Neulich beim SNEAKen: Lion (Garth Davis, AUS/USA/UK 2016) – spoilerfrei

Quelle: weinsteinco.com

Zwar war Lion, was oscarnominierte Filme anbelangt, die ich noch nicht gesehen habe, nicht mein Wunschfilm für die Sneak Preview (ich hätte lieber Moonlight gesehen), doch nachdem ich gehört hatte, dass Dev Patel bei den BAFTA Awards der Preis für den besten Nebendarsteller verliehen wurde, war mein Interesse an diesem Film schon gestiegen, und als dann auf der Litfaßsäule vor dem Kino das Plakat hing, tippte ich darauf, dass wir Lion sehen würden. Ich hatte recht. Und ich muss sagen, dass mich die Verfilmung dieser wahren Geschichte eines von Australiern adoptierten indischen Jungen, der als Erwachsener mit Hilfe von Google Earth seine Mutter wiederfindet, sehr gefangen genommen hat.

Dabei ist besonders der erste Teil des Filmes einfach perfekt gelungen: Es wird gezeigt, wie der 5-jährige Saroo durch eine Verkettung von Umständen in Calcutta strandet – sehr, sehr weit von seiner Heimatstadt entfernt. Es ist herzzerreißend zu sehen, wie dieser kleine Junge, verloren in dieser Großstadt, versucht zu überleben. Die Kamera fängt hier tolle Bilder ein – wie ich gelesen habe, hatten Regisseur Garth Davis und Kameramann Greig Fraser für diese Sequenzen WALL-E als Vorbild -, wenn Saroo etwa durch Müllhalden zieht oder vor potentiellen Menschenhändlern wegrennt. Faszinierend, wie so ein kleines Kind, hinreißend gespielt von Sunny Pawar (die Casting-Agentur verdient eigentlich dafür einen Preis, dieses kleine, und doch so große Talent gefunden zu haben), so eine Leinwandpräsenz haben kann, selbst wenn es der kleinste Mensch weit und breit ist. Dazu gibt es ganz wenig Dialog und eine wunderbare Musik.

Es ist kein Spoiler, wenn ich verrate, dass Saroo schließlich von dem australischen Ehepaar Brierley (Nicole Kidman und David Wenham) adoptiert wird und somit ein komplett neues Leben in Australien beginnt. Als Student (nun gespielt von dem in dieser Rolle umwerfend aussehenden Dev Patel) wird durch ein gewisses Ereignis, das Saroo an seine Kindheit erinnert, der Wunsch ausgelöst, endlich herauszufinden, woher er eigentlich stammt und seine ursprüngliche Familie wiederzufinden. Die schwierige Suche (der Name des Viertels/Ortes, so wie ihn Saroo als 5-Jähriger gekannt hat, ergibt keine Treffer) zehrt sehr an ihm und an seiner Beziehung zu Lucy (Rooney Mara)…

Der Film hat folgende Nominierungen:

  • Bester Film
  • Bester Nebendarsteller (Dev Patel)
  • Beste Nebendarstellerin (Nicole Kidman)
  • Bestes adaptiertes Drehbuch
  • Beste Kamera
  • Bester Original Score

Ohne die Nominierungen vorher im Detail gewusst zu haben, sind mir die Kameraarbeit und der Original Score beim Ansehen sehr positiv aufgefallen. Hier sind für mich die Nominierungen auf jeden Fall gut verständlich. Nicole Kidman hat mir hier wieder besser gefallen als z. B. in The Railway Man, ihre Gesichtszüge scheinen auch nicht mehr so eingefroren zu sein von Botox. Dass sie sich mit dieser Darstellung gegen eine Viola Davis (in Fences) oder Octavia Spencer (in Hidden Figures) durchsetzen kann, glaube ich nicht. Aber sie hat die Adoptivmutter von Saroo sehr überzeugend dargestellt. Dev Patel hat ja, wie gesagt, den BAFTA für deine Darstellung gewonnen, bei den Oscars tippe ich ja eher auf Jeff Bridges. Trotzdem finde ich die Nominierung auf jeden Fall berechtigt – es hat mir sehr viel Freude bereitet, ihm zuzusehen. Die Nominierung fürs Drehbuch ist für mich schwer nachvollziehbar, weil ich das Buch von Saroo Brierley, auf dem das Drehbuch basiert, nicht kenne. Ich finde allerdings, dass das Drehbuch im zweiten Teil (also, wenn Saroo erwachsen ist) ein paar Schwächen hat. Ich hätte z. B. gerne mehr über den zweiten indischen Jungen, den die Brierleys adoptiert hatten, erfahren. Andererseits hätte das den Film noch länger gemacht, als er mit seinen zwei Stunden schon ist.

Quelle: lionmovie.com

Und wie sieht es mit der Königskategorie „Bester Film‟ aus? Sicherlich wird hier eine nahezu unglaubliche, aber doch wahre Geschichte erzählt, die ans Herz geht und eine positive Botschaft für die heutige Zeit hat. Und der erste Teil des Filmes ist auch wirklich großartig geworden, was zum großen Teil an dem Darsteller des 5-jährigen Saroo liegt. Seinem Charme kann sich niemand entziehen (die Abstimmung nach dem Ende des Filmes war eindeutig: Ich habe eine einzige Karte im „Schlecht‟-Becher gesehen und nur ein paar wenige in „Mittel‟), noch dazu, wie oben erwähnt, ist dieser Teil auch sehr schön gefilmt. Doch insgesamt ist der Film für mich dann doch nicht ganz „bester Film‟, weil für mich diese Kategorie für wirklich außergewöhnliche Filme (nicht nur vom Thema, sondern auch von der Umsetzung) reserviert ist. Die Nominierung ist trotzdem verdient – ich bin sehr froh, dass uns der Film in der Sneak Preview gezeigt wurde, denn ich hätte ihn mir vermutlich nicht extra im Kino angesehen, weil mich „based on a true story‟-Filme nicht immer auf Anhieb interessieren. Da hätte ich eine wunderbare, herzzerreißende und gleichzeitig herzerwärmende Geschichte verpasst!

8 von 10 Punkten!

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15 Antworten zu Neulich beim SNEAKen: Lion (Garth Davis, AUS/USA/UK 2016) – spoilerfrei

  1. Frau Margarete schreibt:

    Ich fand den Trailer schon sehr schön und ansprechend, deswegen bin ich gespannt, den Film bald im Kino zu sehen 🙂 Mich locken „wahre Geschichten“ auch immer ziemlich, einfach, weil ich es auch spannend finde, danach zu recherchieren, wie es denn wirklich war – oft wird der Film ja doch hier und dort angepasst. Schön zu lesen, dass du den Film mochtest, das steigert meine Vorfreude!

  2. bullion schreibt:

    Klingt genau nach meiner Art von Film. Danke für den Tipp! Zudem sehe ich Dev Patel stets sehr gerne, spätestens seit „The Newsroom“.

    • singendelehrerin schreibt:

      Gern geschehen! 🙂 Ich liebäugle jetzt auch damit, mir endlich „The Newsroom“ anzusehen, weil Dev Patel bei der Auswahl der Filme, in denen er mitgespielt hat, bisher nicht so ein gutes Händchen gehabt hat (natürlich mit Ausnahmen), die Serie ja aber z. B. von dir sehr gut bewertet ist (und es ist Aaron Sorkin!). Aber die DVD-Box mit allen drei Staffeln ist mir momentan noch etwas zu teuer (selbst bei amazon.co.uk).

      • bullion schreibt:

        Die Blu-ray-Box mit allen drei Staffeln gab es zu Weihnachten wieder für so um die 40 Euro in UK und das ist die Serie auf jeden Fall wert. Die DVD-Box war noch günstiger. Einfach mal die Augen offen halten, kommt bestimmt wieder… 🙂

        • singendelehrerin schreibt:

          Ja, die DVD-Box in UK liegt auch immer noch drunter, aber für nur 25 Folgen ist mir das momentan (, wenn ich noch genügend anderes Material habe,) noch zu teuer. Richtig teuer ist es nicht – und leisten könnte ich’s mir allemal, aber bei manchen Serien, die mir von vornherein nicht so unter den Nägeln brennen, schau ich schon aufs Geld. Andere werden gnadenlos noch vor der Veröffentlichung vorbestellt (wie „Sherlock“). 😉

  3. wordBUZZz schreibt:

    Irgendwie erinnert es mich in Teilen an „Slumdog Millionär“ oder „The Cut“… Habe es leider nicht geschafft mir „Lion“ vor heute Abend anzuschauen 😦
    Ich hoffe dennoch, dass es heute Nacht eine ordentliche Ausbeute geben wird…

  4. friedlvongrimm schreibt:

    Ja, die Darsteller der ersten Hälfte sind allesamt phänomenal, besonders das Brüdergespann. Ich habe auch überlegt, warum der zweite Adotivsohn sowenig beleuchtet wird. Könnte mir vorstellen, dass die realexistierende Person, dass vielleicht nicht so schön gefunden häte, in einem Film so totanaysiert zu werden. Ansonsten geht der Preis der schönsten Haare definitv an Dev Patel.

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