I’m hooked! #26: This is England ’86

Nachdem mich Friedl von Grimm mit der Truppe um Woody (Joseph Gilgun) im Oktober durch den Film This is England bekannt gemacht hatte, habe ich nun endlich damit begonnen, die erste dazu gehörige Serie, die, man mag es kaum glauben 😉 , 1986 spielt, anzusehen (Folge 1+2).

Quelle: channel4.com

Quelle: channel4.com

Es ist schier unglaublich, wie sehr man diese Charaktere, die weder schön noch besonders klug sind, die aus einem völlig anderen familiären-gesellschaftlichen Background kommen (und damit meine ich nicht mal die Tatsache, dass sie Engländer sind) und im Grunde genommen keinen Plan haben, was sie aus ihrem Leben machen sollen, ins Herz schließt.

Mein Leben sah 1986 so anders aus, ich komme aus einer, im weitesten Sinne, „akademischen“ Familie, ich kannte keine Familien, bei denen die Eltern geschieden waren, wuchs in einem Drei-Generationen-Haushalt auf, in dem zusammen musiziert, Tischtennis und Skat gespielt wurde. Ich hatte in meinem Leben keinen einzigen Rausch, wurde weltoffen erzogen, lebte aber im Grunde genommen ein sehr behütetes Leben – fern von Cliquen jeglicher Couleur.

Was für ein Kontrast zu der Skinhead-Truppe in This is England ’86! Der eine Vater prügelt seinen Sohn, der andere hat sich früher an seiner Tochter vergriffen, Familien sind reihenweise zerrüttet, Sex zwischen Frauen mittleren Alters und jungen, kaum erfahrenen Männern scheint nichts Besonderes, Hochzeiten platzen, man ist sich untreu… Fasziniert mich das, weil es so weit von meiner Lebenswelt entfernt ist? Ist das wie ein Zoo, so à la: „Und hier sehen sie, wie sich die untere Klasse in England in den 80er Jahren in ihrem Habitat verhält“?

Nein, die Faszination rührt vom Thema Freundschaft her. Wenn da Meggy im Krankenhaus nach einem Herzinfarkt zu seinen Kumpels und Kumpelinnen sagt: „I love you all“, dann ist niemand peinlich berührt, sondern man spürt, wie eng diese Gemeinschaft ist. Auch wenn es nicht immer harmonisch zugeht, letztlich stehen die Freunde zusammen. Das geht ans Herz. Außerdem hat jeder dieser Individuen sein Päckchen zu tragen, jeder muss sich irgendwie durchs Leben schlagen, ohne viel Geld und ohne rosige Zukunftsaussichten. Konfliktstoff gibt es zu Hauf und ich ahne schon nach zwei Folgen, dass da auch einiges nicht so gut ausgehen mag.

Außerdem hat die Serie einen richtig guten Soundtrack und ist toll gefilmt!

Ich wollte vorhin gar nicht nach der zweiten Folge aufhören, was ein klares Zeichen ist: I’m hooked! Und zwar nicht nur  hooked on This is England, sondern auch hooked on British TV in general. So sehr ich amerikanische Serien mag – ich liebe auch britisches Fernsehen, weil die Charaktere oft so wunderbar authentisch scheinen, weil sie nicht auf Hochglanz poliert werden, sondern die Schauspieler quasi „milieu-gerecht“ eingesetzt und in Szene gesetzt werden. Sehenswert!

PS: Ich wünschte, ich hätte Michael Socha, den ich letztes Jahr im Theater und an der Stage Door gesehen habe, schon sagen können, wie toll ich die Serie finde!

Nachtrag, nachdem ich die letzten zwei Folgen gesehen habe (Miniserie von 4 Folgen): KEINE leichte Unterhaltung! Die letzten zwei Folgen waren für mich äußerst schwierig zu ertragen und gehen wohl in meine „Einmal und nie wieder“-Liste ein. Trotzdem (oder gerade deswegen) stark, weil das ganze gut-wrenching ist und wahnsinnig wütend macht. Nichts für zarte Gemüter.

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17 Antworten zu I’m hooked! #26: This is England ’86

  1. bullion schreibt:

    Wollte ich spätestens seit Frau Grimms Empfehlung auch einmal schauen. Vielleicht ist das nun endgültig der Auslöser. Mal mit meinem Programmplaner sprechen… 😀

  2. schauwerte schreibt:

    Klingt gut. Ich schau mal rein

    • singendelehrerin schreibt:

      Aber Vorsicht: Folgen 3 + 4 sind emotional kaum zu ertragen. Puh. Und sowieso erst den Film ansehen, damit du die Charaktere verstehst. Mann, uplifting ist das nicht gerade.

  3. Wortman schreibt:

    Ich kenne nur den Film….

  4. friedlvongrimm schreibt:

    So meine Lieblingslehrerin,
    es erfreut mich, dass du doch tatsächlich die Reise mit meiner Lieblingsgang fortsetzt.
    Eines vorweg: So gut, wie in der 1. Serie wird Woody leider nie mehr aussehen.

    Ich beneide dich sehr um dein Generationenhaus und deine schöne Beschreibung deiner Sozialisation hat mich ein wenig nachdenklich gestimmt. Ich bin wahrscheinlich ein bischen der Working Class näher als du, so familiär gesehen ist zwar alles dabei von Lehrern, Selbstständigen und Angestellten jeglicher Ebene, aber meine Eltern durften beispielsweise in DDR kein abitur machen, bzw. waren zu faul oder wahlweise zu aufsäßig. *lach*
    Und auch mein Bezirk ist absolut durchmischt, ist dir vielleicht aufgefallen, da hast du Ecken mit Eigentumshäusern/Wohnungen am See bis hin zu den klassichen Platten, wo sich alles zwischen Arbeitslosen, Vietnamesen, Linken, Rechten, Veganern, Studenten, Familien, Rentnern und Menschen, die alles davon sind, tummeln. Und das prägt halt. Du lernst Personen kennen, die aus ähnlichen Verhältnissen kommen wie die Leute aus „This Is England“ und es ist halt normaler Alltag. Vielleicht mag ich deswegen so viele UK-Produktionen, die vorallem in der nördlichen Region spielen. Das ruppige Berlin ist doch der Mentalität dort recht ähnlich. Da kann man in manch schlimmer Situation nur mit dem Humor reagieren oder sich ein tolles Gespann an Freunden suchen, die man mit Liebe überhäuft. Das ist auch dass, was ich in der Serie und dem Film auch so unglaublich berührend finde. Dieser Zusammenhalt untereinander, der über viele Klischeefreundschaften hinweg wegt. Klar, da gibt es unsäglich viele Hochs und Tiefs, aber so viel Loving and Caring auf eine realistische Weise findet man in Filmen selten. Denn hier werden durch Hilfe keine perfekten Helden geschaffen, sondern jeder akzeptiert die Narben und den Mist des anderen.

    Und zu Folge 3 und 4. Ich denke, du meinst insbesondere die Konfrontation von Lol und ihrem Vater und die Vergewaltigungsszene, oder? Ich kann absolut verstehen, wenn du das nicht nochmal sehen möchtest. Ich halte erste für eine der bestinszeniertesten und bestgeschauspielersten Sequenzen in der Filmgeschichte, aber dieser Dynamikwechsel bereitet mir jedes Mal eine Gänsehaut. Wie Lol mit dem Hammer, voller Agression plötzlich wieder zum kleinen Mädchen wird, ohne Chance und wie sich das alles dann entwickelt. Warst du überrascht bezüglich des Helfers?

    Ich möchte dir übrigens empfehlen die zweite Staffel a) nicht sofort zu schauen und b) NICHT in der Weihnachtszeit zu schauen. Es ist immer schön ein bisschen Zeit verstreichen zu lassen um die Entwicklung innerhalb der Jahressprünge wirken zu lassen.

    Und ich bin sehr gespann wie du das Serienfinale findest!
    Angeblich will Shane Meadows vielleicht nochmal eine Serie machen, die Schauspieler definitiv auch, aber ich finde, es ist der perfekte Schluss.

    Und ja, der Soundtrack ist perfekt! ❤
    Genauso wie Kater Woody. ❤

    • singendelehrerin schreibt:

      Ah, so ein langer Kommentar – da sieht man, wie sehr dir diese Serie am Herzen liegt! 🙂

      Ich komme halt tatsächlich eher vom Land, auch wenn ich das erst im Rückblick (jetzt, da ich in München lebe) sagen konnte. Vorher kam mir das gar nicht soooo ländlich vor, im Gegensatz zu Gemeinden in der Fränkischen Schweiz, die wirklich total ab vom Schuss waren. Das ist schon wirklich was ganz anderes als Berlin. (Auch München ist ja noch vergleichsweise „gemütlich“.)

      Wie gewünscht, habe ich heute nicht gleich weiter geschaut. Aber zwei Jahre werde ich wohl auch nicht warten! 😉

      „Und zu Folge 3 und 4. Ich denke, du meinst insbesondere die Konfrontation von Lol und ihrem Vater und die Vergewaltigungsszene, oder?“
      -> Na, du spoilerst hier meine Leser ja ganz schön! 😉 Aber ja, das waren die Szenen, die ich wirklich kaum ansehen konnte. Und obwohl ich in diesen Momenten zwar schon in der Geschichte drin war und mit den Charakteren litt, habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht, wie das sein muss, so eine Szene zu spielen. Wahrhaftig keine schöne Vorstellung, für beide Seiten! Da muss aber ordentlich Vertrauen vorher aufgebaut werden… Puh.

      Die unerwartete Hilfe für Lol hat mich emotional umgehauen, diesmal im positiven Sinne – da musste ich dann gleich nochmal heulen. Wow!

      Nochmal herzlichen Dank dafür, dass du mir Film und Serie ans ❤ gelegt hast – auch wenn sie zum Teil ja wirklich herzzerreißend sind.

      • friedlvongrimm schreibt:

        Ach, ich spoiler doch nix. Ich habe ja nicht gesagt, wie irgendetwas zustande kommt und wie es ausgeht. Und das ist ja jetzt keine Serie, bei der das essenziellste Überraschungsmomente sind.

        Ich freue mich, dass dich diese Serie (plus Film) auch berührt und freue mich auf deine letzten zwei Etappen und dein Endresumee. Und dann kannst du nochmal über Woody und mich schreiben. ❤

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