The Zero Theorem (Terry Gilliam, UK/Rumänien/F 2013)

Terry Gilliam im Interview auf der DVD (frei wiedergegeben):

Wenn nach dem Film die Lichter im Kino angehen, wird jeder einzelne Zuschauer eine andere Vorstellung davon haben, was der Sinn des Films ist.

DAS glaube ich aufs Wort. Und insofern erreicht der Film The Zero Theorem dieses Ziel auch uneingeschränkt. Wer ein/e Freund/in von Filmen mit klaren Botschaften und interpretationsfreien Enden ist, wird mit diesem Film von Terry Gilliam wohl nicht glücklich werden. Aber vielleicht sollte man dann erst gar keinen Film von Terry Gilliam ansehen! 😉

Ich selbst stehe seinem bisherigen Gesamtwerk zwiespältig gegenüber: Da er mir als Teil von Monty Python nahe gebracht hat, dass die Briten durchgeknallt und abgefahren sind, hege ich auf jeden Fall schon mal große Sympathien für ihn. Meine Lieblingsfilme (non-Monty Python-related) von ihm als Regisseur sind eindeutig Brazil und The Fisher King, knapp gefolgt von The Twelve Monkeys, aber auch den Brothers Grimm und The Imaginarium of Doctor Parnassus konnte ich mehr abgewinnen, als dies viele Kritiker taten. Dafür – man steinige mich nicht dafür (jeder nur einen Stein!) – hasse ich Fear and Loathing in Las Vegas (da ich noch nie auch nur an einem Joint gezogen habe, geschweige denn stärkere Drogen konsumiert habe, kann ich absolut NICHTS mit diesem Film anfangen) und habe den von meinem jüngeren Bruder in höchsten Tönen gelobten Tideland nicht mal zu Ende geguckt (was allerdings auch damit zusammenhing, dass ich Jeff Bridges einfach nicht verstanden habe :-/ ).

So, und in welche Ecke passt jetzt The Zero Theorem? Nun, ich finde ihn schon deutlich besser als die Kritiker bei Metacritic (50 von 100) und Rotten Tomatoes (52 %) und auch etwas besser als die User auf IMDb (6,1 von 10), aber da dieser Film einer der Sorte ist, die ich mir sehr interessiert ansehe, die mich aber nur auf der intellektuellen Ebene ansprechen, komme ich auf 6,5-7 Punkte.
Warum kann ich mich nicht auf eine exakte Punktzahl festlegen?

Quelle: amazon.co.uk

Was mich anspricht:

Die Optik ist auf eine ganz andere Art futuristisch als in vielen anderen Filmen, Kostüme sind faszinierend anders, Computer werden wieder größer statt kleiner, trotzdem trägt auch jeder auf einer Party eine Art Tablet mit sich rum, die Ausstattung mischt sehr schön alt und neu. Toll, wenn die Exzentrik des mysteriösen Management (Matt Damon) von Mancom dann auch noch durch ein Zusammenspiel von Kostüm und Möbel dargestellt wird.

Die Charaktere sind zwar zum Teil – gewollt – etwas over the top (hier insbesondere der von David Thewlis herrlich dargestellte „Abteilungsleiter‟ Joby, aber auch einige Nebenfiguren), der von Christoph Waltz gespielte Protagonist Qohen („Q – no U – O – H – E -N‟) Leth jedoch ist zwar etwas eigen (er redet von sich immer im Plural), aber nicht überkandidelt (eine Wohltat nach dem letzten Film, den ich mit Waltz gesehen habe: Big Eyes), eher verzweifelt darüber, dass nie der Anruf kommt, der ihm sagt, was der Sinn des Lebens ist. Er bezeichnet sich als „allein, aber nicht einsam‟, geht monatelang nicht mehr nach draußen, nachdem ihm gewährt worden ist, dass er im Home Office das „Zero Theorem‟ löst („Zero must be 100%‟), indem er „entities‟ „crunchen‟ soll (was der Geier, was das genau heißen soll). Doch ist die Aufgabe überhaupt lösbar? Da er außerdem immer davon spricht, dass „sie‟ bald sterben werden („we are dying‟), bekommt er eine virtuelle Psychologin gestellt (Dr. Shrink-ROM), gespielt von, wie könnte es anders sein, Tilda Swinton. Besonders gut gefallen hat mir der 15-jährige Sohn des Management, Computergenie Bob, der wunderbar natürlich von Lucas Hedges dargestellt wird. Dann ist da noch Bainsley (Mélanie Thierry), eine Art Online-Prostituierte, die aber nur noch virtuell Männer ran lässt (fühlt sich aber real an). Obwohl sie vom Management auf Qohen „angesetzt‟ wird, entwickelt sich im Laufe der Zeit etwas mehr zwischen den beiden.

Und dann gibt’s da noch so Kleinigkeiten, die mich gefreut haben, wie ein paar weitere britische Schauspieler in Mini-Rollen (auch auf die sprechenden Werbetafeln achten!), eine wunderbare Wand aus Verbotsschildern auf dem Spielplatz und nebenbei auch noch ein paar Filmzitate.

Quelle: urspr. anscheinend von EW.com, gefunden auf de.engadget.com

 

What’s not to like then?

Schwierig in Worte zu fassen. Wie ich schon erwähnt habe, auf der intellektuellen Ebene spricht er mich sehr an. Wenn ich so lese, was ich bisher geschrieben habe, frage ich mich, warum der Film von mir nicht rundheraus 7-8 Punkte bekommt. Es liegt einfach am mangelnden emotionalen Zugang zur Geschichte und zu den Figuren. Ich litt nicht mit Qohen mit. Außerdem habe ich den Eindruck, dass sich mir „der tiefere Sinn‟ beim ersten Sehen einfach nicht erschlossen hat – wobei es mir da ja ganz wie dem Protagonisten geht, also letztlich ein gewollter Effekt? Sicher, es stecken einige Themen drin: die „Suche‟ nach dem Sinn des Lebens (wenn man das als Suche bezeichnen mag, dass man darauf wartet, dass man angerufen wird und es einem gesagt wird), Depression, Einsamkeit, innere Leere aber auch Freundschaft und Nähe. Gleichzeitig ist es auch ein „Big Brother is Watching You‟-Szenario: Management von Mancom wird zum einen schon fast als Gott betrachtet, Qohens Zuhause wird zum anderen komplett überwacht, und die interaktiven Werbetafeln reagieren darauf, wenn jemand vorbeiläuft. Also eine Dystopie, keinesfalls eine Komödie, was wohl viele Kritiker erwartet hatten. Vielleicht zu viel, um beim einmaligen Sehen alles verarbeiten zu können?

Trotzdem: ein Film, der es wert ist, gesehen zu werden, nicht zuletzt, weil hier Christoph Waltz erneut zeigen darf, dass er zu den Großen gezählt werden darf. Und nachdem ich jetzt nochmal durch die Kritik den Film Revue passieren ließ, „einige ich mich‟ auf 7 von 10 Punkten. 😉

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9 Antworten zu The Zero Theorem (Terry Gilliam, UK/Rumänien/F 2013)

  1. mwj schreibt:

    Ein sehr schräger, aber treffender und stimmiger Film, in welchem Christoph Waltz endlich mal aus seinem Rollenmuster als charmanter Fiesling ausbricht.
    http://www.kino.vieraugen.com/kino/the-zero-theorem/

    • singendelehrerin schreibt:

      Ah, ich dachte mir schon, dass der Film bei dir sicher noch einen Tick besser wegkommt (und zwar nicht nur wegen Tilda Swinton! 😉 )! Ich glaube ja auch, dass dieser Film evtl. auf der großen Leinwand noch einen stärkeren Eindruck auf mich gemacht hätte. Ich war gestern etwas abgelenkt, hab dazwischen mal auf die Pause gedrückt und so…

  2. bullion schreibt:

    Ist ja lustig, dass wir Gilliam-Filme anscheinend ähnlich wahrnehmen. Die Filme, die du magst, finde ich auch großartig. Kennst du noch „Time Bandits“? Der ist auch ganz groß. „Fear and Loathing in Las Vegas“ hat mir dagegen überhaupt nichts gegeben und an „Tideland“ habe ich mich aufgrund der Thematik nie herangetraut, obwohl der Film bei mir im Regal steht.

    Auf „The Zero Theorem“ bin ich folglich sehr gespannt, auch wenn es wohl keine einfache Sichtung werden wird… 😉

  3. Miss Booleana schreibt:

    Auf den bin ich auch sehr gespannt und deine review macht mir Mut, den anzuschauen. Der Grad an Verrücktheit kommt mir sehr cool vor. Aber nachdem ich einige schlechte Kritiken gelesen hatte, habe ich es mir schon fast abgeschminkt den noch zu schauen. Aber … jetzt habe ich deutlich mehr Lust drauf. 🙂 Danke

  4. jacker schreibt:

    Der Herr Gilliam ist schon so eine Sache für sich. Ich z.b. mag die BROTHERS GRIMM nicht sonderlich. Den hier fand ich knuffig – ein zeitgemäßes Update von BRAZIL irgendwie – aber vor allem in seiner Systemkritik sehr zeitgemäß (falls Interesse besteht, hier meine Gedanken dazu: http://jackers2cents.de/?p=586)
    Allerdings hab ich genau wie du auch ne Weile gebraucht um das alles einzuordnen!

    • singendelehrerin schreibt:

      Lese mir deine Gedanken gerne mal durch – danke für den Link. Aber jetzt muss ich doch mal langsam Richtung Bett… 😉

      Ich glaube ja inzwischen, dass der Film mehr als einmal gesehen werden will…

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