Neulich beim SNEAKen: Room (Lenny Abrahamson, Irland/Kanada 2015)

Für Menschen, die so unbedarft an Filme rangehen wie ich, und die noch nicht mal die Kurzbeschreibung des Films auf IMDb gelesen haben, enthält die Kritik Spoiler. Das heißt im Grunde genommen, das 99,8% von euch weiterlesen dürfen – zumal das Filmposter mindestens genauso viel verrät wie ich.

Quelle: film-book.com

Am Ende des Films drehte sich meine Freundin D. zu mir und fragte: „Warum kann nicht SO ein Film bester Film werden?‟ Sie bezog sich dabei auf unsere vorhergehende Diskussion über die Entscheidung der Academy, Spotlight als besten Film auszuzeichnen, und ich wusste genau, was sie meinte. Während nämlich Spotlight das nicht, oder zumindest nur kaum, geschafft hat, was ihr und mir bei einem Film extrem wichtig ist – eine emotionale Involvierung des Zuschauers – lässt Room den Zuschauer mitleiden, mitfiebern und sich mitfreuen.

Erneut bewieß sich mein Vorgehen, mich im Vorfeld häufig so gut wie gar nicht über Filme zu informieren, als wahrer Glücksgriff, denn so wusste ich nicht einmal, ob Ma (Brie Larson) und Sohn Jack (Jacob Tremblay) der Ausbruch aus dem „Room‟ gelingen würde. Selten habe ich so körperlich spürbare Angst vor einem Nichtgelingen gehabt, selten habe ich Erleichterung so intensiv empfunden, als die Befreiung gelang.

Der Auslöser für Emma Donoghues Roman Room (sie hat auch das Drehbuch zum Film verfasst) war zwar der uns wohl allen bekannte und so schockierende Fall Fritzl in Amstetten, und da insbesondere der 5-jährige Felix, der mit seiner Mutter und zwei weiteren ihrer Kinder sein ganzes Leben bis zur Befreiung im Keller verbracht hatte. Entsprechend wird das Buch – und auch der Film – aus Sicht des Jungen erzählt, für den „Room‟ sein ganz normales Leben darstellt. Es ging Emma Donoghue aber weniger um die „Rahmenbedingungen‟ (Freiheitsentzug, jahrelanger (sexueller) Missbrauch), sondern um die Beziehung zwischen Mutter und Sohn:

I know it seems odd that I would deliberately choose such a weird, once-in-a-generation situation as a way of writing about the normal. […] But my kids were already four and one, and it just hadn’t occurred to me to write anything about parenthood because every plot to do with having a child seemed so banal. But then with the Fritzl case, I suddenly saw a way to shine a weird light on the parent and the child by literally isolating them.

Emma Donoghue im Interview mit The Telegraph

Das kommt im Film sehr gut heraus – sowohl vor als auch nach der Flucht/Befreiung. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass der Oscar für Brie Larson absolut gerechtfertigt ist. Sie stellt so gut dar, mit welchen Emotionen sie zu kämpfen hat: da ist die Liebe zu ihrem Sohn, dem sie im „Raum‟ ein so normales Leben wie möglich eingerichtet hat: Lesen, Fernsehen, Gymnastik, Laufen, Zähneputzen, Geburtstagskuchen backen. Doch man merkt ihr dazwischen auch an, dass es für sie eben nicht „normal‟ ist, dass sie frustriert, manchmal am Ende ihrer Kräfte ist. Nach der Flucht denkt man zuerst, dass Jack mehr damit zu kämpfen haben wird, sich in der für ihn nun riesengroßen, unübersichtlichen, lauten, hellen Welt zurecht zu finden, doch es ist Ma/Joy, die nun in ein großes Loch fällt… Brie Larson hat sich ja auch bei der Oscar-Verleihung bei Jacob Tremblay bedankt – es ist schier unglaublich, wie natürlich und gleichzeitig eindrücklich dieser Junge spielt! Nur so wird diese Mutter-Sohn-Beziehung so greifbar – die beiden wären sofort auf meiner Liste mit den besten Eltern-Kind-Beziehungen gelandet, wenn ich den Film eher gesehen hätte.

Filmtechnisch mag Room nicht herausragend oder besonders innovativ sein – die Geschichte, die Dialoge und die Schauspieler aber sind so mitreißend, dass ich komplett im Film „versunken/vertieft‟ (ich meine das englisch Wort immersed) war und mir mehrfach die Tränen kamen.

Absolut sehenswert: 8,5 von 10 Punkten!

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14 Gedanken zu “Neulich beim SNEAKen: Room (Lenny Abrahamson, Irland/Kanada 2015)

  1. Ich war bei den diversen Ausschnitten, die während der Oscar-Verleihung gezeigt wurden, bezüglich des Geschlechts des Kindes im Film irritiert, was daran liegt, dass der Junge die Haate sehr lang hat.

        1. Nein, ich will mit dir nicht schon wieder über das Thema diskutieren. Trotzdem: Hier geht es um KINDER. Und du willst doch nicht ernsthaft behaupten, dass Jack mit den langen Haaren nicht süß aussah?!???

  2. Hört sich gut an. Mich interessiert der Film auch, doch weiß ich nicht, ob ich mich dem Thema bewusst aussetzen mag. Aber man kann ja auch nicht nur bequeme Filme schauen…

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