Blitzkritik Theater: Buried Child, Lazarus, Art (Dezember 2016/Januar 2017)

Es ist ein Fluch: Dadurch, dass ich meine Theaterreisen nach London immer möglichst voll packe (bei zwei Tagen geht da gar nichts unter zwei Stücken, entsprechend mehr werden es dann bei mehr Tagen), komme ich danach nicht mit den Kritiken hinterher. Da ich aber morgen schon wieder zur nächsten Ochsentour (4 Stücke an drei Tagen 😀 ) aufbreche, muss ich heute wenigstens noch in aller Kürze von den letzten drei Stücken berichten.

Buried Child (Autor: Sam Shepard, Regie: Scott Elliott) – gesehen am 17.12.16 in den Trafalgar Studios

buried-child-program

Ich habe schon an anderer Stelle berichtet, dass ich mir für dieses Stück, vielmehr: für Ed Harris, eine Karte in der ersten Reihe (am rechten Rand) gegönnt habe. Und so sitze ich richtig nach am Geschehen (im Trafalgar Studio 1 ist die Bühne nur leicht (bis gar nicht, je nach Stück) erhöht, man muss sich also in der ersten Reihe nicht den Hals verrenken), was ich sehr genieße. Direkt vor mir ist einer der Bühnenabgänge (es geht da in die Küche), fast könnte ich die Schauspieler berühren, wenn sie an mir vorbeilaufen.

Schon vor Beginn des Stückes sitzt Ed Harris als Dodge auf dem Sofa und dämmert vor sich hin. Er sieht ziemlich fertig aus – ein Eindruck, der sich im Laufe des Stückes auch nicht groß ändert. Der Patriarch der Familie ist in einem schlechten gesundheitlichen Zustand, an dem sicher auch Alkoholismus schuld ist… Es ist eine Art Running Gag, dass Dodge immer wieder nach neuem „Stoff‟ verlangt.

Quelle: Photograph by Johan Persson v. l. n. r.: Ed Harris, Jeremy Irvine, Charlotte Hope, Gary Shelford

Ich merke gerade, es ist verdammt schwer, dem Stück in wenigen Worten gerecht zu werden. Grundsätzlich geht es darum (siehe Wikipedia):

The play depicts the fragmentation of the American nuclear family in a context of disappointment and disillusionment with American mythology and the American Dream, the 1970s rural economic slowdown, and the breakdown of traditional family structures and values.

Dodge und seine Frau Halie (Amy Madigan) hatten drei Söhne, von denen einer (Ansel) tot ist, einer (Tilden, gespielt von Barnaby Kay) nur ein Bein, dafür eine sadistische Ader hat, und einer (Bradley, gespielt von Gary Shelford) tiefe psychologische Probleme hat – woher wird nicht so ganz klar. Dann taucht noch der Enkel (Bradleys Sohn) Vince (Jeremy Irvine) mit seiner Freundin Shelly (Charlotte Hope) auf, was zu einer immer mehr eskalierenden Situation führt, bei der endlich ausgesprochen wird, welches Geheimnis so schwer auf dieser Familie lastet.

Quelle: Photograph by Johan Persson

Es war ein faszinierendes Theatererlebnis, den durch die Bank hervorragenden Schauspielern zuzusehen, noch dazu aus dieser kurzen Distanz. Dysfunktionale Familien üben auf mich irgendwie immer einen großen Reiz aus, vielleicht gerade, weil meine Familie eigentlich recht gut funktioniert hat und wir im Großen und Ganzen eine sehr harmonische Familie ohne tragische Schicksalsschläge oder Drogenabhängigkeit jeglicher Art sind. Ein Film oder ein Theaterstück über uns wäre doch eher etwas langweilig… 😉 Was sich bei Buried Child dagegen auf der Bühne entwickelte, war für die Beteiligten nicht so einfach zu schlucken. Es ist ein recht bitteres Stück, dass einen nicht gerade mit einem Lächeln im Gesicht aus dem Theater entlässt, und so würde ich das Stück nicht unbedingt zu meinen Lieblingsstücken rechnen, aber zu sehen, wie Ed Harris und seine Frau Amy Madigan in diese Rollen schlüpfen – und dann auch noch Jeremy Irvine (War Horse, The Railway Man) als zornigen Enkel zu erleben, das war es definitiv wert!

Quelle: Photograph by Johan Persson; Amy Madigan

Meine Stage-Door-Erlebnisse habe ich bereits HIER beschrieben.

Lazarus (Music/Lyrics: David Bowie, Buch: Enda Walsh, Regie: Ivo van Hove) – gesehen am 5.12.17 im King’s Cross Theatre

Quelle: Photograph by Tristram Kenton (as seen on theguardian.com)

Quelle: Photograph by Tristram Kenton for The Guardian

Hier kann ich mich kurz fassen, denn es ist ohnehin schwierig, dieses Erlebnis in Worte zu fassen. Meine Begleitung ist sehr, sehr großer Fan von David Bowie, und so fiel es ihr etwas schwerer, sich auch darauf einzulassen, dass manche Lieder sogar von Frauen gesungen wurden. Mich dagegen haben z. Tl. besonders die Songs besonders berührt, die von einer Frau gesungen wurden, besonders von Sophia Anne Caruso. Ihre Interpretation von „This is not America‟ (ein Stück, das ich ganz besonders gern mag, weil das von Bowie und Pat Metheny ist) hat mir eine Gänsehaut beschert und Tränen aufsteigen lassen: 

(Die Aufnahmen sind vom Original Cast New York, der aber größtenteils auch in London aufgetreten ist, auf jeden Fall die drei erwähnten Performer, die für mich besonders herausstachen.)

Das Musical ist ja quasi eine Fortführung des Buchs und Films The Man Who Fell to Earth: Thomas Jerome Newton (= the man who fell to Earth) sehnt sich weg von der Erde, vor allem, seitdem seine Freundin weg ist. Da trifft er auf ein Mädchen, das ihm helfen will, nach Hause zu kommen. Wer allerdings einen einfach nachzuvollziehenden Plot sucht, der wird hier nicht fündig. Und so hat das Musical auch eher gemischte Kritiken bekommen. Man muss sich schon darauf einlassen, dass man nicht ganz versteht, was auf der Bühne passiert und es einfach auf sich wirken lassen, ohne analysieren zu wollen. Dann ist das, was man da sieht und hört, absolut beeindruckend!
Michael Billington (Guardian) charakterisierte das Musical so:

part sci-fi story, part rock concert, part video installation, part study in alienation

Ich finde, das trifft es ganz gut.

Ich war begeistert von der Bühne: tolle Idee z. B., die Band sichtbar hinter der Bühne spielen zu lassen, cleveres, effektives Einsetzen von Videoprojektion, Farben (Newton in braun/beige gekleidet, ebenso wie die Wände des Raumes). Ich war – mit ein paar wenigen Ausnahmen, wenn vereinzelt Frauenstimmen zu schrill klangen – begeistert und bewegt von den Liedern. Ich war hingerissen von den SchauspielerInnen, allen voraus Michael C. Hall (Six Feet Under, Dexter), Sophia Anne Caruso und Michael Esper. Letzterer war bei „Valentine’s Day‟ absolutely mesmerizing (was allerdings bei der Aufnahme gar nicht so rauskommt, weil einfach sein ganzer Auftritt so voller Wucht war): 

Und wenn dann auch noch „Heroes‟ das letzte Stück ist, bleibt nichts zu wünschen übrig:


Art (Autor: Yasmina Reza, Übersetzung: Christopher Hampton, Regie: Matthew Warchus) – gesehen am 6.1.17 im Old Vic

art-programm

Um die Ausgangslage für dieses Stück zu erklären, zitiere ich aus dem Programmheft:

When Yasmina Reza (about 25 years ago) went round to see her friend’s house to see the new, almost white, painting which he had bought, she looked at it, and laughed. And her friend laughed too. They laughed together. He loved his painting. She thought it was an absurd purchase. But she loved his ‚crazy‘ impulses. And he loved her honesty and humour. They remained great friends. Later that week, Yasmina wondered, ‚What if he hadn’t laughed when I laughed… would our friendship have survived?‘ She sat down and wrote this big little play.

Serge (Rufus Sewell) ist in diesem Stück der Besitzer des Gemäldes (weiß mit weißen Streifen), Marc (Paul Ritter) der Freund, der über das „shitty‟ Bild lacht und es ganz und gar nicht verstehen kann, wie Serge so viel Geld dafür ausgeben konnte. Serge findet das gar nicht lustig.

Quelle: thestage.co.uk; Photograph: Tristram Kenton for the Guardian

Yvan (Tim Key), der dritte Mann in diesem Freundestrio, steht zwischen den Fronten: Er will es sich mit keinem der beiden verderben, hat er doch selbst genügend Probleme mit seiner Verwandtschaft…

Quelle: Photograph by Manuel Harlan

Was sich nun gegenseitig an den Kopf geworfen wird, ist witzig anzusehen, aber oft auch sehr, sehr bitter! Es machte einen RIESEN Spaß, den dreien auf der Bühne zuzusehen. Einer der Höhepunkte war, als Yvan völlig außer Atem und total aufgeregt und angenervt den beiden anderen von einem Telefongespräch erzählt – und zwar ohne Punkt und Komma. Tim Key spulte den Monolog nur so herunter – zack, zack, zack – bis das Publikum, schon völlig ungläubig, wie er das durchhält, unruhig auf den Stühlen rumrutschte und am Ende dieses rasanten Monologes (da kann sich selbst Cumberbatchs Sherlock noch eine Scheibe abschneiden!) in tosenden Szenenapplaus ausbrach! Was für eine tolle kollektive Erfahrung! Toll war auch, als manche im Publikum hörbar die Luft vor Schreck einzogen, als gegen Ende Marc mit einem blauen Stift auf das Gemälde eine Linie (und einen Skifahrer) zeichnet. Wunderbar.

Ich habe Tim Key später auch an der Stage Door zu diesem Monolog gratuliert und zugegeben, dass ich vielleicht nicht jedes Wort verstanden habe. Er meinte mit einem Grinsen: „I have no idea what I’m saying!‟

links Tim Key, rechts Paul Ritter

links Tim Key, rechts Paul Ritter

rufus-sewell-autogramm

Zu dem Zusammentreffen mit Rufus Sewell habe ich schon in meinem Artikel zu The Man in the High Castle (Season 2) schon etwas geschrieben. Er war auf jeden Fall sehr charmant und hatte ein schelmisches Glitzern in seinen Augen, ganz anders, als man das von vielen seiner Film- und Serienrollen gewohnt ist. Ein höchst attraktiver Mann!

rufus-stage-door

Leider kam Paul Ritter nicht heraus, ihm hätte ich zu gern gesagt, dass ich ihn auch in The Curious Incident of the Dog in the Night-Time absolut fantastisch fand.

So, naja, eine „Blitzkritik‟ ist das nun doch wieder nicht geworden… 😳 Ich kann mich einfach nicht kurz halten! Es ist ein Fluch! 😉

Und was sehe ich die nächsten Tage?

Who’s Afraid of Virginia Woolf (mit Imelda Staunton, Conleth Hill, Imogen Poots, Luke Treadaway)
Hamlet (mit Andrew Scott, Juliet Stevenson, Jessica Brown Findlay…)
Travesties (mit Tom Hollander, Freddie Fox, Forbes Masson…)
Rosencrantz And Guildenstern Are Dead (mit Daniel Radcliffe und Joshua McGuire)

🙂

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3 Antworten zu Blitzkritik Theater: Buried Child, Lazarus, Art (Dezember 2016/Januar 2017)

  1. Anica schreibt:

    Ich bin in „Lazarus“ je reingegangen, ohne mehr als ein oder zwei Lieder von Bowie mal gehört zu haben – aber ich kann deiner Kritik da nur zustimmen. Und genau wie du fand ich auch besonders Michael Esper toll.
    Zu „Art“ – jepp! Deine Erfahrungen, wie das Publikum auf den Monolog und auf den blauen Strich + Skifahrer reagiert, hat sich bei mir genauso abgespielt.^^ Und dazu, dass Tim Key gesagt hat, dass er keine Ahnung hat, was er sagt – das kann man ja leicht als Scherz verstehen, aber ich finde es lustig, weil das ist so genau das, was passiert, wenn man etwas so schnell auswendig aufsagen muss – Wenn ich längere Texte auswendig lerne, dann finde ich mich irgendwann auch an einem Punkt wieder, an dem ich es super schnell aufsagen kann, aber die Worte überhaupt dabei keine Bedeutung mehr haben. 😀 Ich wüsste ganz gern, warum das passiert… ist ein bisschen wie das Muskelgedächtnis beim Klavierspielen.

  2. bullion schreibt:

    Du Weltenbummler… 🙂

    Viel Spaß wünsche ich dir bei den neuen Stücken!

  3. friedlvongrimm schreibt:

    Ach, wenn man den Darstellern die Leidenschaft angemerkt hat und es eine tolle Mischung aus Emotionen, visuelle Spielereien und ganz viel Kreativität war, dann dürften für mich persönlich auch andere Bowiesongs singen.

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