The Moderate Soprano: Hampstead Theatre (31.10.15)

 

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KirstenSE ist schuld. Sie hatte mir schon vor ein paar Monaten erzählt, dass sie Roger Allam in einem Theaterstück ansehen wollte. Ich kenne Allam fast ausschließlich durch seine markante Stimme in der Radio-Sitcom Cabin Pressure (mit Benedict Cumberbatch) und wollte ihn auch gerne einmal live erleben. Nun hatte es sich ja so ergeben, dass KirstenSE – wie ich – ebenfalls ein Ticket für die letzte Vorstellung von Hamlet im Barbican hatte, weswegen wir uns auf jeden Fall vorher treffen wollten. Als sie schrieb, dass sie vorher The Moderate Soprano in der Matinee ansehen würde, versuchte ich Tickets dafür zu bekommen. Online klappte dies nicht, aber auf Raten KirstenSEs gab ich nicht auf und versuchte einfach am Samstag direkt vor Ort noch ein „Return‟-Ticket zu bekommen. Mit Erfolg: Ich bekam einen Sitzplatz in Reihe 5 – toll!

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The Moderate Soprano ist das neueste Stück von David Hare, dessen Dialoge mich schon in Skylight begeisterten und dessen Worricker-Trilogie mich auch zu überzeugen wusste. Also war ich guter Dinge, ohne zu wissen, worum es sich überhaupt in diesem Stück drehte. Nun, der wahre Hintergrund dieser Geschichte ist das Errichten einer Oper in Glyndebourne, Sussex, durch John Christie und seine Frau Audrey Mildmay in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Kein einfaches Unterfangen – Großbritannien war nicht gerade „home of the opera‟; im Stück sagt Christie (Allam): „English music is desperately bad. We do it badly.‟ (Gelächter im Publikum!) Deswegen musste Hilfe aus Ländern her, die mehr Erfahrung mit der Oper haben: Deutschland (Dirigent Fritz Busch und Carl Ebert, ehem. Intendant der Städtischen Oper in Berlin) und Österreich (Rudolf Bing, der Generalmanager wurde). Dies geschah in der Anfangszeit des Dritten Reichs, Busch (Paul Jesson) war von seinem Posten als Dirigent der Staatsoper in Dresden vertrieben worden, weil er Juden beschäftigte, Ebert (Nick Sampson), polnisch-irisch-amerikanischer Herkunft, war von Anfang an gegen den Nationalsozialismus und verließ deswegen schon 1933 Deutschland, Bing (George Taylor) war Jude. Christie wollte Wagner-Opern aufführen, die drei Experten überzeugten ihn, dass man „erstmal‟ mit Mozart anfangen müsste… (das zog sich dann aber doch als Feature durch die kompletten Anfangsjahre) Neben den Diskussionen zur Etablierung der Oper in Sussex, geht es in dem Stück auch um die Beziehung zwischen Christie und seiner Frau Audrey (Nancy Carroll), der moderate soprano, aber später schwer – physisch und psychisch – krank, sodass sie im Rollstuhl sitzen musste. Woran sie letztendlich starb, ist nicht bekannt.

Die Dialoge von Hare sind gewohnt voller Witz – und als Deutsche fand ich natürlich die deutschen und österreichischen Charaktere und die Gegensätze zwischen ihnen und dem Briten Christie sehr interessant. Jesson sprach Buschs Englisch mit einem deutschen Akzent, der aber erfreulicherweise nicht zu übertrieben war (er konnte beispielsweise das „th‟ sehr wohl aussprechen), sodass er keine Karikatur eines Deutschen darstellte. Höchst spannend war es, die Unterschiede in der Aussprache zwischen ihm und Taylors Bing festzustellen. Ich habe an der Stage Door mit George Taylor geredet – als er hörte, dass wir Deutsche waren, hat er gleich Deutsch mit uns gesprochen und fragte ganz aufgeregt, ob wir denn gehört hätten, dass er spezifisch mit österreichischem Akzent gesprochen hätte. Ich fand es toll, dass er sich damit so genau beschäftigt hat, und ja, man hörte einen Unterschied. Wäre natürlich noch besser gewesen, wenn wir eine/n Österreicher/in dabei gehabt hätten, aber da ich manchmal Assoziationen zu Arnold Schwarzenegger hatte (auch wenn der Akzent, den Taylor verwendete weitaus weniger stark war), muss er das doch ganz gut hinbekommen haben.

Was mir allerdings weniger gefallen hat, war die Inszenierung an sich. Sie war einfach unglaublich statisch. Im Grunde genommen standen die Charaktere immer nur auf der Bühne herum und haben geredet. Das hat bei mir zu einem gewissen Ermüdungseffekt geführt – und zu dem Bedürfnis (ich hatte an dem Tag massiv mit Kopfschmerzen zu kämpfen), ab und zu meine Augen zu schließen.

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Das Hampstead Theatre ist relativ klein, und das Publikum war durchschnittlich gefühlt 70+ Jahre alt. Dadurch gab es auch keine große Crowd an der Stage Door (, die innerhalb der Lobby war), und so konnte ich ein paar Takte mit Roger Allam und George Taylor reden. Beide haben sich für unser Kommen bedankt, Roger Allam sagte ich, dass ich ihn, nachdem ich ihn hauptsächlich von seiner Stimme her kannte, auch mal live sehen wollte und dass ich nun ganz überrascht war, dass es in dem Stück auch Deutsche gab. Und George Taylor, wie gesagt, wechselte ja sofort ins Deutsche. Das fand ich schon sehr nett – und er schien sich auch richtig zu freuen, dass er mit Deutschen über seinen Akzent reden konnte. Danach war ich richtig aufgekratzt, irgendwie bin ich immer noch nicht „cool‟ an der Stage Door. ich muss noch VIEL mehr üben! 😀 Aber immerhin schaffe ich es immer, ein paar persönliche Worte an die jeweiligen Schauspieler zu richten. Bei Jesson wollte ich mich eigentlich bedanken, dass er den deutschen Akzent nicht zu stark gemacht hat, aber er kam nicht heraus – schließlich gab es ja noch eine Abendvorstellung, vielleicht entspannte er sich hinter der Bühne.

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Fazit: Trotz statischer Inszenierung ein interessanter Nachmittag mit schönen Begegnungen.

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4 Antworten zu The Moderate Soprano: Hampstead Theatre (31.10.15)

  1. iwishyoumuchmirth schreibt:

    Bin total neidisch, das Stück wollte ich auch unbedingt sehen, bin ja ein großer Roger Allam Fan… einer der Gründe, warum ich so traurig bin dass ich diesmal jobtechnisch nicht mitfliegen konnte 😦

  2. pimalrquadrat schreibt:

    Tjaja, das innere Fangirl unter Kontrolle zu behalten und „cool“ zu bleiben ist gar nicht so leicht, was? 😀

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