The Red Barn (David Hare): Lyttelton Theatre (NT) 17.12.2016 (Matinee)

Vorbemerkungen: Eine „Matinee‟ ist bei den Briten eine Nachmittagsvorstellung. Es sind in dem eigentlich deutschen Text wieder mal einige englische Wörter eingestreut, die für mich eher das ausdrücken, was ich sagen will. Kein guter Stil eigentlich, aber deswegen bin ich ja auch keine professionelle Kritikerin… 😉

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Ich habe schon beschrieben, dass ich mich Samstag früh um 8:00 am National Theatre angestellt habe, um noch ein Day Ticket für dieses Stück zu ergattern. BOY, it was worth it! Auf einer Rangliste aller 2016 gesehenen Theaterstücke stünde The Red Barn wohl auf Platz 1, schlechtestens auf Platz 3.

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Das Stück von David Hare basiert auf dem Roman La Main von Georges Simenon, weswegen viele wohl einen schlichten Thriller erwarten. Im Grunde genommen ist dies aber ein Psycho-Drama, das sich um eine Art Love Triangle spinnt. Alles nimmt seinen Lauf im Schneesturm, der am Anfang des Stücks steht. Zwei Paare machen sich zusammen auf den Weg von einer Party nach Hause – doch der Mann von Mona (Elizabeth Debicki) kommt nicht am Haus von Ingrid (Hope Davis) und Donald Dodd (Mark Strong) an.

Photo: Tristram Kenton

Ingrid schickt ihren Mann los, nach dem Vermissten zu suchen, doch Donald kommt ohne ihn zurück.

Photo: Manuel Harlan for The National Theatre

Mona scheint unter Schock zu stehen, selbst als nach Abklingen des Schneesturms die Polizei den Leichnam – ein Suizid, so munkelt man? – findet, wirkt sie eher numb als völlig aufgelöst.

Photo: Manuel Harlan for The National Theatre

Das psychologische Drama, das sich nun entspannt, dreht sich um Donald, der in der Ehe mit der dominanten Ingrid sich irgendwie unterdrückt fühlt und der zudem auf der der Unglücksnacht vorangegangenen Party etwas gesehen hat, das ihn zutiefst erschüttert hat und ihn zugleich zu Mona hinzieht. So beginnt eine Affäre zwischen Mona und Don. Doch da Don ihr nicht versprechen will, dass er Ingrid für sie verlässt, schaut Mona sich anderweitig um… Als sie Don von dem anderen erzählt und die Affäre beendet, löst das in Don etwas aus, das tödliche Folgen hat…

Was dieses Stück so gripping machte, waren vor allem zwei Aspekte:

1. Die Schauspieler:

Vorweg muss ich noch mal daran erinnern, dass ich in der ersten Reihe saß – ich war also richtig nahe dran, konnte jede auch noch so kleine Regung im Gesicht sehen. Ich liebe das!

Photo: Manuel Harlan for The National Theatre

Ich dachte eigentlich, Mark Strong könnte mich nicht noch mehr beeindrucken (nach seinem intense stare in A View from the Bridge), aber das war ein Irrtum. In der Rolle des braven, leicht unterdrückten Ehemanns, in dem aber viel Leidenschaft und Wut brodelt, ist Mark so völlig in der Rolle verschwunden, dass ich ihn kaum wiedererkannte. Und das lag nicht nur an den Haaren und der Brille! Er hatte eine völlig andere Körpersprache als ich sie je in irgendeiner Rolle von ihm gesehen habe. Faszinierend, das zu erleben!

Photo: Manuel Harlan for The National Theatre

Hope Davis hatte ich ja zuletzt als manipulative Lehrerin in Wayward Pines gehasst – und auch hier hat sie etwas Unangenehmes an sich, das es nicht gerade leicht macht, sie zu mögen. Obwohl Hope ja eine schöne Frau ist, hat sie es richtig gut drauf, die Zuschauer unruhig auf den Sitzen rumrutschen zu lassen, weil sie so unpleasant ist.

 

Photo: Manuel Harlan for The National Theatre

Der Hauptgrund, warum ich dieses Stück sehen wollte, war tatsächlich nicht Mark Strong, sondern Elizabeth Debicki. Anders als wohl bei vielen, denen sie erst in The Night Manager aufgefallen ist, war mir ihr Name schon vor dieser Serie ein Begriff, weil sie für mich das Beste an der Baz Luhrmann-Verfimung von The Great Gatsby war:

Wen ich neben Gatsby sehr gut besetzt fand, ist Jordan Baker: Elizabeth Debicki (ein ganz neues Gesicht; imdb gibt nur drei Filme an, bei denen sie mitgespielt hat) hat mich als die Golfspielerin Jordan Baker (groß, schlank, hübsch, selbstbewusst) restlos überzeugt. Schade nur, dass sie nicht noch häufiger zu sehen war.

Und auch hier war ich absolut hingerissen von dieser Frau! Man möchte sie einfach keine Minute, ach was, keine Sekunde aus den Augen lassen. Sie spielt Mona selbstbewusst und verletzlich zugleich, zieht auf der Bühne ihr Oberteil aus, sodass ihr Oberkörper nackt war (aber nicht als Gimmick, sondern weil das in der Szene gepasst hat, schließlich küsste sie dann Don…) Ich weiß, gerade in Deutschland ist Nacktheit auf der Bühne wohl inzwischen eine Selbstverständlichkeit – ich finde es nach wie vor mutig, das vor einem Live-Publikum zu tun. Eigentlich mag ich ja dünne Frauen nicht besonders, aber Elizabeth Debicki strahlt so eine Anmut (und das bei einer Größe von 1,90!) aus, dass ich mich an ihr kaum satt sehen konnte und kann. Ich war wirklich auch am meisten enttäuscht, dass ich sie nicht an der Stage Door erwischen konnte – sie zu treffen hätte mehr Herzklopfen ausgelöst als Mark Strong. ❤

2. Das Bühnenbild:

So etwas habe ich noch nicht erlebt. Innerhalb von Sekunden tat sich jeweils vor unseren Augen ein völlig anderes Set auf: Vier verschiedene Locations waren bis ins letzte Detail eingerichtet: Das Haus der Dodds,

Photo: Manuel Harlan for The National Theatre

das Haus, in dem die Party statt gefunden hatte (zu sehen in Flashbacks),

Photo: Manuel Harlan for The National Theatre

Monas Loft in New York (überaus stylish komplett in weiß) und das Büro von Donalds Vater (, der die lokale Zeitung herausgibt).

Photo: Manuel Harlan for The National Theatre

Insbesondere bei Monas Loft stockte mir wirklich und wahrhaftig der Atem, als sich dieses zum ersten Mal auftat! Leider gibt es davon überhaupt keine Bilder im Netz – andererseits ist das auch gut so, denn so bleibt es eine Überraschung. Manche Kritiker fanden, dass das Theaterstück zu sehr wie ein Film wirkte und dadurch der Inhalt zu kurz kam. Ich habe das nicht als störend empfunden – im Gegenteil. Dazu kam noch, dass die Bühne nicht durch einen Vorhang geschlossen wurde, sondern durch eine schwarze Wand, die aber aus verschiedenen Teilen besteht, wodurch es möglich ist, auch nur Ausschnitte (eben ähnlich wie beim Film) zu zeigen. Leider konnte ich diese Effekte z. Tl. aus der ersten Reihe (leicht rechts von der Mitte) nicht immer so genießen, da war meine Sicht tatsächlich manchmal eingeschränkt. Was mich fast in den Wahnsinn getrieben hat, war die Tatsache, dass das Set des Hauses der Dodds jedes Mal an einer leicht anderen Stelle stand – mal war der Kamin direkt auf meiner Höhe, dann wieder etwas rechts oder links von mir. Das wollte mir einfach nicht eingehen, wie das funktioniert hat. Für diese Bühnentechnik verdient das Stück definitiv einen Preis!

Das Stück endete hochdramatisch – es fallen Schüsse – und dann ging ich mit schnell und laut klopfendem Herzen, immer noch leicht atemlos, aus dem Theatersaal. Meine „Begleitung‟ (die pensionierte englische Lehrerin, die ich morgens um 8 in der Schlange vor dem Box Office des NT kennengelernt hatte) war genauso begeistert. Ich sagte zu ihr, dass das „one of the most intense plays of the year‟ war – und dabei bleibe ich.

Leider wurde das intensive Erlebnis im Theatersaal nicht von einem Treffen mit den Schauspielern an der Stage Door gekrönt, was mich insbesondere wegen Elizabeth etwas traurig gemacht hat (ich hatte ja schon das Vergnügen, Mark Strong zu treffen). Aber nachhaltig enttäuscht war ich trotzdem nicht, da das Erlebnis, diese hervorragenden Schauspieler in dieser umwerfenden Inszenierung von Robert Icke gesehen zu haben, noch lange in mir nachgewirkt hat.

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3 Antworten zu The Red Barn (David Hare): Lyttelton Theatre (NT) 17.12.2016 (Matinee)

  1. friedlvongrimm schreibt:

    Ich mag das ja sehr gerne, wenn Theaterstück in der Inszenierung und dem Szenenbild eher filmisch angegangen werden, was aber bei den intellektuellen Theatermenschen absolut verpönt ist. Ich danke dir für die Beschreibung, klingt echt toll! Und Mark strong ist halt ein verdammt Guter.

    • singendelehrerin schreibt:

      Indeed! Ich hatte ihm ja schon nach „A View from the Bridge“ gesagt, dass er mehr leading roles spielen sollte – offenbar nahm er sich das, zumindest was das Theater anbelangt, zu Herzen. 😉

      Ich habe ja schon sehr unterschiedliche Bühnenbilder erlebt, auch sehr schlicht gehaltene, und finde, es kommt halt immer auf das Gesamtpaket an. Bei Ralph Fiennes‘ „Richard III“ fand ich es z. B. doof, dass die Schauspieler alee in schwarz gekleidet waren und die Bühne auch in schwarz gehalten war. Schwarz vor schwarzem Grund finde ich etwas öde…

  2. bullion schreibt:

    Ja, das klingt wirklich famos. Auch ich mag den filmischen Ansatz viel mehr als den abstrakten. Mensch, da bekomme ich ja auch richtig Lust auf Theater. Gehe auch Ende Januar, aber nur ins Opernhaus Nürnberg… 😉

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