Neulich beim SNEAKen: Sicario (Denis Villeneuve, USA 2015)

Quelle: flickeringmyth.com

Der Regisseur, der uns bei Prisoners über Selbstjustiz und bei Enemy über „WTF is going on?‟ grübeln ließ, bringt uns nun einen Film über ein Thema, das scheinbar ausgelutscht ist: der Kampf gegen die Drogenkriminalität im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA. Was gab es da schon für Filme (most notably: Traffic, mit dem es sogar eine Schauspieler-Überschneidung gibt) und Serien (Breaking Bad, Weeds…)! Aber trotzdem ist Sicario für mich ein Ausnahme-Film, der mich von der ersten Sequenz an mitgerissen hat. Um das so zu beschreiben, dass man versteht, was genau mich so fasziniert hat, komme ich um Spoiler nicht herum. Ich werde diese in hellgelb schreiben, mit vorangestellter Warnung, damit diejenigen, die den Film noch sehen und so unbedarft reingehen wollen wie ich, über die Spoiler drüberscrollen können.

Der Plot:

Kate (Emily Blunt) ist beim FBI, in einer Unit, die sich um Geiselbefreiung kümmert. Doch bei dem Einsatz zu Beginn des Films  gibt es keine Geiseln, die man befreien könnte. Statt dessen machen sie einen wirklich grausigen Fund… Da der Einsatz trotz allem als eine Art Erfolg gewertet wird, wird Kate von einem obskuren Team (weder der Zuschauer noch Kate werden darüber aufgeklärt, welcher Organisation innerhalb des law enforcement diese Männer angehören) gefragt, ob sie bei einem Einsatz gegen eine Drogenbossfamilie mitwirken will. Es heißt, es geht nach El Paso, Texas – doch der Einsatz wird nicht auf amerikanischen Boden durchgeführt… Was ist das Ziel des Einsatzes? Was will der Leiter des Einsatzes (Josh Brolin)? Welche Rolle spielt der Latino Alejandro (Benicio del Toro), dem Kate an die Seite gestellt wird? Ist das wirklich noch FBI oder vielleicht die CIA? Diese Fragen stellt sich Kate – und bekommt lange keine Antworten. So fährt sie beim ersten Einsatz nach Mexico mit, ohne die geringste Ahnung zu haben, was hier eigentlich passiert – und warum sie überhaupt dabei ist. Nur nach und nach erfährt sie – und der Zuschauer – mehr…

Was den Film so sehenswert macht für mich:

Die Kamera (Roger Deakins): Ja, ich gebe es zu, seit meiner USA-Reise bin ich völlig angefixt vom Himmel über dem Südwesten der USA. (Gedreht wurde in New Mexico.) Und so hat mich auch im Film das Zusammenspiel von der hellen, wüstenartigen Erde, dieser schier unendlichen Weite und den atemberaubenden Farben am Himmel wieder zum Schwärmen gebracht. Hinzu kommen faszinierende Aufnahmen der mexikanisch-amerikanischen Grenze und einer mexikanischen Stadt aus der Luft, sowie eine Kameraführung, die in mir den Eindruck erweckte, dass ich mit dabei bin – was enorm zur Spannung beigetragen hat.

Die Spannung: Es soll Leute geben, die The Hurt Locker (damals auch in der Sneak gesehen) langweilig finden, insbesondere vielleicht die Szene, als die amerikanischen Soldaten einen ganzen Tag lang ein Haus im Visier behalten, in dem sie hostiles vermuten. Lange passiert nichts, trotzdem müssen sie in der Hitze ausharren, beobachten… Für mich war die Spannung jedoch zum Greifen nahe. Ähnlich ging es mir jetzt mit Sicario. [SPOILER] Spätestens als neben dem Haus, in dem die „Geiseln‟ gefunden worden waren, die Bombe mit so einer Wucht hochging, dass man förmlich die Druckwelle gespürt hat, hat mich der Film in seinem Bann gehabt. [/SPOILER] Dann die ganze Sequenz (there – and back again), als das Einsatzkommando nach Mexiko rüberfährt bis inklusive der Situation im Stau auf der Rückkehr – da war ich ganz bei Kate, die im Grunde genommen nicht wusste, was um sie herum passierte. Spannung pur! Da komme ich gleich zum nächsten Punkt:

Die Hauptfigur: Emily Blunt hat ja schon in Edge of Tomorrow bewiesen, dass sie zur Actionheldin taugt. Hier ist sie – obwohl sie als FBI-Agentin natürlich auch selbstbewusst und auch eine Führungspersönlichkeit ist – ein bisschen weniger taff. [SPOILER] Das Finden von bestialisch stinkenden Leichen lässt sie nicht kalt, nein, man sieht, wie sie und andere Agenten draußen damit kämpfen, sich nicht zu übergeben – oder wie sie sich eben übergeben. [/SPOILER] Beim ersten Einsatz sieht man ihre Nervosität nur an einem leichten Zittern der Unterlippe. [SPOILER] Als sie realisiert, dass der Typ, mit dem sie grad rumknutscht, einer von den Bösen ist, sieht man die Panik in ihrem Gesicht nur allzu deutlich. Es gelingt ihr nicht, abgebrüht sofort zur Waffe zu greifen. [/SPOILER] Für mich eine großartige Performance, sehr nuanciert, aber eben so, dass ich mich sehr gut mit ihr identifizieren konnte und mit ihr mitfieberte. Oh, und das „Fiebern‟, das wurde ganz und gar großartig unterstützt von der…

Filmmusik: Die Musik von Jóhann Jóhannsson haut rein. Ich zitiere hier mal einen „Kollegen‟ vom Hollywood Reporter:

[S]pecial note must be made of the brilliantly idiosyncratic and disturbing score by Icelandic composer Johann Johannson, which cranks up the unease of key scenes with an electronic bass wallow that then descends to seemingly impossible depths of apocalyptic dread.

Besser kann ich es nicht formulieren.

Fazit: Das Zusammenspiel von Bild (nicht immer nur schöner Himmel, auch Bilder, die man lieber nicht sehen wollte) und Ton, die dadurch aufgebaute Spannung und die herausragende Performance von Emily Blunt (was nicht heißt, dass die anderen schlecht waren!) machten diese Sneak Preview für mich zu einem der Highlights in diesem Jahr!

9 von 10 Punkten!

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17 Antworten zu Neulich beim SNEAKen: Sicario (Denis Villeneuve, USA 2015)

  1. pimalrquadrat schreibt:

    Ach, jetzt machst du mir doch wieder Lust! Das klingt nämlich ziemlich gut, was du hier beschreibst. Hach, ich muss demnächst wohl wirklich mal wieder ins Kino, für den und Everest kann ich mich nämlich erwärmen!

  2. Frau Margarete schreibt:

    Sicario möchte ich auch unbedingt sehen. Die Bilder/die Kamera hat mir schon im Trailer gefallen, ich hoffe das wird mich dann auch im Film selbst überzeugen. Bin schon gespannt, deine Wertung spricht ja ganz deutlich für den Film 🙂

  3. Libertarian Anonymous schreibt:

    Ich gebe dem Film auch 9/10 Punkten. Der Punktabzug für den ansonsten in jeder Hinsicht hervorragenden Film ist einzig und allein dem Umstand geschuldet, dass die Aktion mit der Autokarawane durch Mexiko auf den zweiten Blick doch recht unglaubwürdig ist und lediglich als dramaturgisches Vehikel zum Spannungsaufbau erscheint.

  4. Nummer Neun schreibt:

    Oh jetzt machst du mir auch Lust auf den Film! Hätte den jetzt nicht so auf dem Schirm gehabt.

  5. friedlvongrimm schreibt:

    Mich hat der Film auch mit der ersten Minute in den Kinosessel gepresst. Diese verdammte Musik…. Ich fand Emily Blunts Spiel auch sehr nuanciert und nachvollziehbar. Sie wirkte in jeder Situation sehr menschlich und greifbar und nicht wie ein Abziehbild eines weiblichen Wesens. Und Josh Brolin und mein Benicio waren auch wieder mal klasse. Ach ja. Ich musste kurz lachen, dass Benicio mal wieder einen Anwalt spielen darf. Oh man…
    Und ich oute mich, ich konnte „The Hurt Locker“ nicht viel abgewinnen. Aber bei dem Themengebiet bin ich auch ein schwieriger Zuschauer…

    • singendelehrerin schreibt:

      „Und ich oute mich, ich konnte “The Hurt Locker” nicht viel abgewinnen.“

      -> So eine bist du also… 😉 Naja, immerhin fandest du „Sicario“ anscheinend so gut wie ich! Na, dann lass ich das nochmal durchgehen… 😀

      • friedlvongrimm schreibt:

        Ich hatte mir den mal ausgeliehen, damals als es noch Videotheken gab, aber ich glaube im Kino wäre ich wohl empfänglicher für Soldaten und Krieg und so gewesen.

        • singendelehrerin schreibt:

          Jetzt musste ich wegen „damals“ doch direkt nachschaun, wann „The Hurt Locker“ rauskam! OK, ist auch schon wieder acht Jahre her! Für mich fühlt sich das noch so frisch an… Ich hab den Film damals in der Sneak Preview gesehen, ohne zu wissen, worum’s da genau geht – da hat er mich umgehauen! Ob der Film diese Wirkung im Heimkino entfalten kann…

  6. jacker schreibt:

    Was man beim eMail-Postfach aufräumen so findet 🙂
    Kann jedes Wort nachempfinden, Blunt liefert übermenschlich und SICARIO ist packend bis ins letzte. Hat mich mit einem sehr, sehr unguten Gefühl zurückgelassen..

    • singendelehrerin schreibt:

      Ich „fürchte“, das wird einer dieser Filme, die ich meinen Schülern „reindrücken“ muss… 😉

      Wow, du arbeitest dich wirklich durch alle Mails mit den „neuen“ Beiträgen durch, was? Fleißig, fleißig! 🙂

      • jacker schreibt:

        Ja, zeigt den ruhig mal deinen Schülern. Immerhin schafft der Film es ganz großartig, äußerst wichtige Gedanken zu politisch brisanten Themenkomplexen anzustoßen und ist dennoch ein verdammt packender Thriller – sowas hätte ich mir im Schulunterricht gewünscht!

        Und ja: in meinem Postfach hatten sich vorhin 250 Benachrichtigung Mails zu Blogeinträgen von Portalen denen ich folge gesammelt. Die letzten zwei Monate waren so dicht, dass ich, abseits des eigenen Schreibens, immer nur sporadisch mal ein bis zwei gelesen habe, aber jetzt lichtet sich der Dschungel der Pflichten ein wenig 🙂

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