The Royal Shakespeare Company presents: Hamlet (BBC-Film, Regie: Gregory Doran, 2009)

Quelle: amazon.com

Nächste Woche sehe ich David Tennant live on stage (aus der zweiten Reihe 🙂 ❤ 🙂 ) in dem Stück Don Juan in Soho (Patrick Marber), da wollte ich etwas vorlegen und habe mir die Filmversion der RSC-Inszenierung von Hamlet aus dem Jahr 2009 angesehen (bei amazon.co.uk für 5,99 Pfund erhältlich). Es handelt sich dabei nicht um eine abgefilmte Theateraufführung, sondern die Inszenierung wurde ein halbes Jahr nach der Closing von der BBC auf das Medium Film übertragen. Trotzdem fühlt sich der Film schon ziemlich stark wie ein Theaterstück an – von wenigen technischen Gimmicks mal abgesehen. Auf der anderen Seite birgt das Medium Film gerade für die Monologe (soliloquies) enorme Vorteile, weil subtiler gespielt werden kann, und auch verschiedene Formen für diese Monologe gefunden werden können, während im Theater im Grunde genommen kein Weg daran vorbei geht, dass der Monolog Richtung Publikum gesprochen wird. Gerade bei dem wohl berühmtesten Monolog EVER (Needs I must say it? 😉 „To be, or not to be‟, of course) tragen die Kameraeinstellungen dazu bei, dass man noch besser sieht, was in Hamlet vorgeht.

Quelle: rsc.org.uk

Und, lohnen sich die drei Stunden? Oh ja! Das liegt natürlich first and foremost an David Tennant, der mir mit seiner Interpretation sehr gut gefallen hat, deutlich quirliger und verrückter als zuletzt Andrew Scott, aber nicht ganz so ausschweifend in seiner Madness wie Benedict Cumberbatch. Sehr überzeugend fand ich seine Reaktion, als er erfährt, dass da Ophelia zu Grabe getragen wird. Da zeichnete sich echte Verzweiflung und Trauer auf seinem Gesicht ab. Im Making Of sagt David, dass er es jedem wünscht, einmal Hamlet spielen zu dürfen, weil es „life-changing“ sei. 🙂

Quelle: bbc.co.uk

Und endlich ein Claudius, der mich überzeugt – allerdings kaum überraschend, dass dem so ist: Patrick Stewart spielt den „Uncle-Father‟ (und auch den Geist von Hamlets Vater) mit sehr viel Charisma und macht Claudius dadurch zu einem viel interessanteren Gegenspieler für Hamlet, als das die Schauspieler der letzten beiden Hamlet-Inszenierungen, die ich gesehen habe, hingekriegt haben. Sir Patrick hat dafür damals auch den Olivier Award bekommen. Dass sowohl Claudius als auch der Geist seines Bruders von Stewart gespielt wurde, fand ich logisch – eigentlich seltsam, dass das sonst kaum gemacht wird, denn die Brüder dürfen sich ja gerne ähnlich sehen, schließlich sind sie ja Brüder. 😉

Quelle: Cap’n Howdy’s Blogorium (Blogspot)

Weitere sehr erfreuliche Performances: Peter De Jersey (zuletzt gesehen in The Threepenny Opera) als Horatio (sehr bewegend in der Schlussszene), Oliver Ford Davies (Star Wars I-III) als Polonius (das ist einfach eine dankbare Rolle, glaub ich, da fand ich bisher ausnahmslos ALLE gut, trotzdem lässt sich schon feststellen, dass Davies ein wunderbares Talent für Komik hat – in Richard II hat er mir ja auch ganz besonders gefallen – und Penny Downie als Gertrude. Mariah Gale als Ophelia und Edward Bennett als ihr Bruder Laertes konnten mich nicht vollständig überzeugen. Manchmal gefielen sie mir sehr gut, an anderen Stellen haben sie mich nicht ganz erreicht.

Ähnlich wie gerade die Hamlet-Produktion des Almeida mit Andrew Scott, hat auch Gregory Doran den Stoff in die Gegenwart versetzt, so gibt es z. B. im ganzen Haus Überwachungskameras, wodurch eine tolle Szene entstand, als Hamlet eine solche Kamera abreißt und auf den Boden wirft und danach „Now I am alone‟ sagt, in Vorbereitung eines Monologs. Auch die Wächter am Anfang werden zunächst über die Überwachungskameras gezeigt. Interessanterweise fand ich da aber die Almeida-Inszenierung noch einen Tick gruseliger und auch ein wenig konsequenter, was die Modernität anbelangt. (Ich werde das übrigens am 9. Juni noch einmal vergleichen können, denn ich schaue mir Andrew Scotts Hamlet, noch ein zweites Mal an denn die Inszenierung zieht ins Westend um, wo sie nochmal von Anfang Juni bis Anfang September im Harold Pinter Theatre läuft. 🙂 )

Was mir richtig gut gefallen hat, ist, dass endlich mal am Schluss der Norweger Fortinbras nicht auftaucht und das letzte Wort bekommt. Ich bin ehrlich: Diesen Subplot um den norwegischen König (und seinen Sohn) habe ich noch nie so richtig begriffen bzw. dessen Bedeutung für das Stück hat sich mir nie so recht erschlossen. So fehlt nun zwar in dieser Variante die Information, dass nun Fortinbras die Herrschaft über Dänemark von Hamlet „überschrieben‟ bekommt, aber mir war das viel lieber, dass der Film nach diesen Worten von Horatio endet:

Now cracks a noble heart. Good night sweet prince:
And flights of angels sing thee to thy rest!

Sehenswert – mindestens für Shakespeare-/David Tennant-/Patrick Stewart-Fans!

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15 Antworten zu The Royal Shakespeare Company presents: Hamlet (BBC-Film, Regie: Gregory Doran, 2009)

  1. krimskrams schreibt:

    David Tennant live! Du Glückskind! ♡

  2. Anica schreibt:

    Diese Inszenierung/Film/… habe ich auch auf DVD – fand ich klasse! David Tennant spielt wirklich genial. Und Patrick Stewart hat mir in seiner Rolle auch sehr gut gefallen und war auf jeden Fall präsenter, überzeugender, als Angus Wright in der Inszenierung mit Andrew Scott.
    Ich bin gespannt, wie dir „Don Juan In Soho“ gefallen wird, schaue es mir ja im Mai auch an (ebenfalls aus der zweiten Reihe ;))

    • singendelehrerin schreibt:

      Hehe, ist ja schön, dass du auch so weit vorne sitzt. Ich kann es – jetzt noch mehr – kaum erwarten! Noch dazu sind die Kritiker alle völlig hingerissen von seiner Performance! 🙂

      • Anica schreibt:

        Geht mir genauso! Ich versuche auch jeden Samstag, noch ein Ticket in der ersten Reihe für 20 Pfund zu gewinnen. 😉

  3. blaupause7 schreibt:

    Ich glaube, diese Inszenierung habe ih vor ein paar Jahren mit meinem Mann zusammen an Weihnachten auf BBC 1 gesehen. Ich bin aller dings nicht sicher, ob das jetzt ein abgefilmtes Theaterstück oder ein gedrehter Film war.

    • singendelehrerin schreibt:

      Wie gesagt, es fühlt sich schon größtenteils wie abgefilmtes Theaterstück ab, wurde aber nicht im Theater gedreht, sondern on location. Aber eben nicht so, wie etwa die „The Hollow Crown“-Serie, die aus richtigen Filmen mit Schlachten und verschiedenen Locations besteht.

      • blaupause7 schreibt:

        uff, die Hollow Crown-Serie kenne ich nicht; aber ich vermute, ich habe damals die „on location“ gedrehte Theaterfassung gesehen, die ging über 3 Stunden

        • singendelehrerin schreibt:

          Ja, 3 Stunden sounds about right. 😉

          Wenn du Shakespeare-Fan bist, kann ich dir Hollow Crown wirklich wärmstens empfehlen – ich habe auf diese Weise das erste Mal einen Überblick über die historischen Plays von Shakespeare von Richard II bis Richard III bekommen – toll!

  4. nellindreams schreibt:

    Wie toll, endlich über diesen Blog „zu stolpern“! Ich war am Karsamstag im Wyndhams Theatre in London und habe „Don Juan in Soho“ in vollen Zügen genossen. Leider aus etwas größerem Abstand, aber nichtsdestotrotz! Und David Tennants Hamlet ist für mich auch ein „Must“! Kennt Ihr auch seinen Benedick in „Much ado about nothing“ mit Catherine Tate als Beatrice? Gibt’s über Digital Theatre als Download bzw. zum Online-Schauen und ich kann diese Inszenierung aus dem Jahr 2011 nur wärmstens empfehlen!

    • singendelehrerin schreibt:

      Herzlich willkommen! Ich freue ich immer, weitere Theaterfans kennenzulernen! 🙂 Und danke für den Tipp bzgl. „Much ado about nothing“ – kenn ich noch nicht, kann mir Tennant aber richtig gut als Benedick vorstellen.

      Am Freitag aber erstmal RICHTIG live! 🙂 Warst du auch an der Stage Door hinterher?

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