High-Rise (Ben Wheatley, UK/Belgien 2015)

Quelle: en.wikipedia.org

Uff. Wie beschreibt man diesen Film nur? Im Grunde genommen ist es ein Setting wie bei Snowpiercer, nur statischer Natur im Hochhaus statt im fahrenden Zug. Warum hier allerdings alles so völlig aus dem Ruder läuft und warum sich der Protagonist Laing (Tom Hiddleston) erst so richtig wohl und angekommen fühlt, als das Chaos herrscht, war mir beim ersten Mal Sehen irgendwie nicht zu erschließen. Ich glaube, ich komme um eine zweite Sichtung nicht herum (vermutlich dann erst auf DVD), denn: I’m intrigued. Und das nicht (primär 😉 ), weil Tom Hiddleston fast nackt zu sehen ist.

Da der Inhalt schwer wiederzugeben ist, ein paar Worte zu den „technischen Kategorien‟. Das erste, das mir positiv aufgefallen ist, ist die Musik (Score von Clint Mansell). Diese ist einfach perfekt auf die jeweilig gezeigten Bilder abgestimmt – zum Teil bewusst als Kontrapunkt, so etwa klassische Musikstücke zu Bildern von Chaos und Verwüstung. Solche Kontraste liebe ich schon seit der Polizeiautomassenkarambolage (nur das Deutsche bringt wohl solche Wörter hervor! 😀 ) in Blues Brothers! Ein Lied hat eine ganz besondere Stellung im Film, da es gleich zweimal zitiert wird: ABBAs Hit „S.O.S.‟ wird einmal instrumental in eher klassischem Arrangement gespielt und einmal kommt eine Cover-Version von Portishead zum Einsatz, die endlich einmal musikalisch den schwermütigen Text umsetzt. Das ist nämlich gar kein „Schubidu-gute-Laune-Lied‟ – ein fantastisches Cover, das die dazugehörige Szene wirklich zu etwas macht, das einem im Gedächtnis haften bleibt! Hört es euch an:

Kamera- und schnitttechnisch hat der Film auch einiges zu bieten. Schon in den Anfangssequenzen hatten mich der Regisseur Ben Wheatley und seine Crew für diesen Film gewonnen. Dazu kommen immer wieder geniale Einfälle, wie man aus einer Szene, die man auch einfach hätte abfilmen können, mehr herausholt und sie memorable macht.

Die Ausstattung schreit nach den 70er Jahren: Schlaghosen, Frisuren, Autos, Alkohol-, Drogen- und Sexparties… Alles was das Hippie-Herz begehrt. Das „High-Rise‟ selbst ist – aus Sicht der 70er Jahre – hochtechnisiert (leider nicht ohne Stromausfälle), der Supermarkt im 15. Stock, nach außen ist alles gleichförmig, doch die individuelle Gestaltung der Wohnungen ist doch recht unterschiedlich. Der Protagonist meint, erst am Ende SEINE Farbe für die Wände gefunden zu haben…

Die Besetzung ist vom Feinsten: Tom Hiddleston ist perfekt in der Rolle des Dr. Robert Laing, der Studenten zeigt, wie man einem Toten die Haut vom Gesicht zieht und wie man mit Säge das Gehirn freilegt (Wheatley ist bei sowas nicht zimperlich – wer seine bisherigen Werke kennt, z. B. Sightseers, der weiß das). Ein feiner Schnösel auf den ersten Blick (böse Zungen würden schon hier sagen: eine Traumbesetzung!), der aber trotzdem nicht zu der „feinen‟ (sprich durch und durch dekadenten) Gesellschaft, die in den oberen Etagen wohnt, gehört. Außerdem ist er körperlich in Bestform, was er bei „einbeinigen‟ Liegestützen, beim Squash und nur mit einem Buch „bekleidet‟ auf dem Balkon beweist. Ähem *beschämt sabber abwisch*.

Jeremy Irons ist Royal, der Architekt, ganz in weiß, seine Frau Ann (Keeley Hawes), reitet gerne – ganz in weiß auf einem weißen Pferd (bestimmt ein Hengst!). Royal sollte eigentlich die Fäden in der Hand halten, doch diese entgleiten ihm zusehends.

Auf zwei Frauen liegt ein besonderer Fokus: Sienna Miller spielt Charlotte, die einen Stock über Laing mit ihrem Sohn Toby (goldig: Louis Suc) lebt. Sexy, aber zu tieferen Gefühlen scheint sie nicht fähig – oder willens – zu sein. Während eines wirklich heißen Stelldicheins mit einem Mann (will ja nicht zu viel verraten), weist sie ihn darauf hin, dass es auch ein Bordell im Gebäude gibt. Sie könne für ihn herausfinden, wo.

Elizabeth Moss (Mad Men) spielt die hochschwangere Helen, die bereits zwei Kinder mit Wilder (Luke Evans) hat. Wilder interessiert sich jedoch mehr für andere Frauen (u.a. Charlotte), als für seine eigene, und ist Gewalt nicht abgeneigt. Luke Evans ist großartig in dieser Rolle, wenn auch die buschigen Koteletten nicht gerade attraktiv sind – aber sowas von Seventies!

Weitere Schauspieler sind u.a. James Purefoy (zuletzt in Hap and Leonard gesehen), Enzo Cilenti (Jonathan Strange & Mr Norell, Game of Thrones, etc.) und Sienna Guillory (kenne ich aus Luther). Richtig sympathisch ist hier kaum jemand, man ergreift auch nicht so wirklich Partei für eine Seite. Naja gut, die aus den oberen Etagen sind schon besondere Arschl*cher, aber moralisch handelt da eigentlich niemand so recht, mit Ausnahme von vielleicht Charlottes Sohn Toby. Von daher spricht mich der Film mehr auf der intellektuellen, denn auf der emotionalen Ebene an. Normalerweise führt das bei mir zu einer niedrigeren Bewertung – hier aber war ich einfach so fasziniert von dem Un-sittengemälde, das sich da auf der Leinwand zeigte, dass dies weniger ins Gewicht fällt.

So richtig begriffen habe ich den Film noch nicht – auch wenn natürlich das Hochhaus sinnbildlich für die Gesellschaft steht (so eben, wie auch der Zug in Snowpiercer). Ab welchem Zeitpunkt das Ganze kippt, kann ich nicht genau im Nachhinein sagen. Und warum Laing z. B. gegen Ende des Films nach dem Sex die Frau darum bittet, ihm nicht das Hemd auszuziehen, weil er sich endlich so, wie er ist, wohl fühlt, muss ich wohl durch erneute Sichtung versuchen zu ergründen. Oder ich lese das Buch von J. G. Ballard, worauf der Film basiert.

Wem könnte dieser Film gefallen? Eine schwierige Frage. Ich würde sagen: Jacker, hurzfilm, meinem jüngeren Bruder, Fans von Sex-Orgien im 70er-Jahre-Stil, Cineasten, denen eine künstlerisch ansprechende und intellektuell herausfordernde Inszenierung wichtiger ist als ein klar nachvollziehbarer Plot und Identifikationsfiguren. Reine Loki-Fans können vielleicht mit dem Film nicht so viel anfangen, „wahre‟ Hiddleston-Fans (wie ich 😉 ) werden die Szenen mit ihm aufsaugen…

Von mir gibt’s 8 von 10 Punkten (unter Vorbehalt – bei dem Film reicht einfach einmal Sehen nicht).

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27 Antworten zu High-Rise (Ben Wheatley, UK/Belgien 2015)

  1. hurzfilm schreibt:

    Verdammt, der läuft schon?

  2. butmadnorth schreibt:

    Danke, du hast mir die Frage beantwortet, ob der Film für jemanden, der das Buch nicht gelesen hat mehr oder weniger verwirrend ist 😉
    Die Fragezeichen, die bei dir aufsteigen sind glaub ich eher durch das Buch als durch einen zweiten Kinobesuch zu beantworten. Ich war sehr gespannt, wie sie das verfilmen wollen und finde es durchaus gelungen, aber es wurden mehrere Charaktere zu einem kondensiert, einer sogar vor dem Film ins Jenseits befördert und das nicht immer zum Vorteil. Die Handlung ist auch schwer heruntergekürzt (vor allem, was Wilders ‚Aufstieg‘ betrifft). Aber vom Stil und der Ausstattung her muss ich sagen, Hut ab. Außerdem furchterregend, wie aktuell es zur Zeit leider gerade ist.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ah, danke auch dir für diese Hinweise im Vergleich zum Buch! (Überhaupt schön, mal wieder von dir zu lesen! 🙂 )

      Seufz, schon wieder ein Buch, das auf meine Leseliste wandert – wann soll ich das nur alles abarbeiten?

      • butmadnorth schreibt:

        Danke, gleichfalls! 🙂
        Ich hab noch ca 8 Stücke zur Review in der Pipeline und keine Zeit. Waaaaah. Noch ein paar Wochen bis zum Urlaub, vielleicht geht sich’s vorher noch aus…
        Hihi, bei mir stapeln sich auch die Bücher am Couchtisch. High-Rise hab ich allerdings damals in einem durchgelesen, ist kein Wälzer.
        Wir haben übrigens keine Karten mehr für No Man’s Land bekommen. Bin also sehr gespannt auf deinen Bericht.

        • singendelehrerin schreibt:

          Ach, schade, dass ihr keine Tickets mehr bekommen habt! War schon gut, dass ich damals gleich zugeschlagen habe!

          Ja, du hast echt schon eeeeewig keine Review mehr gepostet – wünsche dir, dass der Stress bald etwas weniger wird! 🙂

  3. mwj schreibt:

    Ich hab ihn am Samstag gesehen und muss natürlich auch meine Kritik schreiben. So gut wie du, fand ich ihn nicht, weil er inhaltlich etwas dürftig ist, aber die Inszenierung, Musik (Super Coverversion von „SOS“) und Luke Evans sind wirklich stark.

  4. schauwerte schreibt:

    Tom Hiddleston ist ja zu Zeit recht…öhm…präsent…Dies ist einer derwenigen Filme mit ihm, die mir interessant erscheinen. Vielleicht schaue ich ihn mir bald mal an.

  5. donpozuelo schreibt:

    Ich konnte mit dem Film mehr anfangen als mit dem Buch… beides hat so seine Schwächen und ja, die Story ist natürlich im Buch ein bisschen verständlicher, aber ich fand, dass Wheatley das alles durchaus kompetent und unterhaltsam / verstörend inszeniert hat.

    • singendelehrerin schreibt:

      Interessant, dass dir der Film sogar besser gefallen hat als das Buch. Hm, ich schätze, ich werde beides machen: Erst das Buch lesen und dann den Film ein zweites Mal auf DVD ansehen.

  6. hurzfilm schreibt:

    Ich habe den Film heute gesehen. Interessant, aber weniger die doch recht grobschlächtige Metaphorik (siehe unten), sondern die Ausstattung: Wunderbarster 70s Style. Die geilen Hochfloorteppiche, goldene Couchtische und dazu schwarze Ledersofa. Herrlich. 😉

    Hab übrigens gerade ein paar deutsche Kritiken überflogen und natürlich haben die Autoren den „High-Rise“ als Kritik am „Neoliberalismus“ verstanden. Vorhersehbar, dass der durchschnittliche deutsche Filmkritiker das genau so sehen will. Das es so ist, ist aber sehr, sehr zweifelhaft:

    Ballards Vorlage ist von 1975(!) Das war vor Reagan und Thatcher und ihrer wirtschaftsliberalen „Revolution“ im Sinne F.A. Hayeks. Der „High-Rise“ steht also eher nicht für den freien Markt, sondern für ein staatskapitalistisches System, entworfen von einem anmaßenden, zentralen „Planer“ (im Film: der Architekt). Der Verfall des High-Rise passt ziemlich genau mit Hayeks Vorstellungen zusammen, nach dem so ein System früher oder später scheitert, weil der Planer der Komplexität des Systems nicht gewachsen ist und das System nicht anpassungsfähig ist. Mitte der 70er Jahre (als der Roman erschien) war auch genau die Zeit, in der zunehmend Kritik an staatlichen Eingriffen aufkam, vor allem weil die USA sich in einer von Stagflation geprägten Dauerkrise befanden. Deswegen löste Reagan schliesslich auch Carter ab.

    Noch nicht überzeugt? Ballard war Konservativer und sehr angetan von Thatcher und Reagan.
    http://www.spectator.co.uk/2009/04/jg-ballard-was-a-man-of-the-right-not-that-the-right-really-wanted-him/

    • hurzfilm schreibt:

      Ich möchte übrigens betonen, dass ich mit diesem Beitrag niemanden belehren wollte, auch nicht die Betreiberin dieses Blogs. 😉

    • singendelehrerin schreibt:

      Ohne mich gerade intensiv damit beschäftigen zu können (das letzte Wochenende im Schuljahr, an dem ich nochmal richtig viel für die Schule zu machen hab; übernächste Woche sind ja „nur noch“ Klassenfahrt nach Prag und Zeugnisübergabe angesagt): Selbst wenn Ballard sein Buch anders angelegt hatte, kann doch der Regisseur trotzdem in seiner Verfilmung (= Interpretation!) den Neoliberalismus kritisieren?! Immerhin taucht ja Thatcher am Rande auch auf… Nur mal so als Einwurf… (ohne bisher eine eigene Meinung zu dem Thema zu haben)

      • hurzfilm schreibt:

        Ich habe jetzt mal nachgeschaut, und habe einen Artikel ( http://edition.cnn.com/2016/03/15/architecture/high-rise-film-ben-wheatley/ ) mit Wheatleys eigenen Aussagen gefunden. Das ist zwiespältig. Einerseits zieht er Parallelen zum modernen London und fortschreitender Gentrifizierung. Andererseits sagt er aber:

        „It’s more a social engineering issue than architecture on its own“

        und

        „I think as well, the idea of somebody — i.e. the architect — putting everyone into what he calls ‚a crucible for change,‘ he’s creating a massive social experiment, thinking that it’s for everybody’s good. That kind of broad thinking often ends in tears, because he’s made too many assumptions of how people are going to react together… If you’re a self-appointed god, then things inevitably go wrong.“

        …was komplett auf einer Linie der Denkweise von Hayek (und von Liberalen im Allgemeinen) ist: Dass „Social Engineering“, „Social Experiments“ und zentrale Planung in die Katastrophe führen. Auch dann, wenn man nur das Beste („Everybody’s good“) im Sinn hat. Sogar die Begründung dafür im Prinzip genau die gleiche wie bei Hayek: „because he’s made too many assumptions of how people are going to react together“. Bei Hayek heisst das „Anmaßung von Wissen“ ( http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/die-weltverbesserer/friedrich-august-von-hayek-wider-die-anmassung-von-wissen-12605023.html ).

  7. friedlvongrimm schreibt:

    „Fans von Sex-Orgien im 70er-Jahre-Stil, Cineasten, denen eine künstlerisch ansprechende und intellektuell herausfordernde Inszenierung wichtiger ist als ein klar nachvollziehbarer Plot und Identifikationsfiguren.“
    Da hatte ich auf ein FriedlVonGrimm in Klammern gehofft. *lach* Habe ihn gestern Nacht auch endlich nachgeholt.

  8. Anica schreibt:

    Ich habe den Film vor drei Tagen gesehen und war extrem verwirrt hinterher und wusste überhaupt nicht, ob ich es nun gut oder schlecht fand. Nachdem ich deine Rezension dann aber gerade nochmal gelesen habe – ja. Meine Bewertung wird zwar ein bisschen schlechter ausfallen als deine, weil ich dafür doch einen zu großen Teil des Films zu verwirrt war und mich die fehlende Sympathie für Figuren doch einen Ticken zu sehr gestört hat, aber ansonsten ist das, was du geschrieben hast, sehr zutreffend und hat mir geholfen, den Film für mich selbst besser einzuordnen. 😀 Sehr gut beobachtet und beschrieben! 🙂

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