Neulich beim SNEAKen: Moonlight (Barry Jenkins, USA 2016)

Wow, ich glaube, das hatte ich noch nie: Bis auf einen Film habe ich nun alle für den Besten Film nominierten Filme gesehen! Nur Hacksaw Ridge ist mir durch die Lappen gegangen – der lief viel zu kurz in meinem Kino und dann fast immer in der Spätvorstellung.

Quelle: Wikipedia

Gestern nun lief also der von mir mit Spannung erwartete Moonlight, der ein unglaubliches Rating von 99 (!) von 100 Punkten bei Metacritic hat (bei Rotten Tomatoes: 98% Fresh, Average 9/10, Audience 4,2/5), in der Sneak Preview. Dann führte auch noch das TIME Magazine den Film auf Platz 22 ihrer Top 25 der Sexiest Movies of All Times. Intriguing!

Achtung: Leichtere Spoiler enthalten, aber ohne kann die Story nicht erzählt werden und die Faszination, die der Film auf mich ausübte, nicht erklärt werden.

Wie bei La La Land, der ja auch mit riesigen Vorschusslorbeeren in Deutschland anlief, fragte ich mich bei Moonlight, ob er wohl halten mag, was die Kritiker versprechen. Yes, it does! Was dieser Film zeigt, Handlung, Figuren und Beziehungen betreffend, habe ich vorher so noch nie gesehen. Es ist die Coming-of-age-Geschichte eines schwarzen Jungen in Miami, der mit einer alleinerziehenden, drogenabhängigen Mutter (Naomie Harris) aufwächst und seine (sexuelle) Identität in einem Milieu finden muss, das keine Schwäche bei Jungen und Männern zulässt.

Wir erleben Chirons Entwicklung in drei Abschnitten: Zuerst lernen wir ihn als den schüchternen, schmächtigen „Little‟ (Alex Hibbert) kennen, der von den größeren und stärkeren Jungs verfolgt und gemobbt wird. Er kann sich nicht zur Wehr setzen, versteckt sich in einem lehrstehenden Apartment, das von Drogenabhängigen genutzt wird. Sein Retter in dieser Situation ist Drogendealer Juan (Mahershala Ali), der den völlig verstummten Jungen mit zu sich nimmt und der – zusammen mit seiner Freundin Teresa (Janelle Monáe) – versucht, den Jungen dazu zu bringen, dass er sich öffnet und ihnen zumindest sagt, wo er wohnt. Juan wird in dieser Phase von Chirons Leben eine Art Vaterfigur für ihn. Und da kommt schon das erste völlig Unerwartete: Juan versucht nicht etwa, Chiron unter seine Fittiche zu nehmen, um ihn als Drogenkurier auszubilden, nein, er geht mit ihm Schwimmen im Meer. Diese Sequenz und andere sind wahrlich berührend und so entgegen aller Klischees über Drogenbosse.

Quelle: dcmworld.com

Eine andere wichtige Person ist Kevin, ein etwa gleichaltriger Junge, der „Little‟ sagt, dass er sich doch auch mal gegen die Bullies wehren soll, nicht nur „soft‟ sein soll. Zum „Üben‟ ringen die beiden auf der Wiese – und ein Blick in Chirons Augen danach zeigt, dass ihn diese Rangelei irgendwie glücklich gemacht hat.

Als Teenager wird das Mobbing, dem sich Chiron (Ashton Sanders) ausgesetzt wird, noch stärker. Er wirkt einfach so zerbrechlich, so schlacksig und dünn er ist. Ihm fehlt ein selbstsicheres Auftreten, und das wird gnadenlos ausgenützt. Seine Mutter ist keine Stütze für ihn – da hilft manchmal nur die Flucht zu Teresa, zu der Chiron immer noch Kontakt hat. Wieder ist es Kevin, der ihn etwas aufbaut (zunächst in der Schule) – und Chiron merkt immer deutlicher, dass er wohl eher auf Männer steht. Und dann kommt da dieses wunderbare Zusammentreffen von Kevin und Chiron am nächtlichen Strand. Dieses Gespräch, in dem sich Chiron öffnet und zugibt, dass er sehr viel weint, ist so berührend – und was darauf folgt, ist von einer Zärtlichkeit, ja einer Romantik, die ich schon lange nicht mehr auf der Leinwand erlebt habe. Das macht es umso schmerzhafter, was dann später passiert…

Der (junge) erwachsene Chiron (Trevante Rhodes) lebt inzwischen in Atlanta, Georgia. Er hat sich äußerlich KOMPLETT verändert, gibt sich nach außen als tougher Typ mit Goldkettchen und allem, was ein Typ, der die Straße regiert, so nötig hat – und doch ist er im Inneren letztlich der Gleiche geblieben bzw. hat er immer noch nicht seine wahre Identität gefunden. Als er eines Tages einen Anruf von Kevin (André Holland) kriegt, macht er sich auf den Weg nach Miami… Es folgen Blicke, die von so viel unterdrückten Gefühlen zeugen, Gespräche und berührende Geständnisse, dazu brannte förmlich die Luft vor sexueller Spannung. Hochromantisch ohne JEDEN Kitsch.

Diese Geschichte wirkt noch lange nach. Viele Szenen haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Die Kamera bleibt immer wieder nahe am Protagonisten, sodass man sein Gesicht (auch wenn es ja drei verschiedene sind) nicht so leicht vergisst. Die schauspielerischen Leistungen sind außerordentlich – von allen drei Schauspielern, die Chiron verkörpert haben, und darüber hinaus vor allem von Mahershala Ali und Naomie Harris, die beide als bester Nebendarsteller nominiert sind.

Der Film ist ein Film über Identität – und zwar nicht nur sexuelle! – und Maskulinität. Wieviel Schwäche darf so ein schwarzer Junge in einem Umfeld zeigen, das von Machos nur so strotzt? Was macht das mit einem Heranwachsenden? Wie antwortet man(n) am besten drauf? Und dann ist der Film für mich auch irgendwie eine traurig-schöne Liebesgeschichte, die mich tief im Herzen getroffen hat und mich nicht so schnell wieder loslassen wird.

In diesen Kategorien ist Moonlight nominiert:

  • Bester Film (hätte ich nichts dagegen, aber die Konkurrenz ist in diesem Jahr so groß!)
  • Beste Nebendarstellerin (Naomie Harris)
  • Bester Nebendarsteller (Mahershala Ali)
  • Beste Kamera (nicht mein Favorit, aber die Nominierung ist in Ordnung)
  • Beste Regie (fände ich toll!)
  • Bester Schnitt (nicht mein Favorit)
  • Bester Original Score (Die Musik ist definitiv interessant eingesetzt, z. B. eher klassische Stücke, aber trotzdem nicht mein Favorit)
  • Bestes adaptiertes Drehbuch (Harte Konkurrenz, aber der Autor und Regisseur Barry Jenkins hat es geschafft, aus einem Theaterstück wirklich einen Film zu machen, dem man nicht so stark ansieht wie dem Konkurrenten Fences, dass er auf einem Stück basiert. Hut ab!)

Es wird heuer für mich bei der Oscarverleihung keine großen Enttäuschungen geben, denn ich finde die meisten der nominierten Filme wirklich richtig gut.

Moonlight bekommt von mir 9 von 10 Punkten.

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5 Antworten zu Neulich beim SNEAKen: Moonlight (Barry Jenkins, USA 2016)

  1. friedlvongrimm schreibt:

    Für mich auch der Favorit bei den Oscars gewesen, weil ich die künstlerische Umsetzung sehr schön und die Charakterzeichnung sehr feinfühlig und zart empfand. Und weil es eben ein Film ist, der für wenig Geld gemacht wurde und ich das grundsätzlich unterstütze. Ich war ohne eine Kenntnis des Inhalts zu haben, positiv sehr angetan.

    • singendelehrerin schreibt:

      „weil ich die künstlerische Umsetzung sehr schön und die Charakterzeichnung sehr feinfühlig und zart empfand“ -> Genau! Ich war total schockiert, als ich das Ergebnis der Abstimmung in den Bechern sah: Das verteilte sich recht gleichmäßig auf alle drei Becher (schlecht, mittel, gut). Mittel lass ich mir ja eingehen, wenn man sich für so eine Art Film nicht begeistern kann, aber schlecht?

      • friedlvongrimm schreibt:

        Vielleicht war eher vielen zu ruhig, zu schleppend? Oder der Protagonist war durch seine introvertierte Art vielen einfach zu sperrig. Da finden wohl nicht alle einen Zugang.

        • singendelehrerin schreibt:

          Ja, sicher ist das kein Mainstream-Futter, und ich hoffe, dass es eher so ist, wie du hier schreibst und nichts mir Homophobie zu tun hat…

          Vielen (weißen Deutschen) ist es vielleicht auch nicht klar, welche gesellschaftlichen Klischees mit diesem Film aufgebrochen werden, und wie wichtig das ist.

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