Victor Frankenstein (Paul McGuigan, UK/USA/CAN 2015)

Quelle: filmstarts.de

Nachdem der Kinostart dieses Films in Deutschland immer weiter nach hinten verschoben wurde (nun steht 12. Mai bei IMDb), habe ich mir kurzer Hand den Film mit James McAvoy als „Urvater der Mad Scientists‟ Victor Frankenstein zur DVD-Veröffentlichung in Großbritannien bestellt. Trotz der schlechten Kritiken: IMDb 6,0 von 10, Metacritic: 36 von 100, Rotten Tomatoes: 25% bzw. 4,5 von 10. Hilft ja nichts: Es spielt James McAvoy mit. Ach, und Andrew Scott. Also musste ich den Film ansehen. Habe ich es bereut?

Nicht wirklich. Der Film an sich ist sicher kein Meisterwerk – insbesondere der „Showdown‟ am Ende ist ziemlich übel. Spannung kam da zu keiner Sekunde auf, und gruselig war das Monster auch kein bisschen. Vollkommen soulless – da kann ich, die ich das Theaterstück Frankenstein (geschrieben von Nick Dear; Regie: Danny Boyle) bisher siebenmal über NT Live gesehen habe, nicht zufrieden sein. Aber es geht in diesem Film auch gar nicht um das Monster, sondern – wie der Titel ja sagt – um den Schöpfer dieses Monsters.

Erzählt wird der Film aus Sicht von Frankensteins Assistenten Igor (Daniel Radcliffe), und der Fokus liegt eigentlich auf der Beziehung zwischen Frankenstein und Igor.
Andrew Barker von variety.com sieht darin sogar recht viel Potential für Slash:

But [Landis‘] most memorable innovations come from the constant doses of homoerotic tension he cooks up for Victor and Igor; the two come close enough to making out frequently enough that one wonders if a slash-fiction sex scene might have been included in an earlier draft of the script. […]

[McGuigan is] better served when he leaves the game Radcliffe and the madcap McAvoy to simply bounce off one another: If not lovers, the two at least resemble a pair of odd-couple roommates in a sort of Victorian-era “Real Genius” remake, their graveyard-sourced monster just another in a long series of diversions to avoid responsibility.

Das Slash-Potential ist durchaus vorhanden, die beiden haben schon eine Reihe von sehr intensiven Momenten zusammen. Ein weiterer guter Charakter, der Gegenpol zum Wissenschaftler Frankenstein, ist der stark gläubige Inspector Turpin (Andrew Scott) – die Zusammentreffen zwischen ihm und Frankenstein sind einfach toll, weil es so viel Spaß macht, diesen beiden tollen Schauspielern zuzusehen. Leider aber wird Jessica Brown Findlays Potential völlig verschenkt – da soll es eine Chemie zwischen ihr und Igor geben? Äh, wo? Schade, schade, denn Findlay hatte mir in Downton Abbey ja immer ausnehmend gut gefallen. Hier ist sie fast so überflüssig wie Tauriel im Hobbit. 

Es ist bedauerlich, dass Paul McGuigan, der auch bei vier Folgen von Sherlock Regie geführt hat, also eigentlich gut Geschichten erzählen kann und sich auch mit guten Beziehungen auskennt, sich nicht auf die Stärken seiner Darsteller verlässt, sondern so viel Spektakel außen rum gebaut hat. Schon die Befreiung des Hunchback aus dem Circus ist irgendwie so überkandidelt, dass ich das Gefühl hatte, dass der Film sich vielleicht gar nicht ernstzunehmen gedenkt. Ganz so ist es dann aber auch wieder nicht.

Apropos überkandidelt: James McAvoy knüpft für mich mit seiner Darstellung des „Genie und Wahnsinn‟ (deutscher Untertitel des Films, als ob die Deutschen mal wieder nicht wüssten, wer Victor Frankenstein ist; wobei das wohl leider tatsächlich so ist, dass zumindest die meisten meiner Schüler entweder den Namen „Frankenstein‟ mit dem Monster assoziieren bzw. gleichsetzen, oder der Name ihnen gar nichts sagt) quasi direkt an seiner Bühnenperformance von The Ruling Class an. Er versprüht eine Energie, immer haarscharf an der Grenze zum Overacting, die es trotz der Schwächen dieses Filmes zu einem Genuss machen, ihm dabei zuzusehen, wie sich Charme, Genie, Wahnsinn und tiefe Verletztheit in ihm abwechseln. Wie er auch schon in Filth – und eben ganz besonders in The Ruling Class – bewiesen hat, geht das in einer Szene innerhalb weniger Sekunden, dass er mehrere emotionale Zustände durchläuft. Wendy Ide von Screen International schrieb:

However, of the cast, it is only McAvoy, walking the line between madman and genius, who fully manages to hold his own against the spectacle with which he shares the screen.

Das kann man wohl so sehen. Daniel Radcliffe versucht sein Bestes, konnte mich aber emotional nicht überzeugen. Der Einzige, der hier für mich außer James noch heraussticht, ist Andrew Scott.

Gesehen haben muss man diese neue Variante von Frankenstein wohl nicht, auch wenn sie mit einer etwas anderen Hintergrundgeschichte als Motivation für das Tun Frankensteins aufwartet, die durchaus Potential hätte. Aber leider wird dann lieber (z. B.) minutenlang der Aufbau des letzten Experiments gezeigt, als die psychologische Komponente genauer zu unter die Lupe zu nehmen. Sherlock-Fans werden sich über zwei bekannte Gesichter in Mini-Nebenrollen (keine echten Cameos, da sie im Abspann auftauchen und auch bei IMDb stehen – aber nicht nachgucken! 😉 ) freuen, aber ansonsten ist das Spektakel wohl eher etwas für Fans von James McAvoy.

5-6 Punkte.

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7 Antworten zu Victor Frankenstein (Paul McGuigan, UK/USA/CAN 2015)

  1. mwj schreibt:

    Spielt da nicht auch noch Charles Dance mit?

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