ross sich dazu „verpflichtet“ fühlt, Martins Frau Stevie (Okenodo) über die Affäre ihres Mannes mit einer Ziege zu informieren, muss Martin sich seiner Frau und seinem 17-jährigen schwulen Sohn Billy (Archie Madekwe in seiner ersten professionellen Rolle auf der Bühne) stellen. Die Auseinandersetzungen sind heftig, Sophie Okenodos Stevie lässt einiges an Geschirr und Kunstgegenständen zu Bruch gehen. Edward Albee (Who’s Afraid of Virginia Woolf) ist ein Meister im Schreiben von Dialogen, die beißend sind und unter die Haut gehen – und alle vier Schauspieler setzen das gekonnt um, wobei Damian Lewis und Sophie Okenodo schon im Mittelpunkt stehen.

Photograph: Tristram Kenton for the Guardian

Albee mutet dem Publikum einiges zu. So erzählt Martin nicht nur von seinen persönlichen Erfahrungen, der tiefen gegenseitigen (!) Liebe zwischen ihm und Sylvia, nein, er berichtet auch von seinem Besuch bei einer Art „Animal-Lovers Anonymous“-Gruppe, bei der er sich allerdings eigentlich fehl am Platze fand, weil er nichts Verwerfliches an seinem Tun findet („She wants it too!“). Aber wie er da so von den Anderen erzählt: Der Leiter der Gruppe hat es in seiner Jugend mit Schweinen auf der Farm seiner Eltern getrieben (aus Mangel an Mädchen?!), zwei Frauen haben/hatten Hunde als „Liebhaber“, einer gar eine „Beziehung“ zu einer Gans.

Na, ist euch schon schlecht? Genau.

Photo by Johan Persson

Der Sohn Billy ist hin- und hergerissen: Einerseits bezeichnet er seinen Vater ablehnen als „animal fucker“, andererseits fühlt er sich aber nach wie vor zu ihm hingezogen und verteidigt ign ein Stück weit vor Martins Freund Ross. In diesem Zusammenhang kommt es zu einem weiteren sehr verstörendem Moment, nämlich als Billy seinem Vater einen langen, leidenschaftlichen Kuss gibt.

„This is one of the most disturbing plays I’ve ever seen“ – so sagte ich später an der Stage Door zu Jason Hughes. Und so fällt dieses Stück in die Kategorie: „Beeindruckendes Stück, das ich aber auf keinen Fall noch ein zweites Mal sehen möchte“. Trotzdem würde ich das Stück durchaus weiterempfehlen – es läuft auch noch bis zum 24. Juni!

Die Affäre nimmt übrigens ein blutiges Ende: Stevie tötet die Ziege und legt sie Martin vor die Füße…

Schauspielerisch von allen Beteiligten eine großartige Leistung, insbesondere Lewis und Okenodo wird emotional einiges abverlangt. Da hatte ich vollstes Verständnis, dass sie zwischen Matinee und Abendvorstellung nicht an die Stage Door kamen, sondern sich drinnen erholt haben.

Dafür bekam ich ein Autogramm von Jason Hughes und konnte ein Foto mit ihm machen, dessen Gesicht mir sehr bekannt vorkam, den ich aber wahrscheinlich nur von Inspector Barnaby (Midsomer Murders) kenne. Attraktiver Mann!

Als ich das mit dem „most disturbing play“ sagte, hat er sich gefreut und so in etwa geantwortet: „Then we’re doing it right“. Zwei andere Fans meinten noch, er solle dies auch den anderen weitergeben, was er zunächst bestätigte, dann aber sagte, er werde ihnen sagen, dass wir NUR IHN toll fanden. Ich mag Männer mit Humor! 🙂

Archie Madekwe gab ja mit dieser Rolle sein Debut – da wollte ich ihm doch sagen, als wir ihm beim Gehen noch begegneten, dass er seine Sache gut gemacht hat und ich ihm alles Gute wünsche. Ich habe mir auch ein Autogramm geben lassen – als Jungschauspieler freut man sich doch sicher darüber! 🙂

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