Nachgedacht: Bewahrung von Normalität oder Leichtsinn?

Manchmal gibt es doch Zufälle, die einen dazu bringen könnten, völlig eingeschüchtert durchs Leben zu gehen: Wir haben heute an unserem pädagogischen Tag einen Vortrag zum Thema „Krisenmanagement an der Schule“ gehört. Da ging es am Rande auch um Amokläufe und wie wir als Lehrer uns dabei verhalten sollen.

An demselben Tag kommen bei einem Anschlag/Amoklauf (welcher Art ist wohl noch nicht klar) beim Olympia-Einkaufszentrum (OEZ), wie man jetzt gehört hat, mindestens 10 Menschen (darunter, wie es jetzt heißt, wohl der Täter) ums Leben und mind. 21 Menschen werden verletzt.

Als ich von dem Anschlag höre (kurz nach 19:30), muss ich schnell eine Entscheidung fällen. Ich wollte um 20:15 Star Trek Beyond im Kino anschauen. Lass ich das? Oder biete ich der Gewalt sozusagen die Stirn und gehe trotzdem ins Kino? (Das Kino liegt nicht im näheren Umkreis des OEZ.) Die Informationen sind noch spärlich, die Täter sind noch nicht gefasst und der öffentliche Nahverkehr wurde nahezu komplett eingestellt. München im Ausnahmezustand. Zu diesem Zeitpunkt heißt es nur, man solle öffentliche Plätze meiden. Gehört das kleine Cinema dazu?

Ich entscheide mich tatsächlich dafür, ins Kino zu gehen, denke auch immer noch irgendwie, dass sich die Lage bis zum Ende des Films bestimmt entspannt haben wird und ich danach dann sogar noch für die Sneak Preview dableiben kann. Da mein Auto kaputt ist und es gerade zu regnen beginnt, lasse ich mich zum Kino bringen – davon ausgehend, dass hurzfilm ja später noch zur Sneak kommt und mich dann heimfahren kann. Ich gebe zu, ein wenig mulmig ist mir schon, aber ich will mich auch nicht einschüchtern lassen.

Viele der im Vorverkauf verkauften Plätze im Kino bleiben leer – ich kann auf meinem Lieblingsplatz sitzen, in „meiner“ Reihe sitzen nur drei Leute. Star Trek Beyond kann mich sehr schnell ablenken, ich habe den Film wirklich genossen, vor allem war der Look wirklich so, dass ich oft mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund da saß. Vielleicht bin ich heute durch die Ereignisse dann doch ein bisschen naher am Wasser gebaut: die Reminiszenzen an Leonard Nimoy und Anton Yelchin noch einmal lebend zu sehen, heben mich schon sehr gerührt… Aber dazu dann mehr in meiner Kritik.

Nach dem Film stellt sich heraus, dass die Sneak Preview ausfällt. Da nun hurzfilm deswegen auch nicht kam, musste ich irgendwie nach Hause kommen (mein Chauffeur der Hinfahrt konnte zu dieser Zeit noch nicht kommen). Öffentliche Verkehrsmittel schienen immer noch nicht zu fahren, dadurch waren natürlich auch alle Taxis besetzt. Also bin ich nach Hause gelaufen. Allein. Von 23 Uhr bis kurz nach Mitternacht. Am Schluss sogar noch durch den Westpark. Mutterseelenallein.

Ist das purer Leichtsinn? Gehe ich leichtfertig mit meinem Leben um? Die Frage habe ich mir unterwegs schon gestellt. Aber für mich war es eher das Gefühl: Nein, ich lasse mein Leben nicht von Angst regieren. Ich will mich nach wie vor trauen, nachts in München auch mal durch den Park zu laufen, ohne dass mir die Angst im Nacken sitzt. Hey, ich bereise demnächst z. Tl. alleine die USA – da gibt es viel mehr Waffen und Schießereien. Da muss bzw. will ich auch durch. Normalität bewahren – darum ging es mir heute. Gerade nach dem Vortrag heute. Denn da hieß es auch, dass wir Lehrer in so einer Gefahrensituation zumindest den Schülern gegenüber so tun müssen, als ob wir einen kühlen Kopf bewahren. Das ist sicher leichter gesagt als getan. Doch gerade deswegen war das heute für mich eine gute Sache, dass ich heimgelaufen bin – und mich sogar durch den Park getraut habe. Und das erstaunlich gelassen.

Vor etwa einer halben Stunde hat die Polizei auch eine vorsichtige Entwarnung gegeben, man geht wohl nun tatsächlich von einem Einzeltäter aus – dem zehnten Toten. Und gerade eben musste die Polizei folgendes tweeten:

An alle, die Bilder von Opfern veröffentlichen: HÖRT AUF DAMIT! Habt Respekt vor dem Leid der Angehörigen.

Dem kann ich mich nur anschließen! Und ich möchte betonen, dass ich durch mein Ins-Kino-Gehen nicht das Leid der Angehörigen, denen mein tiefstes Mitgefühl gilt, banalisieren wollte. Mourn the dead but celebrate life!

 

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19 Antworten zu Nachgedacht: Bewahrung von Normalität oder Leichtsinn?

  1. jacker schreibt:

    Mal wieder eine Riesen-Scheiße, die da gestern passiert ist. Was du getan hast, bzw. wie du dich nicht hast von der Situation einschüchtern lassen, ist in meinen Augen allerdings das einzig richtige (nach dieser riesigen Terror-Warnung beim Fußballspiel letztes Jahr in Hannover hab ich mir die selben Fragen zum Umgang gestellt)! Was bleibt denn für ein Leben, wenn man sich nur noch zuhause verbarrikadiert, weil ja irgendwo irgendetwas passieren könnte? Die Welt und die Menschen sind zwar zu Teilen oft ziemlich kacke (da kommt der fatalistische Misanthrop in mir durch), aber eben nicht nur. Und das Leben ist trotz dieser kleinen Dämpfer einfach viel zu awesome (da spricht dann wieder der freudige Optimist), um sich zu beschränken – erst recht, weil fehlgeleitete Pranks (aus welchen Gründen auch immer) Hass auf die Welt schieben. Weiter machen, weiter Leben!

  2. hurzfilm schreibt:

    SL, es tut mir leid, dass du zu Fuß nach Hause laufen musstest. 😦 Abgesehen vom Sneak hielt ich es nicht für eine gute Idee, in die Stadt zu fahren. Siehe auch die Aufrufe der Münchner Polizei.

    • singendelehrerin schreibt:

      Du, dich trifft da keinerlei Schuld (außer vielleicht, dass du lernst, mir statt einer E-Mail eine SMS zu schicken, wenn du vermutest, dass ich nicht zu Hause bin 😉 ).

      Sauer war ich eher auf jemand anderes (du kennst ihn auch noch von der Plattform, über die wir uns kennengelernt haben: schwarze lange Haare, Nerd, Vorname mit T. beginnend). Er wollte in die Sneak, musste also auch unverrichteter Dinge wieder fahren. Ihn fragte ich, ob er mich vielleicht schnell heimfahren könnte. Seine Reaktion: „Nein, ich muss in eine andere Richtung.“ Ich war sprachlos. Wir waren mal befreundet. Hätte ich in dieser Nacht ein Auto gehabt, hätte ich gestrandete Freunde und Bekannte, vielleicht sogar auch mir unbekannte Leute, die ratlos vor dem Kino standen, in jede Ecke von München gebracht. Außer vielleicht in die Gegend um das OEZ.

      Letztlich war das aber vielleicht sogar gut für mich, weil ich so meinem leicht mulmigen Gefühl nicht zu viel Raum gegeben habe, sondern mich sogar durch den Westpark getraut habe.

  3. mwj schreibt:

    Jedenfalls tröstlich zu wissen, dass dir nichts passiert ist.

    Und du hast natürlich richtig gehandelt. So gut es geht die Normalität bewahren ist das einzig Richtige. Und Humor, wie Olli Kalkofe es auf Facebook ausgedrückt hat.

    Das völlige Idioten Bilder von Opfern veröffentlichen passt in das derzeitige Bild, das ich allgemein von den Menschen habe. Menschen, die aktuell an allen Ecken und Enden beweisen, dass sie anscheinend unendlich dumm sind. Traurig…

    • singendelehrerin schreibt:

      Dem kann ich nur zustimmen.

      Danke nochmal dafür, dass du an mich gedacht hast (obwohl ich schändlicher Weise bei dir nach der Attacke im Zug bei Würzburg nicht nachgefragt hatte…)! 🙂

      • mwj schreibt:

        Ich fahre seit 2011 nur noch unregelmäßig mit dem Zug. wenn dann bin ich nicht auf der Zugstrecke, auf welcher der Amoklauf passiert ist, (Würzburg-Treuchtlingen) unterwegs. Wobei ich diese Verbindung vor gut zehn Jahren auch gelegentlich genutzt habe.

  4. pimalrquadrat schreibt:

    Puuh, zum Glück ist dir nichts passiert! 🙂

    Ich fände es auch schwierig, in so einer Situation zu reagieren. Sich verbarrikadieren? Dann kann man auch gleich das Leben an den Nagel hängen. Klar, in der näheren Umgebung des OEZ bleibt einem nichts anderes übrig, aber sonst?
    Wie dem auch sei, dir ist nichts passiert, und wir müssen weiterleben. Um all jenen, die uns um unseres Lebensstiles hassen und verachten, zu zeigen, wer hier das Sagen hat.

    • singendelehrerin schreibt:

      „Um all jenen, die uns um unseres Lebensstiles hassen und verachten, zu zeigen, wer hier das Sagen hat.“ – Du sagst es!

      Und, klar, wäre ich in der unmittelbaren Umgebung des OEZ unterwegs gewesen, oder würde ich da wohnen, hätte ich mich auch verkrochen. Eine Freundin von mir war nicht allzu weit entfernt bei einem Dienstessen. Die durften erstmal gar nicht raus aus dem Restaurant und später hat die Chefin alle, die nicht mit dem Auto da waren nach Hause gefahren. Meine Freundin wäre auch ansonsten kaum nach Hause gekommen, denn ein Taxi zu ergattern war ein Ding der Unmöglichkeit und zu Fuß wäre es a) sehr weit gewesen und b) hätte der Weg durch Moosach, also das Gebiet um das OEZ geführt.

      So ein bisschen sitzt mir der gestrige Abend und die Nacht schon in den Knochen, muss ich sagen. Haben heute schon viel Nachrichten geschaut, Pressekonferenzen etc. Dass so viele Jugendliche unter den Toten sind, liegt mir doch schwer im Magen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es den Familien jetzt geht…

      Und gleichzeitig schwingt auch so ein Gefühl der Unwirklichkeit über dem Ganzen. Ganz seltsames Gefühl.

      • pimalrquadrat schreibt:

        Wie es scheint, hat der Täter gezielt Jugendliche angelockt, über Facebook-Posts… Wäre schlimm, falls das zuträfe.

        Weiß auch gar nicht, was ich dazu sagen soll, weil mir angesichts der Ereignisse die Worte fehlen. Mitgefühl, Wut, Trauer.

  5. Zeilenende schreibt:

    Als sich München gestern endlich in mein Bewusstsein schlich, habe ich dich ein wenig verflucht, weil du social-media-abstinent bist … Und auf die Idee, dir altmodisch eine Mail zu schreiben, bin ich gar nicht gekommen, ich Torfnase. 😉 Aber da bist du ja wieder, wohlbehalten und vorbildlich gegen die Bedrohung anspazierend. 🙂

    • singendelehrerin schreibt:

      Erstmal: Danke für deine Sorge (das englische Wort „concern“ drückt das eigentlich besser aus)! 🙂

      Ich gestehe, dass ich mich gestern auch ein bisschen verflucht habe, weil ich social-media-abstinent bin. Ich habe noch nicht mal Internetzugang, wenn ich nicht gerade irgendwo auf freies W-LAN zugreifen kann (und das ist ja in Deutschland echt verdammt rar). Ich konnte nicht mal nach dem Kino nachschaun, was jetzt der aktuelle Stand ist, geschweige denn auf die Schnelle „allen“ Bescheid geben, dass es mir gut geht.

      Umso mehr war es mir, wieder zurück zu Hause, ein Anliegen, diesen Artikel zu schreiben.

      Bin mir grad noch nicht sicher, ob ich meine Haltung bzgl. eines Datenvertrags für mein iPhone und social media nun ändern soll…

      • Zeilenende schreibt:

        Die besondere Pointe des folgenden Gedankens ist: Ein Social Media Fan spricht es aus.
        Ich denke nicht, dass du deine Prinzipien über Bord werfen solltest. Nicht wegen gestern. Denn die Datenflat hätte auch nicht substantiell etwas geändert. Nicht einschüchtern lassen und etwas machen, weil es „wegen der Lage“ sinnvoll erscheint. Sondern den Prinzipien treu sein. So wenig man sich wegen abstrakter Terrorgefahr bewaffnen sollte, sollte man nur deshalb andere Gewohnheiten aufgeben. Auch das ist „dem Terror nachgeben“.
        Es gibt natürlich auch den guten Grund, die Sorge nichts mitzubekommen. Oder Kontakt halten zu wollen. Dann ist es eine Überlegung wert. Aber nicht, weil einen solch ein „Blödsinn“ dazu nötigt. Denn dann schränkt der Blödsinn dich in deiner Entscheidungsfreiheit ein.

        • singendelehrerin schreibt:

          Danke für deine Gedanken!

          „Auch das ist „dem Terror nachgeben“.“ -> Ja, so etwas der Art wollte ich auch schon schreiben. Eben dieser Gedanke streitet sich ein bisschen mit der Sorge, nichts mitzubekommen oder auch nicht so leicht in Kontakt bleiben zu können. Ich breche aber jetzt nicht in Aktionismus aus.

  6. bullion schreibt:

    Als ich gestern Abend vor dem Rechner saß und den Tittwer-Stream zu #München sowie die Nachrichten verfolgte, musste ich auch an dich und Wortman denken. Dann ist mir eingefallen, dass ihr ja gar nicht Social Media nutzt und dann kam von Wortman auch schon die Entwarnung und bei dir hatte ich einfach die Hoffnung, dass du nicht gerade in der Ecke unterwegs bist. Die Social-Media-Zeit hätte ich mir auch sparen können, denn außer Spekulationen und erschreckend vielen rechtsgerichteten Tendenzen (Attacken gegen Merkel, Flüchtlinge usw.) war da nicht viel zu lesen.

    Ich bin sehr froh, dass du nicht betroffen warst und bewundere deinen Mut. Ich weiß tatsächlich nicht wie ich reagiert hätte. Vermutlich wäre ich zu Hause geblieben, bis die Lage geklärt ist. Dass du laufen musstest ist doppelt doof. Aber auch hier wieder: du lässt dich einfach nicht einschüchtern und unterkriegen. Wie Buffy eben. 🙂

    • singendelehrerin schreibt:

      Ui, der Vergleich mit Buffy ehrt mich natürlich sehr! 😳 😉 Sooo tough und unerschrocken würde ich mich aber gar nicht einschätzen. Trotzdem danke – auch dafür, dass du auch einen Gedanken an mich verschwendet hast! 🙂

  7. An schreibt:

    Ich finde deine Reaktion und Gedanken dazu sehr nachvollziehbar (wie eigentlich immer bei deinen Texten dieser Art) und denke da auch sehr ähnlich. In einer solchen Situation, dass etwas in meiner unmittelbaren Nähe passiert ist, war ich zwar noch nicht – aber ich will mich nicht dieser Angst hingeben, davon einschränken lassen, ich will mein Leben ganz genauso wie vorher auch weiterleben. Ich bin auch trotz allem gerade für eine Woche in London geflogen – was meinen Aufenhalt an Flughäfen, öffentlichen Veranstaltungen und Plätzen mit Menschenmassen mit eingeschlossen hat.

  8. hurzfilm schreibt:

    „So weiterleben wie bisher“ ist richtig, aus individueller Sicht. Ärgerlich wird es, dieser Aufruf von Politikern kommt und als Placebo für funktionierende Politik wirken soll. Dann ähnelt er dem Ratschlag an gemobbte Kinder und Jugendliche, sie sollen so tun, als ob ihnen das nichts ausmacht. Weil: „Dann hören die schon auf“. Ja, klar.

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