The Threepenny Opera: National Theatre (Olivier), 28.05.2016 – #1: Review

Rory Kinnear war mir bis zur NT LIVE-Übertragung von Othello nur vage bekannt. Dann allerdings haute er mich mit seiner eindrucksvoll nuancierten Darstellung des Intriganten Iago um, sodass ab diesem Zeitpunktklar war, dass sein Name auf der Besetzungsliste mich in Zukunft ins Kino bzw. ins Theater ziehen würde. und so habe ich mir dann auch die Aufzeichnung seines Hamlets angesehen – nur live in London hatte es bisher nicht geklappt. Dabei hätte ich letztes Jahr doch zu gern seinen Josef K. in The Trial (Der Prozess von Kafka) gesehen, zumal ich da mal eine gute Vergleichsmöglichkeit gehabt hätte, da ich vor ein paar Jahren eine fantastische Inszenierung in den Kammerspielen in München gesehen hatte. (Allzu gut wurde die Inszenierung von Ricard Jones nicht bewertet, Kinnears Leistung indes schon. Eine sehr nett im Stile des Stücks geschriebene Kritik findet sich im Guardian.)

Welch Glück also, dass er genau zu der Zeit, als wir uns auch Romeo and Juliet ansehen wollten, erneut in einem deutschen Stück auftreten sollte: als „Mack the Knife‟ in der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill (in einer Neu-Adaption von Simon Stephens, der u.a. auch die Drama Adaption zu The Curious Incident of the Dog at the Night-time geschrieben hatte). Damit konnte ich gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ich konnte Kinnear endlich live erleben, und zwar nicht nur sprechend, sondern auch singend (gut singende Männer sind sexy! ❤ ). Außerdem konnte ich das National Theatre von innen sehen, und zwar den größten Saal, das Olivier Theatre, aus dem z. B. schon Frankenstein übertragen wurde.

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Das Olivier Theatre hat rund 1.100 Sitzplätze, die in drei Blöcken rund um die runde Bühne (wie im Amphitheater) angeordnet sind. Wir saßen im – vom Publikum aus gesehen – rechten Block und hatten fantastische Sicht aus die Bühne. Dadurch, dass von Reihe 1 (A) aus alle Sitzreihen ansteigend angeordnet sind, hat man aber wohl von allen Plätzen recht gute Sicht.

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Da weder Platzanweiser/Ordner vor der Bühne mit Blick zum Publikum standen, noch ich irgendwo Hinweisschilder gesehen hatte (es gab später auch keine entsprechende Durchsage, ganz im gegensatz zum Garrick Theatre), habe ich vor Beginn des Stücks die Bühne fotografiert, deren Bühnenbild zunächst nur aus dieser fahrbaren Leiter bestand.

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Im weiteren Verlauf wurden mehr Requisiten und Kulissen auf die Bühne gebracht, z. Tl. von den Schauspielern selbst. Um – wie von Brecht gewünscht – das Stück als Schauspiel gegenüber dem wirklichen Leben erkennbar zu machen, stand auf manchen Props auch direkt drauf, was es sein sollte (auf dem pinkfarbenen Briefumschlag stand z. B. groß „PINK ENVELOPE‟) und man sah beispielsweise einmal jemandem vom Team (mit Headset) auf dem beweglichen Teil der Rundbühne „mitfahren‟ zwischen all den Schauspielern im Kostüm. Ein Kritiker hatte den Eindruck, dass diesmal weniger Geld in aufwendigen Bühnenaufbau gesteckt wurde und dies zeigen würde, dass das NT Geldprobleme hätte. Ich glaube, der Regisseur Rufus Norris wollte der Idee Brechts von „epischen oder dialektischen Theater‟ gerecht werden.

Kurz zur Geschichte, obwohl diese in Deutschland ja weitläufig bekannt sein dürfte, und den wichtigsten Personen.

Mr Peachum (Nick Holder) ist ein mächtiger „Businessman‟ in London. Sein „business‟: Diebstahl und Bettlerei! Er beschäftigt eine ganze Armee von Bettlern und Dieben. Seine Tochter Polly (Rosalie Craig) heiratet heimlich die Konkurrenz: Macheath „Mack the Knife‟ (Rory Kinnear), seines Zeichens Verbrecher, Mörder, Womanizer – und auch „Geschäftsmann‟. Bisher konnte Mack sich immer dem Arm des Gesetzes entziehen, weil der Chief Inspector „Tiger‟ Brown (Peter de Jersey) sein „bester Freund‟ ist – seit sie als Soldaten in Kandahar gemeinsam ein paar Dinger gedreht haben. Verschiedene Umstände – Eifersucht, Bestechung, Verrat… – führen schließlich doch zu Macks Festnahme: nun soll er erhängt werden – kann sich der Meister in Manipulation da noch rauswinden?

Inszenierung

Brechts Idee der „Verfremdung‟ wird hier sehr gut umgesetzt. Abgesehen von den weniger Malen, in denen das Publikum direkt angesprochen wird, wird mit den schon erwähnten Beschriftungen deutlich gemacht, dass es sich hier nicht um die Realität handelt. Bestes Mittel waren allerdings die roten Fäden, die sich Ermordete aus ihren „Wunden‟ zogen, um das Blut darzustellen. dadurch entstanden SEHR lustige Szenen (ein Highlight gleich am Anfang, während der Balladeer (George Ikediashi) seine Ballade von Mackie Messer singt).

Musik/Gesang

Die Lieder wurden live von einer Band auf der Bühne begleitet, manchmal aus dem Hintergrund, manchmal aus der Kulisse heraus, manchmal stehend neben den Akteuren. Häufig saß auch der Klavierspieler/Music Director (David Shrubsole) am Klavier vorne und der Rest hinten (aber immer sichtbar). Das war richtig toll, wie die Musiker ins Geschehen eingebunden waren.

Die Dreigroschenoper ist ja eine „cheap opera‟, worauf der „Moritatensänger‟ zu Beginn hinweist – entsprechend hatten wir es hier vielfach mit nicht klassisch ausgebildeten Stimmen zu tun. Rory Kinnear, z. B., sagte in einem Interview, dass seine Singstimme etwa 20 Jahre lang brach gelegen hatte. Er hat dies aber erfreulich gut gemeistert, auch wenn er nicht unbedingt eine Stimme hat, in die man sich sofort verlieben würde (siehe Ewan McGregor in Moulin Rouge! oder Anthony Head in whateverhesings). Die tollste Singstimme hatte zweifellos Rosalie Craig (Polly) – wow! Sie allerdings ist auch schon in etlichen Musicals aufgetreten. Am meisten ging mir das „Second Threepenny Finale‟ unter die Haut (obwohl das Publikum doch nicht mitFÜHLEN soll 😉 ) – Gänsehaut pur, wenn da das ganze Ensemble singt!

Bühnenbild/Kostüme (Designer: Vicki Mortimer)

Getreu dem Titel war das Bühnenbild eher schlicht, aber es stellte die Unterwelt Sohos äußerst effektiv dar, und die bewegliche Bühne wurde geschickt eingesetzt. Ab und zu wurde auch mal – ist ja schließlich eine OPER – kräftig übertrieben, was die Kostümierung (Peachum plötzlich in Perücke, Make-up und perfekt sitzendem blauen Anzug) und das Bühnenbild anbelangte (der Balladeer wird gegen Ende gott-ähnlich heruntergelassen (in einem hell erleuchteten Kranz)). Das war für mich alles sehr stimmig und toll anzusehen.

Rory Kinnear als Macheath

Vorweg muss ich sagen, dass diese Rolle Kinnear schauspielerisch sicher nicht so viel abverlangt, wie viele seiner anderen Rollen. Als Iago musste er deutlich mehr Facetten zeigen. Von daher ist die Rolle nicht so ein Showcase für seine Schauspielkünste – zumal er mit seinem aufgemalten schmalen Oberlippenbärtchen einen etwas gekünstelten äußeren Eindruck macht (natürlich wieder im Sinne Brechts). Gleichwohl spielt er mit einer enormen Energie und meistert auch die Songs so, dass man nicht das Gefühl hat, dass Singen für ihn etwas Ungewöhnliches ist. Es war ein echtes Vergnügen, ihm zuzusehen und -hören!

Das Stück ist ansonsten – eigentlich insgesamt – eher ein Ensemble-Stück, in dem alle sehr gut miteinander harmonierten und selbst die kleinsten Rollen zum Teil ihren großen Auftritt bekommen. So z. B. Matt Cross als Officer Smith, dem Mack in den Allerwertesten (so fein ist die Sprache in diesem Stück allerdings nicht 😉 ) sticht. Wie dieser beim Anblick seines „Blutes‟ immer wieder zusammenklappt, hat schon etwas Slapstick-artiges – und hat ihm einiges an Lachern eingebracht: köstlich!

Eine besondere Erwähnung hat sich noch George Ikediashi als der Balladeer verdient. Nicht nur hatte er wohl die beste männliche Stimme (er singt auch Oper), seine Auftritte hatten auch einen hohen Unterhaltungsfaktor, auch wenn er zwischendrin nur am Rande des geschehens kleine Akzente durch immer neue Verkleidungen (z. B. als Drag-Queen im Bordell) setzte. Was für ein Typ!

Der Darsteller des Peachum (Nick Holder) war eine imposante Erscheinung: Sein deutliches Übergewicht trug er fast leichtfüßig auf hohen Absätzen über die Bühne. Sein Gesang (auch er mit Erfahrung im Musical-Bereich) war ebenso kraftvoll wie sein Auftreten.

Wie schon erwähnt, stach Rosalie Craig ebenso positiv heraus, die Polly in einer wunderbaren Mischung aus Graue-Maus-Aussehen (Brille, unförmige Strickjacke über Blümchenkleid) und Selbstbewusstsein und Resolutheit darstellte. Ihr Lied darüber, warum sie Mack so toll findet – nämlich, weil er sie NICHT behandelt, wie es sich gehört („Barbara-Song“), war saucy and naughty. Großartig auch der „Girl-Fight‟ zwischen ihr und Macks anderer Flamme Lucy (Debbie Kurup), der sowohl „körperlich‟ als auch gesanglich ausgetragen wurden. Die Gegensätze zwischen den beiden Frauen wurden von den Schauspielerinnen mit viel Spielfreude dargestellt.

Peter de Jersey (u.a. gesehen in Coriolanus, NT LIVE und in Broadchurch) spielte den Polizeichef in braunem Ledermantel und Sheriffsstern – es war amüsant, ihm zuzusehen, wenn er auf der Bühne seine Runden rannte… Seine Beziehung zu Mack hatte leicht slashige Züge – schließlich wurde das Ende des Duetts mit Mack mit einem Kuss besiegelt. 😉 (Aber dies sollte nicht der letzte Kuss zwischen Männern sein… )

Quelle: operatoday.com

Zuletzt muss unbedingt noch erwähnt werden, dass die Rolle des „Shadow‟ (Matthias) von Jamie Beddard gespielt wurde, der körperlich behindert ist (er leidet an Cerebralparese), was sich auch in seiner Sprache ausdrückt. Damit wird aber ganz natürlich umgegangen – er gilt als derjenige von Macheaths Truppe, der am intelligentesten ist. Ich weiß jetzt nicht, ob das auch in Brechts Stück ist, aber an einer Stelle, als Mack im Gefängnis ist und die vier Männer, die seine „Gang‟ sind, bei ihm sind, spricht Shadow einmal recht lang, worauf Mack sagt, er würde ihm ja gerne zustimmen, aber ER VERSTEHT EINFACH KEIN EINZIGES WORT! Das fand ich herrlich NOT politically correct. Beddard ist übrigens Schauspieler, Schriftsteller, Regisseur und Lehrer. Toll!

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Fazit: Ein Abend, der richtig, richtig Spaß gemacht hat – unbedingt zur Nachahmung empfohlen! Das Stück läuft anscheinend noch bis in den Oktober hinein!

PS: Ein Eintrag zum Fan-Moment folgt noch – inkl. Foto mit Rory! 🙂

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11 Antworten zu The Threepenny Opera: National Theatre (Olivier), 28.05.2016 – #1: Review

  1. mwj schreibt:

    Du hast Rory hoffentlich gesagt, wie toll er in „Penny Dreadful“ ist.
    Bei den ganzen prominent besetzten Theaterbesuchen werd ich richtig neidisch.

  2. Zeilenende schreibt:

    Hach wie schön. Vom Lesen her fand ich die Dreigroschenoper nie so gut wie die anderen Stücke von Brecht … Aber da habe ich ja fast tatsächlich Lust, mir mal eine Inszenierung anzuschauen. So wie du es beschreibst, klingt das nach meinem Humor. *gg* Zumindest ein klitzkleinewenig neidisch haste mich jemacht. 😉

  3. friedlvongrimm schreibt:

    Ich liebe übrigens die Karte, die ich bekomme habe. ❤ Danke danke danke. Antwort in Arbeit.^^

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