Die Freitagsfrage #15: Könnt ihr die Kunst vom Künstler trennen?

Ich war von der Ender-Reihe begeistert, und das erste Buch der Shadow-Serie (Ender’s Shadow) hat mir fast noch besser gefallen als Ender’s Game. Orson Scott Card bekam einen Platz unter meinen Lieblingsautoren.

Und dann erfahre ich bei der Recherche zu meinem Book meets film-Beitrag, dass Card Mormone ist und es anlässlich der Verfilmung seines Buches Proteste gab, weil Card sich seit Jahrzehnten immer wieder gegen Homosexualität und vor allem gegen die homosexuelle Ehe ausgesprochen hatte. Es wird mir nur klarer, wo einiges, das mir im dritten Buch der Shadow-Reihe aufstößt, herkommt. Homophobie ist mir zwar nicht explizit aufgefallen, aber es geht hier sehr stark um Fortpflanzung. Petra will unbedingt ein Kind bzw. Kinder von Bean, bevor dieser sterben wird. Und damit sie das tun können (über In-Vitro-Fertilisation), müssen sie auch vorher heiraten. Solche Dinge. Fand ich seltsam, erklären sich nun.

Nun ist der Punkt: Ich mag Cards Bücher, mag seine moralischen Dilemma, vor die er die Welt in der Zukunft stellt. Aber: Ich mag seine Ansichten zu Homosexualität nicht. Und nun? Werte ich im Nachhinein die gelesenen Bücher ab? Boykottiere ich das restliche Werk? Oder trenne ich strikt die Kunst vom Künstler?

Anderes Beispiel: Tom Cruise. Sein öffentliches Auftreten und Eintreten für Scientology finde ich, gelinde gesagt, zum Kotzen. Trotzdem schaue ich mir seine Filme an, wenn sie mich interessieren. Hey, und manchmal finde ich ihn auch richtig gut darin! Aber sollte man nicht eigentlich NICHT dazu beitragen, dass er noch mehr Geld verdient, während Scientology es anderen, weniger betuchten Leuten, aus der Tasche zieht?

Bisher handhabe ich das so: so lange die von mir abgelehnte Ansicht des Künstlers keinen Einfluss auf das Werk hat, schaffe ich es (meist), darüber hinwegzusehen. Als aber Tom Cruise, der im Grunde genommen in einer totalitären Organisation mitmischt, ausgerechnet Graf von Stauffenberg in Valkyrie (Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat) gespielt hat, also einen Widerstandskämpfer, der das totalitäre System Hitlers beseitigen wollte, da war für mich klar: DIESEN Film würde ich mir nicht ansehen.

So halte ich es also in der Regel mit politischen Ansichten – aber es fällt mir nicht immer leicht, die Grenze zu ziehen. Und wie haltet ihr das?

Wie sieht es nun mit dem Privatleben der Stars aus? Ein „fellow fangirl“, das ich am Wochenende in London kennengelernt habe, meinte in Bezug auf Jude Law, dass sie ihn halt nicht mehr so mag, seitdem er Sienna Miller betrogen hat. Nun muss man hier vielleicht klar stellen, dass sie ca. 20 Jahre jünger ist als ich. Vielleicht hätte ich das mit Anfang/Mitte 20 auch noch anders gesehen, aber heute ist ein Seitensprung eines Schauspielers/Politikers, ach, eines Menschen kein automatischer Grund dafür, dass meine Achtung vor dem Menschen geringer wird. Erstens kann man – gerade bei bekannten Persönlichkeiten – kaum hinter die Kulissen schauen und sehen, was tatsächlich passiert ist, zweitens: hey, es ist schon gut so, dass bei der Scheidung nicht mehr ein Schuldiger bestimmt wird. Auch Stars sind Menschen – und menschlich. Nicht dass ich ein Fan von Fremdgehen wäre – mitnichten! -, aber stuff happens. Life happens. Im Freundeskreis, in der Familie – und ja, auch bei Menschen, die im Rampenlicht stehen. Davon lasse ich mich in der Regel nicht beeinflussen, wenn es um die Bewertung der Filme oder der Musik oder was auch immer geht. Ja, ich finde es enttäuschend, dass Leonardo DiCaprios Freundinnen immer Models sind und immer gleich alt bleiben, während er immer älter wird. Da er ohnehin nicht mein Typ ist, hätte ich auch nichts davon, wenn es anders wäre. Und außerdem ist er ein absolut genialer Schauspieler. Ohnehin ist mir das Privatleben der Stars sowas von egal… aber das wäre ein anders Thema.

Noch ein ganz anderes Beispiel: Michael Jackson. Affen als Haustiere. Unzählige Schönheits-OPs. Sauerstoffzelt und Mundschutz. Um nur ein paar Dinge aufzuzählen, die man an Michael Jackson kritisieren konnte. Ganz zu schweigen von dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs (, von dem er frei gesprochen wurde). All das kann jedoch – jedenfalls für mich – in Frage stellen, was für ein begnadeter Entertainer er war, Musiker, Sänger, Tänzer! Und selbst wenn man seine Musik nicht mag, wird man nicht abstreiten können, dass er Welthits geschrieben und mit „Thriller“ auch Maßstäbe gesetzt hat, was Musikvideos anbelangt.

Hier konnte ich immer zwischen Künstler und Kunst trennen, konnte die Exzentrizitäten in den Hintergrund treten lassen und einfach den King of Pop feiern.

Wo ich allerdings die Grenze ziehe, ist bei nachweislich sexuellem Missbrauch (und Mord). Sollte Bill Cosby wirklich vielfach sexuell übergriffig geworden sein, könnte ich die „Cosby Show“ sicher nicht mehr mit denselben Augen sehen.

Wie ist das bei euch? Könnt ihr die Kunst immer vom Künstler trennen? Gibt es bestimmte Themen, bei denen ihr rot seht und deswegen den Künstler boykottiert? Sollte man das sogar?

Ich bin gespannt auf eure Antworten! 🙂

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Die Freitagsfrage abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

29 Antworten zu Die Freitagsfrage #15: Könnt ihr die Kunst vom Künstler trennen?

  1. bullion schreibt:

    Schön, mal wieder eine Freitagsfrage! 🙂

    Ich versuche tatsächlich auch zu trennen, wenngleich es mir gerade bei Kapitalverbrechen (und dazu zähle ich sexuellen Missbrauch) wirklich schwer fällt. Gerade Cosby ist hart, da ich die Serie als Kind wirklich gerne geschaut habe.

    Bei Tom Cruise und selbst Mel Gibson trenne ich das durchaus noch, wenngleich ich gerade bei Letzterem auch keine jüngeren Werke mehr gesehen habe, die in die Zeit seiner Ausfälle fallen. „Mad Max“ und „Braveheart“ liebe ich dennoch weiterhin.

    Schwieriges Thema.

    • singendelehrerin schreibt:

      Schön, dass sich noch jemand an die Freitagsfrage erinnert… 😉 Die letzte stellte ich vor über einem halben Jahr! Ha, und ursprünglich wollte ich jede Woche so eine Frage stellen… Nun ja.

      Ja, Mel Gibson ist mir auch noch eingefallen. Nachdem ich damals im Vorfeld von „Passion of Christ“ so ein bisschen mitgekriegt hat, wie fundamentalistisch er drauf ist, war für mich z. B. klar, dass ich diesen Film nicht ansehen würde. Ich glaube, seitdem habe ich keinen Film mehr mit ihm willentlich (d.h. außerhalb der Sneak Preview) gesehen, mit Ausnahme von Apokalypto, bei dem er ja Produzent und Regisseut war. Naja, kein besonderes Kunststück, er hat seitdem wirklich nicht viel gemacht… Seine alten Sachen würde ich aber tatsächlich auch wieder ansehen – neues jedoch reizt mich nicht.

  2. pimalrquadrat schreibt:

    Hey, das hab ich vermisst, die Freitagsfrage! 🙂

    Hm, das Trennen. Ich muss zugeben, dass ich mich eher selten bis gar nicht um das Privatleben der Stars und Sternchen interessiere. Sicher, ich weiß, dass einer meiner Lieblingsautoren Mormone ist. Da er aber, so finde ich zumindest, davon wenig bis nichts in seine Werke einfließen lässt (darüber, ob die simple Anwesenheit verschiedener Religionen in seinen Werken nicht doch etwas missionarisch ist, könnte man streiten, ich finde aber, dass keine davon ausschließlich positiv dargestellt wird, im Gegenteil. Und es erweitert die erzählte Welt um eine zusätzliche Dimension), kann ich damit umgehen.
    Ich weiß aber zum Beispiel nicht, mit wem Zach Braff seine Abende verbringt, oder ob Dido sich regelmäßig mit Stripper(inne)n trifft. Interessiert mich aber eben auch nicht. Und es fiele ja, wie du erwähnst, in den Bereich Privatleben, der mich als Konsument nichts angeht.

    Jemand wie Cosby allerdings, der wäre bei erwiesener Schuld tatsächlich unten durch. Kriminelle Dinge gehen gar nicht.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ja, ich nehme mir vor, euch wieder etwas regelmäßiger freitags eine Frage zu stellen! 🙂

      Das Mormonentum muss man ja vielleicht auch nicht generell verteufeln. Aber es war z. B. immer ein Grund, warum ich die „Twilight“-Reihe nicht lesen wollte, da das Frauenbild, soweit ich das mitbekommen habe, eben schon sehr stark von Stephenie Meyers Religionszugehörigkeit beeinflusst war. Bis hin dazu, dass der VAMPIR (!) auf der Heirat vor dem Sex (und vor dem Zum-Vampir-Machen) bestand. PLEASE! Nun könnte man einwenden, was ist daran schlimm, wenn junge Mädchen (= die Zielgruppe) nicht zu vorehelichem Sex ermutigt werden? Im Grunde genommen nichts. Ich bin aber eher für Aufklärung statt rigorosen Verboten… Aber ich schweife etwas vom Thema ab. 😉

      Dido trifft sich mit Stripper(inne)n?!?! 😀

      • pimalrquadrat schreibt:

        Hm, ja, das klingt bei Twilight extrem durch. Was es eigentlich nur noch schlimmer macht, als es eigentlich ist. Aber hey, ein Vampir/Junge, der seine Erregung im Zaum hält, welches Mädchen träumt nicht davon? XD

        Ich finde ja auch, dass man sich ruhig Zeit lassen kann, bis man sich sicher ist. Aber dazu gehört auch, dass man die ganze Angelegenheit nicht unnötig verklärt und an überhöhte Erwartungen knüpft, ich mein, allein die Hochzeitsnacht Bella/Edward, was macht das mit einem jungen Mädel? 😮

        Ich hab keine Ahnung und hoffe, dass das auch so bleibt. :mrgreen:

  3. suzy schreibt:

    Privatleben ist Privatleben solange es nicht kriminell ist. Immerhin sind viele Stars und Promis ja Vorbilder gerade für junge Menschen und dem sollten sie auch gerecht werdn. Mit wem die Stars und Sternchen zusammen leben und wie lange ist mir ziemlich egal. Ich wäre allerdings ziemlich enttäuscht, wenn sich jemand den ich gerne mag als „was auch immer schlimmes“ entpuppen würde, da frau beim fangirlen ja auch immer irgendwelche Eigenschaften in diesen Menschen hineinproduziert. Enttäuschend wenn der/die dann doch nicht der Mensch ist für den man ihn/sie gehalten hat. Zum Glück ist mir das noch nicht passiert. Ich war nie ein so heftiger Michael jackson fan, dass mich die Vorwürfe jetzt persönlich getroffen hätten…..

    • singendelehrerin schreibt:

      „da frau beim fangirlen ja auch immer irgendwelche Eigenschaften in diesen Menschen hineinproduziert.“ – Und das halte ich bei manchen Fans als wirklich bedenklich! Was ich so von Freundinnen, die sich auf Tumblr tummeln, mitkriege, wird da oft viel zu viel in die angebeteten Stars hineinprojiziert. Das geht soweit, dass dann z. B. nicht geglaubt wird, dass die Ehe zwischen Benedict Cumberbatch und Sophie Hunter real ist. Da ist ja schon die Enttäuschung groß, wenn klar ist, dass er „vom Markt“ ist…

      Andererseits finde ich es durchaus berechtigt oder zumindest verständlich, dass man die negativen Erfahrungen nicht mehr ausblenden kann, wenn man persönlich enttäuscht wurde, so wie ich z. B. von John Barrowman, der mich auf der Fedcon beim Q&A Panel nicht ausreden ließ und recht unwirsch auf meine Frage geantwortet hat. „Alle“ anderen finden ihn toll als Schauspieler, Sänger, Entertainer – ich kann ihn gar nicht mehr abhaben.

  4. jacker schreibt:

    Ein verdammt komplexes und schwieriges Thema!

    Mit Tom Cruise hast du ja schon das beste Beispiel genannt, der ist nämlich einer, bei dem ich soweit gegangen bin, irgendwann Konsequenzen zu ziehen. Privatleben ist natürlich eigentlich Privatleben, aber es gibt halt eine Grenze, ab der Tätigkeiten nicht mehr im Privaten bleiben, sondern Einfluss auf die Allgemeinheit haben (und somit eben weitreichender sind). Öffentlich für Scientology einzutreten und nachweislich diese totalitäre Organisation, welche mit Erpressung, Angst, Unterdrückung und Brain-Washing arbeitet, um ihre abstruse Ideologie in die Köpfe der Jünger zu Hämmern, mit finanziellen Mitteln zu unterstützen, geht halt über „Arschloch sein“, oder private Fehltritte hinaus. Das hat Folgen, die man nicht guten Gewissens hinnehmen kann. Wo genau man dabei den Schnitt macht, ist ein extrem schwieriger Punkt – ich bin mir da selber auch noch nicht ganz sicher, ob ich mir nicht eine persönliche Doppelmoral zusammenbaue, besonders weil ich mich ja mit den privaten Angelegenheiten so ziemlich jeglichen Stars eigentlich kaum befasse, denn ich liebe Filme, nicht das Privatleben irgendwelcher bekannten Menschen. Insofern entgeht mir wahrscheinlich auch vieles, was mich zumindest zu solchen Überlegungen anstoßen müsste.

    Die andere Seite der Medaille ist einfach: Ob ein Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor, oder was auch immer privat unerträglich ist, oder Alkoholiker, oder Journalisten beleidigt, oder im Dreck haust, oder schlichtweg unsympathisch ist, (oder, oder, oder) könnte mir nicht egaler sein, sofern seine Werke ideologisch unproblematisch sind.

    Schwierig wird es aber vor allem in den Bereichen, welche zwischen den zwei Beispielen liegen. Genannte Herren wie Bill Cosby, oder andere Geschichten von Schauspielern die ihre Frauen verprügeln, etc. müssen ganz individuell betrachtet werden. Was ist mit Roman Polanski, der seit Jahrzehnten nicht in den USA war, weil er einmal (angeblich) sexuell übergriffig geworden ist? Was ist mit Woody Allen, um den immer wieder Gerüchte (teils auch nachgewiesen) ranken, dass er sich an etwas zu jungen Mädchen interessiert?

    Schwierig, schwierig. Ich kann von mir wohl nur sagen, dass Tom Cruise bis jetzt der einzige ist, dessen Werke ich meide, oder zumindest, wenn es tatsächlich mal zu interessant erscheint, nicht in einer Weise konsumiere, die ihm Geld in die Tasche spülen könnte, weil ich da einfach das Gefühl hätte Scientology mit zu finanzieren.

    • singendelehrerin schreibt:

      Überrascht mich jetzt irgendwie nicht, dass du Tom Cruise boykottierst – finde ich toll, dass du da konsequent bist. Gerade in seinem Fall denke ich mir immer wieder, dass ich eigentlich seine Filme nicht ansehen sollte. Aber dann werde ich doch immer wieder schwach, weil z. B. irgendwelche anderen Leute mitspielen, die ich sehen will.

      Ja, Polanski ist auch so eine Sache… Da bin ich mir immer nicht so ganz sicher, was ich denken soll. Das war in den Siebzigern. Puh, das soll aber keine Entschuldigung sein, wenn es wirklich nicht „consensual“ war. Habe nochmal nachgelesen, dass das Mädel 13 Jahre alt war, was natürlich schon verdammt jung ist. Andererseits kenne ich durchaus Mädels, die mit 13 Jahren schon einen Freund hatten… Ach, heißes Eisen! (Ich weiß schon, warum ich Polanski nicht als Beispiel genommen habe…)

  5. Zeilenende schreibt:

    Ah …. Ich habe eigentlich ja gerade überhaupt keine Zeit … Aber ich kann der Frage auch nicht widerstehen. Vielleicht ganz kurz?
    Ich trenne zwischen Künstler und Werk. Im Film ist das relativ einfach. So präsent Schauspieler*innen sind, so wenig haben sie mit dem Film insgesamt zu tun. Da sind auch noch Regisseur*innen und Drehbuchautor*innen und Kostümdesigner*innen und und und … Von daher kann man sich meiner Ansicht nach ungestraft Filme mit Tom Cruise anschauen. Ich tue es nicht – allerdings auch nur, weil ich ihn für einen hundsmiserablen Schauspieler halte, der mir nach fünf Minuten verlässlich die Lust auf den Film verdirbt.
    Problematischer ist die Sache eventuell bei Autor*innen. Aber es gilt doch Folgendes: Eine Geschichte steht auch immer für sich selbst. Sie ist nicht das, was das Autorenwesen uns sagen will, sondern das, was wir als Leser*innen daraus machen. Oder Beides. Fakt ist aber, dass wir es in der Hand haben, verantwortungsvoll damit umzugehen, wenn sich in einem Buch Rassismus, Homophobie oder Sonstiges findet. Warum sollen wir uns das Leben mit gesinnungsethischer Askese schwer machen, wenn wir damit umgehen können, dass es Menschen gibt, die anders denken als wir?
    Von daher mache ich es vom Werk abhängig. Und da ist es oft doch die Auseinandersetzung gerade mit den Dingen, die wir nicht mögen, die uns beflügeln. Nehmen wir den von dir erwähnten Ender. Ich kenne zugegebenermaßen nur den Film und ich habe so meine Bauchschmerzen mit dem Film, weil darin ein militaristisches Denken propagiert wird, das mir nicht gefällt. Zugleich hat der Film viel Spaß gemacht, auch weil er mich zum Nachdenken angeregt hat.
    Kurz: Konsum und Zustimmung sind für mich zwei Paar Schuhe. Das mag widersprüchlich wirken, aber wer glaubt, dass ein Leben ohne ethische Widersprüche möglich ist, läuft meines Erachtens in eine Extremismusfalle. Da lebe ich lieber mit solchen Spannungen.

    • singendelehrerin schreibt:

      „Fakt ist aber, dass wir es in der Hand haben, verantwortungsvoll damit umzugehen, wenn sich in einem Buch Rassismus, Homophobie oder Sonstiges findet.“

      Volle Zustimmung! Trotzdem schwingt bei mir manchmal noch die Überlegung mit, ob man eben Gedankengut, das man nicht gut findet, sozusagen durch den Konsum finanziell unterstützen soll, oder lieber nicht. Das war auch immer das einzige Argument, was für mich dagegen sprach, dass Hitlers „Mein Kampf“ nicht verkauft werden durfte. Also bis vor kurzem. Ich hab mir immer überlegt, wer damit eigentlich Geld verdienen sollte.

      „wer glaubt, dass ein Leben ohne ethische Widersprüche möglich ist, läuft meines Erachtens in eine Extremismusfalle.“

      Das ist ein sehr wichtiger – und richtiger – Satz! So hatte ich das noch gar nicht betrachtet (wozu hat man Philosophen als Leser! 😉 )!

      • Zeilenende schreibt:

        Das Problem des Kapitalismus, der alles in monetäre Transaktionen übersetzen will. Die Frage ist: Kann man sich wehren? Und ja, das geht: Man zwinge den Autor, sein kulturelles oder soziales Kapital gegen ökonomisches einzutauschen. „Ich kaufe dein Buch, aber ich erzähle jedem, wie schlecht es ist. Ich schreibe einen Verriss. Ich filme, wie ich es in die Mülltonne schmeiße und stelle es auf Youtube ein.“ Es gibt mehr auf der Welt als Geld. Wir vergessen es nur manchmal. Das löst den Widerspruch nicht, aber wir sind nicht ohnmächtig.

  6. friedlvongrimm schreibt:

    Oh je, da hast du aber eine Frage gestellt. Ich bin auch immer eine, die da gewisse Künstler schnell nicht mögen kann. Und das ist dann schon recht verlogen, da andere wirklich Narrenfreiheit genießen. Mel Gibson und Tom Cruise sind meine Kindheit, da kann ich alles private ausblenden. Letztens hatte ich ein paar widerliche Sachen über Frank Miller gelesen und ich wusste, dass die Comics bei der erneuten Lektüre einen bitteren Beigeschmack haben werden. Und ich sie wahrscheinlich verschenken werde. Das Bauchgefühl ist schon ein selektives, bescheuertes Ding.

    • singendelehrerin schreibt:

      Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht: Was hast du denn über Frank Miller erfahren?

      • friedlvongrimm schreibt:

        Ich hab jetzt lange gesucht, aber nicht mehr den Blogeintrag von einem ehemaligen Fan gefunden. Määääh…Er hat halt unter anderem recht unsympathische Worte für die Occupy-Wall-Street-Bewegung übrig gehabt und sein Sinn für Faschismus und Misogynie ist jetzt auch nicht so bombe.

  7. butmadnorth schreibt:

    Oh, schwieriges Thema. Ich kann nur schwer trennen.
    Tom Cruise ist ein Phänomen. Wenn man zB Going Clear gesehen hat, ist es extrem schwer, den dort sehr glaubwürdig dargestellten Typen mit dem echt netten Burschen zu vereinbaren, der bei der MI:5 Premiere von Regisseur und co mit Tränen in den Augen belobhudelt wurde. Ich bin mir echt nicht sicher, ob der nicht auf eine schizophrene Art beide Personen ist (was sich natürlich nicht ausgleicht).

    Durch meine berufliche Vergangenheit (und in geringerem Maße Gegenwart) muss ich leider sagen, dass das öffentliche Image vieler Künstler nicht mit der Realität übereinstimmt. Ich kann viele Musiker, deren Musik ich früher gerne mochte nicht mehr hören, seitdem ich das zweifelhafte Vergnügen hatte, mit ihnen arbeiten zu dürfen oder zu erleben, wie sie backstage mit Leuten umgehen. Auf der anderen Seit gibt es wiederum welche, die ich musikalisch nicht mag, über die ich als Person aber nichts kommen lasse.

    Genauso Schauspieler, die ich böse unterschätzt habe oder die bei Branchenevents einfach so sympatisch sind, dass ich mich dann doch genauer mit ihrem Oevre auseinandersetze.

    Ein Cosby kommt mir allerdings schon lange nicht mehr auf den Bildschirm. Seine Taten sind seit Jahrzehnten bekannt und irgendwie kam er bis jetzt immer damit durch. Hoffentlich nicht mehr lange.

    • singendelehrerin schreibt:

      Interessanter Einblick von dir, weil du ja tatsächlich schon mehr Künstler hinter den Kulissen kennengelernt hast. Unter vier Augen musst du mir mal ein paar Beispiele von den Unsympathen nennen! 😉 Scheint so, dass man, je mehr man die reale Person kennenlernt, desto weniger die Kunst vom Künstler trennen kann! Hm…

      Ich hab das mit Cosby früher nicht gewusst, aber abgesehen davon habe ich eh schon jahrzehntelang nichts mehr mit ihm gesehen.

  8. Miss Booleana schreibt:

    Schön, dass es wieder eine Freitagsfrage gibt. Mag die sehr gerne 😉
    Und spannendes Thema, denn ich gehöre zu denen, die sehr schnell einen Schauspieler emotional fallen lassen, wenn er etwas ätzendes tut. Bei „Bagatellen“ wie dem Fremdgehen (obwohl ich das auch nicht befürworte) sage ich mir: Klatsch und Tratsch. Und sage mir selber immer, dass man nicht weiß wie es in den Menschen aussieht und man das nicht bewerten kann. Zum Beispiel wenn ich von Robert Downey Jrs Drogengeschichte lese und was er so alles gerissen hat. Kann ich nicht bewerten, ich weiß nicht wie er aufgewachsen ist, was ihm alles widerfahren ist. Und Klatsch ist so dröge und blöd und meistens nur ein Bruchteil der Wahrheit.

    Aber dann gib es da so Fälle, bei denen kann ich nicht an mir halten. Wenn jemand verletzt wird, es Missbrauchsfälle gab oder sich jemand grob fahrlässig verhält. Das ist meine Natur, so bin ich auch im echten Leben. Das erste Mal habe ich das bei Two and a half man gemerkt. Ich habe den Chauvi-Quatsch früher gern geguckt und konnte echt drüber lachen, aber mit dem Moment wo Charlie Sheen so ausgerastet ist und alle seine Eskapaden öffentlich gemacht hat, wars irgendwie vorbei. Das war so ein fahrlässiges, extremes Verhalten, dass ich ihn angefangen habe regelrecht zu verachten. Dasselbe bei Bill Cosby. Schaue ich heute deren Sendungen, geht mir kein Lachen über die Lippen. Also ja: ich kann Künstler und Kunst nicht trennen. Bei den weniger in der Öffentlichkeit präsenten Personen oder Menschen, die schon verstorben sind, fällt es mir aber leichter.
    Alan Turing beispielsweise hatte ein „Mündel“, einen Jungen den er gefördert hat. In seiner Biografie von Andrew Hodgens habe ich gelesen, dass er den wahrscheinlich mit Hintergedanken gefördert hat und ihn gefragt hat, ob zwischen ihnen was laufen kann. Als der (eigentlich etwas zu junge) Mann ’nein‘ gesagt hat, hat Turing es allerdings auch bleiben lassen. Das erscheint mir moralisch trotzdem verwerflich, aber ich kanns irgendwie ‚akzeptieren‘, weil nichts passiert ist und man sehr wenig darüber weiß.

    • singendelehrerin schreibt:

      Oh, Charlie Sheen ist auch ein gutes Beispiel. Wobei ich ja „Two and a half men“ eh nie gesehen habe. Trotzdem war der bei mir dann komplett unten durch.

      Hm, bei der Turing-Geschichte hätte ich jetzt auch keine Probleme, wenn da letztlich nichts gelaufen ist. Und dann ist es natürlich eh immer so eine Sache, wie viel oder wenig man über die Hintergründe weiß.

      Bei Robert Downey Jr. war ich nur sauer und traurig, dass er das nicht im Griff hat und deswegen sein wundervolle Charakter aus Ally McBeal verschwinden musste. Drogenkonsum an sich, so sehr ich ihn selbst für mich RIGOROS ablehne, ist für mich interessanterweise kein Grund, um einen Künstler negativ zu bewerten, höchstens wenn er oder sie dadurch ausfällig und gewalttätig werden, ihre Kinder vernachlässigen oder ähnliches. Solange sie sich nur selbst kaputt machen, be my guest.

  9. Amerdale schreibt:

    Hu, irgendwie hab ich die Frage hier erst durch Miss Booleanas Blogophilie-Artikel mitbekommen…

    Schwierige Frage. So was wie bei Jude Law ist mir völlig egal. Ich denke, dass kann man als Außenstehender dem nur die Fakten / Ausschmückungen aus der Presse bekannt sind, sowieso nicht wirklich beurteilen. Warum es da jetzt zu Seitensprüngen, Trennungen, Streitereien etc gekommen ist, da kann so viel eine Rolle spielen. Ich finds nicht gut klar, aber ich kann es in Bezug auf seine Arbeit ignorieren.

    Anderes ist da schwieriger. Brandon Sanderson zum Beispiel ist wie Enders auch Mormone und hat grundsätzlich die gleiche ablehnende Haltung zu Homosexualität aber doch irgendwie rationaler und realistischer (Sanderson selbst hat dazu auch was geschrieben: http://brandonsanderson.com/euology-dumbledores-homosexuality/). Ich find seine Meinung hier auch nicht großartig, kann es aber ignorieren.
    Bei Tom Cruise wäre es mir an sich auch egal, welcher Religion er angehört. Aber er ist halt gleichzeitig auch eine Art Gallionsfigur für Scientology geworden und das macht es schwieriger. Gut, ich mag zum Glück eh nicht viele Filme mit ihm, von daher stellt sich das Problem mir eher selten, aber wenn, dann versuche ich an solche Filme auf eine Art (Gebrauchtkauf, Leihen) zu kommen, bei der er nicht davon profitiert,

    Anders ist es aber beispielsweise mit Akif Pirincci und dessen politischen Ansichten. Ich mochte seine Felidae-Romane früher mal sehr, aber umso mehr ich über den Autor erfahren habe um so weniger wollte ich sie lesen. Und sein Auftritt bei der Pegida-Demo 2015 hat mich dann endgültig dazu gebracht mit ihm und auch seinen Werken nichts mehr zu tun haben zu wollen.
    Oder so Fälle wie Marion Zimmer Bradley (https://de.wikipedia.org/wiki/Marion_Zimmer_Bradley#Missbrauchsvorw.C3.BCrfe) oder Anne Perry (https://en.wikipedia.org/wiki/Anne_Perry#Murder_and_trial), wo ich es beim Lesen der Bücher ständig im Kopf hätte und ich mich damit nicht auseinandersetzen will.

    • singendelehrerin schreibt:

      Danke für deine Gedanken – habe ich auch gerne noch etwas später gelesen! 😉

      Stimmt, Akif Pirincci ist ein sehr gutes Beispiel auch für mich, wo ich das Werk nicht mehr vom Autor trennen kann! Ich habe zwar nur das erste Felidae-Buch von ihm gelesen (vor Eeeeeeeeeeeeeeeeeeeeewigkeiten), aber seit seinem Pegida-Auftritt ist der Ofen da komplett aus. Das geht gar nicht.

      Das von Marion Zimmer Bradley wusste ich gar nicht! Öha! 😦

  10. Ich wurde gerade auf deinen Artikel aufmerksam gemacht, weil ich einen ganz ähnlichen geschrieben habe: http://norobotsmagazine.de/schliessen-wir-unsere-augen-oder-sympathie-ist-eine-bitch/
    Ich versuche auch immer Kunst und Künstler zu trennen und mir einfach mein Traumbild zu behalten und mir das auch klar zu machen, dass es ein Traumbild ist. Aber was ist, wenn man als Verbraucher seinen Teil dazu beiträgt? Wenn ein Künstler nur nicht angeklagt wird, weil er berühmt ist? Oder jemand seine Werte teilen kann, weil er berühmt ist? Dann sollten wir diese Menschen eigentlich boykottieren. Aber ich finde es auch sehr schwierig.

    • singendelehrerin schreibt:

      Danke für deinen Kommentar. 🙂 Ist ja spannend, dass dir das Thema auch so durch den Kopf gegangen ist, dass du auch einen Artikel dazu geschrieben hast. Ich komme ihn mir bald mal ansehen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s