The Herd: Theaterstück von Rory Kinnear (2013)

The Herd

Ich lese selten Drama, bin der Meinung, Theaterstücke sind dazu da, auf der Bühne zum Leben erweckt zu werden. Doch als ich per Zufall davon erfahren hatte, dass Rory Kinnear ein Theaterstück geschrieben hat, das 2013 im Bush Theatre (und 2015 von der Steppenwolf Theatre Company in Chicago) aufgeführt wurde, wollte ich mir das nicht entgehen lassen und habe das Stück nun vor zwei Tagen gelesen.

Familie Griffith trifft sich im Haus von Carol, um den 21. Geburtstag des Sohnes Andy zu feiern: Carols Tochter Claire und Carols Eltern Patricia und Brian. Andy selbst allerdings ist noch auf dem Weg, er soll von einem Pfleger hergebracht werden, denn er lebt aufgrund seiner Behinderung (welcher Art, erfährt man nicht, aber offenbar ist davon auch seine Lunge betroffen) in einem Pflegeheim. Im Laufe des Stücks tauchen dann noch zwei Männer auf, mit denen Carol nicht gerechnet hat: der neue Freund von Claire (Mark) und – für alle überraschend – Carols Ex-Mann Ian, der die Familie vor ca. 15 Jahren verlassen und Andy seit fünf Jahren nicht mehr besucht hat. Insbesondere Claire, die Tochter, ist extrem wütend über dieses unangekündigte Auftauchen und es kommt zu schweren verbalen Auseinandersetzungen… Andy, indes, kommt nie an, sondern muss ins Krankenhaus gebracht werden.

Rory Kinnears Drama ist humorvoll (insbesondere die Großeltern von Andy sprühen vor Witz) und gleichzeitig schmerzt manche Dialogzeile. Vor allem aber wirkt die Familie sehr authentisch, man hat das Gefühl, hier Zeuge eines echten Familientreffens zu werden. So drängte sich bei mir sofort der Verdacht auf, dass Rory Kinnear diese Situation (ein Familienmitglied ist behindert) aus eigener Anschauung kennt, und genau so ist es auch.

Das Gehirn von Rorys ältester Schwester Karina wurde durch Sauerstoffmangel bei der Geburt schwer geschädigt, zudem hat sie eine schwache Lunge. Man prognostizierte nicht mehr als 19 Jahre Lebenszeit, doch lebt sie heute – mit über 40 Jahren – immer noch. Was Rory mit diesem Stück zeigen wollte sagt er selbst in einem Interview mit dem Evening Standard:

Without being overtly political about it, if people with severe disabilities are calculated in societal terms purely as a monetised unit, in terms of how much they cost in terms of care, you lose an important sense of who they are and the effect they have. […] To show the person’s intrinsic importance to a family, and actually how committed it makes them and how strongly it brings people together in some respects, it makes it easier for people without disability in their families to understand. In life you are only really important, and only really do anything, for five or six people.

In Rorys eigener Familie kam ja noch ein zweiter tragischer Schicksalsschlag dazu: sein Vater Roy Kinnear starb, als Rory 10 Jahre alt war, an den Folgen eines Sturzes vom Pferd während der Dreharbeiten zu The Return of the Musketeers (1988).

Rory Kinnear zeigt Sympathie mit allen seiner Figuren. Auch der Vater, der sich aus Sicht seiner Tochter, aus dem Staub gemacht hat, um sich vor der Verantwortung für den behinderten Sohn zu drücken, wird hier nicht als böse oder kalt dargestellt, sondern als jemand, der einfach damals mit der Situation nicht umgehen konnte, jetzt aber versucht, wieder Kontakt aufzunehmen, vielleicht seine Fehler wieder ein Stück weit gutzumachen. Zu spät – aber doch aus den richtigen Motiven. Somit erhebt das Stück keine Anklage gegenüber denjenigen, die mit so einem Schicksal hadern. Gleichzeitig wird auch – in der Person der Mutter Carol – offenbar, dass es umgekehrt für diejenigen, die sich der Verantwortung stellen, nicht leicht ist, die Verantwortung wiederum abzugeben (an die Pfleger im Pflegeheim, an denen sie kaum ein gutes Haar lässt).

Fazit: The Herd ist ein äußerst gelungenes Erstlingswerk, das durch witzige – und bissige – Dialoge und authentische Charaktere überzeugt!

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2 Antworten zu The Herd: Theaterstück von Rory Kinnear (2013)

  1. KirstenSE schreibt:

    Sehr gute Rezension! Ich habe das Skript zwar zu Hause, lese aber nur in Skripten, falls es Verständnisprobleme gibt – sonst bin ich da ganz deiner Meinung: Das muss man performed sehen! Der Cast im Bush Theatre war auch ausgesprochen gut, dass er dem Skript vermutlich noch mal mehr Qualität verliehen hat. Das Publikum war nämlich durchweg emotional sehr involviert. Lindsey Marshal (Emilia) war mit Rory’s anderen Othello Kollegen Jonathan Bailey (Cassio) und Olivia Vinall (Desdemona) in der gleichen Vorstellung und saß mir direkt gegenüber. Während der Vorstellung war ich ganz mit dem Stück beschäftigt, als ich allerdings danach rausging, wurde sie von den anderen beiden getröstet -sie weinte bitterlich. So eine Emotionalität ist mir bis dahin noch in keinem Theater begegnet. Die Rollen bei der Erstaufführung wurden gespielt von Louise Brealey (Claire), Amanda Root (Carol), Adrian Rawlins (Ian) Anna-Calder Marshall (Patricia; übrigens im wahren Leben die Mutter von Tom Burke), Kenneth Cranham (Brian), Adrian Bower (Mark) – alle absolut großartig! Und wirklich sehr authentisch! Und es war eine absolute Freude jeden einzelnen nach der Vorstellung in der Bar zu treffen und einige Worte mit ihnen zu wechseln.
    Freut mich, dass dir das Skript auch ohne, dass du das Stück gesehen hast, gut gefallen hat. Das spricht eindeutig für seine Qualität!

    • singendelehrerin schreibt:

      Erstmal: Danke!

      Und dann: Ich müsste eindeutig mehr mit dir rumhängen („es war eine absolute Freude jeden einzelnen nach der Vorstellung in der Bar zu treffen und einige Worte mit ihnen zu wechseln“)! 😉 Danke für deine Einblicke darüber, wie es war, das Stück zu sehen. Gerade Louise Brealey kann ich mir sehr gut als Claire vorstellen, die anderen kenne ich nicht gut genug. Ich hoffe auf eine Wiederaufführung irgendwann!

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