Anomalisa (Charlie Kaufman & Duke Johnson, USA 2015)

Quelle: filmstarts.de

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Ich habe ein Herz für Stop-Motion-Filme, angefacht vor Jahren von Wallace and Gromit. Mein Herz schlägt außerdem auch für Filme von Charlie Kaufman: Seine brillanten, originellen Drehbücher zu Being John Malkovich, Adaptation und Eternal Sunshine of the Spotless Mind sprechen da für sich (Synecdoche, New York liegt leider noch originalverpackt hier, shame on me!). Und so hatte ich den Film Anomalisa schon irgendwie auf dem Schirm, aber leider trotzdem im Kino verpasst. Schön, dass Amazon Prime ihn derzeit im Programm hat, und so konnte ich ihn endlich nachholen.

Mich haben insbesondere zwei Aspekte des Films besonders fasziniert (SPOILER sind enthalten, sofern man wirklich, so wie ich es tat, vorher so gut wie NICHTS über den Film weiß – ich habe sie diesmal nicht gekennzeichnet, weil sonst der Text komplett zerrissen wird.):

1. Die Stop-Motion-Technik lässt die Figuren unglaublich real wirken! Am stärksten kommt dies bei der Sexszene heraus: Wie hier (u.a.) die Klamotten ausgezogen werden, scheint näher an der Realität als viele, VIELE Sexszenen, die man in Filmen mit Schauspielern zu sehen bekommt. Wie oft habe ich mir schon gedacht: So reibungslos und sexy läuft das doch im realen Leben nie ab… Da wirkten die Puppen tatsächlich irgendwie menschlicher als jede Hochglanz-Sexszene, in der alles perfekt durchchoreografiert aussieht. Dieses Gefühl beim Zuschauer zu erzeugen, und zwar mit Puppen, denen man (gewollt) ansieht, dass sie Puppen sind, das ist schon hohe Kunst. Toll!

2. Wieder einmal hat Charlie Kaufman eine wahrhaft originelle Idee: Alle Menschen, die der Kundenservice-Guru Michael Stone (David Thewlis) trifft, klingen für ihn gleich. Seine Frau, sein Sohn, der Mann am Empfang im Hotel, seine Ex-Freundin… (alle werden von Tom Noonan gesprochen) Da ich mal wieder vorher so gut wie nichts über den Film gelesen hatte, hat mich das extrem irritiert, als Michael zu Hause anruft und eine Männerstimme sagt, dass sie „pre-menstrual‟ ist. Und dann spricht Michael sie auch noch als Donna an – hä? Mit der Zeit habe ich dann schon gecheckt, was da vor sich geht, aber das ist auf jeden Fall ein WTF?-Moment gewesen – und ich liebe es, wenn mich ein Film noch überraschen kann. Michael ist gelangweilt, gleichgültig, der Small-Talk mit dem Taxifahrer und den Hotelangestellten ist reine Pflichterfüllung. Und dann plötzlich hört Michael aus dem ganzen Einheitsbrei eine weibliche Stimme (Jennifer Jason Leigh) – und er MUSS diese aufspüren! Endlich tut sich etwas Aufregendes, etwas Anderes in seinem Leben! Lisa ist keine Schönheit, aber ihre Stimme macht sie für Michael zu etwas Einzigartigem, zu einer Anomalie, für die er seine Frau und Familie verlassen will. Doch wie lange hält der Zauber?

In diesem Film steckt so vieles an Wahrheit über unser Leben, obwohl die Idee, dass alle Menschen gleich klingen, auf den ersten Blick so abgefahren scheint. Aber ist es nicht so, dass das Alltägliche oft gleichförmig wirkt, und wir aufatmen, wenn ein frischer Wind das alles etwas durcheinander wirbelt? Doch der Film hört an dieser Stelle nicht auf. Der frische Wind bleibt ja nicht ewig frisch…

Mich bestärkt der Film im Grunde genommen darin, das Außergewöhnliche auch im Alltäglichen zu entdecken. Seitdem ich wieder mehr fotografiere, bemerke ich ja viel mehr „Schönheit am Wegesrand‟, die vielleicht der flüchtige Betrachter nicht als schön, sondern allenfalls als unbedeutend oder gar hässlich empfindet. Und irgendwie gilt das auch für Menschen. Vertraute Menschen vielleicht auch mal wieder neu entdecken, oder zumindest sich darin erinnern, was an ihnen so besonders ist, dass sie Vertraute geworden sind. Das nehme ich aus diesem Film mit, der aber sicher auch Raum für andere Interpretationen lässt.

Ein Film, der zum Nachdenken anregt, und das auf unterhaltsame Weise, denn Kaufman hat sich auch wieder ein paar nette, kleine Details einfallen lassen. Nach einer Nacht Drüberschlafen komme ich zu 8 von 10 Punkten.

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3 Antworten zu Anomalisa (Charlie Kaufman & Duke Johnson, USA 2015)

  1. jacker schreibt:

    „Nach einer Nacht drüber schlafen“ – schade, wären es zwei, hätte ich mich jetzt über die Vorstellung gefreut, dass wir den Film unwissend parallel geguckt haben 🙂

    Zu 1.) – Und wie süß sie sich auch noch den Kopf stößt 🙂
    Zu 2.) – Sie hatten sogar alle das gleiche Gesicht, nicht nur die gleiche Stimme.

    Insgesamt bin ich voll bei dir, ein sehr gelungener Film, der eine sehr menschliche und schöne, aber auch eine ziemlich bittere Note hat, weil er viele Andeutungen in Richtung Entfremdung, Depression, etc. enthält.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ach, das wäre ja tatsächlich besonders schön gewesen, wenn wie den Film gleichzeitig gesehen hätten! Schon lustig – früher war das ja normal, wenn man ferngesehen hat… 😉

      Freut mich sehr, dass wir mal wieder einer Meinung sind, nachdem wir ja bei ein paar Filmen in letzter Zeit etwas auseinanderlagen mit unseren Kritiken. 😉

  2. bullion schreibt:

    Ist bei mir auch auf die Prime Watchlist gewandert. Will ich baldmöglichst nachholen…

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