Book meets film #2: Ender’s Game

Es ist höchste Zeit, diese vor eineinhalb Jahren ins Leben gerufene Kategorie neu zu beleben, da ich das erste Mal wieder seit längerer Zeit ein Buch und seine Verfilmung in relativ kurzem Abstand voneinander (halbes Jahr) gelesen respektive gesehen habe. Spoiler sind nicht vollständig zu vermeiden.

Das Buch: Ender’s Game (Orson Scott Card, 1985)

Quelle: goodreads.com

Andrew „Ender‟ Wiggin ist ein „Third‟ – ein drittes Kind seiner Eltern, was eigentlich verboten ist. Doch da der I.F. (International Fleet) händeringend nach Kindern sucht – oder eigentlich nach DEM EINEN Kind, das die Bedrohung durch die Formics, auch „Bugger‟ genannt, ein für allemal abwenden kann, und Enders ältere Geschwister Peter und Valentine schon vielversprechend waren, aber noch nicht perfekt, durften seine Eltern ein weiteres Kind bekommen. Valentine und Ender haben eine sehr innige Beziehung, während Peter offenbar großes Vergnügen daran findet, seinen jüngeren Bruder zu quälen und ihm auch offen sagt: „I could kill you like this. […] Just press and press until you’re dead.‟ Ender ist sich nicht sicher: Meint Peter es ernst oder ist es doch nur Spaß?

Ender erfüllt die Erwartungen und wird als Sechsjähriger in die Battle School (Station im Weltall) aufgenommen. Ein wichtiger Charakterzug – neben der benötigten Intelligenz – , nachdem Colonel Graff vom I.F. sucht, ist strategisches Denken. Und so ist die Tatsache, dass sich der kleine Ender gegen einen Bully mit brutaler Gewalt wehrt, das ausschlaggebende Ereignis. Ender tat dies, damit er nachhaltig nicht mehr von den anderen, größeren Jungs gemobbt würde, es waren also taktische Überlegungen, die ihn dazu gebracht haben.

Schon im Shuttle, das eine Gruppe von „Launchies‟ (Neulinge) zur Battle School bringt, wird Ender von Col. Graff in eine Außenseiterposition gedrängt – ein Verfahren, das sich durch Enders Zeit an der Battle School ziehen wird. Er wird isoliert, es werden ihm Steine in den Weg gelegt, doch da sich Ender nicht unterkriegen lässt – und sehr bald die besten Ergebnisse vorweisen kann, bekommt er auch Privilegien, die ihn allerdings bei manchen nicht gerade beliebter machen. Ender steigt schnell auf – und bekommt seine eigene „Armee‟: Dragon Army. (Erst in Ender’s Shadow erfährt der Leser, dass die Zusammensetzung dieser Armee von einem anderen Überflieger unter den Battle School Schülern (Bean) bestimmt worden war.) Der einstige Außenseiter und Einzelgänger kann mit der Zeit eine Reihe von guten Freunden um sich scharen: allen voran Alai, Petra und später Bean. Doch er schafft sich auch Feinde – der gefährlichste von ihnen ist Bonzo Madrid. Dieser fühlt sich von Enders Erfolg so gedemütigt, dass Enders Freunde aus der Dragon Army befürchten, dass er Mordgelüste gegen Ender hegt. Damit haben sie völlig recht – es kommt zum „Showdown‟ in der Dusche, den Bonzo trotz körperlicher Überlegenheit verliert. Dieses Ereignis führt zu Enders weiteren Aufstieg in die Command School (auf dem Planeten Eros) und enormen Selbstzweifeln Enders. Er weiß zwar nicht, was genau mit Bonzo geschehen ist (ihm wird nur gesagt, dass er zurück auf die Erde gebracht wurde), aber in seinem Inneren weiß er wohl, dass er tot ist. Um ihn wieder zu motivieren, darf er vor dem Transport nach Eros noch enmal auf die Erde zurück – Col. Graff arrangiert ein Treffen mit seiner Schwester Valentine, die ihn zum Weitermachen ermuntern soll.

Hier ein kleiner Exkurs zu Valentine und Peter: Während Ender auf seine große Aufgabe, seine Mission vorbereitet wird, beginnt Peter anonym als „Locke‟ Essays über die Weltlage ins Netz zu stellen, während er gleichzeitig einen Gegenpart erschafft, den Valentine übernimmt: „Demosthenes‟. Locke ist der Vernünftigere der Beiden, Valentine soll als Demosthenes eher radikale Positionen vertreten, wodurch Locke in noch besseres Licht gerückt wird. Man bedenke, auch Enders Geschwister sind höchst intelligent – niemand ahnt, dass hinter diesen Personae zwei Kinder (später Jugendliche) stecken.

An der Command School wird Ender am Simulator und in „Einzelunterricht‟ auf sein bevorstehendes Kommando ausgebildet – von einer Legende aus dem vorherigen Krieg gegen die Bugger. Schließlich – er ist nun 11 Jahre alt – bekommt er das Kommando über ein Geschwader, das aus seinen Getreuen aus der Dragon Army besteht. Tagtäglich müssen sie nun simulierte Schlachten schlagen, bis sie fast am Ende ihrer Kräfte sind. In der letzten Schlacht gelingt die endgültige Zerstörung der Formics – und erst jetzt erfährt Ender, dass dies keine Simulationen waren, sondern dass er und seine Leute schon seit Wochen eine reale Schlacht nach der anderen geschlagen haben. Ender wird als Held gefeiert, er jedoch ist mit seiner Rolle als Zerstörer einen ganzen Species ganz und gar nicht glücklich.

Im letzten Kapitel des Buchs findet Ender jedoch eine neue Aufgabe – und die soll hier nun doch nicht verraten werden. Sie hängt mit dem Computerspiel (Mind game) zusammen, das Ender in seiner Zeit an der Battle School gespielt hat – und das ein Eigenleben entwickelte, das selbst die Lehrer, die das Spiel installiert hatten und die das Spiel überwachten, vor ein Rätsel stellte…

Vieles hat mich an diesem Buch – und seinen Nachfolgern und auch an der Shadow-Reihe – fasziniert: Da ist zunächst die Tatsache, dass hier Kinder als diejenigen angesehen werden, die als Einzige die Aufgabe lösen können. Ender ist, wie gesagt, zu Beginn des Buches 6 Jahre alt – und 11 am Ende, Valentine und Peter verfassen politisch-philosophische Aufsätze zur Lage der Welt. Die Art und Weise jedoch, wie Ender zum „saviour of mankind‟ gemacht wird, ist moralisch absolut fragwürdig! Heiligt der Zweck die Mittel? Wäre Ender ohne die Isolierung, ohne das Zulassen des Konflikts zwischen ihm und Bonzo Madrid nicht zu „the one‟ geworden? Und wie ist es eigentlich zu bewerten, dass die Menschheit aufbricht, um die Bugger endgültig auszulöschen? Ist das Rache oder der einzige Weg, das Überleben der menschlichen Rasse zu gewährleisten – ein gerechtfertigter „preemptive strike‟? Diese moralischen Dilemma, dazu außerordentlich interessante Charaktere (Außenseiter, die zu Helden werden) und die sehr gut nachzuvollziehenden Beschreibungen dessen, was im Battleroom vor sich geht, haben dazu geführt, dass ich dieses Buch mit Begeisterung gelesen habe – und ich inzwischen schon bald mit dem siebten Buch, das im Ender-Universum spielt, durch bin.

Kann nun der Film all dies transportieren?

Der Film: Ender’s Game (Gavin Hood, USA 2013)

Quelle: amazon.de

Inhaltliche Abweichungen gibt es vor allem in zweierlei Hinsicht:

Zum einen ist der Zeitrahmen viel enger gesteckt – zwischen Enders Einberufung zur Battle School und der letzten Schlacht liegen allenfalls Monate. Auch wenn dies eine verständliche Änderung ist, um den Plot zu verdichten und zu vermeiden, dass man Kinder in unterschiedlichem Alter für die selbe Rolle casten muss, lässt sich so natürlich weniger Charakterentwicklung aufzeigen. Da man keine Zeit hat, wird z. B. auch Bean gleichzeitig mit Ender „eingeschult‟ (beide deutlich älter als zu Beginn ihrer Battle-School-Zeit im Buch, und es wird eigentlich nur eine einzige Beziehung Enders näher beleuchtet, nämlich die zu Petra. Außerdem wird Ender quasi direkt nach der letzten Schlacht klar, was seine neue Aufgabe ist. Aus filmischer Sicht vielleicht kaum anders zu lösen, aber für mich dadurch einfach viel weniger logisch.

Zum zweiten wurden die „schriftstellerischen Aktivitäten‟ von Peter und Valentine komplett weggelassen. Auch diese Entscheidung kann ich nachvollziehen, aber dadurch gerät insbesondere Peter zu so einer absoluten Randfigur, dass es für den Zuschauer nicht einsichtig ist, warum Ender, als Peter einmal im Mindgame auftaucht, so stark auf ihn reagiert.

Daneben wurde noch die Kampfszene zwischen Ender und Bonzo deutlich entschärft, was ich ganz außerordentlich bedauerlich finde, und auch das Nachspiel (Bonzo wird auf der Station operiert, Ender kann dabei zusehen) fand ich nicht überzeugend.
Zur visuellen Umsetzung:

Obwohl ich oben schrieb, dass der Battleroom sehr gut beschrieben ist, konnte ich mir nicht vorstellen, wie das filmisch umsetzbar sein soll. Überraschenderweise hat das einigermaßen gut funktioniert, auch wenn die Szenen im Battleroom nur einen Bruchteil des Films ausmachen. Auch die Uniformen und die Optik insgesamt haben mir sehr zugesagt. Allerdings hatte ich mir die Simulatoren auf Eros ganz anders vorgestellt, was aber nicht störte.

Die Besetzung:

Die Erwachsenen sind zumeist hervorragend besetzt, insbesondere Harrison Ford als Col. Graff und Viola Davis als Major Anderson (gute Idee, hier eine Frau daraus zu machen). Ben Kingsley als Halb-Maori Mazer Rackham zu besetzen fand ich allerdings etwas unglaubwürdig. Überhaupt hat mich dieser Charakter nicht überzeugt, was aber eher am Drehbuch liegen sollte.

Die Besetzung bei den Kindern hat mir wenig gefallen. Von den Hauptcharakteren einmal abgesehen (Asa Butterfield war als Ender ganz gut, hat mich aber in Hugo mehr überzeugt, Hailee Steinfeld war solide, Abigail Breslin absolut verschenkt), fand ich vor allem die Besetzung von Bonzo Madrid völlig falsch. Der Junge wird im Buch als groß und schlank, mit hübschen Gesichtszügen beschrieben – warum muss man hier einen Jungen nehmen, der noch kleiner ist als Ender und noch dazu schon ein unsympathisches Aussehen hat. Gerade dieser Gegensatz wäre wirklich spannend gewesen. Das ist jetzt in keinster Weise eine Kritik an dem Schauspieler Moises Arias, sondern ganz klar eine Kritik an der Auslegung der Rolle durch den Regisseur.

Die moralisch-ethischen Fragen:

Bekommen die oben genannten Fragen genügend Raum im Film? Ich finde nicht. Es kommt meines Erachtens viel zu wenig raus, wie sehr Ender absichtlich isoliert und ihm das Leben schwer gemacht wird. Auch diese unglaubliche Erschöpfung bei den Simulationen am Ende (Petra schläft im Buch einmal sogar währenddessen ein) fehlt völlig. Was das mit Ender macht, wird für mich im Film überhaupt nicht klar. Erst ganz am Ende bricht es so richtig aus Ender heraus, dass er das nicht wollte, eine ganze Spezies auszuradieren. Dadurch dass die Kinder alle schon etwas älter sind als im Buch, wird auch die besondere Genialität dieser kleinen Menschen nicht so richtig sichtbar.

Fazit: Für mich ist der Film kein gelungenes Gegenstück zum Buch. Hätte ich ihn zuerst gesehen, wäre in mir sicher nicht der Wunsch entstanden, das Buch zu lesen. Viele Nebencharaktere bleiben so blass, dass ich mir immerhin meine Vorstellung der Figuren durch das Ansehen des Films nicht kaputt gemacht habe. Nun ist es vielleicht nicht ganz fair, an Figuren wie Bean, die ich nun durch die weitere Lektüre von Büchern aus dem Ender-Universum sehr gut kennengelernt habe, diesen Maßstab anzulegen. Andererseits gab es ja all diese Filme VOR der Verfilmung von Ender’s Game, sodass man diese Bücher ja auch für die Charakterisierung der Figuren hätte heranziehen können.

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8 Antworten zu Book meets film #2: Ender’s Game

  1. Zeilenende schreibt:

    Hihi … Ich habe Ender’s Game vor einiger Zeit gesehen und die Besprechung harrt ihrer Veröffentlichung. Ich fand, er bot einiges an Stoff für moralische Diskussion und den Film solide gemacht, weil er viele Fragen an den Zuschauer delegiert, kennt aber das Buch bis heute nicht.
    Seit dem Film habe ich aber Lust, es einmal zu lesen, obwohl es Military SF ist. Und nach deiner Besprechung noch mehr.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ha, wusste gar nicht, dass es extra Subgenre „Military SF“ gibt… Wieder was gelernt. 😉 Stimmt natürlich schon, dass man dann wohl dieses Buch dem Genre zuordnen kann, aber die drei Nachfolge-Bände sind da ganz anders. Dafür merke ich gerade, dass mir die „Ender’s Shadow“-Reihe auf Dauer tatsächlich etwas zu sehr in diese Richtung geht. Das erste Buch fand ich im Grunde genommen gleichwertig mit „Ender’s Game“, aber die nachfolgenden finde ich zwar schon spannend, aber nicht mit so vielen moralischen Dilemma und mit weniger klassischen SF-Ideen.

  2. bullion schreibt:

    Um den Film schleiche ich schon länger herum, doch deine Kritik bestätigt meine Befürchtungen. Ich glaube, da werde ich irgendwann (so in drölf Jahren) mal die Bücher lesen… 😉

  3. An schreibt:

    Damit wäre dann wohl meine Frage von letzt geklärt 😉 Jetzt will ich sicher auch das Buch noch lesen. Ich fand zwar, dass im Film durchaus diese moralischen Fragen rüberkommen, aber im Vergleich zum Buch dann wohl doch nicht so. Aber du hast auf jeden Fall mein Interesse für das Buch nochmal neu geweckt. 🙂

  4. hurzfilm schreibt:

    Ich hab nur den Film gesehen, fand ihn ganz unterhaltsam, mehr aber auch nicht.

    Kommt das eigentlich nur mir so vor, oder hat die Handlung strukturelle Ähnlichkeit mit „Starship Troopers“? (oder umgekehrt, das Buch „Ender’s Game“ kam ja wohl vor dem SST-Film heraus.)

    • singendelehrerin schreibt:

      „Starship Troopers“ hat ein eigenes literarisches Vorbild: das Buch ist von Robert A. Heinlein und ist tatsächlich vor „Ender’s Game“ erschienen (1959). Beim Durchlesen des Inhalts des Buches (den Film habe ich nicht mehr SO in Erinnerung) sind mir nicht so viele Ähnlichkeiten aufgefallen, mal abgesehen von den insektoiden Aliens und der Tatsache, dass der Schwerpunkt beider Geschichten auf der militärischen Ausbildung des Hauptcharakters liegt.

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