Tatort Wiesbaden „Es lebe der Tod‟ (Sebastian Marka, 2016)

Der Tatort mit Ulrich Tukur als Felix Murot hat ja schon einige Male die eingefleischten Tatort-Fans (, die auf „klassische Krimis‟ stehen,) auf eine harte Probe gestellt, in dem doch gerne mal etwas experimentiert wird. In meinem Lieblingstatort EVER – einer der Glanzstunden des deutschen Fernsehens – „Im Schmerz geboren‟ finden sich z. B. Anspielungen auf Sergio Leone, Quentin Tarantino und Shakespeare. Ich saß damals mit ungläubigen Augen vor dem Fernseher. Letztes Jahr wurde in „Wer bin ich?‟ die vierte Wand komplett durchbrochen, in dem hier Ulrich Tukur sich selbst beim Spielen des Felix Murot spielte, und die Kunstfigur sich irgendwann selbstständig machte. Die Kritiker (wie auch ich) liebten die Folge – viele der o.g. Tatort-Fans fragten sich eher: „Was soll der Scheiß? Das ist doch kein Tatort!‟

Der Tatort vom Sonntag mit dem Titel „Es lebe der Tod‟ ist, verglichen mit den beiden vorangegangen Folgen, wieder eher klassisch – und doch fand ich ihn aus der Masse der Tatorte/Tatorts herausragend. Spiegel Online schreibt:

Nach dem tarantinoesken Zitatwestern „Ulrich Unchained“ und der grotesken Selbstbespiegelung „Being Ulrich Tukur“ nun also „Tu7ur“.

(Da hat mal jemand die Kritik geschrieben, der weiß, dass der Film Sieben im Original Se7en geschrieben wird!)

Und ja, da gibt es durchaus Anklänge an Se7en: Es geht um einen Serienkiller (gespielt von Jens Harzer), der Murot zu einem Karton führt. Als dieser erschrickt – Murot hat also auf jeden Fall Se7en gesehen – , beruhigt der Mörder ihn: „Keine Angst, ich bin keiner von denen!“

Der Mörder ist gefasst, doch handfeste Beweise fehlen, denn der Täter Steinmetz, der sich eher als eine Art Todesengel sieht, hinterlässt keine Spuren. Also braucht es ein Geständnis. Steinmetz will nur mit Murot reden – und so haben wir nach dem Kammerspiel im Auto im 1000. Tatort von letzter Woche, schon wieder im Grunde genommen ein Kammerspiel. Grandios.

Ein Mörder, der die Menschen ungefragt von ihrem Leiden erlöst  (und einen damit durchaus ein bisschen ins Grübeln bringt) und ein Kommissar, der von einer schweren Traurigkeit befallen ist und keinerlei Lebenslust hat (tolle Szenen, die das zeigen!).

Warum die Macher dieses Tatorts (Regie: Sebastian Marka, Buch: Erol Yesilkaya) es geschafft haben, mich in diesen Krimi hineinzuziehen, liegt zum einen an dem wirklich guten Drehbuch, zum anderen am hervorragendem Schauspiel von Tukur und Harzer, aber viel mehr noch an der Umsetzung durch Kamera (Armin Alker) und Musik (Thomas Mehlhorn) – und den kunstvollen Schnitt (Stefan Blau), der das Ganze zu einem ästhetischen Genuss gemacht hat. Egal, dass es vielleicht klischeehaft ist, Pulsadern in einer weißen Badewanne in einem komplett in Weiß ausgestatteten Badezimmer aufzuschneiden – es schaut einfach verdammt gut aus!

Dann die Rückblenden zu prägenden Erlebnissen von Steinmetz und Murot – selten habe ich das überzeugender im deutschen Fernsehen gesehen als hier. Und dann die Musik: Der Score von Thomas Mehlhorn hat die Stimmungen perfekt eingefangen, dazu kamen noch Songs, die einfach so gut ausgewählt waren, dass ich nur begeistert staunen konnte. Hey, ein Tatort, in dem ein Lied von Sufjan Stevens (Fourth of July) läuft, KANN gar nicht so schlecht sein! 😉

Wie der Tatort ausging, darüber schreibe ich hier mal nichts – da wird sicher ohnehin in der ganzen Republik darüber diskutiert – ich will denjenigen eine Chance geben, die den Tatort vielleicht nicht live angeschaut haben. Es lohnt sich wirklich, ihn sich in der Mediathek noch anzusehen!

8 von 10 Punkten!

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5 Antworten zu Tatort Wiesbaden „Es lebe der Tod‟ (Sebastian Marka, 2016)

  1. jacker schreibt:

    Und schon wieder sind wir uns sehr einig! Murot ist sowieso DAS Highlight im Tatort (sorry Dortmund) und hat mich bis jetzt immer überzeugt.

    An IM SCHMERZ GEBOHREN kam der hier zwar nicht ganz ran, aber die Atmosphäre war derart dicht und beklemmend, dass mir echt das Herz aufging. Dieser Score ❤ Und ja, die SE7EN-Referenzen sprangen einen förmlich an. Das Colourgrading, die Thematik… Die Box-Szene hab ich leider verpasst, weil ich gerade das Essen aus dem Ofen holte – die hätte es dann ja endgültig besiegelt.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ah, schön, dass du das genauso siehst! 🙂 Klar, an „Im Schmerz geboren“ (schöner Typo bei dir btw 😉 ) kommt er nicht ganz ran, aber das ist ja auch kaum zu machen.

      „Beklemmend“ trifft die Atmosphäre sehr gut – und leider ist es das ja, das den meisten Tatort-Episoden völlig abgeht. Die meisten Tatorte schau ich mir völlig unbeteiligt an – wie dankbar bin ich, wenn ich mal nicht das Bedürfnis habe, nebenher Mails zu checken!

      • jacker schreibt:

        GEB OHREN, JUNGEEEEEEE!

        😛

        Ja, wenn ich auf dem Handy tippe ist die Menge an Fehlern noch höher. Interessant ist ja auch, dass gerade diese abgefahrenen TATORT-Episoden vom deutschen „Durchschnittsgucker“ immer scheiße gefunden werden. Aber wir wissen ja, dass eine „Story die Sinn macht“ des Normalos heiliger Diamant ist 😦

  2. Nummer Neun schreibt:

    Den „Wer bin ich“ hatte ich sogar gesehen – einen der wenigen gesehen Tatorte bisher – und fand ihn ja ganz furchtbares, verkopftes Kunst-Kino. Den hier hätte ich mir auch angeschaut, aber aufgrund von Urlaub verpasst.

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