Don Juan in Soho (written and directed by Patrick Marber, Wyndham’s Theatre, 21.4.2017) – Review (enthält Spoiler)

Kritik:

Sometime around 1620, the Spanish dramatist Tirso de Molina borrowed a figure from popular legend for his new tragic drama. El Brulador de Sevilla presetned his audience with a great seducer, a man whose pursuit of women was morally abhorrent yet unmistakably impressive. That characters name was Don Juan, and now, 400 years later, he has appeared in at least 1,800 other plays, operas, novels, films and poems – becoming one of our culture’s most compelling anti-heroes.
(Auszug aus dem Programm zu Don Juan in Soho)

Patrick Marber (bei Filmliebhabern u.a. bekannt für Closer und Notes on a Scandal) hat diese Figur in das heutige (Erstaufführung 2006) London, genauer in den Stadtteil Soho versetzt:

Seductive and sinister, Soho has been the making and breaking of many talented artists. Today the area is flooded with tabloid celebrities and flashy clubs, but there has always been a dark undercurrent to this infamous square mile.

[…] Marber’s play is also urgently contemporary. Yes, it’s about sex – and nothing is ever funnier or more serious than sex, whatever the era. It also has a lot to say about our attitudes to religion, class and gender today. Fundamentally, though, it is about us, about who we are, what (and who) we desire, what we really think. Don Juan, after all, is a horrendous human being – but he is also utterly alluring. What does it say about us that we’re so completely seduced by him?

(Auszüge aus dem Programm zu Don Juan in Soho)

Ja, was sagt es über mich aus, dass ich mir ausgerechnet dieses Stück ausgesucht habe? Nun, erstmal war es sicher so, dass ich einfach David Tennant einmal live auf der Bühne sehen wollte, nicht nur wegen seiner großartigen Performances in Serien wie Broadchurch oder Jessica Jones, sondern vor allem – und vielleicht noch mehr – wegen seiner umwerfenden Darstellung als und in Richard II, die ich via RSC Live gesehen hatte. Aber ich gebe auch zu, dass ich solche Ankündigungen wie hier:

Foto von schauwerte.wordpress.com

schon besonders appealing finde. Außerdem wird auf der Website als Mindestalter 16 Jahre angegeben. Ein gutes Zeichen! 😀 😳

Und die Ankündigungen sind wahrlich nicht übertrieben, schließlich befinden wir uns in London, und nicht im prüden Amerika. Es gibt u.a. den wohl am längsten dauernden Blow-Job, der je auf einer Bühne oder im Film zu „bewundern‟ war. 😮 Nein, natürlich nicht explizit, dafür aber umso lustiger, weil Tennant hier ein Repertoire an Grimassen liefert, das zum Brüllen komisch ist. Das jeden Tag ohne Lachen zu bewerkstelligen alleine ist schon eine Meisterleistung! 😀 Außerdem hat er gleichzeitig versucht, schon die nächste Frau, die er gerade als Unfallverursacher zur Witwe gemacht hat, klarzumachen.

Photo by Helen Maybanks

Ja, aber macht das Don Juan (hier: DJ) nicht ausschließlich zum unmoralischen, verachtenswerten Mann? Ist das nicht zutiefst frauenverachtend, was er da so treibt? Nun, als DJs Diener und einziger Vetrauter Stan (Adrian Scarborough) ihn einmal darauf anspricht, meint dieser entrüstet, dass er ja keine Frau dazu zwingt, sondern dass sie ihm alle freiwillig verfallen: „I don’t grab pussy!‟ Schließlich weiß DJ genau, was die jeweilige Frau an Überredungskünsten braucht – Elvira (Danielle Vitalis) etwa musste er erst heiraten, um sie zu entjungfern.

Eine der besten Stellen im Stück ist jedoch ein Monolog, in dem er sich über die Scheinheiligkeit und den Verlust der Privatsphäre im Social Media-Zeitalter auslässt – da ist das Publikum völlig auf seiner Seite und plötzlich scheint er doch gar nicht so unmoralisch, sondern irgendwie vernünftig… Marber hat sein Stück auch noch ein bisschen up-to-date gebracht und so gab es auch einige Anspielungen auf Trump (siehe auch das Zitat oben), die auf sehr fruchtbaren Boden fielen: „Charlatan – (with a) fake tan – Orang-Utan‟.

Photo by Helen Maybanks

Überhaupt strotzt das Stück nur so von Dialogen voller Witz und Biss – und das brachten sowohl Tennant als auch der brillante Adrian Scarborough als Stan so treffsicher rüber, dass der Abend einfach ein voller Genuss war: Zurücklehnen und Lachen! Und wenn dann noch die Tolkien-Geeks mit solchen Aussagen bedient werden: „I’m an unfuckable hobbit!‟ (Stan), und es ein Duett zwischen DJ und Stan in bester „Bromance-Tradition‟ gibt, blieben zumindest bei mir keine Wünsche offen.

Photo by Helen Maybanks

Marbers Stück zeigt allerdings den Fall von DJ, denn der Tod will ihn heimholen – mit Ansage. Kurz denkt man, dass diese Aussicht in DJ noch einmal einen Wandel bewirken könnte, doch DJ bleibt sich sozusagen treu und geht ohne Reue in den Tod. Die Überlebenden bzw. das ganze Ensemble feiern seinen Abgang mit einem fröhlichen Tanz, womit dann auch das Stück endete.

Eine furiose Inszenierung mit zwei grandios aufspielenden Hauptakteuren! Adrian Scarborough hat mindestens genauso viel Applaus bekommen wie David Tennant, wenn nicht mehr – das Publikum hat ihn richtig gefeiert, und das völlig zurecht! Wieder ein Name, der auf die Liste mit Schauspielern gesetzt wird, die ich (wieder) auf der Bühne sehen will!

Photo by Helen Maybanks

An der Stage Door:

Tja, David Tennant hat halt einfach eine große Fangemeinde – und so befanden sich an der Stage Door eine riesige Menge an Fans, die ein Autogramm (und vielleicht auch ein Selfie) wollten. Anders als Daniel Radcliffe nach Rosencrantz and Guildenstern are Dead, hat David Tennant nicht den Anspruch, dass wirklich jede und jeder zu einem Autogramm und Foto kommt. Wer weiter hinten stand, hatte keine Chance, ein Selfie mit ihm haben sowieso nur die in der ersten Reihe „abgreifen‟ können. So kann ich keine Anekdote über Worte, die wir gewechselt haben, liefern – ich war schon froh, dass ich ihm mein Programmheft zum Signieren reichen konnte und ein (unscharfes) Foto von ihm machen konnte. (Das soll in keinster Weise eine Kritik an ihm sein – niemand hat ja einen Anspruch auf ein Autogramm oder Foto (ist ja nicht wie auf einer Convention, auf der man extra dafür zahlt)! Aber es unterstreicht noch einmal, wie hoch das Engagement von Daniel Radcliffe anzusehen ist, der jeden Abend mit, ich schätze, 100 Fans ein Foto machte und entsprechend viele Autogramme schrieb.)

Leider, leider kam Adrian Scarborough nicht (zeitnah) aus dem Theater – es wurde uns gesagt, dass er Beusch habe. Schade, denn ohne ihn wäre die Aufführung wirklich nur halb so gut gewesen!

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6 Antworten zu Don Juan in Soho (written and directed by Patrick Marber, Wyndham’s Theatre, 21.4.2017) – Review (enthält Spoiler)

  1. nellindreams schreibt:

    Danke für die schöne Kritik und für’s Erinnern… Die 2 waren wirklich ein phänomenales Gespann auf der Bühne! Ich bin so froh, dass ich dort war! Meine Stagedoorbilder sehen übrigens ähnlich aus. Den Pulli trug er nämlich auch eine Woche vorher. 😉 Und ich habe mich selber über die Länge meines Armes gewundert: es reichte ratsächlich auch für ein Autogramm! 😆 Einfach eine schöne Erinnerung!

  2. wordBUZZz schreibt:

    Mit der Überschrift hast du mich ersteinmal völlig aus dem Konzept gebracht ;D
    Don Juan/ Don Giovanni habe ich selbst mal bewundern dürfen, aber ich habe zuerst überhaupt nicht die geistige Biegung zu einer zeitgenössischen Interpretation bekommen.

    Deine Beschreibung macht auf jedenfall Lust auf mehr, ich wäre vermutlich allerdings nur wegen des Schildes dort hinein gegangen. Wie kontrolliert der Computer, dass man älter als 16 Jahre ist?

  3. friedlvongrimm schreibt:

    Man ey, wenn du so weiter lobst, dann verliebe ich mich noch in Daniel Radcliffe. ❤
    Ja, ich kenne irgendwie auch kein weibliches Wesen, was nicht wenigstens ein bisschen auf Tennant steht, auch ohne Whoviandasein. Naja, aber schade, dass das alles eher hektisch und unpersönlich war. Der hat aber bestimmt öfter mit solchen Ansammlungen zu tun, von daher sei es ihm verziehen.

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