Nachgedacht: Über Gefühle, die wie aus dem Nichts kommen

Als ich gestern zum Kino fuhr, um mir – vor der Sneak Preview – Deadpool ein zweites Mal anzusehen, hörte ich Radio. Es war 20:00, und so hörte ich die Nachrichten auf Bayern 3: „Die Reaktionen auf den Tod von Guido Westerwelle…‟ Mir schossen augenblicklich Tränen in die Augen, die ich mir rational nicht erklären konnte. Weder Westerwelles Politik noch seine Person waren mir je besonders nahe, geschweige denn sympathisch. Warum also traf mich diese Nachricht wie ein Blitz in mein Herz? Ist es allein die Tatsache, dass er mit 54 Jahren einfach noch so jung war? Ich glaube, da spielt noch etwas anders mit hinein. Als Guido Westerwelle Bundesaußenminister wurde, war ich irgendwie stolz. Stolz, dass es das in Deutschland gab – einen offen homosexuellen Außenminister. Ich malte mir aus, wie er mit seinem Partner bei offiziellen Auslandsreisen in Ländern auftreten würde, die homophob sind – was für ein Statement für unsere pluralistische Gesellschaft! Ich finde das ohnehin klasse: Wir haben eine Frau als Kanzlerin und einen ehemaligen Pastor als Bundespräsidenten, der offiziell noch mit einer anderen Frau verheiratet ist, aber mit seiner neuen Partnerin zusammenlebt.

Trotzdem hat mich diese sehr unmittelbare Reaktion von mir doch sehr überrascht. Ähnlich erging es mir bei Roger Willemsen, dessen Wirken ich nun wirklich in den letzten Jahren – seit ich so gut wie kein Fernsehen mehr konsumiere – kaum mehr verfolgt hatte. Allein seine vierteljährliche Kolumne im ZEIT Magazin habe ich nach wie vor gelesen. Und trotzdem kam mir sein Tod wie ein herber Verlust vor. Obwohl er doch eigentlich keine Rolle in meinem Leben gespielt hatte! Ein weiteres Beispiel war der Tod von Christoph Schlingensief vor einigen Jahren. Schlingensief war mir eigentlich immer einen Tick zu provokant, ich war beileibe kein Fan von ihm. Seinen Tod fand ich trotzdem sehr traurig, vielleicht insbesondere weil er zuletzt an einem sehr interessanten Projekt gearbeitet hatte: Er wollte ein Operndorf Afrika in Burkina Faso aufbauen.

Nun gibt es aber auch noch andere Gefühle, die mich in ihrer Intensität oder Plötzlichkeit manchmal völlig überfallen. So zum Beispiel die regelrecht körperlich spürbare Wut, die in mir aufstieg, als ich die vielen Menschen am World Trade Center Memorial beobachtete, die munter fröhlich lachend für Selfies posierten – an dem Ort, an dem ca. 3000 Menschen ihr Leben verloren hatten. So sehr ich mich dann auch über mich selbst geärgert habe, dass durch die Wut mein Gedenken gestört wurde, ich konnte sie einfach nicht ausblenden. Aber auch im Kino habe ich dieses Gefühl schon erlebt, und da besonders bei dem Film The Riot Club. Diese Abscheu und darauf folgende Wut, die dieser Film in mir hervorgerufen hat – im Grunde genommen genau das, was Autorin und Regisseurin vermutlich wollten – ließ mich den Film nicht als gut bewerten. Ich hasste das, was ich da sah, so abgrundtief, dass mir regelrecht leicht übel wurde.

Aber dann gibt es eben auch diese – ebenso körperlich spürbaren – positiven Gefühle, wie ich sie z. B. bei meinem Bericht über Letters Live beschrieben habe: Da blieb mir das Herz fast stehen, als nach der Pause dann doch plötzlich Benedict Cumberbatch – wenige Meter von mir entfernt und noch im Dunkeln – da stand. Live und in Farbe. Ein besseres Bild ist eigentlich: „Da ging mir das Herz auf‟. Dieses Idiom passt auch perfekt zu meiner Reaktion als ich den ersten kurzen Blick auf das „Amphitheater‟ im Cedar Breaks National Monument erhascht hatte. Ich kenne das auch von Begegnungen mit „realen Personen‟. Vor etlichen Jahren (mehr als 10) war ich beim Sting-Konzert in Nürnberg. Zusammen mit einer Freundin – und wahrscheinlich auch meinen Brüdern, das weiß ich gar nicht mehr genau – war ich unten in der Arena. Als das Konzert zu Ende war und wir noch ein bisschen herumstanden, stupste mich irgendwann meine Freundin an und sagte: „Da oben ist anscheinend jemand, der dich kennt!‟ Ich drehte mich um und da sah ich in den Rängen einen Freund, den ich noch aus der Schulzeit kannte, mit dem ich damals zusammen Musik gemacht hatte und in den ich mal heftigst verliebt war (es blieb aber immer nur bei Freundschaft). Ich kann dieses unbeschreibliche Glücksgefühl heute noch nachempfinden, wie mein Herz da gesprungen ist (ah, mir fallen immer mehr Herz-Formulierungen ein)! Und wie enttäuscht und unendlich traurig war, als wir uns dann doch noch verpasst hatten. Wir wollten uns irgendwo beim Ausgang treffen – wir waren ja nicht auf derselben Ebene – , aber haben uns dann nicht gefunden. Außerdem musste ich dann zum Zug und konnte nicht mehr warten… Ich war so traurig, dass ich das tolle Konzert schon ganz vergessen hatte.

Lauter Gefühle, die mich wie der Blitz getroffen haben und die ich letztlich – ja, sogar die Gefühle der Wut – als bereichernd empfinde. Sind das nicht die Momente, die uns das Leben spüren lassen – die positiven wie die negativen Seiten? Ich wollte zuerst schreiben, dass ich die Wut vielleicht ausnehmen würde, aber auch die zeigt mir ja, dass mir das, was um mich herum vorgeht, nicht gleichgültig ist, dass es für mich Werte gibt, die ich nicht mit Füßen getreten sehen will. Wenn mir mein Körper durch solch unwillkürliche Reaktionen das ab und zu auch wieder vor Augen hält, kann ich auch aktiv und bewusst darüber nachdenken, was da nun gerade mit mir passiert ist.

Kennt ihr das auch? Ich würde ich mich freuen, wenn ihr von ähnlichen Momenten berichten wollt!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter In eigener Sache, Nachgedacht abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Nachgedacht: Über Gefühle, die wie aus dem Nichts kommen

  1. friedlvongrimm schreibt:

    Ich kenne das nur zu gut. Passiert mir ständig und zieht eine lange Zeit der Reflexion nach, weil ich mir auch sehr oft nicht sofort im Klaren bin über den Ursprung der Emotion. Und der Tod von Roger hat mich dieses Jahr bisher am intensivsten getroffen, womit ich niemals gerechnet hätte.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ist schon spannend, dann zu ergründen, wo die Emotion wohl herkommen mag!

      Habe deinen Bericht vom Refused-Konzert gelesen – da war der Ursprung deiner Wut allerdings klar! 😉 Puh, da bin ich fast schon froh, dass ich „zu alt für den Scheiß“ bin und schon lange nicht mehr in so einem Rockkonzertpulk stand…

  2. Rana schreibt:

    Mir passieren solche „Gefühlsanwandlungen“ auch oft ganz überraschend. Der Tod von Guido Westerwelle hat mich auch unglaublich getroffen, obwohl ich ihn als Politiker nicht besonders leiden konnte. Ich denke es liegt daran, dass die „Einschläge“ näher kommen, man einfach dem Verfallsdatum näher rückt… Extrem ist es bei mir, wenn irgendetwas mit Kindern z.B. im TV gezeigt wird, das wird bei mir immer schlimmer – ich scheue auch kaum noch Fernsehen, sondern suche mir lieber Filme bei Netflix oder in der Mediathek aus. LG von Rana

    • singendelehrerin schreibt:

      Hallo Rana, danke für deinen Kommentar! Ja, ich denke, das Alter von Westerwelle spielt da auch mit rein. Da wird man daran erinnert, dass das Leben auch durchaus schneller vorbei sein kann, als man es erwartet und wünscht…

  3. Zeilenende schreibt:

    Wenn ich einen Plan habe und jemand es wagt, mir in meinen Plan hineinzupfuschen, werde ich fuchsteufelswild. Deshalb mache ich keine Pläne mehr. 😉
    Ah, Gefühle. Die großen Emotionen. Nicht so mein Ding, weil ich empfindlich auf die Stimmungen anderer reagiere. So ähnlich wie ein Radio. Ich muss dann sortieren, was meine eigenen Gefühle sind und was die anderer Leute. Das ist anstrengend, deshalb bemühe ich mich um eine gewisse Distanz zu Gefühlsausbrüchen. Obwohl ich da differenziere: Von Euphorie lasse ich mich gern anstecken, wenn es um Trauer geht, rationalisiere ich sehr stark. Deshalb bin ich auch ein tendentiell unangemessener Gast auf Beerdigungen. Entweder zu distanziert oder zu lustig. 😉

    • singendelehrerin schreibt:

      Zu viel Empathie also? Einmal habe ich etwas erlebt, das dem wohl ähnelt, was du meinst mit „Ich muss dann sortieren, was meine eigenen Gefühle sind und was die anderer Leute“. Ich war bei der Beerdigung des jüngeren Bruders einer Freundin, der als junger Kerl (ca. 18-20 J. alt, genau weiß ich das nicht mehr) bei einem Autounfall gestorben war. Nachdem ich meine Freundin nach der Beisetzung noch auf dem Friedhof umarmt hatte, geriet ich total ins Schluchzen, weil ich mich so sehr in meine Freundin hineinversetzt hatte… Da musste ich auch schaun, dass ich da wieder rauskam…

      • Zeilenende schreibt:

        Und das, obwohl mein eigener Gefühlshaushalt recht beschränkt ist. Aber ja, so in etwa funktioniert das. Das ist auf Dauer anstrengend, deshalb wird man zurückhaltend und schimpft gelegentlich auf Gefühlsduseligkeit. Zumindest im RL. *g*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s