USA 2015: Grand Canyon #2 (Bright Angel Trail)

Ich berichtete ja schon davon, dass verschiedene Wetterdienste zu sehr unterschiedlichen Bewertungen der Wetterlage an unserem Grand-Canyon-Tag kamen, am frühen Morgen, als wir uns nach dem Sonnenaufgang und einem Frühstück (im Auto, denn es war recht windig und frisch morgens um 7 Uhr) auf den Bright Angel Trail begaben, sah es auf jeden Fall sehr gut aus.

Bright Angel Trail1

Wir hatten vor, bis zum Plateau Point zu wandern, von dem aus man auf den Colorado River blicken kann. Das sind sechs Meilen und 1000 Höhenmeter, die man erst nach unten und dann wieder zurück nach oben überwinden muss. Da die Tatsache, dass es runterwärts ja nicht so anstrengend ist, immer wieder dazu führt, dass sich ungeübte Wanderer überschätzen, weisen Schilder darauf hin, dass man hinunterwandern KANN, aber hinaufwandern MUSS.

Bright Angel Trail2

Ein Grund, warum meine Begeisterung für den Bryce Canyon größer ist als für den Grand Canyon, ist, dass im Bryce Canyon hinter jeder Ecke ein neuer Anblick lauerte, während der Weg zum Plateau Point im Grand Canyon im Grunde genommen immer die selbe Aussicht bietet, man kommt „lediglich“ dem Ziel immer ein Stückchen näher. Ganz fair ist das nicht, da sich schon die Vegetation um einen herum ändert – bei 1000 zu überwindenden Höhenmetern kommt man da einfach durch verschiedene Zonen. Und zweifellos ist die Aussicht schon beeindruckend. Trotzdem mag ich den Bryce Canyon lieber! Ab und zu wandte ich auch meinen Blick nach unten und zurück – was ganz gut war, da ich auf dem Rückweg kaum mehr Möglichkeit zum Fotografieren hatte.

Alle 1,5 Meilen gibt es einen Unterstand, Wasserhähne zum Auffüllen der Trinkflaschen und Komposttoiletten (das klingt ekliger als es war – nicht zu vergleichen mit dem Plumpsklo, das es bei meiner Oma noch im Garten gab). Diese Unterstände sollten noch äußerst wichtig für unsere Wanderung werden. An jedem dieser Rastplätze haben wir eine kleine Pause eingelegt – und so waren wir um ca. 11 Uhr am Plateau Point.

Die Sonne hatte schien eigentlich nur noch bei uns, recht und links von unserer „Schneise‟ sah es schon richtig dunkel aus. Als wir nun den ersten Blitz sahen – weit weg noch – machten wir uns schnell auf, um den letzten Unterstand zu erreichen. Links von uns regnete es schon – das sah zwar schön aus, aber beruhigte uns nicht gerade.

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In der rest area angekommen, suchten wir uns gleich ein Plätzchen im Unterstand aus, in dem zunächst außer uns nur noch ein junger Mann war, der auch vorne am Plateau Point mit uns war, und ein etwas älteres Paar, das die Nacht unten am Colorado River verbracht hatte und nun mit Gepäck wieder aufsteigen wollte. Wir aßen und tranken, meine Nichte schlief sogar ein bisschen (die Glückliche kann in fast jeder Lebenslage und Position schlafen), sitzend mit dem Kopf auf dem Tisch. Es war ja so, dass wir trotz des aufziehenden Gewitters vor dem Aufstieg eine längere Pause brauchten. Nach ca. einer dreiviertel Stunde war dann das Gewitter, mit heftigem Regen, auch bei uns eingetroffen – schnell füllte sich der Unterstand mit weiteren Wanderern (fast ausschließlich Deutsche), nach einiger Zeit auch mit Wasser.

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Blick aus dem Unterstand

Wenn der Regen schwächer zu werden schien, wagten wir uns immer wieder mal hinaus, um die Lage zu betrachten und zu entscheiden, ob es sinnvoll und sicher ist, den Aufstieg zu wagen. Lange war das nicht der Fall – wir harrten insgesamt, glaube ich, drei Stunden im Unterstand aus. Dann sah es etwas besser aus, und die meisten zogen los. Mit uns liefen noch eine junge Frau und ein junger Mann, die auch aus Deutschland waren; nachdem sie vorher schon einmal allein während des Gewitters unterwegs gewesen waren und völlig durchnässt waren, wollten sie nicht mehr alleine gehen. Allerdings waren die jungen Leute alle etwas schneller zu Fuß als ich – und zwar nicht nur, weil ich doch nochmal ein paar Mal stehen bleiben musste, um den Kontrast zwischen den dunklen Wolken und der Sonne, die zum Teil wieder durch die Wolken spitzte, fotografisch festzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt war das nicht so schlimm, da es weder regnete, noch blitzte und donnerte. Also sagte ich, sie sollten einfach in ihrem Tempo laufen, ich käme dann schon hinterher. So schafften wir es trockenen Hauptes bis zum nächsten Rastplatz.

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Da mussten wir nun wieder hinauf!

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Der Blick zurück hat ein tolles Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit geboten!

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Nach dieser Rast kam dann der gefährlichste Teil unserer Wanderung. Es fing wieder zu regnen an und bald hörten wir auch wieder Donnergrollen. Die jungen Leute waren wieder ein ganzes Stück vor mir, als plötzlich da ein helles Flackern war mit einem sofortigen Donnerknall im Anschluss. Da ist mir das Herz ganz schön in die Hose gerutscht! Meine Nichte ist dann auch – wie vom Donner gerührt (endlich verstehe ich diese Redewendung) – stehen geblieben und hat auf mich gewartet. Von nun an blieben wir eng beieinander. Wir hatten keinerlei Möglichkeit, uns irgendwie zu schützen – so blieb uns nichts anderes übrig als weiterzugehen und zu hoffen, dass der Ranger recht hatte, der einem anderen Wanderer erzählt hatte, dass Gewitter nicht so gefährlich sind im Grand Canyon, weil die Felsen Eisen enthielten und deswegen der Blitz in die Felsen, und nicht in Menschen, schlagen würde. Kurz darauf folgte ein weiterer Blitz und Donner – wieder so nah und so laut, dass mir Angst und Bange war. Nun erfuhren wir am eigenen Leib, wie sehr die Hormone, die bei Angst ausgeschüttet werden, einen „beflügeln‟ können. Plötzlich spürte ich kaum mehr Anstrengung, obwohl es permanent bergauf ging. Ich setzte einfach einen Fuß vor den anderen – und so erreichten wir safe and sound den letzten Unterstand. Dort trafen wir auch diejenigen wieder, die vor uns gewandert waren. Wir brachen dann alle gemeinsam auf – allerdings zog sich „das Feld‟ dann wieder relativ schnell auseinander, weil die anderen einfach schneller waren. Auf dieser letzten Etappe regnete es kaum mehr und hörte dann auch auf. Die Angst war weg, dafür hatte ich Ablenkung durch das Gespräch mit einem Brasilianer, der auch längere Zeit in Deutschland gelebt hatte, und mit dem ich mich die ganze Strecke bis zum Rim unterhalten habe.

So waren wir dann kurz vor Sonnenuntergang am trailhead angekommen – zu erschöpft und durchnässt (trotz Regenjacken), um nun noch den Sonnenuntergang abzuwarten.

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Ich zog mich noch notdürftig um (wir hatten lange Hosen im Auto, denn beim Sonnenaufgang war es ja noch richtig frisch), dann fuhren wir auf schnellstem Wege zu unserem Hotel. Das waren noch einmal 30 Meilen durch Regen und Gewitter – wir hatten das Gefühl, gar nicht mehr aus dem Gewitter rauszukommen! Einmal flackerten sogar die Anzeigen im Auto als weit entfernt ein Blitz runterging. Ich kam mir vor wie in einem Horror- oder Katastrophenfilm. Spätestens an diesem Punkt war meine Faszination für Gewitter einem Gefühl von „Ich-will-hier-raus!‟ gewichen! Am Hotel waren Teile des Parkplatzes geflutet – ein so heftiges, lang andauerndes Gewitter hatte ich noch nicht erlebt. Und sicher werden wir diesen Grand-Canyon-Besuch nie vergessen!

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13 Antworten zu USA 2015: Grand Canyon #2 (Bright Angel Trail)

  1. suzy schreibt:

    Superspannend! Danke für den tollen Reisebericht!

  2. Stepnwolf schreibt:

    Da hat sich das anteasern ja gelohnt, bei der Story. Aber immerhin seid ihr wieder heil angekommen und im Nachhinein sind das ja auch immer die besten Geschichten, die man erzählen kann. 🙂

    • singendelehrerin schreibt:

      Da hast du Recht!

      Im Nachhinein fand ich sogar die Erfahrung interessant, als ich einmal ohnmächtig wurde bei der Talfahrt von der Zugspitze (mit der Seilbahn)… Trotzdem möchte ich diese Erfahrung (Druckausgleich nicht geklappt, Ohren schmerzten immer mehr und dann kam wohl Panik dazu) nicht wiederholen. Interessant fand ich dann aber, dass ich den „Blackout“ nicht als solchen erlebt habe, sondern eher wie einen Traum, aus dem ich langsam zurückkehrte, langsam die Geräusche von „außen“ wieder hörte.

  3. away on a trip schreibt:

    Dein Erlebnis am Grand Canyon klingt viel spannender als meiner, aber zum Glück habe ich kein Gewitter mitgemacht. Deine Fotos sind spitze!

  4. hurzfilm schreibt:

    „Einmal flackerten sogar die Anzeigen im Auto als weit entfernt ein Blitz runterging.“

    Aber ein seltsames Flugobjekt mitten im Gewittersturm habt ihr nicht gesehen, oder? 😉

  5. Winterlicht schreibt:

    Ein wirklich mitreissender Bericht. Danke dafür. Ich kenne den Grand Canyon nur bei schönem Wetter. Langweilig im Vergleich 😉

    • singendelehrerin schreibt:

      Danke – freut mich, wenn dich mein Bericht mitreißen konnte! 🙂 Ja, nun, in dem Moment des Gewitters hätte ich es mir schon ein bisschen langweiliger gewünscht. Im Nachhinein möchte ich das Erlebnis nicht missen! 😉

  6. Silke schreibt:

    Sehr schöner Bericht und wahnsinnig schöne Fotos! Ich liebe den Grand Canyon und bin schon insgesamt 4 x den Bright Angel Trail raufgestiegen. 2013 sind wir Rim to Rim gewandert und haben am Indian Garden ein Gewitter erlebt.

    • singendelehrerin schreibt:

      Danke für deinen Kommentar! 🙂 Wow, Rim to Rim! Wie lange braucht man für diese Tour? Ach, der Indian Garden scheint also des öfteren gut für ein Gewitter zu sein… 😉

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