Manchester by the Sea (Kenneth Lonergan, USA 2016)

Quelle: en.wikipedia.org

What a heartbreaking movie! What a heartbreaking performance by Casey Affleck!

Ja, meine ersten Reaktionen auf den Film konnte ich wieder mal nur auf Englisch ausdrücken. Sorry ‚bout that. 😉 Dieser Indie-Film von Kenneth Lonergan, der vor ca. einem Jahr seine Premiere auf dem Sundance Festival feierte, hat zurecht so viel Aufmerksamkeit von der Hollywood Foreign Press bekommen und der Golden Globe für Casey Affleck ist auch höchst verdient.

Die Zeit heilt alle Wunden? Nein, dies ist kein Film darüber, wie jemand über ein tragisches Ereignis in seinem Leben hinwegkommt. Dieser Film zeigt vielmehr, was es in der Realität wohl auch häufig gibt: Es gibt Dinge, über die manch einer nie hinwegkommt, zumindest nicht innerhalb weniger Jahre. Das ist hart mitanzusehen, und doch will man bei Lee Chandler (Casey Affleck) bleiben, möchte ihm sagen, dass es irgendwann besser wird – und wüsste doch, dass man lügt.

Lee kehrt nach dem Tod seines Bruders Joe (Kyle Chandler) zurück nach Manchester by the Sea, um sich um den 16-jährigen Neffen Patrick (Lucas Hedges) zu kümmern, er ist von seinem Bruder als Legal Guardian im Testament bestimmt. Der Zuschauer versteht zunächst nicht so recht, warum Lee sich so schwer damit tut, schließlich sieht man in Rückblenden, wie nahe sich Onkel und Neffe standen, als Patrick ein kleiner Junge war. Nur langsam erfährt man immer mehr über das, was in Lees Vergangenheit vorgefallen hat und ihn zu dem wortkargen, einsamen, manchmal explosiv wütend werdenden Mann gemacht hat, der er jetzt ist. Was man schließlich etwa in der Mitte des Filmes erfährt, zerbricht einem das Herz. Damit weiterzuleben, scheint auch dem Zuschauer fast unmöglich, der Gedanke daran muss doch unerträglich sein.

Ist also alles nur schrecklich traurig in diesem Film? Vieles, ja. Aber das Leben geht tatsächlich trotz Tod und aller Tragik weiter. Dies zeigt sich z. B. darin, dass Patrick nach dem Tod seines Vaters (der wegen dessen Krankheit nicht völlig überraschend kam) weitgehend sein normales Leben aufrecht erhalten will: Freundin(nen), Bandproben, Gespräche über Star Trek,… Und dann gibt es einfach auch diese Zuneigung, die zwischen Lee und Patrick trotzdem da ist, auch wenn sie sich mal streiten. Schließlich gibt es auch einen Moment, in dem auch Lee lächelt – das einzige Mal (in der Zeitlinie der Gegenwart). Da geht einem das Herz auf und man meint auf einmal, es könnte doch noch alles so ausgehen, wie aufbauende Geschichten darüber, wie man Trauer überwinden und Erlösung finden kann.

Eine Szene muss unbedingt noch besonders herausgestellt werden. Es ist das Zusammentreffen von Lee mit seiner Ex-Frau Randi (Michelle Williams). Michelle Williams hat nicht viel Screentime, aber diese Szene zwischen den beiden ist so herzzerreißend, dass sie sich wie in mein Hirn eingebrannt hat. Williams zeigt hier mal wieder, wie gut sie in dramatischen Rollen ist.

Quelle: indiewire.com

Fionnuala Halligan von screendaily.com schreibt:

Casey Affleck’s performance is haunting, a face of grief and anger the viewer will never forget […]

Indeed! Für mich einer der größten Oscar-Favoriten im Bereich bester Hauptdarsteller.

Doch auch sonst ist der Film für mich Oscar-Material: das Drehbuch ist großartig, der Winter an der amerikanischen Ostküste ist sehr schön melancholisch eingefangen, der Schnitt absichtlich so, dass Gegenwart und Flashbacks fließend ineinander übergehen (keine unterschiedliche Farbgebung oder ähnliches).

Ein zutiefst bewegender Film! Unbedingt sehenswert: 9 von 10 Punkten.

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6 Antworten zu Manchester by the Sea (Kenneth Lonergan, USA 2016)

  1. Zeilenende schreibt:

    Ich bin mal gespannt, was deine Prognose abgibt. Ich bin irgendwo über eine Filmkritik gestolpert, der dem Film kein Oscar-Potential zubilligt, weil er in Trump-Land spielt, ohne sich damit zu beschäftigen. Und die nächsten Oscars werden wohl politisch werden.
    Nichtsdestotrotz: Sehr gut, dass er dir gefällt. Ich habe am Dienstag vor Arrival einen Trailer gesehen und mir den Film notiert. Jetzt brauche ich nur noch einen Termin, um ihn mir auch anzuschauen.

    • singendelehrerin schreibt:

      Hm, ja, politisch ist der Film tatsächlich nicht, und auch sehr weiß… Aber wenn jetzt Filme deswegen ausgeschlossen werden, weil sie keinen „diverse“ Cast haben, dann ist das doch genauso rassistisch wie umgekehrt… :-/

      Casey Affleck MUSS eigentlich nominiert werden, aber im Gegensatz zu den Golden Globes gibt es halt nur 5 und nicht 10 Kandidaten.

      Bin eh gespannt, ob „Arrival“ etwas mehr Nominierungen abbekommt als bei den Golden Globes.

      • Zeilenende schreibt:

        Arrival könnte beim adaptierten Drehbuch punkten, denke ich. Auch bei der Kamera sehe ich da Potential für den Preis. Ansonsten ist er eigentlich kein Aspirant für Oscars, finde ich.
        Was die Frage nach dem „diverse“ angeht, ist es bei MbtS eher so, dass auch bei den schauspielerischen Leistungen auch immer das Gesamtpaket des Films mitgedacht wird. Und da wird der aktuelle Zeitgeist schlicht andere Prioritäten haben. Er kommt halt zur falschen Zeit.

  2. ohmyalexblog schreibt:

    Ich hoffe den Film heute Abend zu sehen! Der Trailer hat mich schon berührt obwohl man nicht viel mitbekommt. Auch interessant waren die Videos Actors on Actors mit Michelle Williams und Casey Affleck über den Film

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