Blade Runner: Final Cut 2007 (Ridley Scott, USA/Hongkong/UK 1982)

Das Cinema in München zeigt jeden Monat einen Klassiker auf der Leinwand in ihrer CINEMA Movie Club-Reihe. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, Filme, die man entweder schon lange nicht mehr oder noch nie auf der großen Leinwand gesehen hat, im Kino zu sehen. Die nächsten drei Filme werden sein: Once upon a Time in the West (24.8.; werde ich leider nicht sehen können, weil ich da in den USA bin), Blues Brothers (7.9.), und *trommelwirbel* Back to the Future-Triple Feature (21.10.).

Diese Woche sah ich nun Blade Runner – mit einer Freundin, die den Film in allen vorhandenen Versionen mindestens 50 mal gesehen hat, während ich mich im Grunde genommen überhaupt nicht mehr an den Film erinnern konnte, bestenfalls an die Ausgangssituation und die Optik von verschiedenen Charakteren, nicht aber an den genauen Plot, Dialoge, etc. Manches Mal fragte ich mich, ob ich den Film überhaupt jemals vorher gesehen hatte. Ich war mir eigentlich sicher gewesen, dass ich ihn in meiner Jugend gesehen hatte, und die Tatsache, dass ich vage ein anderes Schlussbild im Kopf hatte (Deckard und Rachael im Auto), weist dann doch darauf hin, dass es wohl so sein muss. Trotzdem war es fast ein First-See-Erlebnis – und das war toll!

Nun ist diese Version ja etwas „aufpoliert“ worden, und so fand ich die Aufnahmen von diesem futuristischen Los Angeles im Dauerregen atemberaubend, insbesondere im Zusammenspiel mit der Musik von Vangelis. Allein dafür hat sich schon die große Leinwand und die exzellente Soundanlage im Kino gelohnt.

Der Film entwickelt sich zunächst relativ langsam, es gibt Szenen, in denen nicht viel passiert außer Close-Ups im Wechsel mit Aufnahmen der Stadt oder Blicke auf das Innere von Räumen. Früher lag über vielen dieser Szenen ja ein Voice-Over von Deckard, das aber in späteren Versionen weggelassen wurde. Da ich nicht wirklich die Version mit Voice-Over zum Vergleich im Kopf hatte, kann ich jetzt nicht sagen, welche Version besser ist, aber ich bin grundsätzlich nicht unbedingt ein Freund von dieser Technik.

Dafür haben es die Szenen, in denen es zu den Kämpfen zwischen den Replikanten und Deckard bzw. Tyrell (nicht wirklich ein „Kampf“ in dem Sinne), wirklich in sich! Da werden Augen ein- oder rausgedrückt (ich gestehe, ich habe nicht die ganze Zeit hinsehen können), da werden Nägel durch die Hand getrieben – und Harrison Ford als Deckard bekommt einiges auf die Mütze. Soweit ich weiß, waren einige dieser Szenen in der Originalversion nicht vorhanden, ich fand sie sehr stark, definitiv gut, dass sie im Final Cut drin sind.

Der Film ist absolut perfekt besetzt. Harrison Ford wirkt in einigen Einstellungen am Anfang wie ein Bubi, obwohl er zu dem Zeitpunkt auch schon 40 Jahre alt war. Es hat mich überrascht, wie Deckard mit Rachael (die unglaublich junge und unschuldig wirkende Sean Young) umgegangen ist, als er sie nicht gehen lässt und sie gegen die Wand wirft und sich ihr – fast! – aufzwingt (der letzte Satz von ihr allerdings, „Put your hands on me“, wird ihr nicht von ihm in den Mund gelegt, von daher finde ich nicht, dass er sie vergewaltigt, wie es wohl eine Reihe von Leuten bewerten, z. B. auch Eric Haywood). Eine Seite, die man von Harrison Ford vielleicht selten gesehen hat.

Daryl Hannah in der Rolle als Replikantin Pris, die ihr wohl den Durchbruch verschafft hat – wow! In weiteren Nebenrollen u.a. Edward James Olmos, der kaum spricht, aber trotzdem großen Eindruck macht und William Sanderson als der 25-jährige J. F. Sebastian, der aber schneller altert (creepy, wie er sich mit diesen „lebenden Puppen“ umgibt). Und dann: Rutger Hauer! WAS für eine Ausstrahlung hat er als Roy Batty! Wie hypnotisiert kann man seine Augen nicht von ihm wenden, fürchtet ihn und fühlt sich sogleich von ihm magisch angezogen. Sein Tod ist dann keine Erleichterung, auch wenn er so ein starker Gegner von Deckard ist, sondern ein Verlust. Kein Wunder, dass spätestens mit diesem Film dieser holländische Schauspieler Hollywood eroberte und er seitdem auch in unzähligen Filmen als Bösewicht gecastet wurde (auch wenn er hier beileibe kein reiner Bösewicht ist!).

Ich bin sehr froh, dass ich diesen Film auf der großen Leinwand erleben durfte und so endlich einen Zugang zu diesem Kultfilm gefunden habe. Der Film hat zurecht Kultstatus und bekommt von mir 8 von 10 Punkten. Warum „nur“ 8? Nun, im Gegensatz zu meiner Freundin, die beim Tod von Roy Batty – erneut – ein paar Tränen vergossen hat, hat mich der Film nicht so stark berührt. Trotzdem ein großartiger Film!

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14 Antworten zu Blade Runner: Final Cut 2007 (Ridley Scott, USA/Hongkong/UK 1982)

  1. bullion schreibt:

    Da bin ich schon etwas neidisch, auch wenn ich den Film vor etlichen Jahren auch im Kino gesehen hatte (ganz kleines Kino und nur alter Director’s Cut). Auf jeden Fall freut es mich sehr, dass du einen neuen Zugang zu dem Film entdeckt hast. Obwohl ich ihn liebe (mindestens unter meinen Top 5), habe ich den Kinocut mit Voice-over bisher noch nicht gesehen. Der Final Cut ist aber auch zu perfekt und sieht so toll aus. Hach. Schön, dass du ihm so einen ausführlichen Artikel gewidmet hast! 🙂

    • singendelehrerin schreibt:

      Ich war ja eigentlich darüber, meinen Quartals-Rückblick zu schreiben (, in dem ich eine Menge an Kurzrezensionen nachholen muss, weil ich wieder mal nur die Filme besprochen habe, die mich nachhaltig beeindruckt haben :-/ ), da dachte ich, dass sich dieser Film aber auf jeden Fall eine Einzelkritik verdient hat! 🙂

  2. ginadieuarmstark schreibt:

    Ist das jetzt gruselig oder reiner Zufall, dass in meinem Aktuellen „Fragen ohne Antwort“-Artikel Harrison Ford aus „Blade Runner“ im Cover ist und du jetzt über den Film schreibst? 😀

  3. Nummer Neun schreibt:

    Oh – klasse Back to the Future Tipp!

  4. jacker schreibt:

    Schön 🙂 das ist für mich Robert der Filme, die immer besser werden! Je mehr man den Rahmen kennt, umso stärker fallen einem Kleinigkeiten und subtile Aspekte auf die ihn im Sinne philosophischer SciFi für mich zu erinnern der gehaltvollen Filme überhaupt machen. War sicher toll den in Kino zu sehen ❤

    • jacker schreibt:

      Was ich hier wieder schreibe.
      Robert = einer.
      Erinnern = einem.

    • singendelehrerin schreibt:

      *lol* Wie kommt man von „einer“ auf „Robert“? 😀 Selbst mit Auto-Vervollständigen kann ich das nicht nachvollziehen… 😉

      Aber ja, das ist sicher ein Film, der sich durch mehrmaliges Ansehen nicht groß abnutzt, sondern im Gegenteil sogar noch gewinnt. Ich glaube, ich werde auch irgendwann mal alle Versionen im Vergleich ansehen.

      • jacker schreibt:

        Genau die war es aber 😀 meine Daumen sind scheinbar zu dick (und meine Denke zu hektisch) für Smartphone Tastaturen. Deswegen tippe ich mir immer üblen Mumpitz zusammen und schicke ihn ab, ohne es zu merken.

        Ich empfehle BLADE RUNNER einfach einmal im Jahr zu gucken, dann wächst der ganz von alleine 🙂

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