2015 im Rückblick – Theater

Was für ein Jahr, was das englischsprachige Theater anbelangt! Ich kann zwar noch lange nicht mithalten mit schauwerte, KirstenSE oder butmadnorth, aber ich war doch während zwei London-Trips und einem NYC-Aufenthalt immerhin sechsmal im Theater (in fünf verschiedenen Stücken) und zweimal im Musical. Ich finde, dafür, dass ich 2014 mit einem einzigen Stück angefangen habe, ist das schon eine ganz stolze Zahl! Dazu habe ich noch sieben Übertragungen von Stücken via NT Live, Digital Theatre und Kenneth Branagh Theatre Company (KBTC) Live gesehen, darunter zwei Stücke, bei denen ich dann direkt das Erlebnis im Theater mit der Übertragung vergleichen konnte (A View from the Bridge und Hamlet). Somit habe ich zwar nicht ganz mein Ziel erreicht, ALLE Theater-Übertragungen, die bei uns im Cinema München gezeigt werden, anzusehen, aber ich habe doch einige Hightlights erlebt.

Und welche Stücke haben mich nun am meisten beeindruckt?

Live vor Ort gesehen:

1. The Ruling Class (Trafalgar Transformed): Ohne Zweifel das Stück, das mich am meisten mitgerissen hat – James McAvoy war umwerfend! Wie gut, dass ich vorsichtshalber Tickets für zwei Vorstellungen gebucht hatte. Ich glaube, in meinen Artikeln zum Stück, den besten Zitaten und dem Fangirl-Moment habe ich ausgiebig meine Begeisterung zum Ausdruck gebracht! ❤

2.  A View from the Bridge (Wyndham’s Theatre): Vielleicht liegt es ja wirklich auch daran, dass wir so nahe an der Bühne saßen, dass die Aufführung von Arthur Millers Stück mit Mark Strong mir ein intensiveres Erlebnis beschert hat als Hamlet mit Benedict Cumberbatch. Abgerundet wurde das Ganze ja auch noch durch ein lockeres Zusammentreffen von Fan und Schauspieler an der Stage Door. Sehr sympathisch – und das nächste Mal werde ich Deutsch mit ihm sprechen!

3. Hamlet (The Barbican): Mehr Spaß hatte ich zwar bei Nummer 4, aber allein das Bühnenbild war einfach so beeindruckend, dass Benedict Cumberbatchs Auftritt als Hamlet doch auf Platz 3 gehört. Es ist aber trotzdem nicht meine liebste Shakespeare-Aufführung (und ich habe noch nicht so viele gesehen wie manch andere). Einzelne Aspekte (und Schauspieler) fand ich brilliant, aber im Ganzen war ich nicht so geflasht, wie ich mir das erhofft hatte.

4. All on her own / Harlequinade (Garrick Theatre): Die Idee, diese beiden Stücke von Terrence Rattigan hintereinander aufzuführen ist allein schon interessant – das eine ein One-Woman-Play (Zoë Wanamaker) um eine Witwe, die mit ihrem verstorbenen Mann spricht – eine ziemlich bittere Angelegenheit, das andere eine wundervoll leichtfüßige Komödie um eine Schauspieltruppe, die Romeo and Juliet aufführen will (mit dem „berühmtesten‟ Schauspieler-Paar des Landes, das allerdings schon ein paar Jahrzehnte zu alt für die Titelrollen ist), als plötzlich die Tochter (inkl. Enkeltochter im Kinderwagen) des „Romeo‟ (Kenneth Branagh) auftaucht – von der dieser aber gar nichts wusste. Kenneth Branagh sprühte gerade so von Witz – und auch die anderen Schauspieler waren überzeugend. Leider kam Branagh nicht zum Bühnenausgang, dafür habe ich Hadley Fraser nicht nur für seinen Gesang am Ende des Stückes loben können, sondern auch für seine Darstellung des Aufidius in Coriolanus. 🙂

5. The Moderate Soprano (Hampstead Theatre): Das Stück hat mich nicht vom Hocker gehauen, irgendwie war es mir zu statisch. Trotzdem schauspielerisch interessant, vor allem, wie der Deutsche und der Österreicher so dargestellt wurden, dass man den Unterschied im Akzent hören konnte. Und es war schön, Roger Allam, dem ich sonst hauptsächlich zuHÖRE (Cabin Pressure), auch einmal auf der Bühne zu sehen. Freundliche Begegnungen auch an der Stage Door!

Die Musicals:

Finding Neverland (Lunt-Fontanne Theatre, Broadway): Dieses Musical, das auf dem gleichnamigen Film basiert, hat mich wahrhaft verzaubert. Die Musik von Gary Barlow, die wunderbaren Kinderschauspieler, die zwei Hauptdarsteller – das alles hat mich so richtig in seinen Bann gezogen, sodass ich auch ein paar Tränen verdrücken musste. Da fiel kaum mehr ins Gewicht, dass ich eigentlich Matthew Morrison (Glee) auf der Bühne sehen wollte, an diesem Abend aber sein Understudy dort stand. Es gibt Gerüchte, dass das Stück Ende dieses Jahres nach London kommt – ich würde es dort glatt noch einmal ansehen!

Gypsy (Savoy Theatre): Das Stück wurde mir wärmstens mit den Worten „eine Jahrhundert-Performance von Imelda Staunton!‟ empfohlen. Also suchte ich mir für meinen letzten freien Abend bei meinem London-Trip in den bayrischen Herbstferien dieses Musical aus. Es geht um eine Mutter (Staunton), die sich zu verwirklichen versucht, indem sie ihre Töchte zu Stars macht. Die talentiertere Tochter June hat darauf irgendwann keine Lust mehr und verschwindet, also muss Louise ran. Das klappt aber alles nicht so toll… bis sie in einem Burlesquetheater landen, wo Louise schließlich ihre Karriere als Stripperin Gypsy Rose Lee beginnt. Nicht ganz das, was sich die Mutter erträumt hat – aber endlich ist Louise erfolgreich. Das Ganze basiert auf dem Leben der Burlesque-Tänzerin und Stripperin Rose Louise Hovick (1914–1970). Irgendwie hat das Musical bei mir nicht so recht gezündet, auch wenn Imelda Staunton tatsächlich großartig ist. Aber die Musik hat mich nicht richtig mitgerissen, kein Song hat mich so richtig berührt. Ein netter Musical-Abend, aber es mochte keine große Begeisterung bei mir aufkommen.

Als Übertragung im Cinema gesehen (exklusive der beiden Stücke, die ich auch live vor Ort gesehen habe):

1. The Curious Incident of the Dog in the Night-time (NT LIVE recorded): Auch beim zweiten Mal (mit SchülerInnen aus der 13. Klasse) noch faszinierend – und toll, wenn eine Schülerin hinterher meint: „Das hätte ich mir gleich nochmal ansehen können!‟

2. Man and Superman (NT LIVE recorded): Ralph Fiennes ist einfach eine Rampensau! Da ich dazu schon eine sehr ausfürhliche Kritik geschrieben habe, muss ich wohl hier nicht mehr viele Worte verlieren. Nur so viel: am 12. März sehe ich ihn live in London in The Master Builder (von Henrik Ibsen, adaptiert von David Hare) im Old Vic! 🙂

3. The Crucible (Digital Theatre): Ach, langsam wird es schwierig, die weiteren Stücke in eine Reihenfolge zu bekommen… Aber beeindruckend war dieses Stück allemal, und Richard Armitage hatte eine tolle Bühnenpräsenz, wobei er mir am besten in den leisen Momenten gefallen hat. Für 3,99 Pfund kann man sich das Stück auf digitaltheatre.com leihen!

4. The Winter’s Tale (KBTC live): Dieses Shakespeare-Stück lässt sich irgendwie schwer klassifizieren: Ist es eine Tragödie? Die ersten drei Akte fühlen sich so an: König Leontes (Kenneth Branagh) glaubt, dass seine schwangere Frau Hermione (Miranda Raison) dem böhmischen König Polixenes (Hadley Fraser) schöne Augen gemacht hat (und mehr), lässt sie in den Kerker werfen und nach der Geburt der Tochter (in seinen Augen ein Bastard) weist er Antigonus an, das Baby irgendwo auszusetzen. Die Ehefrau wird vor Gericht gestellt und verurteilt, Leontes‘ und Hermiones Sohn stirbt, und dann berichtet Paulina (Judi Dench) auch noch vom Tod Hermiones. Doch dann: Szenenwechsel, 16 Jahre später – in Böhmen: nun wird getanzt, gesungen, musiziert, getrunken, geklaut und gegessen; die Gastgeberin ist Perdita (Jessie Buckley), die Ziehtochter des Schäfers, in die sich Florizel (Tom Bateman), der Sohn von Polixenes, verliebt hat. Das geht natürlich gar nicht – der Sohn des Königs und die Schäferstochter?! Polixenes droht mit Enterbung! Wie praktisch, dass dann herauskommt, dass Perdita in Wahrheit auch eine Königstochter ist. Und ganz am Ende gibt es sogar noch eine Wiederauferstehung und ein Happy End. Also doch Komödie?!
Kenneth Branagh hat mir in Harlequinade besser gefallen – in der spritzigen Komödie spielte er sein komödiantisches Talent voll aus. Hier ist er sehr, sehr dramatisch – eine Freundin meinte hinterher: „Alle Szenen OHNE Branagh waren super!‟ Ganz so kritisch sehe ich seine Darstellung nicht, aber auch mir gingen solche Gedanken, wie „Warum muss eigentlich immer er in seiner eigenen Truppe die Hauptrolle spielen?‟ durch den Kopf. Nun, der Fairness halber muss ich darauf hinweisen, dass er zumindest – im Gegensatz zu Harlequinade 😀 – nicht den Romeo in Romeo and Juliet (mit Richard Madden und Lily James), das ich mir Ende Mai ansehen werde, spielen wird!
Was die Inszenierung wirklich zu etwas Besonderem machte, war also weniger Branagh, als zum einen Judi Dench, die sehr viel Witz auf die Bühne brachte, und zum anderen die wundervoll beschwingten Szenen auf dem Land in Böhmen. Es wurde live musiziert und gesungen, dazu gab es eine wunderschöne Choreografie – diese Szenen haben mich wirklich verzaubert.

5. The Hard Problem (NT LIVE; ich glaube recorded): Das war ein Spontanentschluss, das Stück von Tom Stoppard anzusehen – gute Entscheidung! Es fällt mir, ein halbes Jahr später, etwas schwer, den Inhalt dieses Stücks zu beschreiben, deswegen darf ich von ntlive.nationaltheatre.org.uk zitieren:

Hilary, a young psychology researcher at a brainscience institute, is nursing a private sorrow and a troubling question at work, where psychology and biology meet. If there is nothing but matter, what is consciousness? This is ‘the hard problem’ which puts Hilary at odds with her colleagues who include her first mentor Spike, her boss Leo and the billionaire founder of the institute, Jerry. Is the day coming when the computer and the fMRI scanner will answer all the questions psychology can ask? Meanwhile Hilary needs a miracle, and she is prepared to pray for one.

Ich muss zugeben, ich war insbesondere angetan von der Hauptdarstellerin Olivia Vinall, die einfach so ein feines Gesicht mit perfektem blassen Teint hat, dass ich mich fast etwas in sie verguckte. (Interessanterweise hatte sie mich in Othello noch eher genervt.) Wenn da nicht noch Spike (Damien Molony) gewesen wäre… (Side note: Ich scheine ein Faible für Figuren mit Namen Spike zu haben: Spike aus Buffy → ❤ him; Spike aus Notting Hill → so herrlich schräg)
Ich fand dieses „hard problem‟ sehr interessant, auch die Musik in Kombination mit der Lichtinstallation über der Bühne fand ich sehr gut gelungen.

Quelle: ntlive.nationaltheatre.org.uk

Und nächstes dieses Jahr? MINDESTENS diese Stücke:

Im Februar:

  • Dominic West in Les Liaisons Dangereuses (NT Live – Cinema München), 15. Februar

Im März:

  • Ralph Fiennes in The Master Builder (London), 12. März Matinee
  • verschiedene Überraschungs-Stars lesen Briefe: Letters Live (London), 12. März Abendvorstellung

Im Mai:

  • Richard Madden, Lily James und Derek Jacobi in Romeo and Juliet (London), 28. Mai Matinee

 

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7 Antworten zu 2015 im Rückblick – Theater

  1. schauwerte schreibt:

    Ach Theater – es ist einfach wunderbar. Ich denke The Ruling Class und The Dazzle waren meine Highlights. Dicht gefolgt von A Vie frim the bridge. Cumberbatchs Hamlet ist dagegen echt abgeschlagen. Schade irgendwie. Auf ein tolles Jahr!!

    • singendelehrerin schreibt:

      Ich bin schon gespannt, was wir Ende Mai noch so an Juwelen finden, die wir an anderen Tagen angucken können! 🙂 Bisher steht da bei ATG noch nicht viel, außer ein paar Musicals und „Elegy“ im Donmar Warehouse. Da möchte ich ja schon mal rein, aber da stehen offenbar noch nicht mal die Schauspieler fest.

      • KirstenSE schreibt:

        Für Elegy sollen wohl bekannte Namen im Spiel sein – habe ich gelesen auf Twitter. Habe mir mal Sicherheitshalber ein Ticket gesichert. Front Row ist ganz schön schwierig im Moment.
        The Ruling Class ist auch im meinen Top 5, A View from the Bridge war in meiner Top 3 in 2014 und The Dazzle schaue ich mir nächste Woche an.

  2. schauwerte schreibt:

    A View from the bridge soll das hier heißen…Meine Tippfinger…mein lieber Scholli

  3. KirstenSE schreibt:

    Ich habe im Mai noch Hand To God – war ein Mega Erfolg in New York, großartige Besetzung, tolles Angebot im Moment bei Love Theatre – gebucht. Und The Caretaker im Old Vic – Timothy Spall steht auch auf meiner Liste von Schauspielern, die ich mal auf der Bühne sehen möchte. Für Romeo und Julia werde ich mal die Lottery probieren – ansonsten greife ich auf das Live Screening zurück. Ich bin auf das Programm vom Globe gespannt. Heute Dienstag soll es wohl Infos geben.

  4. KirstenSE schreibt:

    Und dann gibt es ja noch das Almeida Theatre. Da müsste auch bald bekannt gegeben werden, was nach Uncle Vanya kommt! Im Moment mein Lieblingstheater.

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